Aus grauer Städte Mauern ist ein Wanderlied, das im Rahmen der Jugendbewegung entstanden ist. Angesichts der aufkommenden Verstädterung und der sich ausbreitenden Hinwendung zum Naturerleben ist es schnell ein beliebtes Lied geworden, das noch heute im deutschsprachigen Raum bekannt ist.
Herkunft Die ersten drei Strophen stammen von Hans Riedel (1889–1971), die vierte Strophe dichtete Hermann Löns (1866–1914) bereits 1914. 1920 schrieb Robert Götz (1892–1978) die Melodie dazu, „wobei das Lied aber offenbar erst 1932 in einem von Robert Götz selbst zusammengestellten und im Verlag Günther Wolff erschienenen Liederbuch gleichen Namens erstmalig gedruckt wurde“.Martin Rüther, Jan Ü. Krauthäuser, Rainer G. Ott: Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933–1945. Ausstellungsdokumentation des NS-Dokumentationszentrums Köln, Köln 2004 (museenkoeln.de). Wenn aber Aus grauer Städte Mauern „ein ‚Klassiker‘ in jugend- und wanderbewegten Gruppen war“Robert Götz in der Informationssammlung Scout-o-Wiki bzw. „zeitweise eine Art Hymne der Jugendbewegung wurde“, ist es unwahrscheinlich, dass sich das Lied nur durch das Singen auf Fahrten, auf Wanderungen oder am Lagerfeuer verbreitet hat. Einen Hinweis darauf, dass das Lied bereits bald nach der Vertonung gedruckt wurde, gibt das Bayerische Liederbuch für die männlichen höheren Lehranstalten (1931; S. 298 bzw. Anhang S. 18 f., Lied Nr. 19),Archiv Hubertus Schendel, Deutsches Lied – Eine Heimat für das deutsche Lied und Volkslied auf deutscheslied.com das sicherlich nicht rein mündlich überlieferte Lieder aufgenommen hat. Es bliebe also noch endgültig zu klären, in welchem Jahr Aus grauer Städte Mauern erstmals als Partitur erschienen ist oder in ein Liederbuch aufgenommen wurde. Wahrscheinlich hat es handschriftlich seine Verbreitung gefunden; darauf deutet ein Robert Oelbermann gewidmetes Liederheft von 1927.S. 31 f., als Faksimile zur Verfügung gestellt von Hubertus Schendel
Liedtext Wie das Lied Wann wir schreiten Seit’ an Seit’Liederbuch für unsere schaffende Jugend. Hrsg.: Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Essen 1948, S. 18. (von Hermann Claudius, 1914) vor allem in der zweiten Strophe („Einer Woche Hammerschlag, einer Woche Häuserquadern zittern noch in unseren Adern“) den negativen Begleiterscheinungen der Verstädterung und Industrialisierung „Birkengrün und Saatengrün“ (1. Zeile der 3. Strophe) gegenüberstellt, nimmt auch Aus grauer Städte Mauern das Motiv der freien Landschaft, der lebensfreundlichen Natur auf, die es zu erfahren gilt: „… ziehn wir durch Wald und Feld“. Heißt es in der letzten Strophe von Hermann Claudius „… und die Wälder widerklingen“, so klingt es im Text von Hans Riedel hell „durch Berg und Halde“. Der Abwendung von der Stadt und Hinwendung zur Natur „entsprach zunächst eine allgemeine bipolare Stadt-Land-Opposition. Wandern war eine Bewegung von-weg, aus-hinaus, wobei die Großstadt als verfluchter Ort zurückgelassen wurde.“Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2003, ISBN 3-8300-0886-4, S. 264 (Kapitel „Jugendleben als Wander-‚Bewegung‘“ – Volltext).
Der Refrain „Wir fahren in die Welt“ ist einerseits sinnbildlich zu verstehen; es geht um die – mindestens zeitweilige – Befreiung von Arbeitsnormen und bürgerlichen Konventionen, die in Wald und Feld eher zu verwirklichen ist als in der (Groß)stadt. Zwar singen die Jugendbewegten „Wir sind jung, die Welt ist offen“ und „… heute soll’s ins Weite gehn“ und setzen einzelne Gruppen des Wandervogels und der „Bündischen“ z. B. mit ihren Nordlandfahrten das durchaus um, so bleibt ihr Fokus doch die heimische Natur: „Unser Sehnen, unser Hoffen zieht hinaus in Wald und Feld“ (Text ebenfalls aus 1914).Liedtitel, 1. und 2. Zeile der ersten und 5. Zeile der dritten Strophe des Textes von Jürgen Brand (Pseudonym von Emil Sonnemann) Daher gilt „Ein Heil dem deutschen Walde“ (Aus grauer Städte Mauern, 3. Strophe, 1. Zeile), dem schon der Romantiker Eichendorff (1810) „Schirm dich Gott, du deutscher Wald“ wünschte.Letzte Zeile der 3. Strophe des 1841 von Felix Mendelssohn Bartholdy vertonten Gedichts Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?Im Text Wir wollen zu Land ausfahren über die Fluren weit des Wandervogels Hjalmar Kutzleb (ebenfalls 1914 entstanden) wird die Bedeutung des Waldes romantisch besungen: „Es blühet im Walde tief drinnen die blaue Blume fein; die Blume zu gewinnen, ziehn wir in die Welt hinein“.
Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Lindner meint: „Das wohl bekannteste bündische (!) Stadtflucht-Lied ‚Aus grauer Städte Mauern‘, in dem ‚in die Welt gefahren‘ wird, die im wesentlichen aus ‚Wald‘ und ‚Feld‘ besteht, fasst ziemlich spät (Anfang der 30er-Jahre) die lebensideologische Pseudoreligiosität bzw. Mythisierung des Wald-Erlebnisses zusammen.“Wolfgang Lindner: Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2003, ISBN 3-8300-0886-4, S. 271 (Kapitel „Jugendleben als Wander-‚Bewegung‘“ – Volltext).
Rezeption 1920 bis 1933 Auffällig ist, dass, obwohl das Lied „in den 1920er und -30er Jahren zum Kanon der musikalischen Jugendkultur“ gehörte, erst 1932 in dem vom Komponisten selbst herausgegebenen Liederbuch Aus grauer Städte Mauern zieh’n wir durch Wald und Feld. Neue Lieder einer deutschen Jungenschaft im Druck erschienen sein soll (s. Abschnitt Herkunft).Das Online-Archiv „Deutsches Lied – Eine Heimat für das deutsche Lied und Volkslied“ verweist als Erstdruck auf das 1931 veröffentlichte „Bayrische Liederbuch für die männlichen höheren Lehranstalten“. Danach tauchte es gleich in zwei weiteren Liederbüchern auf: in Das Singeschiff – Lieder der katholischen Jugend (2. Auflage 1932) und im Jung-Volker. Lieder der neudeutschen Jugend (1932, Auflage unbekannt).
1933 bis 1945 Das von den Nationalsozialisten als unpolitisch angesehene Lied machte im Dritten Reich bald Karriere. Bereits 1933 nahm Baldur von Schirach das Lied in Blut und Ehre. Lieder der Hitlerjugend auf; 1934 folgte Uns geht die Sonne nicht unter. Auch andere NS-Organisationen machten sich das Lied zu eigen, so die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude in Die Fahne hoch (1934) und die Deutsche Arbeitsfront in Wir wandern und singen (1934). Auch in den Schulen war Aus grauer Städte Mauern populär. Von den zahlreichen Liederbüchern seien hier exemplarisch genannt: Deutsches Liederbuch, 1. Teil. Für die Grundschule (1934), Frisch gesungen im neuen Deutschland – Vaterlands- und Marschlieder für die deutsche Schuljugend (1936), Singkamerad – Schulbuch für die deutsche Jugend (1937 bereits in der 8. Auflage, Hrsg. NS-Lehrerbund) und Die Garbe – Aus der Ernte deutscher Volkslieder. Liederbuch für höhere Jungenschulen. Klasse 1–8 (1941).
Bis etwa 1935 fand sich das Lied auch noch in anderen Liederbüchern, z. B. in Das Singeschiff. Lieder der katholischen Jugend (1934, 3. Auflage) und in St. Georg – Lieder deutscher Jugend, der wichtigsten Liedersammlung der bündischen Jugend. Nach dem Verbot der katholischen Jungmännervereine im Januar 1938, der Durchsuchung und Schließung des bündisch orientierten Verlags Günther Wolff im April 1938 und dem endgültigen Verbot „der Fortführung und Neubildung von Vereinigungen der bündischen Gruppen“ durch den Reichsführer SS Heinrich Himmler 1939 (Erlass vom 20. Juni 1939) war es mit der Duldung nichtnationalsozialistischer Liederbücher vorbei. Ein Grund, weshalb Fritz Jöde ein Liederbuch in Zürich verlegen ließ: Der Schweizer Musikant. Lieder für die Schule, für die Familie und für Gemeinschaftskreise (4. Auflage 1937).
Die Rezeption des Liedes in Deutschland war jedoch ungebrochen. Da sich nach der 4/4-taktigen Melodie gut marschieren ließ, fand das Lied auch Eingang in die Liederbücher der Wehrmacht, so z. B. in das Soldatenliederbuch (Hrsg. NSDAP 1940) und in Soldaten singen. Marsch- und Soldatenlieder (1942).
Ab 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die Beliebtheit von Aus grauer Städte Mauern an. Gleich 1946 wurde es in das Liederbuch der (katholischen) Jugend aufgenommen. Bis 1960 folgten weitere Liederbücher, z. B. der Gewerkschaftsjugend, des Albvereins, des Deutschen Turner-Bunds, der Naturfreundejugend, der Deutschen Waldjugend, der Deutschen Jugend des Ostens und von verschiedenen Pfadfindergruppierungen. Auch rechtsextreme Kreise gaben eigene Liederbücher mit dem Lied heraus, z. B. Das rechte Lied zur rechten Zeit und Wir singen – Wij zingen. Liederbuch für die deutsche und flämische Jugend (herausgegeben von der 1994 verbotenen Wiking-Jugend). Auch in Liederbüchern für die Schulen tauchte das Lied auf, so z. B. in Musik in der Grundschule (Band 3, 1947), in Unser Liederbuch für Hessen (im 5. bis 8. Schuljahr, 1955), ebenso wie im Liederbuch für die höheren Schulen (Baden-Württemberg, o. J.). Gesungen wurde es auch in Österreich und Südtirol (Kärntner Singbuch (Liedersammlung für die Jugend Kärntens, 1961), Steierisches Liederbuch (1965), Kommt zum Singen (Südtiroler Liederbuch, 2004)) und von den österreichischen Soldaten (Österreichisches Soldatenliederbuch, 1967) sowie allgemein Komm sing mit uns (Österreichisches Liederbuch, 1980) und Volkslieder aus Österreich. Unsere schönsten Lieder (2004). In der Schweiz (Zürich) wurde eines der schönsten Kinderliederbücher, von Tomi Ungerer illustriert, mit 204 deutschen Volksliedern und Kinderliedern ediert: Das große Kinderliederbuch, das in allen deutschsprachigen Ländern auf großes Echo stieß und 1987 in hoher Auflage von der Deutschen Buchgemeinschaft (Bertelsmann) herausgebracht wurde.
Bundesdeutsche Soldaten marschierten nach dem Lied im 4/4 Takt. In unregelmäßigen Abständen gab die Bundeswehr Liederbücher mit Aus grauer Städte Mauern heraus, z. B. 1958 Liederbuch der Bundeswehr, 1968 und 1976 Hell klingen unsere Lieder, 1988 (Neuauflage) Liederbuch der Bundeswehr und 1991 Kameraden singt!
Die größte Verbreitung erfuhr das Lied durch die Aufnahme in die erstmals 1953 erschienene Mundorgel, die bis 2012 eine verkaufte Textauflage von rd. 10 Millionen und eine Notenausgabe von 4 Millionen hatte. Damit konnten selbst die relativ hohen Auflagen (ab 1978) des Fischer-Taschenbuchs Volkslieder aus 500 Jahren und Das große Liederbuch (ab 2000) des Clubs Bertelsmann nicht mithalten. Aus der Zeit nach 2000, in der die Anzahl der aufgelegten Liederbücher nachließ, seien noch folgende genannt: Jurtenburg (Liederbuch des Verbands Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, 2007) und das Wandervogel-Liederbuch (2007). Die Mehrheit der aufgeführten Liederbücher wurde dem Archiv Hubertus Schendel entnommen. Ein geringer Teil stammt aus dem Katalog des Deutschen Musikarchivs.
Wie populär ein Lied ist, kann sich (außer in Parodien oder Umdichtungen) auch darin zeigen, dass häufig die erste Zeile (sog. Incipit) als Aufmacher bzw. Titel einer Veröffentlichung dient.Der Fachausdruck lautet: Verselbständigung des Incipits. In welchem Maße das bisher geschehen ist, zeigt die folgende Auswahl: 1979 nannte Alfred Hilsberg die erste Folge seiner dreiteiligen, in der Zeitschrift Sounds erschienenen Artikelserie Neue Deutsche Welle – Aus grauer Städte Mauern.Neue Deutsche Welle auf indiepedia.deNeue Deutsche Welle Aus grauer Städte Mauern auf highdive.de 1995 brachte der Verlag für Regionalgeschichte das Buch Aus grauer Städte Mauern von Frigga Tiletschke und Christel Liebold heraus, die Kuratorinnen der Ausstellung Bürgerliche Jugendbewegung in Bielefeld 1900–1933 des Historischen Museums Bielefeld (19. November 1995 – 18. Februar 1996)Ausstellungsarchiv des Historischen Museums Bielefeld sind. 1996 wurde vom Weinbacher Wandervogel ein gleichnamiges Liederbuch verlegt. Unter dem Titel Aus grauer Städte Mauern gilt für das historische Kornelimünster nicht veröffentlichte der Aachener Geschichtsverein einen Online-Beitrag über das Kornelimünster (ohne Datum).Online-Beitraege / kornelimuenster-aus-grauer-staedte-mauern