mini| rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image mini|Leskows Grab in Sankt Petersburg Nikolai Semjonowitsch Leskow (, wiss. Transliteration ; auch Lieskow, Ljesskow oder Lesskow, Betonung: Leskóv; * in Gorochowo, Gouvernement Orjol; † in Sankt Petersburg) war ein russischer Schriftsteller.die zahllosen andere Schreibungen seines Namens, auch auf Buchcovern, siehe bei Deutsche Nationalbibliothek unter Weblinks
Leben Leskow (mit Betonung auf der zweiten Silbe) wurde als Sohn eines Beamten, der erst kurz zuvor geadelt worden war, geboren. Seine Ausbildung erfolgte anfangs durch Privatlehrer, später besuchte er das Gymnasium von Orjol, das er ohne Abschluss verließ. Nach dem finanziellen Ruin der Familie begann er 1847 als Kanzleibeamter beim Kriminalgericht von Orjol zu arbeiten. 1850 ging er nach Kiew, wo er als Sekretär für die Rekrutierungsbehörde der Armee arbeitete. In Kiew förderte ein angeheirateter schottischer Onkel, der Professor für Medizin war, Leskows weitere Ausbildung.
1853 heiratete Leskow Olga Smirnowa. Aus der Ehe gingen zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter, hervor. Ab 1857 arbeitete er für ein englisches Handelsunternehmen, in dessen Auftrag er viel reisen musste, wobei er weite Teile Russlands kennenlernte. 1860 kündigte er seine Stellung, verließ seine Frau und ließ sich in Petersburg als Journalist nieder. In dieser Zeit begann er auch zu schreiben und erste Erzählungen erschienen in Zeitschriften. Zwischen 1862 und 1863 bereiste er Osteuropa und Frankreich. Ab 1865 lebte er mit Katerina Bubnowa zusammen; der gemeinsame Sohn, Andrei Leskow, schrieb später die erste Biografie des Autors.
1874 nahm Leskow eine Anstellung im Kultusministerium an. 1883 wurde er dort entlassen, nachdem er sich kritisch über Kirche und Staat geäußert hatte. Auch mit seinen literarischen Arbeiten kam er in den Folgejahren immer häufiger in Konflikt mit der staatlichen Zensur. Leskow starb 1895 an den Folgen einer Krebserkrankung und wurde auf dem Petersburger Wolkowo-Friedhof beigesetzt.
Leistungen Mit seinen Romanen Ohne Ausweg und Bis aufs Messer geriet Leskow früh in Gegensatz zu den tonangebenden, liberalen literarischen Kreisen. Durch seine Erzählungen und Novellen erlangte er schließlich Anerkennung und galt zu Lebzeiten, neben Dostojewski und Tolstoi, als der bedeutendste russische Prosaautor. Leskow war ein kenntnisreicher und durchaus kritischer Beobachter Russlands. Er trat für Reformen ein, lehnte jedoch jede Art von umstürzlerischer Bewegung ab. Die Problematik der meisten Werke Leskows ergibt sich aus der Aufdeckung des Widerspruchs zwischen einem unverfälschten natürlichen Wesen des Menschen und einem verzerrten, wie es im alltäglichen gesellschaftlichen Handeln hervortritt. Der Dichter stellte demnach nicht die Befreiung des Menschen durch eine Befreiung der Gesellschaft dar, sondern durch eine Abwendung von ihr, weshalb er in einen unversöhnlichen Gegensatz zur revolutionären russischen Bewegung geriet. Viele seiner Figuren handeln aus einem russisch-patriotischen oder christlichen Selbstverständnis heraus moralisch (und verwickeln sich folglich in zahlreiche Widersprüche). Das besondere Interesse Leskows galt der im Russischen Kaiserreich verbotenen, jedoch weit verbreiteten Sekte der Altgläubigen, die in mehreren Erzählungen eine bedeutende Rolle spielt.
Seine Erzählungen und Romane sind einerseits realistisch und oft volkstümlich, haben anderseits auch einen starken symbolistischen Einschlag, was sich gerade dadurch zeigt, dass Leskow traditionelle religiöse Erzählformen wie die Legende aufgriff und auch sonst gerne mystische oder märchenhafte Elemente in seine Stoffe verwob. Leskows Werk, das schwer zu übersetzen ist (besonders gelungen sind die Übersetzungen von Johannes von Guenther), zeichnet sich durch Umgangssprache und Dialektfärbung aus, wodurch es ihm gelang, zum einen die russische Literatursprache zu erweitern und gleichzeitig neue Aspekte des Alltagslebens gerade der einfachen Menschen einzufangen. Eine besondere Qualität erblickt die Literaturwissenschaft in seinem Stil der mündlichen Erzählung in bäuerlicher Sprache (im russischen Skaz genannt) mit ihren Verdrehungen „gelehrter“ Wörter.
„Ljeskow ist immer zuträglich.“ (Thomas Mann, Tagebücher 1935–1936, 9.7.1935)
Werke Romane Ohne Ausweg (russ. Некуда), 1865 Die Übergangenen (russ. Обойдённые), 1865 Die Inselbewohner (russ. Островитяне), 1866 Alte Zeiten in Plodomassowo (russ. Старые годы в селе Плодомасове), 1869 Bis aufs Messer (russ. На ножах), 1870 Die Klerisei, auch Die Domherren, Die Priester von Stargorod, (russ. Соборяне), 1872 Kinderjahre (russ. Детские годы), auch Irrlichter (russ. Блудящие огни), 1874 Ein heruntergekommenes Geschlecht, auch Das absterbende Geschlecht (russ. Захудалый род), 1874 Die Teufelspuppen (russ. Чёртовы куклы), 1890
Erzählungen Der Gehässige (russ. Язвительный), 1863 Liebe in Bastschuhen (russ. Житие одной бабы), 1863 Schafochs (russ. Овцебык), 1863 Die Lady Macbeth von Mzensk, 1865 (Vorlage für die gleichnamige Oper von Schostakowitsch) Die Kampfnatur (russ. Воительница), 1866 Kotin der Ernährer und Platonida (russ. Котин доилец и Платонида), 1867 Scherz und Ernst (russ. Смех и горе), 1871 Ein rätselhafter Mann (russ. Загадочный человек), 1872 Der versiegelte Engel (russ. Запечатленный ангел), 1873 Der verzauberte Pilger (russ. Очарованный странник), 1873 Pawlin (russ. Павлин), 1874 Am Ende der Welt (russ. На краю света), 1875 Der eiserne Wille (russ. Железная воля), 1876 Der Pygmäe (russ. Пигмей), 1876 Der ungetaufte Pope – Eine unwahrscheinliche Begebenheit (russ. Некрещеный поп), 1877 Der Schamlose (russ. Бесстыдник), 1877 Das Urteil seiner Eminenz (russ. Владычный суд), 1877 Eine Teufelsaustreibung (russ. Чертогон), 1879 Kleinigkeiten aus den Bischofsleben (russ. Мелочи архиерейской жизни), 1879 Das Kadettenkloster (russ. Кадетский монастырь), 1880 Der unsterbliche Golowan (russ. Несмертельный Голован), 1880 Der weiße Adler (russ. Белый орёл), 1880 Leon, der Haushofmeisterssohn (russ. Леон дворецкий сын), 1881 Der Linkshänder – Die Geschichte vom Tulaer schielenden Linkshänder und vom stählernen Floh (russ. Левша), 1881 Die Erscheinung im Ingenieurpalais (russ. Привидение в Инженерном замке), 1882 Der Toupetkünstler (russ. Тупейный художник), 1883 Sonderlinge aus dem Höhlenklosterviertel (russ. Печерские антики), 1883 Das Tier (russ. Зверь), 1883 Der Betrug (russ. Обман), 1883 Die Stimme der Natur (russ. Голос природы), 1883 Der Alexandrit (russ. Александрит), 1884 Das auserlesene Korn (russ. Отборное зерно), 1884 Notizen eines Unbekannten (russ. Заметки неизвестного), 1884 Platzhalter (russ. Совместители. Буколическая повесть на исторической канве), 1884 Psychopathen von dazumal, auch Die Epopöe von Wischnewskij und den Seinen (russ. Старинные психопаты, auch Эпопея о Вишневском и его сродниках), 1885 Interessante Männer (russ. Интересные мужчины), 1885 Das Schreckgespenst (russ. Пугало), 1885 Die Geschichte vom Christen Theodor und von seinem Freund, dem Juden Abraham (russ. Сказание о Федоре-христианине и о друге его Абраме-жидовине), 1886 Der Mensch im Schilderhaus, auch Der Wachposten, Die Schildwache, (russ. Человек на часах), 1887 Der Raubüberfall (russ. Грабёж), 1887 Der Gaukler Pamphalon (russ. Скоморох Памфалон), 1887 Die schöne Asa (russ. Прекрасная Аза), 1888 Der Löwe des Einsiedlers Gerassim (russ. Лев старца Герасима), 1888 Die Legende vom gewissenhaften Daniel (russ. Легенды о совестном Даниле), 1888 Figura (russ. Фигура), 1889 Der Bösewicht von Askalon (russ. Аскалонский злодей), 1889 Der Berg (russ. Гора), 1890 Die Zeit nach Gottes Willen (russ. Час воли божией), 1890 Anläßlich der Kreutzersonate (russ. По поводу Крейцеровой сонаты), 1890 Mitternachtsgespräche (russ. Полунощники), 1891 Das Tal der Tränen (russ. Юдоль), 1892 Improvisatoren (russ. Импровизаторы), 1892 Der Pferch (russ. Загон), 1893 Die Tagediebe (russ. Вдохновенные бродяги), 1894 Der Heckrubel (russ. Неразменный рубль), 1894 Der Tolpatsch (russ. Заячий ремиз), 1894 Die Dame und das Weib (russ. Дама и фефела), 1894 Ein Wintertag (russ. Зимний день), 1894weitere Erz.: Unruhe des Geistes / Der Dummkopf / Die Tochter des Trostes / Ein Genie
Theaterstücke Der Verschwender. Drama in fünf Akten (russ. Расточитель), 1867
Schriften Anläßlich der Kreutzersonate (russ. По поводу Крейцеровой сонаты), 1890
Literatur Walter Benjamin: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. II. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S. 438–465.Lesbar u. a. als PDF auf einer Seite der Zürcher Hochschule der Künste Martina Fuchs: ‚Ledi Makbet Mcenskogo uezda‘: vergleichende Analyse der Erzählung N. S. Leskovs und der gleichnamigen Oper D. D. Šostakovičs. Groos, Heidelberg 1992, ISBN 3-87276-661-9 (= Sammlung Groos; 45; Mannheimer Beiträge zur slavischen Philologie; 4). Wolfgang Girke: Studien zur Sprache N. S. Leskovs. Sagner, München 1969 (= Slavistische Beiträge; 39). Johannes Harder: Kampf um den Menschen. Eine Deutung Nikolai Leskovs. Jugenddienst, Wuppertal 1959 (= Das Gespräch; 22).
Robert Hodel: Betrachtungen zum skaz bei N. S. Leskov und Dragoslav Mihailović. Peter Lang, Bern 1994, ISBN 3-906751-77-5 (= Slavica Helvetica; 44). Sang-Hun Lee: Die Legendendichtung N. S. Leskovs als Verfahren der Dekanonisierung. Biblion, München 2004, ISBN 3-932331-44-3. Inès Muller de Morogues: ‚Le problème féminin‘ et les portraits de femmes dans l’oeuvre de Nikolaj Leskov. Peter Lang, Bern 1991, ISBN 3-261-04378-4 (= Slavica Helvetica; 38). Marie Luise Rößler: Nikolai Leskov und seine Darstellung des religiösen Menschen. Böhlau, Weimar 1939. Gabriella Safran: Rewriting the Jew. Assimilation narratives in the Russian empire. Stanford University Press, Stanford 2000, ISBN 0-8047-3830-0. Vsevolod Setchkarev: N. S. Leskov. Sein Leben und sein Werk. Harrassowitz, Wiesbaden 1959. Irmhild Christina Sperrle: The organic worldview of Nikolai Leskov. Northwestern University Press, Evanston (Illinois) 2002, ISBN 0-8101-1754-1. Joachim Willems: Mission, Toleranz und interreligiöses Lernen. Nikolaj Leskov als orthodoxer Missionstheologe. In: Interkulturelle Theologie – Zeitschrift für Missionswissenschaft, 4, 2011, S. 315–331. Bodo Zelinsky: Roman und Romanchronik. Strukturuntersuchungen zur Erzählkunst Nikolaj Leskovs. Böhlau, Köln 1970, ISBN 3-412-10970-3 (= Slavistische Forschungen; 10).
Weblinks
Leskow im Internet Archive Walter Benjamin über Nikolai Semjonowitsch Leskow Hanns-Martin Wietek: Nikolai Semjonowitsch Leskow, Journalist und Schriftsteller, Teil 1 und Teil 2 Bibliographie zu Nikolai Leskov bei Lib.ru/Klassiker (russisch) Bibliographie zu Nikolai Leskov bei leskov.org.ru (russisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Russisch) Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1831 Kategorie:Gestorben 1895 Kategorie:Mann