Konstruierte Sprachen, auch Kunstsprachen oder künstliche Sprachen, sind Sprachen, die von einer Person oder einer Gruppe aus verschiedenen Gründen und zu verschiedenen Zwecken neu entwickelt wurden. Sie stehen im Gegensatz zu den natürlichen Sprachen. Künstliche Sprachen verfügen wie natürliche über einen Symbolwortschatz, über eine Grammatik, über Regeln und über die Möglichkeit zur Interpretation. Des Weiteren kann es nach der Veröffentlichung der Sprache vorkommen, dass die Sprache von einer größeren Gruppe von Menschen regelmäßig benutzt und dabei erweitert und verändert wird – wie etwa bei Esperanto, das seit etwa 1888 in Gebrauch ist.
Im Prinzip kann man bei den konstruierten Sprachen unterscheiden zwischen Sprachen, die der Erleichterung der Kommunikation (etwa Esperanto), und solchen, die der Berechnung (etwa Programmiersprachen) dienen.
Die allgemeine Kennung für konstruierte Sprachen nach der internationalen Sprachenstandardisierung ISO 639-2 ist der Code art, wobei weit verbreitete Sprachen einen eigenen Code erhalten haben.
Arten Die Einteilung der konstruierten Sprachen ist schwierig und nie ganz eindeutig. Im Laufe der Jahrhunderte gab es unzählige Ansätze, Sprachen zu entwickeln. Eine klassische Unterscheidung stammt von Couturat und Leau: A-priori-Sprachen werden von Grund auf neu erfunden. Sie folgen beispielsweise einem philosophischen System, das die Welt kulturell neutral beschreiben oder klassifizieren soll. Aus den bestehenden Sprachen bzw. Schriften übernimmt man Symbole zur grafischen Repräsentation A-posteriori-Sprachen folgen bereits bestehenden Sprachen. Darauf aufbauend kann man A-posteriori-Sprachen nach der Art ihrer Quellsprachen beschreiben. Eine differenziertere Unterscheidung kann durch Angabe des Sprachtyps aus der Sprachwissenschaft getroffen werden, wobei ein bestimmter Typ nur bei konstruierten Sprachen beschrieben ist. Dieser oligosynthetische Sprachtyp kennzeichnet sich durch ein extrem reduziertes Vokabular (von maximal einigen hundert Lexemen), wodurch komplexere Zusammenhänge nur über Komposition hergestellt werden können. Das in den 1960ern von John W. Weilgart vorgestellte aUI' oder Toki Pona (2001 von Sonja Elen Kisa) sind erwähnenswerte Beispiele dafür. Die weitaus praktischste Methode, konstruierte Sprachen einzuteilen, ist es, nach deren Bestimmungszweck zu urteilen. Diese kurze Auflistung von groben Kategorien ist eine Einteilung, die auf bekannten Prototypen in der Geschichte der konstruierten Sprachen basiert.
In seiner Übersichtsarbeit unterscheidet Grant Goodall (2023) vier Typen von konstruierten Sprachen und weist ihnen ein Zeitalter zu: die ersten konstruierten Sprachen waren philosophisch motiviert und entstanden im 17. Jahrhundert. Man beabsichtigte, mit Hilfe von Plansprachen die Realität genauer erfassen und erörtern zu können. Ein Beispiel dafür ist der Versuch von John Wilkins, sämtliche Wörter als hierarchische Struktur semantisch zu erfassen. Sinnverwandte Wörter hatten in seinem Entwurf lediglich unterschiedliche Endungen. So wäre zita ein Hund, und zitas ist ein Wolf (d. h. ein wilder Hund). ab 1850 entstanden Kunstsprachen, die der internationalen Kommunikation dienen sollten. Esperanto dient hier als wichtigster Vertreter. ab 1900 wurden Sprachen konstruiert, die dem Erzählen von Geschichten dienten (besonders die Sprachvielfalt, die J. R. R. Tolkien erschuf), oder als Freizeitbeschäftigung. erst wenige Jahrzehnte alt ist das Bestreben, mit konstruierten Sprachen zu erforschen, wie Menschen Sprache wahrnehmen und verarbeiten (Psycholinguistik).
Plansprachen
Als Plansprachen bezeichnet man jene konstruierten Sprachen, die für zwischenmenschliche Kommunikation geschaffen wurden. Am häufigsten wurde das Ziel, internationale Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen zu erleichtern, verfolgt. In diesem Fall spricht man auch von sogenannten Welthilfssprachen. Der Aufschwung dieser Plansprachen begann 1850, als durch Eisenbahnen, Linienschiffe und Telegraphen die Welt verbunden wurde und Fernreisen für Teile der Mittelschicht erschwinglich wurden. Ein wahrer Boom bestand zwischen 1886 und 1916, als mehr als 150 Plansprachen in Veröffentlichungen vorgestellt wurden.
Von diesen sind Esperanto (1887 von Ludwik Lejzer Zamenhof veröffentlicht), dessen Ableger (sogenannte Esperantiden) Ido (1907 von Louis de Beaufront) und Interlingua (1951 von der International Auxiliary Language Association) als Beispiele herauszugreifen. Bekannte Vorgänger des Esperanto waren das musikalische Solresol, das ab 1817 vom französischen Musiklehrer François Sudre entwickelt wurde, und das 1880 vorgestellte Volapük des Priesters Johann Martin Schleyer. Keine der Welthilfssprachen konnte bislang eine so weite Verbreitung finden, dass sie allgemein als Verkehrssprache (Lingua Franca) in Verwendung wäre: Es gibt weltweit rund 100.000 Personen, die in Esperanto ein relativ hohes Konversationsniveau haben (Lindstedt, 2006); schon 2006 gab es rund 1000 Menschen, die mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen waren (ebenso Lindstedt, 2006). Für die Erforschung als Muttersprache wird allerdings der Umstand betont, dass es unter diesen tausend Menschen kaum jemanden gibt, der nur mit Esperanto aufgewachsen ist. In der Praxis erwerben diese Menschen noch im Kindesalter eine zweite Sprache, sei es durch Schulbesuch oder Freizeitaktivitäten.
Einen Grenzfall zu konstruierten Sprachen bilden kontrollierte Sprachen. Diese zeichnen sich durch streng definierte Regeln aus, wie Vokabular, Satzstellung und Textualität, und müssen so gestaltet sein, dass sie für Anfänger der Sprache leichter verständlich werden oder den Text, der in der Sprache geschrieben ist, übersetzungsgerecht halten. Extremfälle der kontrollierten Sprachen sind jene natürlichen Sprachen, die sich auf einen festgelegten Grundwortschatz beschränken, um diese Sprache als Welthilfssprache zu etablieren. Mit Basic English versuchte Charles Kay Ogden 1930, einen solchen Ansatz welttauglich zu machen. Ein deutsches Pendant dazu war beispielsweise das 1917 entwickelte Kolonialdeutsch, genannt Weltdeutsch, des Naturwissenschaftlers Wilhelm Ostwald. Diese Projekte standen jedoch teilweise unter der Kritik, eine kolonialistische Politik zu unterstützen und in diesem Sinne Sprachimperialismus fördern zu wollen.
Logische Sprachen
Im weiteren Sinn lassen sich auch logische Sprachen zu den Plansprachen zählen. Diese Sprachen sollen eine Kommunikation zwischen Menschen ermöglichen, die möglichst unmissverständlich ist und auf logischen Prinzipien aufbaut. Der bekannteste moderne Vertreter dieser Sprachen ist Lojban, das durch Abspaltung einer Gruppe um Bob LeChevalier in den 1980er-Jahren vom Loglan-Projekt entstanden ist. Im Jahre 1997 wurde die vollständige Grammatik veröffentlicht, sie wird bis heute gepflegt. Loglan wurde ursprünglich in den 1950er-Jahren vom Linguisten James Cooke Brown erfunden, um die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese zu testen.
Philosophische Sprachen Eine weitere Kategorie bilden die philosophischen Sprachen. Diese meist apriorischen Sprachen erheben den Anspruch, im weitesten Sinne transzendente Wahrheiten ausdrücken zu können, die mit herkömmlichen Sprachen nicht auszudrücken sind. Im siebzehnten Jahrhundert waren John Wilkins (1668 in Essay towards a Real Character and a Philosophical LanguageFaksimile-Reprint der ersten Aufl. bei Gellibrand, London 1668: (= English linguistics, 1500–1800. A collection of facsimile reprints. Nr. 119). Scolar Press, Menston, (Yorks.) 1968, .) und Gottfried Wilhelm Leibniz (Characteristica universalis) prominente Vertreter der Auffassung, man könne und solle eine perfekte Sprache entwickeln, die auf den Erkenntnissen der Wissenschaften beruht, und somit automatisch weitere Wahrheiten produzieren können sollte. Modernere philosophische Sprachen sind das Toki Pona, das mit seinem minimalistischen Aufbau taoistische Werte zu verfolgen sucht, oder Láadan, das 1982 von Suzette Haden Elgin als Sprache kreiert wurde, die auf die Bedürfnisse und Gefühle von Frauen zugeschnitten sei.
Neben gesprochenen Plansprachen gibt es auch Gebärdensprachen wie Gestuno (1973), oder auch logografische Sprachen, wie eine solche mit den Bliss-Symbolen 1949 von Charles K. Bliss erfunden wurde.
Geheimsprachen Die ältesten Sprachkreationen sind wahrscheinlich Geheimsprachen, die erstmals im antiken Griechenland belegt sind. Als älteste konstruierte Sprache mit bekanntem Autor wird oft die Lingua ignota genannt, die im 12. Jahrhundert von Hildegard von Bingen erfunden wurde. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Sprache, sondern um eine Wörterliste von rund tausend Phantasiewörtern, durchweg Substantiven, mit beigefügten lateinischen und deutschen Äquivalenten, wobei die sachliche Gruppierung (Kirchliches, Kalendarisches, Hauswirtschaftliches, Naturkundliches) und der lateinisch-deutsche Wortbestand eng an ausgewählte Kapitel eines älteren klösterlichen Lehrbuches, dem Summarium Heinrici, angelehnt sind. Die neuere Forschung vermutet, dass die Phantasiewörter als mnemotechnisches Hilfsmittel bei der Aneignung des Lehrstoffs des Summarium Heinrici dienten und, sofern sie auch in der klosterinternen Kommunikation gebraucht wurden, eher der Unterhaltung als der Geheimhaltung dienten.Reiner Hildebrand: Die ‚Lingua ignota‘ der Hildegard von Bingen – eine Geheimsprache? In: Klaus Siewert (Hrsg.): Aspekte und Ergebnisse der Sondersprachenforschung II. [= Bd. 2]. III. und IV. Internationales Symposion, 17. bis 19. März 1999 in Rothenberge / 6. bis 8. April 2000 in Münster (= Sondersprachenforschung. Bd. 7). Harrassowitz, Wiesbaden 2002, ISBN 3-447-04573-6, S. 9–15.
Auch „Zwillingssprachen“, die zwischen Zwillingsgeschwistern eine häufig anzutreffende Kommunikationsform sind, werden manchmal zu den Geheimsprachen gerechnet.
Die seit dem Spätmittelalter bezeugte Sondersprache der Bettler und Gauner im deutschen Sprachbereich – das Rotwelsch – sowie das französische Argot können auch zu den Geheimsprachen gerechnet werden, gelten aber meistens nicht als konstruierte Sprachen.
Sondersprachen
Sondersprachen sind Sprachen oder Sprachformen, die innerhalb einer Sprachgemeinschaft nur von einem Teil der Mitglieder verwendet werden. Sie wurden in der Vergangenheit auch als Geheimsprachen bezeichnet,So z. B. bei Alessandro Bausani: Geheim- und Universalsprachen. Entwicklung und Typologie (= Sprache und Literatur. Bd. 57). Aus dem italien. Manuskr. von Gustav Glaesser. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1970, . nachdem ihre häufig sozial randständigen Sprecher kriminalisiert waren. In der Mehrheitsbevölkerung bestand die Vorstellung, die Sprecher organisierten so sprachlich verdeckt kriminelle Aktivitäten. Davon hat sich die heutige Sondersprachenphilologie gelöst, die den Terminus „Geheimsprache“ verworfen und durch das nicht wertende „Sondersprache“ ersetzt hat.Grundlegend: Klaus Siewert: Grundlagen und Methoden der Sondersprachenforschung. Mit einem Wörterbuch der Masematte aus Sprecherbefragungen und den schriftlichen Quellen (= Sondersprachenforschung. Bd. 8). Harrassowitz, Wiesbaden 2003, ISBN 3-447-04770-4. Sondersprachen haben die Funktion, die Gruppenidentität zu stärken. Auch geschlechtsgebundene Sondersprachen kommen vor.
Als Beispiel einer konstruierten Sondersprache kann das MedefaidrinDafydd Gibbon, Moses Ekpenyong, Eno-Abasi Urua: Medefaidrin: Resources documenting the birth and death language life-cycle. In: Proceedings of the Seventh conference on International Language Resources and Evaluation (LREC 2010). Valletta, Malta 19.–21. Mai 2010, ISBN 2-9517408-6-7, S. 2702–2708 (PDF; 2,34 MB). genannt werden. Es handelt sich dabei um eine Sprache mit apriorischem, den Initiatoren „vom Heiligen Geist offenbartem“ Vokabular und einer eigenen Schrift. Medefaidrin wurde seit Ende der 1920er Jahre von einer kleinen neureligiösen Gemeinschaft in Nigeria verwendet und ist jetzt nicht mehr in Gebrauch.