mini|Symbolische Darstellung der Eroberung Jerusalems (12.–14. Jahrhundert)
Die Kreuzzüge waren von der lateinischen Kirche sanktionierte, strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierte Kriege zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert. In diesem engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Orientkreuzzüge, die sich gegen die muslimischen Staaten im Nahen Osten richteten.Zu Motiven und Ereignisabläufen vgl. einführend die Artikel in: Alan V. Murray (Hrsg.): The Crusades. An Encyclopedia. Santa Barbara/Calif. u. a. 2006 Im 13. Jahrhundert wurde der Begriff für Kreuzzüge (wie peregrinatio) auch auf andere militärische Aktionen ausgeweitet, deren Ziel nicht das Heilige Land war (crux cismarina). In diesem erweiterten Sinne werden auch die Feldzüge gegen nicht christianisierte Völker wie Wenden, Finnen, Balten und Esten, gegen Ketzer wie die Albigenser, Hussiten und gegen die Ostkirche dazu gezählt. Vereinzelt haben Päpste sogar zu Kreuzzügen gegen christliche politische Gegner aufgerufen.
Nachdem ein Kreuzfahrerheer 1099 Jerusalem erobert hatte, wurden in der Levante insgesamt vier Kreuzfahrerstaaten gegründet. Infolge ihrer Bedrohung durch die muslimischen Anrainerstaaten wurden weitere Kreuzzüge durchgeführt, denen meistens kaum ein Erfolg beschieden war. Das Königreich Jerusalem erlitt 1187 in der Schlacht bei Hattin eine schwere Niederlage, auch Jerusalem ging wieder verloren. Mit Akkon fiel 1291 die letzte Kreuzfahrerfestung in Outremer.
Der Begriff „Kreuzzug“ geht zurück auf die Befestigung eines Kreuzzeichens an der Kleidung derer, die den Kreuzfahrereid ablegten. In den zeitgenössischen Quellen waren hingegen andere Bezeichnungen verbreitet, vor allem expeditio, iter und peregrinatio (wie sich Teilnehmer oft auch als peregrini bezeichneten und damit das Motiv einer bewaffneten Pilgerfahrt betonten).Zu der Vielzahl der gebrauchten Bezeichnungen siehe etwa Adrian Boas (Hrsg.): The Crusader World. London/New York 2016, hier S. 278f. Der französische Begriff croisade stammt aus dem 15. Jahrhundert (okzitanisch crozada um 1213), die deutsche Übersetzung „Kreuzzug“ ist modern.Kreuzzug zuerst bei Christoph Ernst Steinbach, Vollständiges deutsches Wörterbuch (1734), s. Grimm, Deutsches Wörterbuch, s. v. „Kreuzzug“. Thomas S. Asbridge: Die Kreuzzüge. 7. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-608-94921-6, S. 403 ff.
Vorbemerkungen Allgemeines mini|Karte der Kreuzzüge aus einem französischen Wörterbuch (1922)
Ein wichtiges Motiv der christlichen Kreuzfahrer war die Wiederherstellung des ungehinderten Zugangs der christlichen Pilger zu den heiligen Stätten, der durch muslimische Übergriffe auf die in den levantinischen Häfen ankommenden Pilger unmöglich gemacht wurde. Davon berichtet der Chronist al-Azimi aus Aleppo, der diese Übergriffe auch als den Grund für den ersten Kreuzzug angibt.al-Azimi: La chronique abrégée d'al-'Azîmî, années 518-538 / 1124–1144. In: Revue des Études Islamiques 59 (1991), S. 101–164, hier: S. 110.
Dem Ersten Kreuzzug war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos um militärische Unterstützung gegen die Seldschuken vorausgegangen. Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. die Christen auf der Synode von Clermont zum Kreuzzug in das „Heilige Land“ auf. Urban II. forderte, die dort ansässigen Muslime zu vertreiben und in Jerusalem die den Christen heiligen Stätten in Besitz zu nehmen.Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Hamburg 1998, ISBN 3-499-60618-6, S. 66. Mehr als acht Jahrzehnte waren vergangen, nachdem es in der Regierungszeit des fatimidischen Kalifen al-Hakim zu Repressalien gegenüber der lokalen christlichen Bevölkerung, zur Zerstörung von Kirchen und Klöstern sowie schließlich 1009 zur Zerstörung der Grabeskirche gekommen war, eines der größten Heiligtümer des Christentums.
mini|Kämpfender Kreuzritter, Wandmalerei in der Pfarrkirche St. Cyriakus (Niedermendig), um 1300
Die Kreuzzüge wurden nach kurzer Zeit auch zur Verwirklichung rein weltlicher Machtinteressen instrumentalisiert, insbesondere solcher, die gegen das Byzantinische Reich gerichtet waren. Schon bald wurde der Begriff Kreuzzug nicht nur auf Kriege gegen Muslime, sondern auch gegen von der römischen Kirche zu „Ketzern“ deklarierte Menschen (siehe Albigenser) ausgeweitet. Dieser Umstand gab dem Papsttum eine starke politische und militärische Waffe in die Hand.
Trotzdem darf der religiöse Aspekt, besonders bei den Kreuzzügen in den Osten, nicht unterschätzt werden. So waren nach der Einnahme Jerusalems im Jahre 1099 die Gefallenen als Märtyrer gefeiert worden. Oft lagen die Interessen der kriegsführenden Parteien und die der kämpfenden Truppen weit auseinander. Die beiderseitigen Machthaber verfolgten unter anderem machtpolitische Interessen. Die Kreuzfahrer selbst glaubten zumeist an einen ehrenvollen, ja heiligen Kampf für Kirche und Gott. Dies hinderte sie allerdings nicht daran, oft so brutal gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen, dass dies bis heute den betroffenen Völkern im Gedächtnis geblieben ist.Siehe zum Beispiel Bassam Tibi: Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. Bertelsmann, München 1999, S. 107.
Grundlage des Kreuzzugsaufrufs Ein Kreuzzug war zugleich Bußgang und Kriegszug, der nach Auffassung der (nicht orthodoxen, katholisch christlichen) Zeitgenossen direkt von Gott durch das Wort des Papstes verkündet wurde. Die Teilnehmer legten ein rechtverbindliches Gelübde ab, ähnlich wie bei einer Pilgerfahrt. Als Folge der göttlichen und päpstlichen Verkündung waren die Kreuzzüge sehr populär. Dies erklärt auch die große Teilnehmerzahl. Die offiziell verkündeten Kreuzzüge (darunter fallen beispielsweise nicht die Abwehrkämpfe der Kreuzfahrerstaaten in Outremer) wurden als Angelegenheit der gesamten abendländisch-katholischen Christenheit begriffen. Die Kreuzfahrerheere bestanden daher in der Regel aus „Rittern“ aus ganz Europa.
Grundlage für die Kreuzzüge war aus christlicher Sicht der Gedanke des „gerechten Krieges“ (lat. bellum iustum), wie er von Augustinus von Hippo vertreten worden war. Dies bedeutete später, dass der „gottgefällige Krieg“ nur von einer rechtmäßigen Autorität verkündet werden konnte (wie dem Papst). Es musste ein gerechter Kriegsgrund vorliegen (wie die ungerechte Behandlung von Gläubigen), und der Krieg musste für gute Absichten (wie die göttliche Liebe) geführt werden.
Schon vor dem Aufruf zum Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems hatte die Kirche damit begonnen, Kriegszüge zu unterstützen. So wurden im Rahmen der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer 1066 geweihte Fahnen an den Kriegsherren übersandt, die ihn und sein Heer im Kampf stärken sollten. Auf den geweihten Fahnen war unter anderem auch der Erzengel Michael abgebildet, der Schutzpatron des römisch-deutschen Reiches und später der Deutschen. Auch der aragonesisch-französische Zug gegen das maurische Barbastro in Spanien im Jahr 1063, den Papst Alexander II. unterstützte, sowie die Kämpfe gegen die Araber auf Sizilien 1059, standen unter päpstlicher Patronage und sind als Vorläufer der Kreuzzüge anzusehen. Diese gelten im Allgemeinen als die ersten historischen Ereignisse, an welchen die katholische Kirche beginnt, Kriegszüge dogmatisch zu stärken und zu rechtfertigen.
Kreuzzug und Dschihad Die gewaltsame Ausweitung des islamisch kontrollierten Gebiets vor allem im 7. und 8. Jahrhundert (zu Details siehe Islamische Expansion) war legitimiert, aber auch motiviert durch das im Koran verankerte Gebot des Dschihad (sinngemäß etwa „Einsatz für den Islam“). Darunter kann und konnte nicht nur der Aufruf zur notfalls militärischen Verteidigung des Islams verstanden werden, sondern, je nach Lesart, auch der Appell zu dessen offensiven Verbreitung bzw. zur Ausdehnung des unter muslimischer Oberherrschaft stehenden Gebiets (ohne dabei notwendigerweise die Zwangsbekehrung der Unterworfenen Nicht-Muslime zu fordern).Bernard Lewis: Die politische Sprache des Islam. Rotbuch Verlag, 1991, S. 124 f. Vgl. Albrecht Noth: Der Dschihad: sich mühen für Gott. In: Gernot Rotter (Hrsg.): Die Welten des Islam: neunundzwanzig Vorschläge, das Unvertraute zu verstehen. Fischer Taschenbuch Verlag, 1993, S. 23 f. Robert G. Hoyland (Hrsg.): Muslims and Others in Early Islamic Society. Aldershot 2004, S. xiv. Den Offensivcharakter indes nur auf die frühislamische Epoche zur Zeit Mohammeds beschränkend Yohanan Friedmann: Tolerance and Coercion in Islam. Interfaith relations in the Muslim Tradition. Cambridge, 2003, S. 102 f.
Da sowohl der Dschihad als auch der Kreuzzug Ausprägungen des Heiligen Krieges sind, ist bis ins 20. Jahrhundert hinein vermutet worden, dass die islamische Djihad-Theologie die Ausbildung des Kreuzzugsgedankens beeinflusst hätte. Daran wurden schon früh Zweifel laut, unter anderem, weil der Djihad als Religionseinrichtung eine Art Wehrpflicht darstellte, wohingegen der Heilige Krieg im Christentum keine allgemeine Pflicht, sondern Grundlage bestimmter Privilegien war. Carl Erdmann: Die Entstehung des Kreuzzuggedankens (Habilitationsschrift, Universität Berlin 1932). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-00199-0 (unveränderter Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1955), S. 27 f.
Tatsächlich lief die Beeinflussung gerade andersherum: Die Lehre vom Dschihad war im 11. Jahrhundert in der Levante nämlich nur noch schwach ausgeprägt, und die Kreuzzüge trugen dazu bei, sie wiederzubeleben.Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge. 3. Auflage. WBG, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-20091-7, S. 71 f. Den Auftakt machte der der syrische Gelehrte Abu l-Ḥasan as-Sulamī, der 1105, also kurz nach der Eroberung Jerusalems, in Damaskus sein Kitāb al-Ǧihād („Buch des Dschihad“) veröffentlichte, in dem er die Muslime, wie der Islamwissenschaftler Patrick Franke schreibt, „zu einem ‚Gegen-Kreuzzug‘, oder eigentlich zu einem ‚Gegen-Dschihad‘“ aufrief. Dass die Muslime gegenüber dem Dschihad der Franken, zu dem auch die Eroberung Siziliens (1061–91) und die spanische Reconquista rechnete, Niederlagen erlitten, führte er auf ihre spirituellen Schwäche liege. Diese gelte es in einem (inneren) großen Dschihad zu überwinden, bevor man sich unter Führung muslimischer Fürsten an den kleinen Dschihad, den bewaffneten Kampf machte.Patrick Franke: Der Gedanke des Dschihad im mittelalterlichen Islam. In: Ingrid Bennewitz, Klaus van Eickels (Hrsg.): Richard Löwenherz, ein europäischer Herrscher im Zeitalter der Konfrontation von Christentum und Islam. University of Bamberg Press, Bamberg 2018, ISBN 978-3-86309-625-0, S. 95 – 116, hier S. 106 f. ( online). In die Tat umgesetzt wurde dies durch den nordsyrischen Fürsten Zengi, dem es 1144 gelang, den Kreuzfahrerstaat Edessa zu zerschlagen. Größer noch war die Rolle, die die Dschihad-Propaganda bei den Feldzügen seines Sohnes Nur ad-Din und vor allem Saladins, der ab 1183 die Auseinandersetzung mit den Ungläubigen auch zur inneren Sicherung seiner Herrschaft benutzte. 1187 besiegte er triumphal die Heere der Kreuzfahrer in der Schlacht bei Hattin.Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge. WBG, Darmstadt 2008, S. 71 f.
Zeitgenössische Kritik an den Kreuzzügen