Andreas Gefeller (* 1970 in Düsseldorf) ist ein deutscher Fotograf.

Leben Andreas Gefeller studierte von 1992 bis 2000 Visuelle Kommunikation und Fotografie an der Universität Essen. Im Jahr 2000 schloss er sein Studium bei Professor Bernhard Prinz mit Auszeichnung ab. 2001 wurde er als Mitglied in die Deutsche Fotografische Akademie (DFA) berufen. Gefeller lebt und arbeitet in Düsseldorf.Andreas Gefeller. Soma. Fotografien eines konstruierten Paradieses, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002, S. 110

Werk Das fotografische Werk von Andreas Gefeller umfasst unter anderem die Serien Halbwertszeiten (1996), Soma (2000), Supervisions (2002–2009), The Japan Series (2010) und Blank (seit 2010).

Anders zu sehen und die Sichtbarmachung des Unsichtbaren sind die grundlegenden Aspekte in der Fotografie Gefellers.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 135–137 Seine Bilder zeigen durch den menschlichen Eingriff geprägte Orte und die Spuren, die der Mensch hinterlassen hat.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 137 Mithilfe einer spezifischen technischen Verfahrensweise gelingt es ihm, bislang Verborgenes bzw. von anderen Übersehenes sichtbar zu machen.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 137–139 Seine Bilder eröffnen dem Betrachter neue, ungesehene Perspektiven auf vertraute Zusammenhänge. Unmögliche Blickwinkel, die die visuelle Voreinstellung übersteigenTorsten Scheid: Die Verdichtung des Sichtbaren. In: Points of View. Orte der Fotografie, Roemer- und Pelizaeusmuseum, Hildesheim 2012, S. 52, das vermeintlich Nebensächliche jedoch in den Fokus rücken. Mit diesem Aufzeigen einer alternativen Wirklichkeit wird dem Betrachter die Erfahrung einer Erweiterung seiner Sehgewohnheiten zuteil und zugleich werden ihm die Voraussetzungen des Sehens offengelegt: die von Erwartungen geprägten Gewohnheiten der Wahrnehmung.

Gefeller täuscht in seinen Arbeiten Objektivität vor und hinterfragt damit den Anspruch des Mediums Fotografie, die Realität objektiv zu erfassen. Seine Arbeiten oszillieren zwischen Realität und Konstruktion und geben Anstoß über Begriffe wie Wahrheit und Wirklichkeit, Objektivität und Verfremdung sowie über die Beziehung zwischen Natur und Mensch und sein stetes Verlangen, das Chaos einer Ordnung zu unterwerfen, zu reflektieren.Andreas Gefeller. The Japan Series www.rehbein-galerie.de. Abgerufen am 25. Oktober 2013

Halbwertszeiten Für die Serie Halbwertszeiten bereiste Andreas Gefeller 1996, 10 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, gemeinsam mit der Fotografin Kerstin Braun die Ukraine und fotografierte die Menschen und Landschaften in der Umgebung des havarierten Atomkraftwerks. Urbane Gebiete, Sportplätze oder einen verlassenen Vergnügungspark. Die Bilder dieser Fotoarbeit sind vorwiegend von dokumentarischem Charakter, überraschen aber bereits durch ihre trügerisch „strahlenden“ Farben. Durch sie wird die immer noch präsente Radioaktivität in der Fotografie nicht nur spürbar, sondern nahezu sichtbar.Andreas Gefeller. Halbwertszeiten www.andreasgefeller.com. Abgerufen am 13. Mai 2013

Soma Menschenleere Strände, endlos lange Liegestuhlreihen, genormte Hotelbauten, gepflegte Anlagen mit kargen Grünflächen und planierten Parkplätzen, aufgenommen auf der Ferieninsel Gran Canaria, bilden den Motivkreis der Serie Soma (Fotografien eines konstruierten Paradieses) (2000).Andreas Gefeller. Soma www.andreasgefeller.com. Abgerufen am 25. Oktober 2013

Diese Orte, hauptsächlich bei Nacht und mit Langzeitbelichtung aufgenommen, wirken in Gefellers Fotografien merkwürdig fremd und künstlich.Gerhard Glüher: Die Nacht über Arkadien In: Andreas Gefeller. Soma. Fotografien eines konstruierten Paradieses, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002, S. 97–101 Leichte Aufsichten, satte Farben, eine bizarre Lichtstimmung und die Menschenferne lassen die realen Orte geradezu unecht, wie akribisch konstruierte Modelllandschaften erscheinen.Gerhard Glüher: Die Nacht über Arkadien In: Andreas Gefeller. Soma. Fotografien eines konstruierten Paradieses, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002, S. 101–103 Mit diesem Kulissencharakter der Bilder schafft der Fotograf eine Metapher für die offensichtliche Künstlichkeit solch typischer Ferienclubanlagen. Seine Fotografien konfrontieren mit dem generalisierenden Erscheinungsbild dieser künstlich angelegten, vermeintlich paradiesischen Welten und veranschaulichen deren gezielte, funktionale Ausrichtung auf die Freizeitgestaltung und Erholung des Cluburlaubers.Gerhard Glüher: Die Nacht über Arkadien In: Andreas Gefeller. Soma. Fotografien eines konstruierten Paradieses, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002, S. 90–93

Obschon die Aufnahmen analog entstanden sind, wirken sie wie digital nachbearbeitet. Die Bilder befinden sich in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Künstlichkeit.

Die Fotoarbeit Soma wurde 2001 mit dem Reinhart-Wolf-Preis ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt sie Auszeichnungen im Rahmen des Europäischen Architekturfotografiepreises 2001 und des Peter Keetmann Preises für Industriefotografie 2002. Das Fotobuch Soma (2002, Hatje Cantz, Ostfildern) wurde 2001 vom Art Director’s Club für Konzept und Gestaltung ausgezeichnet.Stephan Berg: Der Spurensucher. In: Andreas Gefeller. Supervisions, hrsg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz, Ostfildern 2005, S. 143.

Supervisions Die Serie Supervisions (2002–2009) kennzeichnen großformatige Farbaufnahmen von urban vereinnahmten Orten. Sie zeigen Aufsichten auf öffentliche Plätze und Flächen sowie vogelperspektivische Einblicke in geschlossene Räume, allesamt geprägt von den Spuren der Zivilisation. Auf den ersten Blick wirken die in nüchterner Klarheit bestechenden Fotoarbeiten wie fernsichtige Momentaufnahmen oder topografische Aufzeichnungen der Erdoberfläche und bieten einen Überblick auf vorgefundene Raumsituationen. Die von der Gesellschaft hinterlassenen Spuren regen zu Spekulationen über die Nutzung und Geschichte der verlassenen Orte an.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 137–141

Gefellers Arbeiten sind allerdings viel mehr als nur dokumentarische Bestandsaufnahmen. Sie fordern die Wahrnehmung des Betrachters heraus. Bei genauerem Hinsehen werden einzelne Brüche und Haarrisse im Bild erkennbar.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 139–141 Tatsächlich beruht die Entstehungsweise dieser Arbeiten auf einer aufwändigen Technik. In einem zuvor festgelegten Raster schreitet Gefeller mithilfe eines an seinem Körper befestigten Stativs über das Motivfeld und fotografiert es Bild für Bild ab. Die Fläche wird mit mehreren hundert, manchmal tausenden, Einzelaufnahmen aus etwa 2 m Höhe „eingescannt“, welche der Fotograf später am Computer digital zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Ohne die Wirklichkeit zu manipulierenStephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 141, geben seine Fotoarbeiten eine Perspektive vor, die als unmögliche Sicht die Grenzen des Sehens durchbricht und eine erweiterte Wahrnehmung der Realität erfahrbar werden lässt. In sachlicher Präzision offenbaren die konstruierten Aufsichten Details und Zusammenhänge, die in dieser eigentümlichen Form nicht erkannt werden können. Geometrische Strukturen sowie fehlende Bezugs- und Orientierungspunkte verwandeln manche Ansichten in abstrakte Bildkompositionen. Im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und Abstraktion entstehen Bilder, die dem Betrachter Vertrautes in einem neuen Licht zeigen und unterstreichen, wie sehr das Sehen eine Frage des Standpunktes und der Blickrichtung ist.

Der Titel Supervisions bezieht sich nicht ausschließlich auf den wortwörtlichen „Über-Blick“, sondern verweist in seiner Mehrdeutigkeit zudem auf die „Überwachung“ (engl. „supervision“) des Menschen in der heutigen Zeit.Stephan Berg: Der Spurensucher In: Andreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 139

Supervisions wurde 2004 mit dem Kunstpreis der Stadt Nordhorn ausgezeichnetAndreas Gefeller. Supervisions, hg. v. Roland Nachtigäller, Städtische Galerie, Nordhorn, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2005, S. 143 und erhielt bei den Leadawards 2005 Gold für die beste Still-Life-Fotografie des Jahres. Der Werkkomplex wurde unter den Titeln Supervisions (2005) und Photographs (2009) als Fotobücher veröffentlicht (beide Hatje Cantz, Ostfildern).Andreas Gefeller. Biografie www.andreasgefeller.com. Abgerufen am 25. Oktober 2013

The Japan Series In der Fotoarbeit The Japan Series (2010) erweitert der Fotokünstler sein Verfahren der Mehrfachaufnahmen um neue Aspekte.

Gefeller wechselt den fotografischen Blickwinkel und fotografiert nicht mehr von oben herab wie in den Supervisions Arbeiten, sondern richtet seinen Blick bei der Erkundung der fernöstlichen urbanen Lebenswelt nach oben. Dabei konzentriert er sich auf zwei Motivfelder. Die Kamera vertikal nach oben gerichtet und unmittelbar an das Objekt haltendTorsten Scheid: Die Verdichtung des Sichtbaren. In: Points of View. Orte der Fotografie, Roemer- und Pelizaeusmuseum, Hildesheim 2012, S. 53, lichtet er typische japanische Strommasten mit oberirdisch verlegten Kabeln ab. In der anschließenden digitalen Zusammensetzung der zwei bis drei Einzelaufnahmen verschwindet der Mast in den Poles genannten Bildern. In gleicher Weise fotografiert Gefeller auch rankende Pflanzen, u. a. Trauben- und Birnengewächse japanischer Obstplantagen, deren Zweige sich um Drahtnetzkonstruktionen oder hölzerne Gitter winden. Wie bei Supervisions werden hierzu hunderte Einzelaufnahmen zu einem Geflecht aus Linien, Strukturen und Verknotungen vor der monochromen Fläche des Himmels zusammengesetzt.Christoph Schaden: Kein Mast. Ein Bühnenboden. In: Andreas Gefeller. The Japan Series, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2011, S. 17 Diese kompositorische Reduktion lässt eine übergreifende Annäherung der Gegensätze „Technik“ und „Natur“ in der Fotografie erkennbar werden. Während die Kabel an urwüchsiges, wucherndes Dickicht erinnern, werden die landwirtschaftlich gebändigten Pflanzenzweige zu Komponenten einer menschengemachten Maschinerie, der Agrarindustrie.

Gefeller setzt auf vorhandenes Licht. Er fotografiert bei Tage vor bewölktem Himmel und nutzt in der Nacht das geringe Licht von Straßenlampen, Verkehrsampeln oder das Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos. Mit der Reduktion auf Linien und Flächen sind diese Fotoarbeiten deutlich formaler und struktureller geworden. Isoliert aus dem ursprünglichen urbanen Kontext lassen sich nicht nur abstrakte Bildkompositionen assoziieren. Insbesondere auf weißer Fläche muten die verzweigten Anordnungen der unzähligen Kabel oder die knöchernen Verästelungen der Pflanzen wie filigrane Zeichnungen an. Vor dem Hintergrund der japanischen Kultur erinnern die Bilder etwa an Kalligrafien. Dieser Eindruck wird zusätzlich verstärkt durch die bewusste Wahl des Pigmentdrucks auf Baumwollpapier.