mini|Inhaltsangabe (Blatt 9 recto)
Das Lorscher Arzneibuch ist eine umfangreiche, im Kloster Lorsch verfasste medizinische Handschrift aus der Zeit Karls des Großen, entstanden um 800. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischen Frühmittelalter bzw. das älteste erhaltene medizinische Buch Deutschlands.Ulrich Stoll: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. In: Gundolf Keil, Paul Schnitzer (Hrsg.): Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ und die frühmittelalterliche Medizin. Verhandlungen des Medizinhistorischen Symposiums im September 1989 in Lorsch. Laurissa, Lorsch 1991 (= Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße. Sonderband 12), S. 29–59 (Ein Arbeitsbericht) und S. 61–80 (Ein Überblick über Herkunft, Inhalt und Anspruch des ältesten Arzneibuchs deutscher Provenienz). Geschrieben wurde das Arzneibuch unter benediktinischer Ägide in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch (heute Landkreis Bergstraße, Hessen), wohl unter Richbod, dem Abt der Reichsabtei.Gundolf Keil: ‚Lorscher Arzneibuch‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 865 f. Seit Anfang des 11. Jahrhunderts befindet es sich in Bamberg und wird heute in der Staatsbibliothek Bamberg unter der Signatur Msc.Med.1 (alte Signatur: L.III.8) verwahrt. Am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg wurde von Ulrich Stoll und Gundolf Keil die Handschrift in einem dreijährigen Projekt bis 1989 faksimiliert, ediert und ins Deutsche übersetzt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.Deutsche UNESCO-Kommission e. V.: Lorscher Arzneibuch.UNESCO: Lorsch Pharmacopoeia (The Bamberg State Library, Msc.Med.1). Das Lorscher Arzneibuch ist als planmäßig angelegtes heilkundliches Kompendium das älteste deutsche Arzneibuch.Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 7–14, hier: S. 11.
Herkunft und Geschichte Das Lorscher Arzneibuch – so erstmals benannt von dem Würzburger Medizinhistoriker Gundolf KeilHermann Schefers (1993), S. 191 f. – wurde früher auch als Codex Bamberginsis medicinalis 1 (auch Bamberger Codex Med. 1) bezeichnet und wurde von mehreren Händen im Benediktinerkloster Lorsch geschrieben. Dies konnte, ebenso wie die Datierung ins ausgehende 8. Jahrhundert, aufgrund der karolingischen Minuskelschrift im älteren Lorscher Stil durch den Paläographen Bernhard Bischoff bereits vor 1964Alf Önnersfors (Hrsg.): Physica Plinii Bambergensis. Hildesheim / New York 1975 (= Bibliotheca graeca et latina suppletoria. Band 2), S. 17. nachgewiesen werden.Bernhard Bischoff: Lorsch im Spiegel seiner Handschriften. München 1974 (= Münchener Beiträge zur Mediävistik und Renaissance-Forschung. Beiheft); erweiterter Wiederabdruck in: Die Reichsabtei Lorsch. Festschrift zum Gedenken an ihre Stiftung 764. 2 Bände. Darmstadt 1977.Bernhard Bischoff: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. 2., erweiterte Auflage, Verlag Laurissa, Lorsch 1989, S. 31–33, 67 und 102, hier S. 31–33. (Bis 1913 ging man meist von einer Entstehung auf romanischem, insbesondere französischemLudwig Traube: Paläographische Forschungen, IV. München 1906 (= Abhandlungen der historischen Klasse der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 24, 1). S. 11 f.Augusto Beccaria: I codici di medicina del periodo presalernitano (secoli IX, X e XI). Rom 1956 (= Storia e letteratura. Band 53), S. 193–197. oder italienischemGerhard Baader in Lexikon des Mittelalters. Band 1 (1980), Sp. 1402. Gebiet aus.) Karl Sudhoff, der den Entstehungsort des Kodex bereits im deutschen Sprachraum vermutete,Ulrich Stoll, Gundolf Keil: Althochdeutsch „wizebluomon(b)“. Eine zweite Bestätigung für Sudhoffs Lokalisierung des „Bamberger Kodex“. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Band 117, 1988, S. 274–277. hatte über den erstmals im 19. Jahrhundert wissenschaftlich wahrgenommenenVgl. etwa Valentin Rose: Aristoteles pseudoepigraphus. Leipzig 1863; Neudruck Hildesheim / New York 1971, S. 215–239 und 666–676. Bamberger KodexVgl. Gerhard Baader in Lexikon des Mittelalters. Band 1. München/Zürich (1977) 1980, Sp. 1402. bereits in den Jahren von 1913 bis 1915Vgl. Karl Sudhoff: Ein Bamberger historisch-propädeutisches Fragment. In: Sudhoffs Archiv. Band 8, 1915, S. 410–413. publiziert.Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 7–14, hier: S. 7 und 12.
Die Datierung des Lorscher Arzneibuchs ist umstritten. Sie schwankt zwischen dem ausgehenden 8. und dem beginnenden 9. Jahrhundert. Bernhard Bischoff datierte die Handschrift zunächst auf „zwischen 781 und 783“ und „nur wenig über 800“,Bernhard Bischoff: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. Lorsch: Verlag Laurissa, 2., erweiterte Auflage, 1989, S. 31–33, 67 und 102, hier S. 31. später dann auf „IX. Jh. Anfang“.Bernhard Bischoff: Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). Teil 1: Aachen – Lambach. Wiesbaden: Harrassowitz, 1998, S. 50, Nr. 223. Gundolf Keil datierte ihre Anlage anfangs um das Jahr 795,Vgl. Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 7–14, hier: S. 11. ging später auf 792, dann auf 790 zurück und sprach sich zuletzt für die Zeit „um 788“ aus.Nachweise im Überblick bei Klaus-Dietrich Fischer: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ im Widerstreit der Meinungen. In: Medizinhistorisches Journal. Band 45, 2010, S. 165–188, hier S. 171 (PDF; 511 kB). Klaus-Dietrich Fischer, ebenfalls Medizinhistoriker, widersprach Keils Argumenten und bezog sich für die zeitliche Einordnung wiederum auf Bischoff.Klaus-Dietrich Fischer: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ im Widerstreit der Meinungen. In: Medizinhistorisches Journal 45 (2010), S. 165–188, hier S. 170–173 (PDF; 511 kB).
Der Bamberger Kodex enthält zudem althochdeutsche Glossen rheinfränkischer Herkunft.Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 7–14, hier: S. 8 und 12. Diese Rezeptnachträge und Vermerke (zum Beispiel „petriniola id est uuizebluomon“ im gräko-lateinischen Pflanzenglossar) zeugen von fortdauernder Benutzung im 9. und 10. Jahrhundert.
Die Handschrift enthält auf einer halbleeren Seite (Blatt 42v) das einzige bekannte (Teil-)Verzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek des Frühmittelalters, niedergeschrieben durch Leo von Vercelli (gestorben 1026), den Lehrer und Vertrauten Kaiser Ottos III. Diese BücherlisteVgl. auch Percy Schramm, Florentine Mütherich: Denkmale der deutschen Könige und Kaiser. 2 Bände. München 1962 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Band 2). Band 1, S. 150; und Willy Lizalek: Heilkundliche Rezepte aus der Lorscher Klosterbibliothek. In: Beiträge zur Geschichte des Klosters Lorsch. 2. Auflage. Lorsch 1980 (= Geschichtesblätter für den Kreis Bergstraße. Sonderband 4), S. 253–264. erlaubt es auch, die Geschichte des Lorscher Arzneibuches weitgehend zu rekonstruieren: Nach dem frühen Tod Kaiser Ottos III. im Jahre 1002 kam die Handschrift aus dessen Besitz in den seines Nachfolgers Kaiser Heinrich II., der sie der Dombibliothek des von ihm im Jahr 1007 gegründeten Bistums Bamberg schenkte. Von dort gelangte der (im Auftrag des Dompropstes Johann Christoph Neustetter genannt Stürmer und des Domdechanten Hektor von Kotzau) 1611 neu gebundene Kodex im Zuge der Säkularisation 1803 in die Kurfürstliche Bibliothek Bamberg, die heutige Staatsbibliothek Bamberg, wo die Handschrift unter der Signatur Msc.Med.1 verwahrt wird.
Umfassend wissenschaftlich untersucht wurde die erstmals 1831 beschriebene, ab 1863 dann zunächst nur wenigen Fachleuten bekannteGundolf Keil: Das „Lorscher Arzneibuch“. Anmerkungen zur Frühgeschichte der Kostendämpfung auf dem Arzneimittelsektor. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Neue Folge, Band 49, 1991, S. 343–360, hier: S. 345. Handschrift in den 1980er Jahren vom Institut für Geschichte der Medizin der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Ergebnisse der Untersuchungen wurden 1989 im Rahmen eines Symposiums in Lorsch vorgetragen, im selben Jahr wurde eine zweibändige Ausgabe mit einer Reproduktion der Handschrift und einer Übersetzung herausgegeben. Eine populärwissenschaftliche Einführung in den Codex erschien ebenfalls 1989, eine Dissertation mit Text, Übersetzung und Fachglossar 1992.
Inhalt, Quellen und Aufbau Das Lorscher Arzneibuch umfasst 75 Kalbspergamentblätter im Format 32 × 22,5 cm, die einspaltig mit 32 bis 33 Zeilen dicht beschrieben sind. Ursprünglich bestand der Kodex aus 107 Blättern. Die Verluste traten erst nach dem Frühmittelalter, aber vor 1611 auf. Die medizinisch-pharmazeutische Handschrift erweist sich als ein planmäßig angelegtes Kompendium, konzipiert als Nachschlagewerk für die praktische Alltagsarbeit eines Klostermediziners sowie auch als einführendes Lehrbuch ohne eigenständigen chirurgischen Teil. Den Hauptteil (ab Blatt 17) bildet eine Sammlung von 482 erhaltenen Rezepturen griechisch-römischer Tradition. Beschrieben werden die Zutaten, die Herstellung und die Anwendung der Arzneimittel. Eingebettet ist diese als sowohl Kurzrezepte (Rezeptarium) wie Vollrezepte (genannt „Antidotarium“) enthaltendes (pharmakographisches) RezeptarChristina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 91 und 219. angelegte Rezeptsammlung in Abhandlungen zur Medizingeschichte sowie zur ärztlichen Ethik.Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 9–11 und 13.