Kösener Kreise sind inoffizielle Zusammenschlüsse wesensverwandter Corps im Kösener Senioren-Convents-Verband. Manche sind fest gefügt, andere dienen allenfalls zur Etikettierung einzelner Corps. Alte Herren in Corps verschiedener Kreise sind nicht selten und Inaktive können ohne weiteres im Corps eines anderen Kreises aktiv werden, solange kein Verhältniscorps im selben Senioren-Convent ist. Hingegen ist der Wechsel eines Corps in einen anderen Kreis de facto unmöglich.
Geschichte
Kartellkreise entstanden schon vor der Verbandsgründung im Jahre 1848. Das älteste Corpskartell soll zwischen Marchia Halle (II) und Franconia Jena bestanden haben.Gustav Gotthilf Winkel: Kösener SC-Kalender. Leipzig 1920.
Der oKC 1920 schloss sich folgender Erklärung der Bremensia an:
Im Hintergrund dieses einstimmigen, aber halbherzigen Beschlusses stand die Ablehnung von Dominanzstreben. Im schwarzen Kreis war nach der Jahrhundertwende und nach dem Ersten Weltkrieg die Kreispolitik forciert worden. Suevia München wollte im schwarzen, Suevia Tübingen im grünen Kreis den Ton angeben. Dagegen wehrten sich vor allem Bremensia und Vandalia Heidelberg.
Die Bedeutung der (überlebten) Kreispolitik zeigt sich am Beispiel der Saxonia Leipzig.
Lebenscorps
Onoldia (1798)Siehe Corps Onoldia#Verhältnisse. Bavaria München (1806)keine Verhältnisse
Blauer Kreis Vorläufer des blauen Kreises war das Goldene Kartell der Corps Lusatia Leipzig (1807), Hannovera (1809) und Teutonia Marburg (1825), das nach dem gemeinsamen Gold im Band benannt war. Keimzelle des späteren blauen Kreises war das 1858 geschlossene Kartell zwischen Rhenania Freiburg (1812) und Teutonia Marburg (gemeinsam Blau im Band). Mit der Industrialisierung entstand daraus das „Kohlekartell“ zwischen Rhenania Freiburg, Teutonia Marburg und Rhenania Tübingen (1827). Die drei Kartellcorps gründeten 1908 an der neuen Westfälischen Wilhelms-Universität das Corps Rheno-Guestphalia und verpflichteten sich zu dessen langfristiger Unterstützung. Das noch heute bestehende Kartell der vier Corps, das viele Industrielle hervorbrachte, wird Eisernes Kartell genannt. Rainer Assmann initiierte 1973 den ersten organisatorischen Zusammenschluss sämtlicher blauen Corps. Unter Zurückstellung aller Differenzen in der Fechtfrage arbeiteten ihre AH-Nachwuchsbeauftragten eng zusammen. Die Arbeitsgemeinschaft wurde 1977 mit Einführung der VAC/WVAC-Studienstarthilfesystem beendet. mini|„Unsern Gruß zuvor!“ Kartellvertrag von Rhenania Freiburg und Teutonia Marburg (1858) Lusatia (1807) Hannovera (1809) Suevia Heidelberg (1810) Marchia Berlin (1810) Rhenania Freiburg (1812) Moenania (1814) Guestphalia Bonn (1820) Isaria (1821) Teutonia Marburg (1825) Rhenania Tübingen (1827) Masovia (1830) Guestfalia Greifswald (1837) Palaiomarchia (1844) Rhaetia (1859) Austria (1861) Rheno-Guestphalia, Münster (1908) Palaiomarchia-Masovia (1950) Palatia-Guestphalia (1952)
Erloschene Corps Guestphalia Jena (1841)siehe Corps Palatia-Guestphalia Franconia Hamburg (1861) Suevia Prag (1868)
Gelber Kreis Rüdiger Kutz befasste sich über fünf Jahre mit dem gelben Kreis. Er hält die Quellenlage für so dürftig, subjektiv und fehlerhaft, dass „seine Voraussetzungen aufgrund fehlender oder inzwischen abhandengekommener Unterlagen kaum objektiv rekonstruierbar erscheinen. Hinzu kommen noch seine planlose Entwicklung, seine verwirrende Zusammensetzung und endlich sein schneller Zerfall. … Es handelt sich um Corps geringer Anciennität, die bald nach ihrer Aufnahme in den KSCV bemüht waren, eine sichere Position und vor allem personelle Unterstützung durch eine Kreiszugehörigkeit zu schaffen.“R. Kutz: Datensammlung zur Außenpolitik des Corps Makaria, 2. Auflage. München 1977, S. 22
Hercynia Göttingen (1872) Borussia Berlin (1873)später rückdatiert Palaio-Alsatia (1880) Guestphalia Marburg (1880)
Erloschene Corps Teutonia Bonn (1875) Teutonia Halle (1878)Für Kutz enthält die Geschichte von Teutonia Halle „fast überhaupt keine richtigen Daten“.Das schwarze Corps Saxonia Konstanz führt heraldisch unten links das Wappen von Teutonia Halle Vollwappen des Corps Saxonia Konstanz.jpg
Goldener Kreis Eine Sonderform des Kreis ist der Goldene Kreis, der aus dem Corps Vandalia Heidelberg besteht. Während die Heidelberger Vandalen ursprünglich ihnen artverwandte Corps um sich sammeln wollten, blieb ihr Vorhaben fruchtlos, der Goldene Kreis wuchs trotz eines Kartells mit dem Corps Bremensia Göttingen nicht. Nach der Corpsgeschichte der Palatia Bonn, mit Vandalia Heidelberg und Bremensia bis 1864 im Kartell, sollen als goldene Corps diese drei aufgefasst worden sein sowie die Estonia an der Universität Dorpat im Baltikum.
Grüner Kreis Als Keimzelle gilt das Kartell von Franconia Jena, Guestphalia Heidelberg und Misnia (III), nach anderer Ansicht das Freundschaftsverhältnis von Misnia und Bremensia.Brüning/Quaet-Faslem/Nicol: Geschichte des Corps Bremensia auf der Universität Georgia Augusta zu Göttingen 1812–1912. Göttingen 1914, S. 491 Eine weitere Herleitung bezieht sich auf die Mützenfarbe der im Kartell seinerzeit eng verbundenen Franconia Jena, Franconia München und Bremensia. Auf dem Kreistag in Jena am 2. August 1919 wurde Franconia Jena zur „Zentralstelle“ des Kreises bestimmt. Sie sollte die anderen Corpsburschen-Convente halbjährlich zu einer Tagung einladen; im Sommer sollte sie im Anschluss an den oKC stattfinden.Siegfried Schindelmeiser: Geschichte des Corps Baltia, Bd. 2, S. 186 Festgestellt wurde, dass die österreichischen Corps den norddeutschen Corps wesensfremd seien.Fritz Ranzi: Geschichte des Akademischen Corps Athesia zu Innsbruck. Innsbruck 1961, S. 74 Von den ursprünglichen grünen Corps haben den Kösener SC verlassen die Corps Suevia Tübingen, Rhenania Straßburg und Bremensia, ebenso die Vandalo-Guestphalia, deren eines Patronatscorps Guestphalia ebenfalls zu den urgrünen Corps zählte. Die grünen Corps versuchen Moltkes (römischer) Devise zu folgen: „Mehr sein als scheinen“. Zum 22. Male trafen sie sich im März 2013 in Königstein im Taunus.v. Bernuth/Crasselt: Königsteiner Treffen des Grünen Kreises. Corps Magazin 2/2013, S. 23 mini|Grüner Kreis in Königstein (2013)
Guestphalia Halle (1789) Pomerania (1810) Holsatia (1813) Borussia Breslau (1819) Franconia Jena (1821) Franconia München (1836) Teutonia Gießen (1839) Rhenania Würzburg (1842) Guestphalia Berlin (1845) Hansea Bonn (1849) Hasso-Borussia (1876) Albertina (1950)
Erloschene Corps Guestphalia Heidelberg (1818) Misnia III (1837) Baltia Königsberg (1851) Die Corps des Grünen Kreises stehen allen ehrenhaften Studenten offen, die durch gute Erziehung und Bildung geprägt sind. Die Mensur gilt den Corps als wesentliches Mittel der Persönlichkeitsbildung, bei dem Haltung wichtiger ist als technische Perfektion; Ehrenhändel mit der Waffe sind ausgeschlossen. Ein Trinkzwang besteht nicht – vielmehr soll der Aktive einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol lernen. Die Kneipe wird nicht als Trinkgelage aufgefasst, sondern als der disziplinierte Mittelpunkt geselliger Gemeinschaft. Besonderer Wert wird auf gepflegtes, aber unaufdringliches Auftreten gelegt: Ein wie auch immer geartetes „Schäbigkeitsprinzip“ wird verworfen – Kleidung und Auftreten sollen dem Anlass entsprechen und einen Sinn für stilvolles Understatement erkennen lassen. Die Mitglieder sollen natürlich, sicher und ohne Überheblichkeit auftreten; Brauchtum wird ohne Übertreibung gepflegt. Corps des Grünen Kreises betonen ihre Freude an Geselligkeit und sportlicher Betätigung.Königsteiner Treffen des Grünen Kreises, in: Corps-Magazin, Ausgabe 2/2013, S. 23.
Magdeburger Kreis Zum Magdeburger Kreis gehören die Corps Budissa Guestphalia Erlangen Makaria-Guestphalia Neoborussia-Berlin Normannia-Halle Teutonia-Hercynia (Göttingen) Ratisbonia Transrhenania Vandalia-Teutonia
Roter Kreis Schon vor 1914 empfanden viele Corps den corpspolitischen Druck des schwarzen, grünen, blauen und weißen Kreises als lästig und drückend. Aufgrund von Initiativen verschiedener Alter Herren und unter Führung von Saxonia Jena und Saxonia Bonn vereinigten sich die Corps Saxonia Jena, Saxonia Bonn, Borussia Tübingen und Marcomannia Breslau gemäß dem alten Spottvers Der Rote Kreis ist noch im Wachsen, / einstweilen sind’s die Bonner und die Jenscher Sachsen zum roten Kreis. Am 3. Juli 1919 erfolgte der gemeinsame Abschluss eines fünften Verhältnisses, eines offiziellen Vorstellungsverhältnisses mit der Hildeso-Guestphalia zu Göttingen, nachdem diese das langjährige Kartellverhältnis mit Hasso-Nassovia zu Marburg gelöst hatte.Wilhelm Czermak, Walther Plugge: Die Geschichte des Corps Saxonia zu Jena, Bd. III (1953), S. 303 f. Der rote Kreis trifft sich alljährlich im November. Mit Ausnahme der lange suspendiert gewesenen Vandalia Rostock stehen alle Corps im Kartell. Saxonia Jena und Vandalia Rostock schlossen beim oKC 2013 auf der Rudelsburg ein Kartell. mini|Farben des Roten Kreises (1977) Saxonia Jena (1805) Vandalia Rostock (1824) Saxonia Bonn (1832) Hildeso-Guestphalia (1854) Borussia Tübingen (1870)
Erloschene Corps Marcomannia Breslau (1864)
Schwarzer Kreis Das älteste Kartell schlossen 1820 Baruthia und Bavaria Würzburg.Rolf-Joachim Baum: Zur Geschichte der Kartellgemeinschaft Baruthia [Erlangen] – Bavaria Würzburg (160. Jahrestag des Ur-Kartells von 1820). Einst und Jetzt 26 (1981), S. 111–116 Thuringia Jena, Brunsviga Göttingen, Borussia Greifswald, Saxonia Leipzig und Silesia Breslau taten sich Ende der 1860er Jahre zusammen. Als Kern des schwarzen Kreises gilt heute das Eisenacher Kartell mit Suevia München, Brunsviga Göttingen, Hassia-Gießen und Thuringia Jena.Hans-Bernd Herzog (Hrsg.): 100 Jahre Eisenacher Kartell. 1909–2009, Neustadt an der Aisch 2009, ISBN 978-3-87707-754-2Video: „Schwarze“ Corpsstudenten in Eisenach Bürgerlichkeit und Sparsamkeit kennzeichnen die schwarzen Corps. Besondere Bedeutung hat für sie die Mensur. mini|hochkant=1.4|100 Jahre Eisenacher Kartell (2009) Baruthia (1803) Suevia München (1803) Brunsviga Göttingen (1813) Bavaria Würzburg (1815) Hassia-Gießen (1815) Rhenania Bonn (1820) Thuringia Jena (1820) Saxonia Kiel (1838) Borussia Greifswald (1841) Normannia Berlin (1842) Thuringia Leipzig (1847) Montania Leoben (1862) Alemannia Wien zu Linz (1862) Gothia (1870) Suevia Straßburg (1878) Vandalia Graz (1894) Saxonia Konstanz (1949)
Erloschene Corps Hansea Königsberg (1877–1936) Saxonia (KWA) (1907–1935)
Weißer Kreis mini|100px|WK-Logo Saxo-Borussia Heidelberg (1820) Borussia Bonn (1821) Saxonia Göttingen (1844)
Saxo-Borussia und Borussia Bonn stehen seit 1828 im Kartell. Im Sommersemester 1858 vereinbarten die Senioren, dass „künftig ein festes Band zwischen den dreien, ihrem ganzen Wesen am besten zusammen passenden Corps bestehen müsse“.zitiert in Bruno von Kayser (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Göttinger Sachsen, Festschrift zum neunzigjährigen Stiftungsfest. Oldenburg 1930, S. 140Die Senioren waren Gottlieb-Maria v. Radowitz, Gustav von Oertzen und Gottlieb v. Both. Wilhelm Fabricius bestritt 1907 die frühe Bezeichnung des Kartells als weißer Kreis:W. Fabricius: Geschichte und Chronik des Kösener SC-Verbandes. Nach den Akten von W. Fabricius. Elwert’sche Universitätsbuchhandlung, Marburg 1907, S. 80
Sogar der Zeitzeuge Joseph Maria von Radowitz, ein Bonner Preuße, schreibt in seinen Erinnerungen nichts von einem „weißen Kreis“.