Der Begriff Nomenklatura (von „Namensverzeichnis“, über ) bezeichnete in der Sowjetunion und anderen Staaten des Ostblocks eine privilegierte Eliteklasse aus Partei- und Staatsfunktionären. Der Begriff stammt von nomenclatura (nomen = Name, calare = rufen) ab.

Das System erfüllte eine doppelte Funktion: Einerseits war es ein administratives Instrument der langfristigen Personalplanung im Rahmen der sozialistischen Kaderpolitik.Artikel Nomenklatura. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Politik-Lexikon. 3., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München/Wien 2000, ISBN 3-486-24906-1, S. 422. Andererseits entwickelte sich daraus eine geschlossene gesellschaftliche Führungsschicht, die alle Schlüsselpositionen in Partei, Verwaltung, Wirtschaft, Militär und Kultur kontrollierte.Armin Fuhrer: Von Diktatur keine Spur? Mythen und Fakten über die DDR. Olzog, München 2009, ISBN 978-3-7892-8309-3, S. 19.

Theoretische und historische Wurzeln Der Begriff geht auf die frühen Phasen des sowjetischen Staatsaufbaus unter Lenin zurück. Ursprünglich diente die Erfassung von loyalen Parteimitgliedern dazu, die staatliche Verwaltung nach dem Bürgerkrieg gegen „bürgerliche“ Sabotage abzusichern.

International bekannt wurde das Phänomen durch das 1980 erschienene Standardwerk Nomenklatura des sowjetischen Dissidenten und Historikers Michail Sergejewitsch Woslenski. Woslenski argumentierte, dass die Nomenklatura eine eigenständige, ausbeuterische Klasse darstellte, die die Produktionsmittel im Namen des Staates kollektiv besaß. Derartige Privilegiertengruppen sind keine Erfindung des real existierenden Sozialismus. Kritiker des sowjetischen Systems erkannten hierin früh die Entstehung einer neuen herrschenden Klasse. Schon Leo Trotzki sprach 1930 im Exil davon, dass es in Russland eine „neue Bourgeoisie“ (neue Klasse) gebe (in: „Die wirkliche Lage in Russland“ 1930), die er aber nicht mit der Bürokratie in Partei- und Staatsführung in Eins setzte („Der Kulak tat sich mit dem kleinen Industriellen zusammen, um die vollständige Wiederherstellung des Kapitalismus zu erreichen. Und so eröffnete sich ein unversöhnlicher Kampf um die Verteilung des Mehrprodukts der Arbeit: Wer würde darüber in naher Zukunft verfügen – die Sowjetbürokratie oder die neue Bourgeoisie?“, schrieb er in seinem Werk „Stalin“).

In der politikwissenschaftlichen und soziologischen Analyse wird die Nomenklatura häufig mit der Theorie der „Neuen Klasse“ (New Class) des jugoslawischen Dissidenten Milovan Đilas verknüpft. Đilas argumentierte bereits in den 1950er Jahren, dass sich innerhalb des sozialistischen Systems (wie in Jugoslawien unter Josip Broz Tito) – legitimiert durch die dialektische Doktrin des Marxismus-Leninismus – eine neue politische und wirtschaftliche Elite auf den Schlüsselpositionen von Wirtschaft, Justiz und Politik etablierte. Für die oft unzureichend ausgebildete bürokratische Ebene (Kader) erwies es sich als wirtschaftlich vorteilhaft, die eigene Autorität institutionell abzusichern. Laut Đilas entwickelte sich diese Schicht dadurch zu einer neuen Oligarchie. Dieses Machtgefüge begünstigte systemische Korruption. Die Angehörigen dieser Elite verteidigten ihre Privilegien und behandelten das öffentliche Eigentum sowie die Produktionsmittel de facto wie Privateigentum.

Dieses von Đilas und Woslenski beschriebene Prinzip wurde in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nach sowjetischem Muster exakt übernommen. Alle Führungspositionen in der Partei, Positionen im Sicherheitsbereich, im Verwaltungsapparat, in der Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur, Medien und in den Massenorganisationen waren listenmäßig in geheimen Nomenklaturplänen verzeichnet. Zudem übte die SED-Führung maßgeblichen Einfluss darauf aus, welche Mitglieder der Blockparteien wichtige Führungspositionen besetzen durften. Der vom Nomenklatursystem erfasste Personenkreis wurde im kommunistischen Sprachgebrauch der DDR als „Kader“ bezeichnet. Für die SED-Führung waren diese sogenannten Nomenklaturkader das Machtinstrument zur ideologischen Kontrolle der Gesellschaft und zur Erfüllung der Parteibeschlüsse.

In Westdeutschland wurde Nomenklatura ausschließlich im direkten oder übertragenen Sinne für Namensverzeichnisse parteipolitischer Kader verwendet. Sowohl Nomenklatur als auch vor allem Nomenklatura werden ab ca. 1960 auch als Stigmawörter verwendet, wenn das Herrschaftssystem sozialistischer Länder negativ charakterisiert werden soll. Die Bedeutung ist hier zu umschreiben als eine (mit Privilegien ausgestattete) herrschende Schicht in einem sozialistischen Staat (auch in Bezug auf westdeutsche Kommunisten). Nach dem Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beziehungsweise des sogenannten Ostblocks wird Nomenklatur im Sinne einer herrschenden Klasse in einer Diktatur weiterverwendet.

MfS und Kadernomenklatura Laut den Historikern Christian Booß und Helmut Müller-Enbergs bildeten die rund 300.000 bis 350.000 Nomenklaturkader der DDR „das Rückgrat der SED-Diktatur und sicherten deren Überleben“. Dieser von Erich Mielke geführte Kartei- und Aktenbestand, bekannt als Komplex „Rote Nelke“, diente der systematischen Überprüfung und Erfassung des Spitzenpersonals. Nach einer eingehenden Kontrolle durch das MfS vor ihrem Aufstieg galt dieser Personenkreis als absolut verlässlich. Booß vergleicht diese Struktur mit historischen, feudalen Adelsverzeichnissen bis 1918.

Mehr als ein Fünftel dieser Funktionärsschicht wies in ihrer Biografie frühere IM-Anbahnungen oder -Episoden auf, womit sich eine Stasi-Zusammenarbeit als faktische Voraussetzung für den Karriereaufstieg im Partei- und Staatsapparat erwies. Nach Erreichen des Nomenklaturstatus traten sie aus der Rolle einfacher Informanten heraus. Sie arbeiteten fortan „parteikameradschaftlich“ und offiziell mit dem MfS zusammen, um die Personalpolitik im Sinne der SED zu steuern. Als Beispiele hierfür gelten die ZK-Sekretärin Ingeburg Lange, Reichsbahnpräsident Otto Arndt oder Bauminister Wolfgang Junker. Diese offiziellen Partner trafen nach Absprache mit dem MfS tiefgreifende Personalentscheidungen, verfügten über deutlich mehr Macht als der durchschnittliche Inoffizielle Mitarbeiter und gehörten damit zu den eigentlichen Machthabern des Regimes.Susan Pethe, Christian Booß: Der Vorgang „Rote Nelke“. Geheimakten des MfS zu hohen SED-Funktionären. In: Christian Booß, Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.): Die indiskrete Gesellschaft. Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern. Verlag Polizeiwissenschaft, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-86676-384-5, S. 49–69.

NVA und Kadernomenklatura Wie in anderen Bereichen der Gesellschaft unterlagen auch die militärischen Kader, die Offiziere der Streitkräfte, der Kaderpolitik der SED. Die Auswahl der künftigen Führungsschicht der Armee erfolgte dabei vorrangig nach sozialen und politischen Kriterien – nach ihrer Herkunft durch gezielte Förderung aus der Arbeiterklasse sowie nach ihrem Bekenntnis zur „neuen Ordnung“, wofür vor allem die Mitgliedschaft in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und in der SED stand. Höhere Führungspositionen wie der Minister für Nationale Verteidigung, dessen Stellvertreter sowie die Chefs der Teilstreitkräfte und der Militärbezirke unterstanden dem Kadernomenklatursystem, wodurch ihre Besetzung streng von der SED kontrolliert und genehmigt wurde. Darüber hinaus waren Generäle nicht nur innerhalb der militärischen Stäbe, sondern auch außerhalb des Militärs tätig, unter anderem in der Abteilung für Sicherheitsfragen des Zentralkomitees (ZK) der SED sowie in staats- und wirtschaftsleitenden Organen – etwa als Generaldirektor des VEB Kombinat Spezialtechnik Dresden.

Systematik und Kaderentwicklung Die verschiedenen SED-Führungen (Politbüro, Zentralkomitee, Bezirksleitungen usw.) und die Ministerien der DDR schufen ein System von Nomenklaturkadern, die linientreu und der Parteidisziplin besonders ergeben sowie speziell in Parteischulen – wie Bezirksparteischulen (BPS), Kreisparteischulen (KPS), Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (AfG) und Parteihochschule der KPdSU – unterwiesen waren.Gert-Joachim Glaeßner: Gert-Joachim Glaeßner: Dafür sorgten die in jedem Betrieb und in jeder Institution installierten Kaderabteilungen bzw. die Abteilungen „Kader und Bildung“.

Es gab eine genaue Nomenklaturkaderverordnung, in der die wichtigen Leitungspositionen (mehrere hundert) in der DDR erfasst waren. Vor der Berufung in eine solche Position (1. Sekretäre der SED-Kreis- und Bezirksleitungen, Generaldirektoren der Kombinate, Minister, Staatssekretäre, Rektoren, Direktoren wichtiger Institute, Führungspersonen in den Medien usw.) musste diese Personalvorlage erst durch die entsprechende Abteilung im ZK der SED formal bestätigt werden. Ziel war, eine möglichst lückenlose Kontrolle des öffentlichen Lebens zu erreichen. Ab 1983 wurde beim Ministerrat der DDR der elektronische „Zentrale Kaderdatenspeicher“ (ZKDS)Ulf Rathje: Der „Zentrale Kaderdatenspeicher“ des Ministerrates der DDR. In: Historical Social Research / Historische Sozialforschung. Band 21, Nr. 3 (79), 1996, S. 137–141, JSTOR:20756068. geführt.

In einem solchen System konnten die Führungspositionen mit wenigen Ausnahmen nur von linientreuen SED-Mitgliedern besetzt werden. Um eine Position als sozialistischer Leiter zu erreichen, musste sich der Nomenklaturkader-Kandidat zuvor in untergeordneten Leitungsfunktionen als geeignet erweisen und sich politisch bewähren. Außerdem war in späteren Jahren für derartige Positionen laut Stellenplan, korrekt „Kaderentwicklungsplan“, ein Hochschulstudium (möglichst mit Promotion) unabdingbar, ergänzt durch den Besuch der der Leitungsebene entsprechenden Parteischule, wie der Bezirksparteischule und/oder der Parteihochschule Karl Marx. Seit den 1970er Jahren erwuchsen aus den Familien der ursprünglichen Nomenklaturkader immer häufiger direkte neue Nomenklaturkader.

Die Kadernomenklatur Ein Verzeichnis von Positionen und Funktionen auf allen gesellschaftlichen Gebieten, das in drei Ebenen (Zentralkomitee der SED, Bezirks- und Kreisleitungen der SED) sowie entsprechende Nomenklaturstufen (I, II und III) unterteilt war. System der doppelten personalpolitischen Zuständigkeit (Parallelführung von Partei- und Staatsapparat). Aus den Kaderdokumenten der SED ging ein konkreter Kanon von Fähigkeiten und Verhaltensnormen hervor, die einen idealen Nomenklaturkader auszeichneten. Nach den idealisierten Maßstäben von SED und MfS sahen „sozialistische Persönlichkeiten“ im Sinne dieser Sicherheitsüberprüfungen wie folgt aus:

Parteilichkeit & Loyalität: Treue zur Arbeiterklasse, zur Partei (SED), zur KPdSU, zur Sowjetunion und zum proletarischen Internationalismus.

Kampf gegen bürgerliche Ideologie: Kompromisslosigkeit, Unversöhnlichkeit gegenüber Pflichtverletzungen, Auftreten gegen Subjektivismus und Schönfärberei.

Sozialistischer Patriotismus: Stolz auf sozialistische Errungenschaften, Liebe zur sozialistischen Heimat und Bewusstsein der Massen.

Wirtschaft & Gesellschaft: Konsequente Erfüllung der Hauptaufgabe (Wirtschafts- und Sozialpolitik), Förderung der sozialistischen ökonomischen Integration.

Führungsverhalten & Kader: Hohe politische/fachliche Kenntnisse, Verbindung von kollektiver Leitung und persönlicher Verantwortung, moderne Leitungsmethoden.

Persönliche Haltung & Moral: Selbstlose Einsatzbereitschaft, Disziplin, schöpferische Initiative, Bescheidenheit, Vorbildwirkung, Kritik und Selbstkritik.

Sicherheit & Geheimhaltung: Wahrung von Partei- und Staatsgeheimnissen, Einhaltung sozialistischer Gesetzlichkeit sowie Unterordnung des Privatlebens unter die Sicherheitserfordernisse des MfS (Abbruch von Kontakten ins nichtsozialistische Ausland).

Kaderplanung