mini|hochkant|Südwestseite der Kirche Die Evangelische Kirche in Leihgestern, einem Stadtteil von Linden im Landkreis Gießen in Mittelhessen, ist eine Saalkirche im Jugendstil mit einem spätgotischen Turm aus der ersten Hälfte des 15. JahrhundertsSchmitt: Die Kirche in Leihgestern. 2008, S. 32. oder dem frühen 16. Jahrhundert.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 114. Der verschieferte Turmaufbau erhält seine charakteristische Gestalt durch vier kleine Wichhäuschen. Die Elisabethenglocke wurde in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gegossen. Nachdem ein Orkan im Jahr 1906 das alte Kirchendach und die Inneneinrichtung zerstört hatte, wurde 1908 ein neues Langhaus errichtet. Die Kirche prägt das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Karlheinz Lang (Bearb.): Kirchstraße 18. Ev. Kirche. In: Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 376–378, hier: S. 377 f.

Geschichte mini|hochkant|links|Verwüstetes Langhaus nach dem Orkan 1906 mini|hochkant|Südost-Seite des Turms (15. Jahrhundert) mini|Alte Außentreppe (17. Jahrhundert) Im 9. Jahrhundert sind Stiftungen in der Mark Leihgestern an das Kloster Fulda und an das Kloster Lorsch nachgewiesen. Zwischen Leihgestern und dem Kloster Schiffenberg bestanden im Mittelalter enge Beziehungen, allerdings kein Filialverhältnis. Im Jahr 1237 verpflichtete sich das Kloster nach einem Streit, den der Abt des Klosters Arnsburg in einem Schiedsspruch beendete, dass Mönche dreimal wöchentlich in der Kapelle zu Leihgestern Messen hielten („divina procurare“), und verzichtete auf die Wiese „Rorehe“ und die aus dem Weidegelände entstehenden Einkünfte, die für die Durchführung der Gottesdienste vorgesehen waren. Der übrige Seelsorgedienst wurde weiterhin von Großen-Linden versehen.Schäfer: Aus der Kirchengeschichte und dem kirchlichen Leben. 1955, S. 100. Im Jahr 1258 war Leihgestern beim Kloster Schiffenberg und 1532 bei Großen-Linden eingepfarrt. Nachdem der Deutsche Orden auf dem Schiffenberg im Jahr 1432 zwei wöchentliche Messen für ausreichend hielt, entschieden Schiedsleute vor dem Landgrafen im Marburger Schloss im Sinne der Leihgesterner.Alexander Jendorff: Leihgestern als Teil des hessisch-nassauischen Gemeinschaftsamtes Hüttenberg. In: Evangelische Kirchengemeinde Leihgestern (Hrsg.): 1908–2008. 100 Jahre Kirchweihfest der Evangelischen Kirche Leihgestern. Linden 2008, S. 67–77, hier: S. 74.

Im 10. bis 13. Jahrhundert wurde eine romanische, rechteckige Kapelle (16 × 8,5 Meter) errichtet, die kleine rundbogige Fenster und ein Schopfwalmdach hatte. Wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde der mächtige Ostturm angebaut. Darauf weisen auch die Glocken aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die nicht in einem Dachreiter über dem alten Kirchenschiff aufgehängt worden sein können. Im Zuge der Reformation schloss sich Leihgestern 1532 dem lutherischen Bekenntnis an. In diesem Jahr forderte die Gemeinde Leihgestern vom Deutschen Orden die Abschaffung der Messen und die Einsetzung eines evangelischen Predigers, was gewährt wurde. Nach einer Visitation im Jahr 1559 wurde der „ungeschickte“ Geistliche entlassen und Samuel Wollenhaupt von Waldkappel, Schulmeister und Kaplan in Großen-Linden, zu zwei Predigten in der Woche verpflichtet.Krieb: »…mit der Speiß des heilsamen Gottlichen Wortts versorgett werden morgen.« 2005, S. 79 f. Für die Kasualien wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen mussten die Gemeindeglieder aber nach wie vor den Weg nach Großen-Linden auf sich nehmen. Großen-Linden und der Landgraf widerstanden dem mehrfachen Wunsch der Kirchengemeinde nach einer eigenständigen Pfarrstelle, der ab 1568 laut wurde. Erst im Jahr 1574 entsprach der Landgraf der Bitte, erhob Leihgestern zur selbstständigen Pfarrei und erhielt das Patronatsrecht.Krieb: »…mit der Speiß des heilsamen Gottlichen Wortts versorgett werden morgen.« 2005, S. 82. Als erster evangelischer Pfarrer wirkte hier Samuel Wollenhaupt von Waldkappel von 1574 bis 1599.

In den 1550er Jahren wurde das Kirchenschiff umgebaut. Spätestens seit dem Ende des 16. Jahrhunderts lag die Baupflicht an der Kirche bei der bürgerlichen Gemeinde. Der Turm, der als „einer der schönsten Kirchtürme in Oberhessen“ gilt, erhielt zwischen 1594 und 1597 seinen heutigen Turmhelm mit einem neuen Glockenstuhl und die Chorkapelle ihr Kreuzgewölbe.Fraglich ist, dass der gesamte Turm erst in diesem Zuge errichtet wurde. So die Datierung aufgrund des Saalbuchs von 1741 in: Dehio-Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 555. Der Innenraum erfuhr von 1692 bis 1697 eine tiefgreifende Umgestaltung.Schmitt: Die Kirche in Leihgestern. 2008, S. 28. So wurden umlaufende Emporen und eine Orgel über dem Triumphbogen eingebaut, die bisherige Flachdecke durch ein hölzernes Tonnengewölbe ersetzt sowie außen eine überdachte Freitreppe zur Südempore geschaffen. Eine erste Turmuhr ist seit dem Jahr 1680 nachgewiesen.Schäfer: Aus der Kirchengeschichte und dem kirchlichen Leben. 1955, S. 108. 1765 wurde die abgängige Westwand neu aufgeführt, 1867 die Südmauer, die durch einen Blitzschlag in den Turm am 21. April 1831 einen wachsenden Spalt in der Baunaht zum Turm erhalten hatte. Weitere Blitzschläge am 10. August 1868 und am 23. August 1898 hinterließen hingegen keine größeren Schäden.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 246.

Im Jahr 1905 wurde Ludwig Hofmann, Kirchenbaumeister der Evangelischen Landeskirche in Nassau, mit Entwürfen für einen Kirchenneubau beauftragt, da das alte Kirchenschiff nicht mehr genügend Platz bot. Zunächst lehnte die bürgerliche Gemeinde die Übernahme der vorgesehenen Kosten von 75.000 Mark für einen Neubau ab. Ein Orkan am 31. Mai 1906 brachte das Kirchendach zum Einsturz und zerstörte die Inneneinrichtung weitgehend, sodass die Gemeinde einen Neubau beschloss und auch die bürgerliche Gemeinde, durch „höhere Gewalt“ gezwungen, den Plänen nun positiv gegenüberstand. Mit dem Abriss des Kirchenschiffs wurde am 15. August 1906 begonnen. Baubeginn war der 18. März 1907, Grundsteinlegung am 9. Mai 1907. Der Kirchenneubau wurde am 9. August 1908 eingeweiht und durch die politische Gemeinde finanziert.Hans Jochen Schmitt: Vorentwürfe, Bauplan und Bauwerk. In: Evangelische Kirchengemeinde Leihgestern (Hrsg.): 1908–2008. 100 Jahre Kirchweihfest der Evangelischen Kirche Leihgestern. Linden 2008, S. 48–53, hier: S. 53. Kirchenrenovierungen fanden 1967 und von 2006 bis 2009 statt.

Architektur mini|Südliche Giebel mini|Christus-Fenster im Westgiebel Die nahezu geostete, rechteckige Saalkirche aus Bruchstein-Mauerwerk aus Feldstein ist westlich an den alten Chorturm im Jugendstil angebaut. Die westliche Giebelmauer besteht aus oberhessischem Basalt. Gegenüber dem Vorgängerbau ist das Kirchenschiff nach Norden und noch stärker nach Süden verbreitert. Der querschiffartige südliche Teil erscheint durch die eingebaute Empore wie ein Seitenschiff. Entsprechend dem Wunsch der Gemeinde verwendete der Architekt die alte Außentreppe der Südempore wieder, die unter Fachwerk auch zum ersten Turmobergeschoss führt. Der leicht geschweifte Westgiebel ist barockisierend, die südlichen Quergiebel sind gotisierend.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 115.

Der mächtige, viergeschossige Chorturm aus Bruchstein-Mauerwerk wird von einem verschieferten Turmhelm abgeschlossen. Die zwei Geschosse des achteckigen Mittelhelms verjüngen sich nach oben und werden durch ein geschweiftes Pultdach verbunden.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 212 Der Helm wird von vier kleinen Ecktürmen, polygonalen Wichhäuschen mit Hauben, flankiert und von einem Turmknopf mit Kreuz und Wetterhahn bekrönt. Ein Gesims gliedert den Turmquader in je zwei Geschosse. Das untere Chorgeschoss weist ein Kreuzgratgewölbe und an den drei freien Seiten gekuppelte Maßwerkfenster mit Nasen und Spitzbogen auf.Schmitt: Die Kirche in Leihgestern. 2008, S. 30. Dass das hohe Gewölbe nachträglich in den Turm eingebaut worden ist, zeigt sich an den jeweils versetzten Geschossebenen, die die alten Turmfenster schneiden. Aufgrund dessen wurden versetzt neue, kleine rechteckige Fenster mit gefasten Gewänden in den Turm eingebrochen.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 211. Der Turm misst bis zum Knopf 30 Meter, vom Fußboden der Kirche bis zum Wetterhahn mehr als 32 Meter. Die Mauerstärke beträgt unten 1,4 Meter, der quadratische Grundriss 9,15 × 9,15 Meter.

Die Nordseite weist vier große rundbogige Bleiglasfenster auf, die Erhardt Jakobus Klonk 1974 gestaltete, sowie in der Holztonne zweimal drei kleine rechteckige Oberlichter, die in kleinen Dachgauben eingebaut sind. In der westlichen Giebelseite ist ein erhaltenes rundes Buntglasfenster aus der alten Kirche eingefügt, das Christus mit der aufgeschlagenen Bibel zeigt, umgeben von breitem Rankenwerk. Darunter befinden sich zwei kleine ovale Fenster und ganz unten zwei Rundfenster. In der Giebelspitze befindet sich die Kirchenuhr. Ein hölzerner Vorbau aus Fachwerk,Dehio-Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 555. der als westlicher Haupteingang dient, wird durch eine offene Arkadenreihe und einen verschieferten Aufsatz mit Giebel geprägt. Im unteren Bereich der Südseite sind im südlichen Querschiff zweimal vier rechteckige Fenster angebracht, die innen von einer großen Nische mit Segmentbogen umschlossen werden. Darüber befinden sich in den beiden Giebelbereichen drei Rundbogen-Maßwerkfenster, ein großes mittleres, das von zwei kleineren flankiert wird. In der Ostseite ist das spätgotische Zwillingsfenster erhalten. Das Bleiglasfenster wurde 1961 nach einem Entwurf von Rudolf Dieß gestaltet.Heinrich Schäfer, Hans-Joachim Häuser: Die Buntglasfenster. In: Evangelische Kirchengemeinde Leihgestern (Hrsg.): 1908–2008. 100 Jahre Kirchweihfest der Evangelischen Kirche Leihgestern. Linden 2008, S. 86–88, hier: S. 87.

Ein geschweiftes Tor im Jugendstil rechts der Kirche ermöglicht den Zugang zum Friedhof östlich der Kirche, der von einer gemauerten Einfriedung umgeben ist. An der Ostseite sind alte Grabsteine aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert aufgestellt, darunter das des ersten Pfarrers Wollenhaupt († 1599). An der Südseite erinnert ein Obelisk an die Gefallenen der beiden Weltkriege.

Ausstattung mini|hochkant|links|Christus und Jakobus der Kleine auf Fresken des 16. Jahrhunderts mini|Innenraum Richtung Osten mini|Jugendstil-Altar