mini|hochkant=1.1|Gedenktafel für koreanische Opfer des Großen Terrors auf dem Gelände der Hinrichtungsstätte Butowo (2007)

Der Große Terror (, wissenschaftliche Transliteration Bol'šoj terror) – auch als Große Säuberung (, Bolschaja tschistka) oder Jeschowschtschina (), Jeschow-Herrschaft bezeichnet – war eine von Herbst 1936 bis Ende 1938 dauernde umfangreiche Verfolgungskampagne in der Sowjetunion. Die Durchführung dieser von Josef Stalin veranlassten und vom Politbüro der KPdSU(B) gebilligten Terrorkampagne lag bei den Organen des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) unter Leitung von Nikolai Jeschow. Der Terror richtete sich vor allem gegen mutmaßliche Gegner der stalinistischen Herrschaft und als unzuverlässig angesehene „Elemente“ oder Gruppen.

Als Zeit des Großen Terrors im engeren Sinn werden die Monate von Juli 1937 bis Mitte November 1938 verstanden. Allein in diesem Zeitraum kam es zur Verhaftung von etwa 1,5 Millionen Menschen, von denen etwa die Hälfte erschossen, die anderen, bis auf wenige Ausnahmen, in die Lager des Gulag gebracht oder in Gefängnissen inhaftiert wurden. Die Massenrepressionen gelten als Höhepunkt einer Kette von Stalinschen Säuberungen.

Die für den Terror Verantwortlichen inszenierten anfangs eine Serie von Schauprozessen, zu deren bekanntesten die Moskauer Prozesse gehören; vorrangig gegen Angehörige der Eliten in Politik, Militär, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur. Die geheimen „Massenoperationen“ ab Mitte 1937, von denen sogenannte Kulaken, „sozial schädliche“ und „sozial gefährliche Elemente“ sowie ethnische Minderheiten betroffen waren, forderten allerdings eine weit größere Opferzahl.

1956, drei Jahre nach dem Tod Stalins, berichtete der damalige Erste Sekretär des Zentralkomitees, Nikita Chruschtschow, während einer Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU über frühere „politische Säuberungen“ gegen Parteimitglieder. Die Massenoperationen blieben weiterhin ein Staatsgeheimnis. Durch die Veröffentlichung des historisch-literarischen Werkes Archipel Gulag des russischen Schriftstellers Solschenizyn im Jahre 1973 erhielt die Weltöffentlichkeit tiefe Einblicke in das sowjetische Terrorsystem. Erst seit dem Ende der Sowjetunion machten umfangreiche Archivfunde und -studien Art und Ausmaß des Terrors deutlich.

In der Forschung zum Großen Terror gab es lange Zeit Kontroversen, hauptsächlich über die Zahl seiner Opfer und seine Ursachen. Deutungen im Rahmen der Totalitarismustheorie standen Deutungen gegenüber, die die Hauptursachen in den Widersprüchen der sowjetischen Gesellschaft sowie in politischen Konflikten zwischen Zentrum und Peripherie sehen.

Hintergrund und Vorgeschichte Umbruchgesellschaft Seit 1914 durchlief die Gesellschaft Russlands, ab Ende 1922 die der Sowjetunion, dramatische und von Gewalt geprägte Umbruchphasen: Innerhalb von rund 20 Jahren durchlitt sie den Ersten Weltkrieg, die Februar- und anschließend die Oktoberrevolution 1917 sowie den Bürgerkrieg. Auf eine kurze Phase der Erholung in Gestalt der Leninschen Kampagne der Neuen Ökonomischen Politik (NEP, 1921–28) folgten – nun bereits unter Stalins Regie – die forcierte Industrialisierung, die Entkulakisierung und die Zwangskollektivierung.

Die Ende der 1920er-Jahre beschlossene schnelle Industrialisierung und die Zwangskollektivierung Anfang der 1930er-Jahre veränderten die gesamte Sozialstruktur grundlegend. Waren im Jahr 1928 erst acht Prozent aller Berufstätigen in der Industrie und im Bauwesen beschäftigt, so verdreifachte sich dieser Anteil bis 1937 auf 24 Prozent. Die Schwerindustrie erzeugte weit mehr als die Hälfte der gesamten Industrieproduktion.Heiko Haumann: Die Geschichte der Sowjetunion – ein Überblick; in Hellmuth G. Bütow (Hrsg.): Länderbericht Sowjetunion. Schriftenreihe Studien zur Geschichte und Politik Band 263 der Bundeszentrale für politische Bildung, 2., akt. Auflage, Bonn 1988, S. 36. Der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft Tätigen nahm hingegen im gleichen Zeitraum von 80 Prozent auf 56 Prozent ab.Zahlen nach Der Große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. Daten, Fakten, Zusammenhänge, begr. von Carl Ploetz. Bearb. von 80 Fachwissenschaftlern. 32., neubearb. Auflage, Lizenzausg. Komet, Frechen 2001, ISBN 3-89836-147-0, S. 1003. Hinzu kam eine Landflucht, die weltgeschichtlich bis dahin ohne Beispiel war: Von 1926 bis 1939 zogen mindestens 23 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Ende der 1930er-Jahre waren 40 Prozent aller Stadtbewohner erst in den letzten zehn Jahren aus ländlichen Gebieten zugezogen.Zahlen nach Schlögel: Terror und Traum. S. 81. Die städtische Bevölkerung hatte sich von 1926 bis 1937 von 26 Millionen auf 51,9 Millionen Menschen verdoppelt.Schlögel: Terror und Traum. S. 163. In Anlehnung an Moshe Lewin sprechen viele Historiker von einer „Flugsandgesellschaft“, um die sowjetische Migrationsdynamik jener Jahre zu charakterisieren.

Tradition des Terrors und der Schauprozesse Der Terror als politisches Kampfinstrument wurde von Lenin nach der Oktoberrevolution wiederholt eindringlich propagiert.Exemplarische Nachweise zum Beispiel bei Norman M. Naimark: Revolution, Stalinismus und Genozid. In: APuZ, 44–45/2007 (PDF; 2 MB), S. 14–20, hier . Er befand sich dabei im Einklang mit seiner Partei, der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), kurz KPR(B).Umfassend zur Geschichte des Terrors in der Sowjetunion: Baberowski: Der rote Terror. Einen knappen Überblick liefert Wehner: Stalinismus und Terror. Siehe auch Gérard Chaliand, Arnaud Blin: Lenin, Stalin, and state terrorism. In: Gérard Chaliand, Arnaud Blin (Hrsg.): The history of terrorism. From antiquity to al Qaeda. University of California Press, Berkeley, Cal. [u. a.] 2007, ISBN 978-0-520-24533-4, S. 197–207. Zum zentralen Organ terroristischer Gewalt entwickelten sich dabei die Tscheka beziehungsweise ihre Nachfolgeorganisationen GPU (1922 bis 1934 OGPU) und NKWD. Zu den wichtigsten Wegmarken des Massenterrors gehörten bis 1936 der Rote Terror der Bürgerkriegsjahre (1917–1921), die rücksichtslose Politik der Eintreibung von Naturalsteuern bei den Bauern zu Zeiten des Kriegskommunismus – diese Politik führte 1921/22 zu rund fünf Millionen Hungertoten und weiteren rund 25 Millionen HungerndenWerth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 140. sowie die Zwangskollektivierung und Entkulakisierung Anfang der 1930er-Jahre,Siehe hierzu Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 165–177. Siehe ferner Hildermeier: Die Sowjetunion. S. 37–39. welche die Deportation von zwei Millionen Bauern mit sich brachte und den Holodomor, eine Hungerkatastrophe mit vier bis sechs Millionen Toten.Zahlen nach Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 165 und Hildermeier: Die Sowjetunion. S. 39.

Im Zuge der Entkulakisierung wurde auf ein Instrument zurückgegriffen, das bereits im Bürgerkrieg angewendet worden war: In jedem Distrikt des Landes entschieden Gremien aus jeweils drei Personen außergerichtlich darüber, wer als „Kulak“ zu internieren oder bei Widerstand zu erschießen war, wer nach Konfiszierung seines Eigentums in entfernte und unwirtliche Gegenden deportiert wurde und wer innerhalb seiner Ursprungsregion umgesiedelt wurde.

Diese sogenannten Troikas setzten sich Anfang der 1930er-Jahre aus dem ersten Sekretär des Parteikomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), kurz KPdSU(B) dem lokalen Vertreter der OGPU und dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees des jeweiligen Sowjets zusammen.Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 166. Siehe auch McLoughlin: Vernichtung des Fremden. S. 93 f. und Litvin, Keep: Stalinism. S. 59. Troikas mit ähnlicher Personalstruktur spielten in den Monaten des Großen Terrors eine zentrale Rolle als geheime Standgerichte, die vor Ort in Hunderttausenden von Fällen de facto über Leben und Tod entschieden.

Bis Mitte der 1930er-Jahre inszenierten die Staatsorgane der Sowjetunion zudem mehrfach Schauprozesse. Bereits Mitte 1922 veranlassten die Bolschewiki einen solchen gegen 34 Sozialrevolutionäre, der mit Todesurteilen gegen elf Angeklagte endete.Der Vollzug dieser Todesurteile wurde zwar ausgesetzt, weil internationale Proteste laut wurden und vor allem weil man Aufstände in ländlichen Regionen fürchtete, in denen diese Partei beliebt war. Die Verurteilten kamen jedoch nicht wieder frei, sondern wurden in den 1930er-Jahren erschossen. Zum Prozess gegen die Sozialrevolutionäre siehe Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 144. 1928 standen 53 „bürgerliche Spezialisten“ aus der Schachty-Region des Donezbeckens vor Gericht, zumeist Ingenieure und Bergbaudirektoren. Der Vorwurf im sogenannten Schachty-Prozess lautete auf Sabotage im Auftrag ausländischer Mächte. Die Verhandlung endete für elf Angeklagte mit dem Todesurteil, fünf von ihnen wurden hingerichtet.Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 161. Zur Bedeutung dieses Schauprozesses siehe und Sheila Fitzpatrick: Education and social mobility in the Soviet Union. 1921–1934. Cambridge University Press, Cambridge [u. a.] 1979, ISBN 0-521-22325-3, S. 113–116 und passim. Im März 1930 fanden sich 35 ukrainische Politiker und Intellektuelle in einem Schauprozess dem Vorwurf ausgesetzt, sie betrieben heimlich die Herauslösung der Ukraine aus der UdSSR sowie die Wiedereinführung des Kapitalismus.Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. S. 476. Ende 1930 fand der Schauprozess gegen die sogenannte Industriepartei statt. Acht der Angeklagten waren dazu gezwungen worden, anzugeben, ein konspiratives Netz von 2000 Spezialisten aufgebaut zu haben und dabei von ausländischen Botschaften unterstützt worden zu sein. Das Ziel sei gewesen, die sowjetische Wirtschaft zu untergraben.Werth: Ein Staat gegen sein Volk. S. 191. Im März 1931 standen die vorgeblich subversiven Aktivitäten eines „Unionsbüros der Menschewiki“ im Mittelpunkt eines weiteren Schauprozesses, der sich vor allem gegen Mitarbeiter der staatlichen Planungsbehörde Gosplan richtete. Neben der Störung von wirtschaftlichen Abläufen sei einer geplanten ausländischen Intervention zugearbeitet und der Sturz der Sowjetregierung vorbereitet worden.Siehe hierzu kurz Jürgen Zarusky: „Freisler ist unser Wyschinski“. Die stalinistische und die nationalsozialistische „Justiz“. Eine Problemskizze unter diktaturvergleichender Perspektive. (), S. 17.

Ermordung Kirows Stalin war es nach dem Ende der NEP und bei der Festlegung auf den Kurs der forcierten Industrialisierung gelungen, seine innerparteilichen Gegner an den Rand zu drängen. Es begann eine Politik, für die sich später die Bezeichnung Stalinismus durchsetzte und die Stalins persönliche Macht sicherte. Die linke Opposition um Trotzki war seit Mitte der 1920er-Jahre ausgeschaltet – dennoch beschwor die sowjetische Propaganda immer wieder „Trotzkismus“ als fundamentale Gefahr für den Bestand der Sowjetunion und als Quelle zahlreicher Verschwörungen. 1929 erlitten die Wortführer der „Parteirechten“ um Bucharin und Rykow, die für eine Fortsetzung der NEP plädierten, eine schwere Niederlage. Sie wurden der „Fraktionsbildung“ bezichtigt, was seit dem X. Parteitag der Kommunistischen Partei vom März 1921 verboten war, und zeitweilig aus der Partei ausgeschlossen.Hierzu kurz Hildermeier: Die Sowjetunion. S. 35 und 39 f.