mini|hochkant=1.1|Die Weisen aus dem Morgenland (Mosaik aus Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna, um 565) Als Stern von Betlehem (auch: Dreikönigsstern, Weihnachtsstern oder Stern der Weisen) wird ein Erzählmotiv im Evangelium nach Matthäus bezeichnet: Laut führte ein „Stern“ Sterndeuter („Magier“ oder „Weise“) zum Geburtsort des Jesus von Nazaret. Christen feiern diese Episode als Epiphanias oder Dreikönigstag.
Seit der Spätantike bezogen astronomische und astrologische Theorien den „Stern von Betlehem“ auf verschiedene vor der Zeitenwende sichtbare Himmelsphänomene, in der Regel auf einen Kometen, eine Konjunktion oder Supernova, um Jesu Geburt genauer zu datieren. Aufgrund verschiedener Einwände ist keiner dieser Erklärungsversuche wissenschaftlich anerkannt.
Biblischer Kontext Die Episode der Auffindung des Geburtsorts Jesu in lautet:
Historisch-kritische Neutestamentler ordnen die Geburtsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums als Legenden mit theologischen Aussageabsichten ein. Sie deuten den Stern in Mt 2,1.9 in der Regel als mythologisches oder symbolisches Verkündigungsmotiv. Damit weisen sie astronomisch-astrologische Theorien dazu als unwissenschaftliche Spekulationen zurück. Weil die Berichte legendarisch seien, sei es unmöglich, Motive wie den Stern auf damalige reale Vorgänge zu beziehen und zur Datierung von Jesu Geburt auszuwerten.Beispiele: Carl Philipp Emanuel Nothaft: Dating the Passion: The Life of Jesus and the Emergence of Scientific Chronology (200-1600). Brill Academic Publications, Leiden 2011, ISBN 90-04-21219-1, S. 22.; Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus: Ein Lehrbuch. 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 150.
Der Philologe Franz Boll erklärte die Episode 1917 als an den damaligen Volksglauben angelehnte Wundergeschichte: Mit der Geburt eines Menschen entstehe ein Stern, der mit seinem Tod wieder erlösche; er sei umso größer und heller, je bedeutender dieser Mensch in seinem Leben werde. Auf diesen Volksglauben verweise die Formulierung „Wir haben seinen Stern gesehen“. Das hier verwendete Wort ἀστήρ bedeute in damaliger Literatur ausschließlich „Stern“; eine „Sternkonstellation“ oder ein „Sternbild“ sei damals ἄστρον genannt worden. ἀστήρ verhalte sich zu ἄστρον wie „Stern“ zu „Gestirn“, das sowohl einen Einzelstern als auch einen Sternenhaufen bezeichnen könne.Franz Boll: Der Stern der Weisen. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde des Urchristentums 18 (1917/1918), S. 40–48. Dagegen hielt Theodor Zahn (1922) die Sterndeuter in Mt 2,1–9 für historisch und nahm an, sie hätten eine reguläre Himmelserscheinung gesehen. Die griechischen Worte für „Stern“ oder „Gestirn(e)“ seien damals nur selten unterschieden worden.Theodor Zahn: Das Evangelium des Matthäus. (Leipzig / Erlangen 1922) Nachdruck: Brockhaus, Wuppertal 1984, ISBN 3-417-29211-5, S. 89–105, hier S. 93, Fn. 76.
Otto Betz (1981) verwies auf biblische Bezüge der Episode. Der aufgehende Stern (wörtlich „Stern im Aufgang“) spiele auf an: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen…“.Otto Betz: Wie verstehen wir das Neue Testament? Aussaat-Verlag, Wuppertal 1981, ISBN 3-7615-2263-0, S. 29 Dieser Vers aus den Bileam-Sprüchen kündigt einen Herrscher an, der Israels Feinde ringsum endgültig vernichten werde, und wird daher frühestens in die Regierungszeit von König David um 1000 v. Chr. datiert.Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. 9. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 3-17-030351-1, S. 119; Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte. 7. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1990, ISBN 3-7887-1263-5, S. 209. Bileams Vorhersage wurde im Judentum zur Zeit Jesu auf den zukünftig erwarteten Messias bezogen. Für Ulrich Luz enthält Mt 2,1-12 jedoch keine direkten Sprachanalogien zur Bileamperikope. Der aufgehende Stern sei hier nur Wegweiser zum, nicht Sinnbild des Messias.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus, Band I/1. Patmos, Düsseldorf 2002, ISBN 3-545-23135-6, S. 115.
Dass die Frage der Sterndeuter in Mt 2,2 nach dem neugeborenen „König der Juden“ sich auf den Messias bezieht, zeigt die Reaktion des amtierenden jüdischen Herrschers Herodes in Mt 2,4 und der Tora-Gelehrten in Mt 2,5: Herodes fragt sie nach dem biblisch angekündigten Geburtsort des „Christus“ (Messias) und erhält als Antwort das Zitat von , das sich auf den Davidnachfolger aus Davids Geburtsort Efrata (Bethlehem) bezieht. Das Zitat, ein wahrscheinlich nachexilischer Zusatz, verknüpfte die Messiaserwartung mit dem Motiv der Völkerwallfahrt zum Zion, wo die Völker JHWHs Gebot des universalen Völkerfriedens hören und befolgen, all ihre Kriegsmittel abrüsten und Kriegführung verlernen würden (; siehe Schwerter zu Pflugscharen). Der nachexilische Prophet Deuterojesaja beschrieb diese Völkerwallfahrt in als Folge der zukünftigen Selbstoffenbarung JHWHs auf dem Berg Zion: Daraufhin würden die Völker und ihre Vertreter zum „Lichtglanz deines Aufgangs“ (Jes 60,3) pilgern und dort reiche Gaben überbringen, darunter Gold und Weihrauch (Jes 60,5-7), und sich vor JHWHs Thron (dem Jerusalemer Tempel) niederwerfen (Jes 60,14). Das werde alle Gewalttat gegen und in Israel beenden (Jes 60,18). Betz versteht Mt 2,1-12 als narrative Vorwegnahme dieser biblisch angekündigten Völkerwallfahrt.
Dem kriegerischen Messiasbild stellten spätere Propheten des Tanach ein Messiasbild des gewaltlosen Friedensbringers gegenüber, etwa in . Auch die Logienquelle Q grenzte Jesus von der damaligen Erwartung eines Davidnachfolgers ab, der Israels übermächtige Feinde vernichten werde.Ulrich Wilckens: Theologie des Neuen Testaments Band 1, Teil 4. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2005, ISBN 3-7887-2092-1, S. 117. Die Geburtslegende widerspricht dieser Erwartung ebenfalls: Der Messias kommt nicht, um Israels Feinde zu vernichten, sondern deren Weise suchen ihn, um ihn als Repräsentanten JHWHs, König der Juden und Heilsbringer der Völker zu ehren und ihm zu huldigen. Im Gegensatz dazu versucht der damalige König der Juden, Herodes, der sich als Nachfolger Davids legitimierte, den Messias zu töten. Erst einige Nichtjuden aus dem Ausland erinnern ihn an die Grenzen seiner Macht und daran, dass schon Mi 5,1 nicht die Hauptstadt Jerusalem, sondern das unscheinbare Dorf Bethlehem als Geburtsort des Messias angekündigt hatte.Thomas Holtmann: Die Magier vom Osten und der Stern: Mt 2,1–12 im Kontext frühchristlicher Traditionen. Elwert, Marburg 2005, ISBN 3-7708-1275-1, S. 116.
Antiker Hintergrund Das ursprünglich persische Lehnwort magoi („Magier“) in Mt 2,1.7 bezeichnete im antiken Großreich Persien angesehene, weise und gelehrte Angehörige einer Priesterkaste, Astrologen, Traumdeuter und Heiler. Aus dieser Kaste gingen laut dem jüdischen Philosophen Philon von Alexandria auch große persische Könige hervor. Im Judentum erhielt die Bezeichnung auch negative Nebenbedeutungen („Betrüger“, „Gaukler“, „Scharlatan“). In Mt 2 ist der Ausdruck jedoch im Kontext positiv gemeint. Laut dem römischen Naturhistoriker Plinius dem Älteren reiste der König von Armenien Tiridates, ein „Magier“, im Jahr 66 mit anderen magoi nach Rom, fiel dort vor Kaiser Nero nieder, nannte ihn seinen Herrn und reiste dann auf einem anderen Weg zurück. Im Anschluss an Albrecht Dieterich (1901) wird oft irgendein Einfluss dieser damals weithin bekannten Episode auf die Erzählung Mt 2,1–12 angenommen.Hans-Josef Klauck: Religion und Gesellschaft im frühen Christentum. Mohr Siebeck, Tübingen 2019, ISBN 978-3-16-157256-2, S. 307f.; Albrecht Dieterich: Die Weisen aus dem Morgenlande. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde des Urchristentums III (1901), S. 1–14, hier S. 9 . (Digitalisat)
Besondere Himmelsphänomene wurden in vielen Hochkulturen des Altertums auf wichtige historische Ereignisse bezogen. In den Großreichen Altägypten, Mesopotamien, Persien und Medien hatte die „Sternenkunde“ eine zentrale, staatserhaltende Tradition und Funktion. Dabei wurde noch nicht zwischen Sterndeutung (Astrologie) und Sternbeobachtung (Astronomie) unterschieden. Auch in der Philosophie der Antike war die Beobachtung des Sternenhimmels wesentlich zur metaphysischen Erklärung der Welt (Kosmologie).
Das Judentum grenzte sich von antiker Sternenkunde ab und verbot die Anbetung von Gestirnen als Gottheiten (unter anderem ).Gabriele Theuer: Der Mondgott in den Religionen Syrien-Palästinas: Unter besonderer Berücksichtigung von KTU 1.24. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-53745-X, S. 460. Dennoch fassten auch Autoren der Bibel Himmelsphänomene als Hinweise auf besondere Geschichtsereignisse auf. Sie waren in der biblischen Prophetie jedoch meist Zeichen für das angekündigte Endgericht Gottes: Dabei würden Sterne „sich verfinstern“ oder Sonne und Mond „sich verfinstern“ und „Sterne vom Himmel fallen“, wenn der Menschensohn zum Gericht erscheine .Heinz-Wolfgang Kuhn: Das Ende der Tage und die Gegenwart des Heils. Brill, Leiden 1990, ISBN 90-04-11135-2, S. 161
Kometentheorien mini|Giotto di Bondone: Anbetung der Könige, 1302 Die christliche Theologie des 2. Jahrhunderts, die vom Hellenismus und griechischer Metaphysik beeinflusst war, begann mit der Suche nach dem Stern von Betlehem. Der Theologe Origenes (185 bis etwa 253) meinte bereits, der Stern von Betlehem sei ein Komet gewesen, weil „bei dem Eintritt großer Ereignisse und gewaltiger Veränderungen auf Erden solche Sterne erscheinen“ und nach dem Stoiker Chairemon von Alexandria „manchmal auch bei dem Eintritt glücklicher Ereignisse erschienen seien“.Anna Miura-Stange: Celsus und Origenes: Das Gemeinsame ihrer Weltanschauung. Eine Studie zur Religions- und Geistesgeschichte des 2. und 3. Jahrhunderts. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-098459-0, S. 107; Origenes: Contra Celsum I, Kapitel 58 und 59 auf unifr.ch (P. Koetschau 1926, deutsch)
Seit Beginn des 14. Jahrhunderts stellen Künstler den Stern von Betlehem als Kometen dar. Giotto di Bondone aus Florenz hatte 1301 den Halleyschen Kometen beobachtet, von dem schon antike Quellen recht oft berichtet hatten. Zwei Jahre später stellte er den Stern von Betlehem auf seinem Fresko „Anbetung der Könige“ in der Cappella degli Scrovegni in Padua mit einem Kometenschweif dar.Thomas Wozniak: Naturereignisse im frühen Mittelalter: Das Zeugnis der Geschichtsschreibung vom 6. bis 11. Jahrhundert. In: Hans-Werner Goetz (Hrsg.): Europa im Mittelalter. Historische Zeitschrift Band 313, De Gruyter, Berlin 2021, DOI:10.1515/hzhz-2021-1240, S. 190–193
Der Halleysche Komet war zwischen Oktober 12 v. Chr. und Februar 11 v. Chr. sichtbar, der Erde am nächsten war er am 29. Dezember 12 v. Chr. nach dem gregorianischen Kalender.Berechnungsprogramm Southern Stars Systems – SkyChart III –, Saratoga, California 95070, United States of America. Die Geburt Jesu wird dagegen zwischen 7 und 4 v. Chr. (Tod des Herodes) angesetzt.Eckhart Dietrich: Vom Pietisten zum Freidenker: Unausweichliche Folge konsequenten Nachdenkens. 2011, ISBN 978-3-8448-5375-9, S. 27, Fn. 116