Der Glöckner von Notre-Dame (Originaltitel Notre-Dame de Paris. 1482, auch Notre-Dame von Paris) ist ein 1831 erschienener historischer Roman des französischen Schriftstellers Victor Hugo (1802–1885). Im Mittelpunkt steht die aufwändig geschilderte Kathedrale Notre-Dame de Paris. In ihr spielen die wichtigsten Teile der Romanhandlung, vor allem das Geschehen um die Gestalt des Quasimodo, des Glöckners von Notre-Dame. Der französische Schriftsteller Alphonse de Lamartine (1790–1869) hat Victor Hugo nach Erscheinen des Romans als „Shakespeare des Romans“ gefeiert. mini|Die Kathedrale Notre-Dame de Paris – hier eine Ansicht aus dem Jahr 1776 – gab dem Roman seinen Titel
Inhalt Der Roman beinhaltet mehrere Handlungsstränge, die nach und nach ineinanderfließen und ein buntes und vielseitiges Bild des französischen Spätmittelalters mit all seinen Bevölkerungsschichten zeichnen. Die Geschichte vom missgestalteten Glöckner Quasimodo, der sich in die schöne Esmeralda verliebt, ist – obgleich sie meist als interessant genug angesehen wurde, um sie zur Haupthandlung einer Vielzahl von Verfilmungen zu machen – nur einer dieser Stränge. Der deutsche Titel des Romans Der Glöckner von Notre-Dame ist somit etwas eingeengt, der französische Originaltitel lautet allgemeiner Notre-Dame de Paris. 1482.
Der Poet und Philosoph Pierre Gringoire bildet den ständigen Begleiter in den einzelnen Teilen und verleiht der Handlung durch seine eigenen Ansichten, seine Überlebensstrategien und sein Auftreten als Antiheld einen ironischen, ihr eigenen Humor.
Ein Teil des Romans spielt im „Wunderhof“ (, im heutigen Quartier de Bonne-Nouvelle), so genannt wegen der „Wunderheilungen“ von Simulanten. Hier wohnen neben Landstreichern, Gaunern und Verbrechern auch Roma, darunter Esmeralda. Im Roman selbst werden die Pariser Roma als égyptiens (wörtl. „Ägypter“, zum Begriff siehe hier) bezeichnet, in deutschen Übersetzungen überwiegt die Bezeichnung „Zigeuner“.
Handlung mini|Der 1618 zerstörte Große Saal (Rekonstruktion von 1855), Schauplatz des ersten Kapitels
Den Beginn des Romans bildet eine Massenszene des mittelalterlichen Paris: die Doppelfeier des Dreikönigsfestes und des Narrentages am 6. Januar des Jahres 1482. Diesen Anlass nutzt der Autor einerseits, um die Zügellosigkeit dieses Tages und die damit verbundene, legale Umkehrung der mittelalterlichen christlich-ständischen Ordnung zu schildern, andererseits um das Erscheinungsbild des alten Justizpalastes zu beschreiben und darauf hinzuweisen, dass der Verlust derartiger Bauwerke bedauerlich sei und dadurch ungeahnte Schönheiten verloren gingen. Derartige Anspielungen oder offene Meinungen finden sich noch an verschiedenen Stellen des Romans. Neben den Bürgersleuten und Junkern der Stadt Paris treten in dieser Massenszene auch viele Studenten der Universität von Paris auf, die den allgemeinen Aufruhr nutzen, um mit Lästereien und bösen Späßen die Freiheiten des Tages auszunutzen. An dieser Stelle tritt erstmals der Student Johannes (Jean, Jehan) Frollo, auch Mühlenhans genannt, in die Romanhandlung.
mini|Der Glöckner von Notre Dame. Illustration Luc-Olivier Merson, 1881 Im Rahmen des Narrenfestes soll im Großen Saal des Justizpalastes ein Theaterstück in der Gattung des Sittenspiels aufgeführt werden, dessen Autor der Dichter Pierre Gringoire ist. Dieser Aufführung sollen auch Kardinal von Bourbon und die flämische Gesandtschaft beiwohnen, die die Vermählung des Kronprinzen von Frankreich mit Margarete von Flandern begleiten. Als der Kardinal mit Gefolge um die Mittagsstunde, zu der das Theaterstück beginnen soll, noch nicht eingetroffen ist, erzwingt das Volk den Beginn des Spiels. Zunächst lauschen die Bürger und Bürgerinnen aufmerksam den – für einfache Bürger schwierigen und trockenen – Versen, wobei sie im Allgemeinen eher an den Kostümen der Darsteller als an der Handlung des Stückes Interesse finden. Gringoire nimmt dies mit großem Stolz zur Kenntnis. Wenig später tritt jedoch eine wahre Kaskade von Störungen ein (der Bettler Clopin Trouillefou, das Eintreffen des Kardinals von Bourbon, das Eintreffen der flämischen Gesandtschaft), wodurch die Aufmerksamkeit des Volkes auf andere Schauplätze gelenkt wird. Gringoire treibt dennoch sein Stück weiter voran, obgleich es die Bürger von Paris nicht mehr interessiert und die Gäste langweilt. Schließlich schlägt der Gesandte Jakob (Jacques) Coppenole, Schreiber der Schöppen der Stadt Gent, der sich aber nur als Strumpfwirker vorstellen lassen will, eine Wahl zum Narrenpapst nach „flämischer Sitte“ vor, der das Volk mit großer Begeisterung zustimmt.
Quasimodo wird daraufhin bei einem derben Volksfest zum Narrenpapst gewählt. Quasimodo wurde als missgestaltetes Findelkind von Dom Claude Frollo, dem im Ruf eines Hexers stehenden Archidiakon, aufgezogen und zum Glöckner von Notre-Dame ausgebildet. Eine wichtige Figur des Narrenfestes ist die „Ägypterin“ Esmeralda, die durch ihren Tanz Zuschauer gewinnt und Verfolger anlockt, so auch Dom Frollo. Als Gringoire ihr folgt, beobachtet er, wie Quasimodo im Beisein einer dunklen Gestalt Esmeralda entführen will und dabei von einem Hauptmann der königlichen Leibgarde namens Phoebus gestellt wird. Quasimodo wird für seine Tat zur Züchtigung am Pranger verurteilt. Dabei kommt es zur erneuten Begegnung mit Esmeralda; sie erbarmt sich schließlich, dem mit Steinen Beworfenen Wasser zu geben.
mini|Cour des Miracles, Illustration von Gustave Doré für den Roman Gringoire landet währenddessen bei seiner Suche nach einem Schlafplatz in den Händen der Rotwelschen. Diese bringen ihn in den „Wunderhof“ und wollen ihn hängen, es ist jedoch Sitte, dass er freigelassen wird, wenn eine Frau ihn zum Gemahl haben will. So entschließt sich Esmeralda, ihn zu heiraten, um sein Leben zu retten. Die Ehe wird mit dem Zerbrechen eines Kruges geschlossen. Gringoire lebt von nun an ebenfalls als Landstreicher, erkennt aber schnell, dass seine „Ehe des zerbrochenen Kruges“ eine Josefsehe ist, denn Esmeralda ist überzeugt, nach ihrer Entjungferung ihre Mutter nicht mehr finden zu können.
Esmeralda hat sich allerdings in ihren Retter, den Hauptmann Phoebus, verliebt. Die beiden treffen sich, und unwissend darüber, dass der eifersüchtige Claude Frollo den Hauptmann verfolgt hat, wird Letzterer von eben jenem niedergestochen – wie man aber später erfährt, überlebt Phoebus die Attacke. Esmeralda fällt daraufhin in Ohnmacht und wird des (versuchten) Mordes an Phoebus und der Hexerei angeklagt, da Frollo unbemerkt verschwinden konnte. Das Kirchengericht kann ihr durch Folter mit dem Spanischen Stiefel ein Geständnis erzwingen, und so wird sie mit ihrer Ziege Djali zum Tod durch Hängen verurteilt. Dom Frollo sieht seine Chance, sie für sich zu gewinnen, schleicht sich in das Verlies, in der sie gefangen gehalten wird, gesteht ihr seine Liebe und versucht sie zur Flucht zu überreden. Esmeralda erkennt in ihm aber denjenigen, der ihren geliebten Phoebus niedergestochen hat, und schickt ihn fort, um dem Tod entgegenzutreten. Es gelingt Quasimodo, sie am Tag der Hinrichtung zu retten und vorübergehend Kirchenasyl in Notre-Dame für die Verehrte zu ermöglichen. Dort lebt sie beschützt vor Claude Frollo und entwickelt eine gewisse Zuneigung für den entstellten Quasimodo.
Dom Frollo will sie aber aus seinen Händen entreißen und stachelt Gringoire an, dessen Landstreicherfreunde zu einer Befreiungsaktion zu überreden, als Gegenleistung dafür, dass Esmeralda ihn damals vor dem Tode bewahrte. Quasimodo hält den Angriff der Landstreicher auf die Kirche unter der Führung von Clopin Trouillefou aber für ein Unternehmen gegen Esmeralda und entschließt sich, bis zum Tode Widerstand zu leisten.
mini|Der Grève-Platz, hier während des Johannisfeuers um 1610, Hinrichtungsstätte von Esmeralda Währenddessen erfährt König Ludwig XI. von Frankreich durch seine Wachleute von dem Angriff auf die Kirche. Weil er diesen als persönlichen Angriff auf seine königliche Autorität betrachtet, befiehlt er seinen Soldaten, unter ihnen auch Phoebus, die Bettler zu vertreiben und die Esmeralda zu hängen. Es gelingt ihnen, die Landstreicher in die Flucht zu schlagen, jedoch können sie Esmeralda in der Kirche nicht mehr finden, da Gringoire und Frollo sie bereits aus der Kirche entführt haben, unter dem Deckmantel, sie vor dem Tumult zu retten. Als es so aussieht, als würden sie verfolgt, beschließt Gringoire, statt Esmeralda lieber die Ziege Djali zu retten. Er lässt Esmeralda mit Frollo zurück, der sie auf den Grève-Platz schleift, wo ihre Hinrichtung durchgeführt werden soll. Er stellt sie vor die Wahl, sich entweder für ihn oder für den Tod zu entscheiden. Sie teilt ihm mit, dass sie eher sterben als sich mit ihm einlassen wolle, woraufhin er sie von der Klausnerin festhalten lässt und Tristan l’Hermite und seine Truppen holt, um Esmeralda festnehmen und hinrichten zu lassen. Obwohl die Klausnerin feststellen muss, dass Esmeralda in Wahrheit ihre verlorene Tochter ist, und versucht, sie vor den Häschern zu beschützen, wird Esmeralda schließlich von ihnen gefangen genommen und gehenkt.
Quasimodo, der sie in der Zwischenzeit überall in der Kirche gesucht hat, kommt schließlich der Gedanke, dass Frollo etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte, weil dieser ihr schon vorher mehrfach nachgestellt hat. Er findet Frollo auf dem Turm der Kathedrale, wie dieser aus der Ferne die Hinrichtung von Esmeralda beobachtet. Von Schmerz und Hass überwältigt, stürzt Quasimodo daraufhin seinen Herrn Dom Frollo in die Tiefe und verschwindet noch am selben Tag spurlos aus Notre-Dame und Paris.
Etwa zwei Jahre später findet man in der Gruft von Montfaucon zwei ineinander verschlungene Skelette, das der Esmeralda und das des Quasimodo.
Figuren Pierre Gringoire Pierre Gringoire ist der Sohn des Pächters der Amtsschreiberei von Gonesse; sein Vater wurde von den Burgundern gehängt. Weil auch seine Mutter starb (sie wurde von den Pikarden bei der Belagerung von Paris etwa 20 Jahre zuvor getötet), war er seit seinem 6. Lebensjahr Waise. Bis zum sechzehnten Lebensjahr schlug er sich mit Betteln durch. Abends ließ er sich von der Wache aufgreifen, um nachts ein Strohbett in einer Zelle zu haben. Nachdem er erfahren hatte, dass er weder zum Soldaten, Mönch noch zum Zimmermann taugte, stieß er auf die Schulmeisterei. Sein Analphabetismus war für ihn kein Hindernis, so machte er sich zum Dichter und Tonsetzer, was ihm mehr lag als das Stehlen. Der Priester Claude Frollo machte ihn schließlich zu seinem Lehrling, so dass Gringoire heute – mit 26 Jahren – sehr gebildet und kreativ ist. Dennoch ist er ein eher erfolgloser Dichter und Philosoph. Er beherrscht viele Fremdsprachen, darunter Altgriechisch und Latein. Pierre Gringoire ist groß, dünn, hat blondes Haar und für sein Alter zu viele Falten. Er hält sich selbst für einen großen Künstler und reagiert sehr gereizt, wenn jemand seine Werke kritisiert. Sonst ist er ein eher ruhiger und sehr lebensfroher Mann, der stets auf der Suche nach neuen Wegen und Zielen ist.
Pierre Gringoire hatte in das Rotwelschenreich eingeheiratet. Als er durch Zufall in den Wunderhof der Bettler hineingerät und daraufhin gehenkt werden soll, erbarmt sich La Esmeralda und ehelicht ihn, um ihm so das Leben zu retten. Allerdings führen die beiden eine recht unpersönliche und lieblose Beziehung ohne jeglichen Körperkontakt. Pierre findet mehr Gefallen an der Ziege Djali. Auch während des Hexenprozesses gegen Esmeralda und Djali hat er mehr Mitleid mit der Ziege. Während des Kampfes um die Kathedrale gelingt es ihm, Esmeralda durch eine kleine Pforte nach draußen zu bringen, doch nur, um sie wieder Claude Frollo in die Hände zu spielen, der sie nun endgültig an den Galgen bringt.