mini|San Martín in Frómista mini|

San Martín in Frómista ist eine Kirche und einer der frühesten hochromanischen Großbauten Spaniens. Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144.

Geografische Lage Sie liegt am Jakobsweg. Frómista ist eine Gemeinde in der Provinz Palencia der Autonomen Gemeinschaft Kastilien und León. Die Kirche lag in dem ursprünglich nicht zu Frómista gehörenden Dorf San Martín, das aber inzwischen längst nicht mehr davon zu unterscheiden ist.

Geschichte mini|Modell der Kirche mit aufgestocktem Vierungs- und separatem Treppenturm mini|Modell des Zustands der Kirche unmittelbar vor Beginn der Restaurierung

Eine Kirche und ein Benediktiner-Kloster an dieser Stelle wurden im Testament der Königin Munia Mayor, geborene Gräfin von Kastilien, und Witwe von König Sancho III. von Navarra, vom 13. Juni 1066 erstmals erwähnt. Die Königin hatte hier ihren Witwensitz genommen, mit dem Bau der Kirche begonnen Schäfke: Nordwest-Spanien, S. 175f; Palol: Spanien, S. 74. und setzte Kloster und Kirche zu Teilerben ihres Vermögens ein. Puertas: San Martín de Frómista, S. 13. Dieses Vermögen ermöglichte den Bau einer prachtvollen Kirche, die im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts in einer Bauzeit von 15 bis 20 Jahren, durchgehend und ohne Bauunterbrechung Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144. , entstand. Puertas: San Martín de Frómista, S. 16. Enge Beziehungen bestehen zur Kathedrale von Jaca und der Basilika San Isidoro in León. Palol: Spanien, S. 71. Beide Bauten wurden ebenfalls aus dem familiären Umkreis von König Sancho III. finanziert Puertas: San Martín de Frómista, S. 16. und auch die Handwerker scheinen zum Teil dieselben gewesen zu sein. Klein: Die Figurenkonsolen, S. 175. Nach der Kathedrale von Jaca und der Basilika San Isidoro entstand hier die dritte große romanische Kirche Spaniens. Schäfke: Nordwest-Spanien, S. 176.

1118 unterstellt Königin Urraca, eine Urenkelin der Königin Munia, Kirche, Kloster und die zugehörige Siedlung, San Martín, dem Kloster San Zoilo in Carrión de los Condes. San Martín wurde so zum Priorat dieses Klosters. Während des ganzen folgenden Mittelalters gab es ständig Streit zwischen der Stadt Frómista und den dem Kloster San Zoilo um Rechte in und an dem Dorf San Martín, was bis zu militärischen Auseinandersetzungen führte. Dabei wurde 1418 der südliche, die Westfassade der Kirche flankierende Turm, weitgehend zerstört. Puertas: San Martín de Frómista, S. 16, 36f. Erst 1488 konnte der Streit beigelegt werden. Puertas: San Martín de Frómista, S. 17.

1453 ereignete sich ein Hostien-Wunder in San Martín. Die Patene, die dabei genutzt wurde, und die Hostie wurden bis ins 19. Jahrhundert in der Kirche verehrt. Puertas: San Martín de Frómista, S. 21–29. Die Patene – ohne Hostie – und die zugehörige Monstranz, in der sie gezeigt wurde, befinden sich heute im Museum der benachbarten Kirche San Pedro. Puertas: San Martín de Frómista, S. 29; Tisné: Spanien, S. 12. links|mini|204x204px|Kardinal Enrique Almaraz y Santos (1847–1922), Initiator der Restaurierung am Ende des 19. Jahrhunderts Ebenfalls im 15. Jahrhundert erhielt der Vierungsturm zwei zusätzliche Geschosse. Das Treppenhaus zu diesen Räumen wurde in einem extern und separat errichteten Turm untergebracht, von dem aus eine Brücke zum Vierungsturm führte. Puertas: San Martín de Frómista, S. 17. Weitere, kleinere Anbauten wurden angefügt. Puertas: San Martín de Frómista, S. 20. Der Aufstockung des Vierungsturms war die Statik des Bauwerks auf die Dauer aber nicht gewachsen. Die Subkonstruktion gab langsam nach, so dass das Gebäude in den 1870er Jahren gesperrt werden musste. Puertas: San Martín de Frómista, S. 21.

1894 wurde die Kirche schließlich unter Denkmalschutz gestellt und dann von 1896 bis 1904 durch den Architekten Manuel Aníbal Álvarez Amoroso (1850–1930) umfangreich restauriert. Dahinter stand der damalige Bischof von Palencia und spätere Kardinal Enrique Almaraz y Santos (1847–1922). Schäfke: Nordwest-Spanien, S. 176. Bei der Restaurierung war die „perfekte romanische Kirche“ Leitvorstellung. Die Teile, die die Beteiligten für nachträgliche Anbauten hielten und alle Reste der ehemaligen Klosteranlage Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144; Schäfke: Nordwest-Spanien, S. 176. , wurden abtragen, fehlende Teile ergänzt und ein Teil der Bauskulptur, als schlecht erhalten eingestuft, durch Rekonstruktionen ersetzt. Das hat dazu geführt, dass die Kirche auf den ersten Blick wie ein historistisches Gebäude wirkt Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144. und zu vehementer Kritik an den Arbeiten geführt Puertas: San Martín de Frómista, S. 21. , die auch schon mal als „verheerende Restaurierung“ Klein: Die Figurenkonsolen, S. 179. oder „allzu gründliche Restaurierung“ Tisné: Spanien, S. 12. charakterisiert werden. Andere behaupten dagegen, die Kirche sei damals „behutsam restauriert“ worden Puertas: Die Kirche, S. 2. und die Ausführenden hätten Sorgfalt walten lassen. Schäfke: Nordwest-Spanien, S. 176.

San Martin war im 19. Jahrhundert, nach Auflösung der Klöster, eine von mehreren Pfarrkirchen des Ortes. Puertas: San Martín de Frómista, S. 12; Puertas: Die Kirche, S. 4. Heute werden dort nur noch zu besonderen Anlässen Gottesdienste abgehalten.

Architektur mini|Grundriss

Anlage Die Kirche ist eine dreischiffige Pseudobasilika Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144, und Palol: Spanien, S. 74, sprechen von einer Hallenkirche. auf dem Grundriss eines Lateinischen Kreuzes, die Vierung durch eine Kuppel betont. Alle drei Schiffe haben vier Joche und Tonnengewölbe. Die Gewölbe von Mittelschiff und Querschiff beginnen genau auf der Höhe, wo die der Seitenschiffe ihren Scheitel haben.Frómista – San Martín, v. a. das erste Foto des Abschnitts „Capiteles interiores“ Es ist das erste Mal, dass in Spanien eine romanische Kirche komplett eingewölbt wurde. Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144f. Sowohl das Mittelschiff als auch die Seitenschiffe schließen je mit einem Chor nach Osten ab.

Äußeres Der Staffelchor wird von Säulen mit reich skulpturierten Kapitellen vertikal, das gesamte Gebäude – außer der Westfassade – durch ein Gesims aus schachbrettartig versetzten Röllchen horizontal gegliedert. Über ihm befinden sich die Fenster. Der Vierungsturm ist achteckig mit Seitenwänden in zwei unterschiedlichen Breiten. Die Westfassade wird von zwei kleinen Rundtürmen flankiert.

Die Steinmetzarbeiten an der Kirche sind herausragend. Von den 46 äußeren Kapitellen zeigt die Hälfte pflanzliche Motive. Darüber hinaus gibt es Flechtbänder, Tiere, aber keine Fabelwesen. Vertreten sind: Affen, Löwen, Schlangen, ein Hahn und ein Kapitell zeigt Pelikanen Puertas: San Martín de Frómista, S. 41. Weitere Kapitelle tragen szenische Darstellungen. Puertas: San Martín de Frómista, S. 44. Besonders aber sind die 309 Konsolfiguren Puertas: San Martín de Frómista, S. 45. an den Sparren unter den Dachüberständen, die Pflanzen, Tiere, Fabelwesen, Menschen und auch einige erotische Darstellungen, wie den „Phallusmann“ zeigen (am Giebel des nördlichen Querschiffs). 86 von ihnen wurde bei der Restaurierung von 1896 bis 1904 ersetzt. Puertas: San Martín de Frómista, S. 45. Jedoch halten sich die Kopien – soweit das heute anhand von Abgüssen der Originale und historischen Fotografien beurteilt werden kann – hinsichtlich der dargestellten Motive überwiegend an den historischen Bestand. Klein: Die Figurenkonsolen, S. 175. Vier Gruppen lassen sich feststellen: Einige wenige mit geometrischen Motiven Puertas: San Martín de Frómista, S. 45. , einige wenige mit pflanzlichen Motiven Puertas: San Martín de Frómista, S. 48. , Tiermotive Fabelwesen und Wassertiere fehlen völlig (Puertas: San Martín de Frómista, S. 48). und Darstellungen von Menschen. Puertas: San Martín de Frómista, S. 50ff.

Die Deutungen der Darstellungen sind unterschiedlich Sehr skeptisch zu allen Deutungsversuchen äußert sich Puertas: San Martín de Frómista, S. 51–55. : Während Horst Bredekamp die Skulpturen als didaktische Hinweise an die Pilger deutet, was verwerflich und was zu vermeiden sei, geht Peter K. Klein davon aus, dass hier – am Rand des Gebäudes – der Rand der Welt dargestellt ist: alles was randlich und deswegen unheimlich ist. Klein: Die Figurenkonsolen, S. 179.

Inneres

Eingänge befinden sich sowohl in der Westfassade als auch an jeder Seite des Gebäudes.

Dem Inneren der Kirche fehlt heute die mittelalterliche Bemalung, die wohl vorhanden war, aber nicht dokumentiert ist. Puertas: Die Kirche, S. 3. Sollten Reste davon erhalten gewesen sein, so sind sie der „Restaurierung“ am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen. Einzig die 50 Kapitelle, die in die kleinsten Einzelheiten ausgearbeitet sind, verblieben. Die meisten Steinmetzarbeiten sind gut erhaltene Originale. 11 Kapitelle sollen rekonstruierende Ersatzstücke sein, sieben davon sind mit einem roten "„R“" gekennzeichnet Puertas: San Martín de Frómista, S. 65. – ungewöhnlich für die damalige Zeit. Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144. Die ausgebauten Originale befinden sich zum Teil im Museo de Palencia in Palencia (Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 144). Ihr Programm gleicht denen der Außenseite: Sie stellen Pflanzen, Tiere und Menschen dar. Puertas: San Martín de Frómista, S. 63. Einige Kapitelle lassen den Schluss zu, dass die Handwerker Techniken aus dem islamischen Kulturkreis übernommen haben. Puertas: San Martín de Frómista, S. 69. Bei einem, dem sogenannten Orestes-Kapitell, stand nachweislich das Relief eines in der Umgebung gefundenen römischen Sarkophags Modell. Höllhuber: Der spanische Jakobsweg, S. 145.

In den Trompen des Vierungsturms befinden sich die Symbole für die vier Evangelisten. Die Kuppel des Turms wurde bei der Restaurierung am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts neu errichtet. Die Inschrift des Schlusssteins nimmt Bezug auf König Alfons XIII. (1886–1941).

Ausstattung Nur drei Figuren schmücken heute noch den Innenraum. Sie befinden sich in der Hauptapsis Puertas: San Martín de Frómista, S. 62. : der Patron der Kirche, der heilige Martin von Tours, der Apostel Jakobus (die Kirche befindet sich am Jakobsweg) und ein Kruzifix aus dem späten 13. Jahrhundert. Hier hängt auch eine schmiedeeiserne Öllampe aus dem 19. Jahrhundert mit der Inschrift „DONA MUNIA“, dem Namen der Stifterin, Königin Munia Mayor. Puertas: Die Kirche, S. 3.

Denkmalschutz San Martín ist ein Baudenkmal und steht seit 1894 als Bien de Interés Cultural unter Denkmalschutz. Im Denkmalverzeichnis ist es unter der Nummer R.I. – 51 – 0000066 – 00000 registriert. Eintrag im spanischen Denkmalverzeichnis. Als Teil des Jakobswegs hat die Kirche Teil an dessen Status als Weltkulturerbe. Eintrag auf der Homepage der UNESCO.

Literatur Horst Bredekamp: Wallfahrt als Versuchung. San Martín in Frómista. In: C. Fruh u. a. (Hg.): Kunstgeschichte aber wie?, Berlin 1989, S. 221–258. Neuaufl. 2004. Dietrich Höllhuber und Werner Schäfke: Der spanische Jakobsweg. Geschichte und Kunst auf dem Weg nach Santiago de Compostela. DuMont, [Köln] 1999. ISBN 3-7701-4862-2 Peter K. Klein: Die Figurenkonsolen von San Martín in Frómista und die Tradition der „Marginal Images“. In: Achim Arbeiter u. a. (Hg.): Hispaniens Norden im 11. Jahrhundert. Christliche Kunst im Umbruch / El Norte Hispánico en el siglo XI. Imhof, Petersberg 2009, S. 175–182. Pedro de Palol, Max Hirmer: Kunst des frühen Mittelalters vom Westgotenreich bis zum Ende der Romanik. Hirmer, München 1965, ISBN 3-7774-5730-2 Carlos Arroyo Puertas: Die Kirche San Martín [Führungsblatt]. O. O., vor 2019. Carlos Arroyo Puertas: San Martín de Frómista. Deutsch. Übersetzung: Heidrun Wessel. Cálamo, 2. Auflage, Palencia 2007. Werner Schäfke: Nordwest-Spanien. Landschaft, Geschichte und Kunst auf dem Weg nach Santiago de Compostela. DuMont, Köln 1987. ISBN 3-7701-1589-9