Die Lauenburg-Ratzeburgische Bibelgesellschaft wurde 1816 in Ratzeburg gegründet. Sie diente bis 2016 als Bibelgesellschaft im Bereich der Propstei Lauenburg im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland nicht dem Druck eigener Bibeln, sondern vor allem der Verbreitung andernorts gedruckter Bibeln sowie bibelpädagogischen Aktionen. Sie war von 1980 bis 2012 Mitglied des Vereins Nordelbische Bibelgesellschaften e. V. und bis 2016 an der Vollversammlung der Deutschen Bibelgesellschaft beteiligt. der Deutschen Bibelgesellschaft, auf www.dbg.de (abgerufen am 10. Juni 2013)
Vorgeschichte: Die Ratzeburger Bibeln Der Ratzeburger Buchdrucker Sigismund Hoffmann heiratete 1691 die Witwe seines Vorgängers Niclas Nissen und übernahm die Druckerei auf dem Domhof Ratzeburg. Er machte sich dadurch einen Namen, dass er schon 1692 eine plattdeutscheLudwig Hellwig: Beiträge zu einer Chronik des Domhofes bei Ratzeburg, in: Archiv des Vereins für die Geschichte des Herzogthums Lauenburg, Jahresband 1893, S. 37 f.: „Im unteren östlichen Kreuzgang bestand bis 1811 eine fürstliche Druckerei. Sie wurde 1665 circa begründet von einem Lübecker Ulrich Wettstein, der sein Privileg indessen an Niclas Nissen aus Schleswig abtrat. Nach Nissen sind fürstliche Drucker auf dem Dom gewesen: Tobias Schmidt 1688–1691, Sigmund Hoffmann ([1692–]1711); Andreas Harz, Hieronymus Christian Schmidt, endlich von 1771–1811 Zacharias Hinrich Gläser. Unter andern ist hier die sogenannte Lüneburger (plattdeutsche) Bibel um 1692 gedruckt worden.“ (Hellwigs Angabe ist zweifelhaft: Die Lüneburger Bibel ist in hochdeutscher Sprache verfasst.) und 1695 eine hochdeutsche Bibelhttps://purl.uni-rostock.de/rosdok/ppn730579824 mit Bildern druckte. In der Vorrede zu der nach Lüneburger Vorbildhttp://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd17/content/titleinfo/12189849 gedruckten hochdeutschen Bibel bezeichnete der Verleger das von ihm gedruckte Buch „als das neu aufpolierte Schwert des Herrn“, das er den fünf Hauptkirchen Hamburgs anheften möchte. Die Hansestadt stellte er in Bild und Wort als einen Berg Zion dar, von wo die Bibel in alle Lande leuchtet und „strahlet bis an der Welt Ende“. Hamburg hatte damals den Ruhm, trotz der von allen Seiten anstürmenden Feinde der Bibel den Schatz des reinen Worts bewacht und behalten zu haben. Auf dem Kupferstich eingangs der Bibel sind „die verschiedenen Widersacher, nämlich die Papisten, die Vernunftchristen, die Atheisten, die Mystiker, die das innere Licht gegen das Wort ausspielen, und die Buchstabentheologen, die um die Hülsen kämpfen“Martin Fischer-Hübner: Die Buchdruckerei auf dem Domhof zu Ratzeburg, in: Lauenburgische Heimat, Alte Folge 1/1929, S. 102., zu sehen, wie sie der Skulpteur Winterstein dargestellt hat. Diese Widmung Sigismund Hoffmanns machte den Glaubensstand der umgebenden Landeskirchen deutlich. 1690 war in der Ratzeburger Druckerei der lutherische Katechismus des mecklenburgischen Superintendenten Hector Mithobius aus dem Jahr 1650 neu verlegt worden. Und was von Hamburg zu sagen war, galt auch für Lübeck, Lüneburg, Lauenburg und Mecklenburg, wo man auf Bibel, Katechismus und Luthers reiner Lehre das Kirchenwesen aufbaute.
Als eigentliche „Ratzeburger Bibel“ gilt jedoch eine dritte Ausgabehttps://purl.uni-rostock.de/rosdok/ppn83762326X: 1702 druckte „auf Veranlassung eines christlichen Freundes in Lübeck der Ehrenveste und Kunst-Erfahrne Herr Sigismund Hoffmann, wohlbenahmter Buchdrucker in Ratzeburg, ein unschätzbares Bibel-Buch sauber und reinlich“.Aus der Vorrede von Georg Heinrich Götze, zitiert bei Otto F. A. Meinardus: Zur Ratzeburger Bibel von 1702. In: Hermann Augustin (Hrsg.): Lauenburger Land, achte des Herrn Wort! Festschrift zum 175jährigen Bestehen der Lauenburg-Ratzeburgischen Bibelgesellschaft 1816–1991. Ratzeburg 1991, S. 41 ff. Der Text dieser Bibel entspricht der bei Kaspar Holwein in Stade im Jahr 1698 gedruckten Lutherbibel. Um den sogenannten Stader Text hatte sich der Generalsuperintendent der Herzogtümer Bremen und Verden, Johann Dieckmann (1647–1720) verdient gemacht. Dieckmann war zwar in weiten Kreisen der lutherischen Orthodoxie wegen seiner Wertschätzung von Johann Arndts Wahrem Christentum als Pietist und wegen seiner Duldsamkeit gegenüber den Reformierten als Kryptocalvinist in Verruf geraten, doch wurde seine wissenschaftliche Bibelarbeit auch vom lutherischen spätorthodoxen Lübecker Superintendenten Georg Heinrich Götze positiv gewürdigt. Dieckmann war vor allem ein guter Orientalist und ein Vorläufer der deutschen Philologie.
Der gründlich revidierte Text der Stader Bibel bildete nicht nur die Grundlage der Ratzeburger, sondern auch der weitverbreiteten Canstein-Bibel. Zweifelsohne war es der beste, von Druckfehlern gereinigte Luthertext, der auch mit den Wittenberger Bibelausgaben von 1557, 1565 (Hans Lufft) und 1575 (Schwertel) und den späteren Lüneburger Editionen verglichen worden war. Orthographie und Zeichensetzung erscheinen normalisiert und nach der „Concordanz-Bibel“ von Friedrich Lankisch (1618–1669) vereinheitlicht.
Geschichte Das Gründungsjahr Es ist nicht einfach, ein unzweideutiges und unbestreitbares Datum für die Gründung der Lauenburg-Ratzeburgischen Bibelgesellschaft anzugeben. Der Gründung war eine längere Vorbereitungsphase vorausgegangen. 1816 hatte der schottische Pfarrer Dr. Ebenezer Henderson Ratzeburg aufgesucht und die Zweckmäßigkeit einer Bibelgesellschaft angeregt. Am 18. August 1816 wurde dann in Anwesenheit des lauenburgischen Superintendenten Carl Johann Conrad Wynecken und einer Reihe von Notabeln, darunter Graf Cay Friedrich von Reventlow als Gouverneur für Lauenburg, beschlossen, eine Bibelgesellschaft zu gründen. Auch wurde ein Satzungsentwurf grundsätzlich akzeptiert.
Zwei Jahre später, am 29. Oktober 1818, wurde in Anwesenheit von Dr. Henderson zu einer Gründungsversammlung eingeladen. Bei dieser Versammlung wurde die Bibelgesellschaft, die an sich bereits bestand, Mitglieder hatte und auch Beiträge einsammelte, offiziell gegründet. Ein drittes Datum wäre der 30. Juni 1819. An diesem Tage wurden durch die Mitglieder der Bibelgesellschaft die „Gesetze der Gesellschaft“ bestätigt. Da das Treffen im August 1816 bereits Beschlusscharakter besaß und eine Satzung grundsätzlich akzeptiert wurde, könnte dieses Jahr als Gründungsjahr gelten.
Gründung und Genehmigung Als Cay Friedrich von Reventlow, der ältere Bruder von Graf Fritz von Reventlow in Emkendorf, 1816 das Amt des Gouverneurs und Landdrosts des für Dänemark gewonnenen Herzogtums Lauenburg annahm, wurde die Verbreitung des biblisch fundierten Glaubens sein persönliches Anliegen. Nicht nur als erster offizieller Patron, sondern als gläubiger Christ förderte er in jeder Hinsicht die Verbreitung der Bibel durch die Arbeit der Lauenburg-Ratzeburgischen Bibelgesellschaft. Für fast zwanzig Jahre diente er dieser Bibelgesellschaft als ihr Präsident. 1834 starb er als letzter Vertreter des dänisch-deutschen Adelskreises um Andreas Peter von Bernstorff.
Im August 1816 erschien Dr. Ebenezer Henderson, Agent der British and Foreign Bible Society (BFBS) und später in England Professor für orientalische Sprachen, in Ratzeburg, um die Gründung einer Bibelgesellschaft zur Verbreitung der Heiligen Schrift anzuregen. Ratzeburg war eine weise Wahl, denn in dieser Stadt waren die Kirchen zweier Länder vertreten: die Kirche des (damals dänischen) Herzogtums Sachsen-Lauenburg und die Kirche des zum Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz gehörenden Fürstentums Ratzeburg.
Zum 18. August 1816 hatte der lauenburgische Konsistorialrat und Superintendent Karl Johannes Conrad Wynecken eine Anzahl der angesehenen Einwohner von Ratzeburg zu einer Zusammenkunft mit Dr. Henderson in seinem Hause eingeladen. Dr. Henderson legte der Versammlung einen gedruckten, im Allgemeinen gefassten Entwurf zur Gründung einer Bibelgesellschaft vor.
Schon am 20. September 1816 erfolgte die Genehmigung durch König Frederik VI. von Dänemark und am 1. Oktober 1816 durch Großherzog Carl von Mecklenburg-Strelitz. So wurde die Sache der Bibelgesellschaft zu einer öffentlichen, vom Staate anerkannten und in dessen Schutz gestellten Angelegenheit, wie die damals anlässlich der Genehmigungen ausgesprochenen Gesinnungen der Herrscher deutlich zu erkennen geben.
Unterstützungen Nach langen Beratungen zwischen dem dänischen Gouverneur von Reventlow und den beiden leitenden Geistlichen, Konsistorialrat und Dompropst Carl Gottlob Heinrich Arndt für das Fürstentum Ratzeburg und dem Nachfolger Wyneckens, dem Superintendenten Friedrich Christian Block für die sachsen-lauenburgische lutherische Landeskirche, erhielten alle Pastoren am 13. April 1818 eine gedruckte Aufforderung, sich um die Sammlung von Unterschriften für die geplante Bibelgesellschaft zu bemühen und für Beiträge an sie einzusetzen.
Von den 35 Kirchspielen, 27 im Herzogtum Lauenburg, acht im Fürstentum Ratzeburg, folgten 33 Kirchspiele dem Aufruf und lieferten auch ansehnliche Beiträge. Die Anzahl derer, die Geld gestiftet hatten, belief sich auf 1.091. Mitglieder und Wohltäter setzten sich zusammen aus bemittelten und Unbemittelten, aus Handwerkern, Bauern („Gottes Wort mut holpen warden!“), Tagelöhnern, Witwen, Knechten und Dienstmägden. Beiträge waren inzwischen auch von Schulen im Fürstentum Ratzeburg und Herzogtum Lauenburg eingegangen. Am 26. November 1818 hatten außerdem 33 Domschüler in Ratzeburg einen Verein zur Verbreitung der Bibel gegründet.
Bei einer Versammlung am 29. Oktober 1818 wurde die Bibelgesellschaft, die an sich bereits bestand, im Beisein von Dr. Henderson offiziell gegründet. Nachdem Superintendent Friedrich Christian Block einen Bericht über den Erfolg der bisherigen Bemühungen gegeben hatte, wurde zur einstweiligen Geschäftsführung ein „engern Ausschuß“ aus zwölf Mitgliedern gebildet. Die Prediger aller Gemeinden wurden ersucht, „ein Verzeichnis der sich bei ihnen um Bibeln meldenden Personen, deren Armuth und Rechtlichkeit ihnen bekannt sei, einzusenden, um zu bestimmen, ob denselben der ganze Preis, oder ein Viertel, die Hälfte oder drei Viertel desselben zu erlassen sei“.
Am 30. Juni 1819 wurde eine Mitgliederversammlung im Saal des Ratskellers zu Ratzeburg abgehalten, um die 14 Paragraphen der „Gesetze der Gesellschaft“ zu bestätigen. Fünfzehn Vertreter der Lauenburger und Ratzeburger Gemeinden nahmen an der Veranstaltung teil. „Der Zweck der Gesellschaft ist die Verbreitung der Heiligen Schrift nach der Lutherischen Übersetzung ohne Anmerkungen und Erklärungen.“
Die neue Bibelgesellschaft erhielt 150 Pfund Sterling von der BFBS aus London, 100 Pfund über das Altonaer Kaufhaus Gilbert van der Smissen und für 50 Pfund 405 Neue Testamente. Von der Schleswig-Holsteinischen Bibelgesellschaft wurden zunächst einmal 100 Schul- und 50 Handbibeln, und bei der Helwingschen Hofbuchhandlung in Lemgo 400 Schulbibeln gekauft. Schon im ersten Jahr der Tätigkeit wurden 492 Bibeln ausgegeben.
Viele erfreuliche Nachrichten kamen aus dem Arbeitskreis der Bibelgesellschaft und aus den Kirchengemeinden. Der erste Hilfsverein wurde in Herrnburg, der zweite zu Seedorf gegründet. Außerdem waren die Gründungen von Hilfsvereinen in Lauenburg, Selmsdorf, Sahms und Hohenhorn zu erwarten.
Eine rege Korrespondenz und ein Austausch von den gedruckten Jahresberichten wurde mit den Bibelgesellschaften in London, Schleswig, Hannover, Hamburg-Altona, St. Petersburg, Kopenhagen und Stuttgart gepflegt. Diese Berichte wurden nicht nur gelesen, Teile davon wurden in den eigenen Veröffentlichungen abgedruckt und auch kommentiert. Der „engern Ausschuß“ traf sich in den ersten Jahren des Bestehens fast monatlich entweder im Hause des Gouverneurs, in der fürstlichen Propstei oder in der Superintendentur. Auffallend ist die fast vollzählige Beteiligung der zwölf Ausschuss-Mitglieder an den Sitzungen.
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