Das Teatro San Cassiano (auch Teatro di San Cassiano oder Teatro Tron di San Cassan(o)) in Venedig war das weltweit erste öffentliche Opernhaus, eingeweiht als solches 1637. Die ersten schriftlichen Erwähnungen des Baus stammen aus dem Jahr 1581. Das Theater stand im Pfarrbezirk San Cassan, nach dem es benannt wurde, im Stadtteil (Sestiere) Santa Croce. Das San Cassiano gehörte der Familie Tron und war das erste öffentliche Opernhaus in dem Sinne, dass Opern für ein zahlendes Publikum inszeniert wurden. Zuvor wurden Opern nur zu privaten Zwecken aufgeführt und blieben der Aristokratie und Hofgesellschaft vorbehalten. Somit war das Teatro San Cassiano die erste Kulturinstitution, die der allgemeinen Öffentlichkeit einen Zugang zum Event „Oper“ ermöglichte.

Im Jahr 2019 wurde von dem englischen Unternehmer und Musikwissenschaftler Paul Atkin ein beispielloses Projekt ins Leben gerufen. Dieses setzt sich zum Ziel, das Theater von 1637 möglichst originalgetreu zu rekonstruieren. Durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern mit Experten venezianischer Handwerkskunst soll das Theater samt historischer Bühnenmaschinerie und beweglichen Bühnenelementen rekonstruiert werden. Weiterhin soll mit der Rekonstruktion des Theaters ein internationales Forschungszentrum entstehen, in welchem sich auf theoretischer und praktischer Ebene mit historisch-informierter Aufführungspraxis der Barockoper auseinandergesetzt wird.

Das 16. Jahrhundert Die ersten schriftlichen Erwähnungen des Theaters stammen aus dem Jahr 1581. Dabei wird auf das Theater für „commedie“ der Familie Tron in zwei verschiedenen Briefen Bezug genommen. Zum einen in einem Brief von Ettore Tron an den Herzog Alfonso II. d’Este, datiert auf den 4. Januar 1580 more Veneto (nach heutiger Zeitrechnung 1581), zum anderen in Francesco Sansovinos Venetia città nobilissima et singolare,Veröffentlicht bei Iacomo Sansovino, Venedig, 1581, S. 75. https://archive.org/details/venetiacittanobi00sans/page/n165/mode/2up in welchem zwei Theater im Pfarrbezirk San Cassan erwähnt werden. Diese zwei Theater werden als jeweils ein rundes und als ein eiförmiges Gebäude beschrieben, wovon das runde Gebäude als das Michiel-Theater und das eiförmige als das San Cassiano interpretiert wird. Dies lässt sich aus den überlieferten Grundstücksgrenzen herleiten und wurde von Historikern bestätigt. In dem Brief an Herzog Alfonso II. d’Este schreibt Tron von „Ausgaben großer Bedeutung für die Aufführung von Komödien“ und weist auch darauf hin, wie begehrt das neue Projekt zu sein scheint:

Dies bedeutet nicht nur, dass das Theater von der Stadtbevölkerung gut angenommen wurde, sondern bestätigt auch, dass Logen bereits im Erstbau des Theaters vorhanden waren. Jene neuartigen Theaterlogen sollten später ein architektonisches Kernelement der italienischen Opernbauten (teatro all’italiana) werden. Der Bau der Logen wird abermals in einem Brief aus Venedig von Paolo Mori (Repräsentant des Herzogs von Mantua) vom 7. Oktober 1581 erwähnt, in dem von „Logen der zwei zielstrebig errichteten Veranstaltungsorte“ gesprochen wird. Zusätzlich wird in Antonio Persios Trattato de’ Portamenti (1607) innerhalb eines Absatzes mit Bezug auf entweder das Tron- oder Michiel-Theater im Jahr 1593 berichtet, dass der Adel „fast komplett alle Logen gemietet“ hatte.

Wenn bedacht wird, dass das Theater um 1580 errichtet und Theaterlogen erstmals in diesem Theater gebaut und genutzt wurden (von architektonischem und kommerziellem Standpunkt aus ein innovatives Merkmal), erklärt sich, warum der Rat der Zehn 1580 einen neuen Beschluss bezüglich der städtischen Theater verabschiedete. Es waren Zweifel an der Stabilität und Sicherheit der Theaterbauten aufgekommen, denn die Theater sollten „stark und sicher sein, sodass sie nicht zusammenbrechen könnten“. Daraufhin wurde ein Dekret erlassen, welches die Sicherheit der bautechnischen Struktur gewährleisten sollte. Hieraus lässt sich schließen, dass die Sicherheitsbedenken des Rates der Zehn eine direkte Reaktion auf das Novum der Theaterlogen sein könnten. Dies würde außerdem erklären, warum der Rat der Zehn Experten heranzog, um strukturelle Mängel auszuschließen und eine grundsätzliche Stabilität der Theaterbauten zu bestätigen. Das Tron-Theater (gemeinsam mit dem Theater der Michiel-Familie nahe dem Canal Grande) wurde allerdings auf Anordnung des Rates der Zehn im Jahr 1585 geschlossen und jegliche Holzelemente, die mit dem Theaterbetrieb zu tun hatten, entfernt.Eugene J. Johnson: The Short, Lascivious Lives of Two Venetian Theaters 1580–1585. In: Renaissance Quarterly. Band 55, Nr. 3, 2002, S. 954, 963. „Within 15 days they must dismantle entirely the boxes, scenery, and other movable things in the places they have constructed to perform Comedies, so that nothing remains for that effect“ (Dokument vom 14. Januar 1585 more veneto). Das Tron-Theater (heute Teatro San Cassiano) wurde jedoch wahrscheinlich nach 1607 wieder eröffnet.

Das 17. Jahrhundert

Bau des Theaters 1637: die Entstehung des weltweit ersten Opernhauses mini|hochkant=1.5|Reproduktion der Titelseite des Librettos der Oper L’Andromeda (1637)

Archivierte Dokumente weisen grundsätzlich auf einen durchgehenden Spielbetrieb des Theaters in den 1610er Jahren hin. Im Jahr 1629 und 1633 zerstörten jeweils zwei Brände das Theater, für die Jahre 1634 und 1635 gibt es keine schriftlichen Erwähnungen. Im Jahr 1636 hingegen scheinen die Gebrüder Tron (Ettore und Francesco, die von der San-Benetto-Seite der Familie abstammen) einen Antrag an die Stadtverwaltung gestellt zu haben, um ein „Theater für Musik“ zu eröffnen. So war ab 1636 die Nutzung des Theaters als Opernhaus klar. Damit wurde ein wichtiger Punkt in der Operngeschichte erreicht: ein Theater, das speziell gebaut wurde, um Musik zu inszenieren. Dies wird ebenfalls in einem Dokument vom 2. Mai 1636 deutlich, das Berichten zufolge von Remo Giazotto in den späten 1960ern entdeckt wurde. Dieses Dokument ist allerdings seit Mitte der 1970er Jahre verschollen:

Bemerkenswert ist, dass heute keine Abbildungen mehr des Theaters von 1637 existieren: weder von der Fassade, noch von der Innenarchitektur. Überliefert und zweifelsfrei bekannt ist, dass das Teatro San Cassiano im Jahr 1637 mit einer Aufführung der Oper L’Andromeda von Francesco Manelli (Musik) und Benedetto Ferrari (Libretto) eingeweiht wurde. Die Widmung vom 6. Mai 1637 gibt an, dass die Oper „vor zwei Monaten auf der Bühne neugeboren“ wurde. Die historische Bedeutung dieser Veranstaltung ist unvergleichlich. Im Teatro San Cassiano wurde erstmals der Opernbesuch kommerzialisiert, indem sämtlichen Besuchern eine Eintrittskarte verkauft wurde. Somit kann das Teatro San Cassiano als ökonomisch-architektonischer Prototyp des sogenannten „teatro all’italiana“ gesehen werden.Lorenzo Bianconi: Music in the Seventeenth Century. Cambridge University Press, Cambridge 1987. S. 183. the Venetian-type theatre […] comes to represent something of an economic and architectural prototype for Italy and Europe as a whole. At least architecturally, this prototype still survives essentially unchanged […].

Die Innenstruktur des Theaters von 1637 Da keinerlei Abbildungen des Theaters aus dieser Phase der Geschichte des Theaters überliefert sind, bietet ein Schriftstück des Notars Alessandro Pariglia vom 12. Februar 1657 more veneto einen wichtigen Einblick in die Innenarchitektur des Opernsaals. Pariglia schreibt, dass es zuvor eine Gesamtzahl von 153 Logen in dem Theater gebe, aber nur noch 102 übrig geblieben seien. Hierfür wird keine Begründung angegeben, weiterhin bleibt unklar, ob er sich auf die Gesamtzahl der eigentlichen Logen bezieht oder nur auf die Anzahl, die benutzt wurden. mini|hochkant=1.8|Teatro San Cassiano (1637): Neuinterpretation des Grundrisses

Dieselbe Zahl von 153 Logen wird später von dem Franzosen Jacques Chassebras de Cramailles im Jahr 1683 genannt, der im Mercure Galant schreibt, dass „das Theater von San Cassiano […] fünf Etagen an Logen hat, mit jeweils 31 Logen pro Etage“.„Le Théatre de S. Cassian est […] à cinq rangs de Pales, & 31. à chaque rang“. Jacques Chassebras de Cramailles, Mercure Galant, März 1683, S. 288 (Digitalisat). In Anbetracht der Merkmale venezianischer Theater des 17. Jahrhunderts lässt sich schließen, dass die Anzahl an 153 Logen sich aus 4 Etagen mit jeweils 31 Logen und zusätzlich einem „Erdgeschoss“, als „pepiano“ bekannt, mit 29 Logen und zwei Seiteneingängen zur „platea“ (Orchestergraben) zusammensetzt. Diese Anzahl entspricht exakt den Aufzeichnungen des venezianischen Architekten Francesco Bognolo, der einige Jahrzehnte später kurz vor dem 7. Juni 1765 Gutachten aller venezianischen Theater erstellte.Staatsarchiv Venedig, Giudici del Piovego, busta 86. In seiner Liste an Messung bezüglich des Gebäudes, das Bognolo das „alte Teatro San Cassiano“ nennt (welches auf das Jahr 1696 oder sogar 1670 zurückgeht), spricht Bognolo konkret von der „Gesamtlogenanzahl: 31 pro Etage“, genau wie bei Chassebras. Die Gesamtanzahl von 153 Logen muss folgendermaßen durch die gesamte Theatergeschichte von mindestens 1650 bis Mitte des 18. Jahrhunderts konstant geblieben sein. Durch die Dokumente des Notars Pariglia von 1657 more veneto ist bekannt, dass keine Neuerungen oder Renovierungen zwischen der Einweihung 1637 und 1658 vorgenommen wurden. Veränderungen am Grundstück (mit den Maßen 27 mal 18,5 Meter) auf dem es von 1637 bis in die 1760er Jahre stand, wurden ebenso wenig in Auftrag gegeben. Schlussendlich kann somit bestätigt werden, dass das Theater von Einweihung und Beginn der Nutzung im Jahr 1637 insgesamt 153 Logen über 5 Etagen verteilt hatte. Diese bestanden aus der Etage im Erdgeschoss („pepiano“) und der ersten, zweiten, dritten und vierten Etage, auch „ordini“ genannt.

Im Vergleich zu zeitgenössischen Beispielen, trotz unterschiedlichen Kontextes, haben sowohl das Theater, das für die Aufführung von L'Ermiona (Padua, 1636)„Fünf Etagen an Logen (loggie) waren kreisförmig angeordnet, eine über der nächsten aufgesetzt, mit Parapetts vor den marmornen Balustraden; die Räume, bequem für sechzehn Zuschauende, waren geteilt durch Trennwände die sich äußerlich als Säulen präsentierten, von denen sich silberne hölzerne Arme nach außen herausstreckten, um die doppelten Kerzenhalter die das Theater erleuchteten zu tragen“. L’Ermiona, Paolo Frambotto, Padua 1638, S. 8. gebaut wurde, als auch das Theater in dem großen Saal des Palazzo Podestà (Bologna, 1639)Die Miniatur, die dieses abbildet (erhalten in dem Staatsarchiv von Bologna, Anziani Consoli, Insignia, Vol. VII, C. 15a, 1639), wird abgedruckt in unter anderem: Eugene J. Johnson: Inventing the Opera House, S. 17. jeweils fünf Etagen mit Logen, auch wenn die Logen aus Padua nachweislich größer und breitere Logen oder „loggie“ waren. Die Bauweise eines Theaters mit fünf übereinander angeordneten Reihen an Logen, also fünf Etagen, hat sich somit in den folgenden Jahren auch außerhalb Venedigs durchgesetzt und ist ein Beispiel für eine Theaterbauweise, der auch das Teatro San Cassiano von 1637 entspricht.

Aufbau des Spielbetriebs