Brissago (im alpinlombardischen Ortsdialekt Brissagh ,Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 189. deutsch veraltet Brisa) ist eine politische Gemeinde und ein Dorf im Schweizer Kanton Tessin (Bezirk Locarno, Kreis Isole). mini|Brissago, historisches Luftbild von Werner Friedli (1946)

Geographie Die Gemeinde liegt am nordwestlichen Ufer des Langensees, südwestlich von Ronco sopra Ascona und Ascona an der Grenze zu Italien. Sie besteht aus den Weilern Bassuno, Caccio, Cadogno, Cartogna, Corte di Mezzo, Gadero, Incella, Madonna di Ponte, Nevedone, Noveledo, Piazza, Piodina, Porta, Rossorino, Mergugno.Mergugno auf portal.dnb.de (abgerufen am 15. März 2017). und Tecetto sowie den Brissago-Inseln. Das Rathaus in der Ortsmitte steht auf einer Höhe von 197 m ü. M., der höchste Weiler, Mergugno, liegt auf 1037 m ü. M., und der höchste Punkt ist der Berggipfel des Gridone (2188 m ü. M.), der auf der Grenze zu Italien liegt.

Klima Es existiert eine Niederschlagsmessstation der MeteoSchweiz, sie befindet sich auf 280 m ü. M. an den Hängen der Gemeinde Brissago, in den oberen Ortsteilen. Sie wurde 1887 errichtet und hat seitdem zwei fehlende Monate in der Messreihe. Es ist ein Tagessammler, das heisst, dass die Daten in täglichem Intervall verfügbar sind.

Brissago ist nicht zuletzt dank den Brissago-Inseln bekannt, auf denen sich ein botanischer Garten befindet. Durch das milde Klima gedeihen rund 1500 verschiedene Pflanzenarten. Darunter sind Palmen, Bambus und Eukalypten. Der Garten wurde ab dem Jahre 1885 durch die Baronin Antoinette de Saint Léger angelegt und durch den Folgebesitzer der Inseln, den deutschen Kaufhausmillionär Max Emden, ab 1927 ausgebaut.Simona Martinoli u. a.: Guida d’arte della Svizzera italiana. Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Edizioni Casagrande, Bellinzona 2007, ISBN 978-88-7713-482-0, S. 206–210.

Geschichte Das Dorf wurde erstmals 1289 als Brixago erwähnt. Laut Historisch-Biographischem Lexikon der Schweiz findet es sich schon 1142 als Bresago bezeugt. Der Ortsname ist wahrscheinlich von dem lateinischen Personennamen Briccius abgeleitet.

Im 13. Jahrhundert wurde Brissago eine reichsunmittelbare Gemeinde mit eigenem Dorfrecht, eigenen Gemeindevorstehern (consoli), eigener Verwaltung und eigener Gerichtsbarkeit. Der Podestà wurde vorerst von den Mailänder Visconti ernannt und von 1342 bis 1798 von der Locarneser Adelsfamilie Orelli gestellt. 1520 erklärte sich Brissago zur unabhängigen Republik, unterwarf sich aber schon im folgenden Jahr der Herrschaft der zwölf eidgenössischen Orte, wobei es ein grosses Mass an Autonomie bewahren konnte.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts bildete die Brissager Familie der Baciocchi eine Gegenpartei zu den Rainaldi (Rinaldi) in Mailand und Brissago. Im Dienste beider Familien standen zahlreiche mailändische Banditen, die sogar die Schifffahrt auf dem Langensee unsicher machten. Es kam zu langen und blutigen Kämpfen, die zu einer Intervention des spanischen Gesandten auf der Tagsatzung zu Baden im November 1597 führten.Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Band II, S. 516 (Baciocchi auf biblio.unibe.ch/digibern/hist_bibliog_lexikon_schweiz; abgerufen am 27. Mai 2017). In der Helvetik kam Brissago zum neu geschaffenen Kanton Lugano, der 1803 im heutigen Kanton Tessin aufging. 1863 wurde erstmals eine geradlinige Fahrstrasse durch das Dorf gebrochen; 1965 wurde diese tiefergelegt und verbreitert. Beide Bautätigkeiten führten zum Verlust historischer, bis ins Mittelalter zurückreichender Bausubstanz.Informationstafel am Hafen von Brissago.

In Brissago steht seit 1856 eine Zigarrenfabrik zur Herstellung der Sorte Virginia. Die Fabbrica Tabacchi Brissago SA eröffnete 1888 einen Neubau. Im Herbst 1916 hatte das Unternehmen rund 500 Produktionsangestellte. Ein Streik brach aus, weil die fast vollständig aus Frauen und Mädchen zwischen 14 und 70 Jahren bestehende Belegschaft mit einem Tageslohn zwischen 1,10 bis 2,20 Franken beim Preis von 57 Rappen das Kilo Brot kaum überleben konnte. Das Grand-Hôtel Brissago wurde 1907 erstellt, 1971 wieder geschlossen und verfiel danach zusehends. 1983 brannte der Dachstuhl durch Brandstiftung ab. Die Ruine wurde 1993 abgerissen. 2003 entstand an dieser Stelle der neue Appartement-Wohnblock „Villa Bianca“.

Nach der Gründung der faschistischen Italienischen Sozialrepublik im September 1943 gelangten viele Flüchtlinge durch den südlich von Brissago gelegenen Grenzübergang Piaggio-Valmara in die Schweiz.Fabrizio Panzera: I rifugiati nella Svizzera italiana negli anni 1943–1945: l’afflusso a Brissago e nelle regioni vicine. In: Verbanus, No 23, 2013.

Neben der politischen und der Kirchgemeinde existiert eine eigenständige Bürgergemeinde.Patriziato di Brissago (mit Foto). In: patriziatobrissago.chPatriziato di Brissago Eigentümer. In: ti.ch Bei einer Volksabstimmung im Jahr 2011 über eine – vom Kanton allerdings finanziell nicht unterstützte – Fusion der vier Gemeinden Ascona, Brissago, Losone und Ronco sopra Ascona sprach sich Brissago wie Ascona und Ronco gegen den Zusammenschluss aus.Nicht alle Gemeindem um Lugano stimmen einer Fusion zu. In: swissinfo.ch (abgerufen am 13. Oktober 2024). 2025 gaben Brissago und Ronco sopra Ascona bekannt, die schon jetzt in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten, eine Fusion anzustreben.Tessiner Zeitung vom 26. September 2025, S. 12.

Bevölkerung

Verkehr Brissago ist mit einer Buslinie der Ferrovie autolinee regionali ticinesi (FART) öffentlich erschlossen. Der Bus Nummer 316 fährt vom Bahnhof Locarno, der in Muralto liegt, nach Ascona, dann durch den Asconatunnel dem Lago Maggiore entlang nach Porto Ronco und Brissago und zurück. Bis vor wenigen Jahren fuhr dieser Bus noch bis zum Ortsteil Brenscino oberhalb von Brissago, heute gibt es einen Ortsbus mit dem Namen Collina di Brissago (deutsch: Hügel von Brissago), der die drei Fraktionen oberhalb von Brissago bedient.Buslinien der FART auf centovalli.ch (abgerufen am 15. März 2017).

Zudem gibt es einen grenzüberschreitenden italienischen Bus nach Cannobio, Cannero Riviera und bis nach Verbania, der der Uferstrasse des Verbano, wie der Lago Maggiore in Italien heisst, entlang führt.Trasporti Bus nach Verbania auf vcotrasporti.it (abgerufen am 15. März 2017).

Die Schiffanlegestelle Brissago wird von April bis etwa Mitte Oktober von der Gestione Governativa Navigazione Laghi (Schifffahrt auf dem ganzen Langensee, italienische Gesellschaft) und seit 2019 auch von der Società Navigazione del Lago di Lugano (lokale Schifffahrt auf dem schweizerischen Seeteil, Schweizer Gesellschaft) angefahren und bedient. Die Schiffe fahren nordostwärts Richtung Locarno oder südwärts Richtung Cannobio, Maccagno und Verbania. auf navigazionelaghi.it (abgerufen am 15. März 2017).

Wirtschaft und Sozialeinrichtungen Wirtschaftliche Grundlage Brissagos ist heute der Tourismus. Die Ufer- und Hügelzone der Gemeinde sind seit den 1960/70er-Jahren mit Zweitwohnungen überbaut. Der Zweitwohnungsanteil betrug 2014 69,4 %, daher ist der Bau weiterer Zweitwohnungen nach schweizerischer Gesetzgebung nicht mehr zulässig.Gemeindeliste mit Zweitwohnungsanteil. Gebäude- und Wohnungsstatistik, Sonderauswertung GWS, BFS 2012, gültig am 1. Januar 2014. CATEF 17. März 2015

Die Zigarrenfabrik, in der unter anderem die Brissago originale genannten Virginiazigarren hergestellt werden, hatte ihren Höhepunkt in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erreicht, als mehr als 600 Personen, meist Frauen, in der Tabakverarbeitung beschäftigt waren. Sie gehört seit 1999 zum Schweizer Tabakwarenkonzern Burger Söhne. Das zur Zigarrenfabrik gehörende Centro Dannemann bietet Räume für private und öffentliche Veranstaltungen.

Literarisch verewigt ist die Brissago originale in der Figur des Wachtmeisters Studer von Friedrich Glauser, der das Anzündezeremoniell genau beschreibt.

In Brissago befindet sich das Istituto Socioterapeutico La Motta, eine sozialtherapeutische Einrichtung.Istituto Socioterapeutico La Motta auf portal.dnb.de (abgerufen am 15. März 2017).

Sehenswürdigkeiten

Die Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo, die im Dorfkern über dem Hafen steht, und die etwas auswärts, direkt am See liegende Kirche Madonna di Ponte bilden zwei der bedeutendsten lombardisch-toskanischen Renaissancebauten im Tessin.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 622–624. SS. Pietro e Paolo ist ein einschiffiger Bau mit polygonalem Chor, der von einer oktogonalen Tambourkuppel überhöht wird. Die Kirche wurde zu Beginn der 1530er-Jahre neu errichtet; die Hauptfassade mit Vorhalle und überhöhendem Palladiofenster stammt von 1665. Anlässlich der puristischen Renovation von 1969 wurde die gesamte nachträglich eingebaute barocke Innenausstattung entfernt. Auf dem malerischen Vorplatz wachsen jahrhundertealte Zypressen.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 622 f.Pfarrkirche Santi Pietro und Paolo (Foto) Madonna di Ponte ist ebenfalls ein einschiffiger Bau mit oktogonaler Tambourkuppel (stilistisch an Giovanni Antonio Amadeos Kuppel der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie angelehnt) über dem polygonalen Chor. Die Kirche wurde zwischen 1526 und 1594 errichtet. Fast alle barocken Eingriffe und die gesamte Rokoko-Ausstattung von 1773 fielen der puristischen Renovation von 1950–1957 zum Opfer, und der Barockaltar wurde 1961 in eine Seitenkapelle versetzt, sodass die Kirche heute im Innern sehr nüchtern wirkt.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 623 f.

Die einzige mittelalterliche Fassade Brissagos, das sogenannte Castello, hat sich an der Piazza Municipio erhalten.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 624. An der Via Pioda steht einer der aufwendigsten herrschaftlichen Barockbauten im Sopraceneri, der Palazzo Branca-Baccalà, entstanden in den Jahrzehnten um 1700.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 624 f. Im Haus ist heute ein dem Komponisten Ruggero Leoncavallo gewidmetes Museum untergebracht. Am Ufer liegen die Villa Gina oder Casa del Matti und die Casa Branca, beide aus dem 18. Jahrhundert, mit Schaufassaden gegen den See und Loggien im obersten Geschoss.

Anders als das Zentrum Brissagos, dessen Ortsbild stark unter der Verbreiterung und Tieferlegung der Kantonsstrasse 1965 gelitten hat, haben sich die in erhöhter Lage befindlichen spätmittelalterlichen Dorfkerne der Weiler Piodina, Incella und Porbetto gut erhalten.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 625.

Am Strässchen von Incella nach Porta liegt der Sacro Monte di Brissago, eine bühnenartig inszenierte, ins Tal eingefügte Barockanlage. Deren Ursprünge gehen auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Die heutige Kirche Santa Maria Addolorata an prominenter Lage auf einem Felskopf wurde 1767–1773 errichtet, die Kalvarienkapelle mit drei monumentalen Kruzifixen ebenfalls 1767.Kunstführer durch die Schweiz. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, S. 625 f.

Zu den Brissago-Inseln, die im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) als schützenswertes Ortsbild der Schweiz von nationaler Bedeutung eingestuft sind, siehe den dortigen Artikel.

Kultur Festival Ruggero LeoncavalloFestival Ruggero Leoncavallo (mit Fotos) auf ticino.ch (abgerufen am 15. März 2017). Associazione Amiche e Amici dell’ArlecchinoAssociazione Amiche e Amici dell’Arlecchino auf arlecchino.ch (abgerufen am 15. März 2017).

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