mini|Schāhnāme von Firdausi
Die Iranistik oder Irankunde (auch Iranologie) ist eine interdisziplinäre Kulturwissenschaft im Grenzbereich von Philologie, Kulturanthropologie, Archäologie und Geschichtswissenschaft, die sich mit dem Studium des geistigen und materiellen Kulturgutes der iranischen Völker vom Altertum bis in die Gegenwart (insbesondere die Länder Iran, Afghanistan und Tadschikistan betreffend, daneben auch Teile Aserbaidschans, Armeniens, Georgiens, der Türkei, des Irak, Syriens, Usbekistans, Pakistans und IndiensIranistik (www.uni-goettingen.de)) beschäftigt. Hierzu zählen die Geschichte, die Literatur, Kunst und Kultur der iranischen Völker. Weiterhin befasst sie sich mit dem Studium der iranischen Sprachen.
Dabei befasst sich die Altiranistik mit den vorislamischen iranischen Kulturen und den früheren Sprachperioden (alt- und mitteliranische Sprachen). Sie weist wesentliche Verbindungen zur Indologie, Indogermanistik und Religionswissenschaft auf. Gegenstand der Neuiranistik sind hingegen die iranische Kultur seit der Islamisierung und vor allem die (neu)persische Sprache. Die heutige Iranistik hat dementsprechend Überschneidungen mit der Islamwissenschaft. Daneben gibt es jeweils eigene Philologien für die iranischen Sprachen Kurdisch (Kurdologie), Ossetisch (Ossetologie) und Paschtu.Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 3. Auflage, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 295, Eintrag Iranische Sprachen.
Ein Forscher auf dem Gebiet der Iranistik wird als Iranist oder Iranologe bezeichnet.
Die Iranistik in Europa mini|180px|Die Behistun-Inschrift zeigt den Bericht über die Siege des Großkönigs Dareios I. in drei Sprachen. Diese Inschrift war für die Entzifferung der altpersischen Keilschrift zentral.
Erste Auseinandersetzungen mit Geschichte und Kultur Irans setzen seitens europäischer Länder im 17. Jh. ein. Zunächst handelte es sich vor allem um Reiseberichte, die von Gesandten und Kaufleuten, die Iran bereisten, verfasst wurden. Auf Russisch gibt es einen solchen Reisebericht sogar bereits aus dem 15. Jahrhundert. Einer der bekanntesten dieser Reiseberichte ist der von Adam Olearius, der in den Jahren 1635–1639 an den Safawidenhof reiste.
mini|Georg Friedrich Grotefend aus Göttingen, Pionier bei der Entzifferung der altpersischen Keilschrift Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Iranistik als eine selbständige Disziplin innerhalb der orientbezogenen Forschung. Diese Entwicklung wurde wesentlich dadurch befördert, dass man im späten 18. Jahrhundert erstmals Kenntnis des Avesta erhalten hatte. Zentral für die weitere Auseinandersetzung mit iranischer Geschichte und Kultur wurde das philologische Interesse an den indo-europäischen Sprachen. Einen weiteren wichtigen Schritt stellte die partielle Entzifferung der altpersischen Keilschrift durch den Göttinger Gelehrten Georg Friedrich Grotefend im Jahr 1802 dar.
Persisch wurde ab dem 18. Jahrhundert als gleichwertig mit Arabisch und Türkisch betrachtet und im universitären Rahmen gelehrt. Die Entwicklung in den einzelnen Ländern verlief unterschiedlich. In Deutschland entwickelte sich die Iranistik als Fach zuerst an der Georg-August-Universität Göttingen. Einen wichtigen Bereich der Forschung stellte zunächst die Beschäftigung mit dem vorislamischen Iran dar. Hinzu kam schon bald die Beschäftigung mit Iran in islamischer Zeit. Auch archäologische und kunstgeschichtliche Forschungen spielen bis heute eine Rolle. Heute gibt es in Deutschland das Fach Iranistik an den Universitäten Göttingen, Marburg, Bonn, Köln, Hamburg, Bamberg und an der Freien Universität in Berlin, teilweise als Teil der Islamwissenschaft, mitunter auch mit Arabisch als Zweitsprache.
In Frankreich spielte für den Unterricht des Persischen sowie die Herausbildung einer Iranistik die École spéciale des langues orientales eine zentrale Rolle. Für die Geschichte dieser Institution spielte unter anderem Charles Scheffer eine wichtige Rolle, der dort ab 1857 den Lehrstuhl für Persisch innehatte. Schon früh begannen von französischer Seite außerdem archäologische Forschungen in Iran, die das Feld von 1882 bis zur Einführung des Iranischen Gesetzes über Antiquitäten (Iranian Antiquities Law) 1930 dominierten. In der Publikation Mémoires de la Délégation en Perse veröffentlichten bekannte Exkursionsleiter wie Marcel und Jane Dieulafoy, Jean-Vincent Scheil und Jacques de Morgan ihre Ergebnisse. Heute sind in Frankreich das Institut d’études iraniennes an der Sorbonne sowie der Lehrstuhl für persische Sprache am Institut national des langues et civilisations orientales (INALCO) wichtige Zentren für iranistische Forschung und Lehre.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London / New York 2022, S. 23.
Die ersten Grabungen in Iran wurden vom Engländer William Loftus zwischen 1851 und 1853 in Susa ausgeführt.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London / New York 2022, S. 23. In Großbritannien standen am Anfang des Interesses am Persischen die kolonialen Aktivitäten in Indien, wo das Persische bis ins 19. Jahrhundert Staats- und Hofsprache des Mogulreiches war. Als wichtige Figur ist hier vor allem William Jones zu nennen, der insbesondere auf dem Gebiet der iranistischen Philologie Pionierarbeit geleistet hat. Iranistik war zunächst am University College of London angesiedelt, aus dem später die School of Oriental Studies hervorgegangen ist (heute: SOAS University of London). Wichtige Institutionen für die Iranistik befinden sich auch in Cambridge und Oxford.
In Europa befinden sich weitere wichtige Institute für Iranistik an der Universität Leiden sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Auch in Venedig und Krakau kann Iranistik studiert werden.
Wertvolle Sammlungen zur iranischen Kultur finden sich im Londoner British Museum, dem Pariser Louvre, der St. Petersburger Eremitage, im Leidener Rijksmuseum van Oudheden und im Pergamonmuseum (Museumsinsel), Berlin.
Wichtige Handschriftensammlungen befinden sich in der British Library in London, der Bibliothèque Nationale in Paris, der Staatsbibliothek in Berlin sowie in St. Petersburg.180px|mini|Mittelpersische Inschrift (Pahlavi) Schapurs III., Taq-e Bostan, Kermanschah
Forschungseinrichtungen zur Iranistik Im Folgenden eine Liste von europäischen Forschungseinrichtungen der Iranistik:
Österreich Institut für Sprachwissenschaft – Indogermanistik, Universität Wien Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik, Universität Innsbruck Institut für Iranistik, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Bulgarien Faculty of Classical and Modern Philology, Sofia University / Софийски Университет Св. Климент Охридски Centre for Iran, the Balkans and Central European Studies
Frankreich Institut d’études iraniennes, Sorbonne Nouvelle Paris 3 Département d’études persanes, Université de Strasbourg Département Eurasie, Institut National des Langues et Civilisations Orientales (INaLCO) Collège de France, Paris École pratique des hautes études Centre de recherche sur le monde iranien (CeRMI) Département des Arts de l’Islam, Musée du Louvre Maison de l’Orient et de la Méditerraneé (MOM), Lyon
Deutschland Institut für Iranistik, Universität Bamberg Seminar für Iranistik, Universität Göttingen Freie Universität Berlin Universität Hamburg Universität Marburg Universität Köln Institut für den Nahen und Mittleren Osten, Universität Münchenhttps://www.societasiranologicaeu.org/iranian-studies-in-europe/ Orientalisches Institut, Universität Leipzighttps://www.gkr.uni-leipzig.de/orientalisches-institut Turfan Studies, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Ungarn Faculty of Humanities, Eötvös-Loránd-Universität, Budapest
Italien Alma mater studiorum, sede di Ravenna, Università di Bologna L’Orientale, Universität Neapel Universität Pisa Università di Roma – La Sapienza Università di Venezia – Ca’ Foscari
Niederlande Universiteit Leiden Universiteit Utrecht
Polen Dept. of Iranian Studies, Jagiellonen-Universität Dept. of Iranian Studies, Universität Warschau
Rumänien Institutul de Istorie a Religiilor, Romanian Academy
Russland Department of Iranian Philology, Faculty of Asian and African Studies Staatliche Universität Sankt Petersburg Department of Iranian Philology, The Institute of Asian and African Studies Lomonossow-Universität Moskau Institute for Oriental and Classical Studies, Higher School of Economics, Moskau Institute of Oriental Manuscripts, Russische Akademie der Wissenschaften Section of Iranian languages, Department of Indo-European languages, Institut für Linguistik der Russischen Akademie der Wissenschaften Center for Middle East Studies, Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften Oriental Department, Eremitage Staatliches Museum des Orients
Skandinavische Länder Department of Culture Studies and Oriental Languages, Universität Oslo Iranian Languages, Universität Uppsala Middle Eastern Studies, Universität Kopenhagen
Spanien Experto Universitario en Lenguas y culturas de India e Irán, Universität Salamanca Universität Sevilla Seminario de Iranología, Universität Alicante Instituto del Próximo Oriente Antiguo, Universität Barcelona
Vereinigtes Königreich Centre for Iranian Studies, SOAS Faculty of Oriental Studies, Universität Oxford Faculty of Asian and Middle Eastern Studies, University of Cambridge The Cambridge Shahnama Centre for Persian Studies, University of Cambridge Institute of Iranian Studies, University of St Andrews Islamic and Middle Eastern Studies, University of Edinburgh British Institute of Persian Studies Ancient India and Iran Trust The Royal Asiatic Society of Great Britain and Northern Ireland The Institute of Ismaili Studies Iran Heritage Foundationhttps://www.societasiranologicaeu.org/iranian-studies-in-europe/
Die Iranistik in den Vereinigten Staaten Innerhalb der Vereinigten Staaten trugen vor allem die Harvard University, die Columbia University und die Stanford University zur Vertiefung des Faches bei.
Das Oriental Institute der University of Chicago (seit 2023 Institute for the Study of Ancient Cultures, West Asia & North Africa, kurz ISAC) startete 1931 seine Ausgrabungen in Persepolis. Ernst Herzfeld und Erich Friedrich Schmidt legten in verschiedenen Kampagnen die Ruinen der Achämeniden frei und entdeckten die Verwaltungsarchive von Persepolis. In den 1960er Jahren startete das Institut Ausgrabungen in Tschogha Misch, Tschogha Bonut und Boneh Fazl Ali. Das Institut spielte eine große Rolle bei der Ausbildung von später bekannten Archäologen wie zum Beispiel Ezat Negahban, Frank Hole, Kent Flannery und anderen.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 26 und 29.
Die Encyclopædia Iranica, eine der umfassendsten Quellen zur iranischen Kultur, wurde an der Columbia University initiiert. Iranisten wie Richard Nelson Frye und Ehsan Yarshater waren an diesem Projekt maßgeblich beteiligt. Es gilt als die genaueste und zuverlässigste Referenz zu Land, Leben, Kultur und Geschichte aller iranischen Völker und deren Zusammenwirken mit anderen Völkern.
Die Iranistik im modernen Iran Im modernen Iran setzte ab dem Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Interesse an Geschichte und Kultur des eigenen Landes ein; diese Entwicklung entstand parallel zum verstärkten Aufkommen eines iranischen Nationalbewusstseins. In diesem Kontext wurden auch die Werke europäischer Iranisten rezipiert. Das bis heute umfassendste enzyklopädische Wörterbuch der persischen Sprache, das in 15 Bänden erschienene Wörterbuch Dehchodas – Loghat Nāmeh Dehchoda des Linguisten Allameh Ali Akbar Dehchoda, reicht ebenfalls in diese Zeit zurück.