mini|hochkant=1.3|Musikverein Der Wiener Musikverein ist ein Konzertgebäude am Musikvereinsplatz in der österreichischen Hauptstadt Wien. Das Neorenaissancegebäude wurde 1867 bis 1870 durch die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien von Theophil Hansen errichtet. Mit dem Großen Saal besitzt es einen der besten Konzertsäle der Welt.

Geschichte 1812 wurde die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien von Joseph Sonnleithner gegründet. Ab November 1831 veranstaltete sie Konzerte in einem Saal an den Tuchlauben Nr. 12, der sich mit nur 700 Sitzplätzen bald als zu klein erwies.

1863 stimmte Kaiser Franz Joseph dem Vorschlag des beim Innenministerium für die neue Wiener Ringstraßenzone zuständigen Stadterweiterungsfonds zu, der Gesellschaft das dem Staat gehörende Areal am Wienfluss neben dem Bauplatz des Künstlerhauses, gegenüber der Karlskirche, unentgeltlich für ein Konzertgebäude zu überlassen.

mini|Musikverein, Aufnahme um 1898

Mit der Planung wurde der klassizistische Architekt Theophil von Hansen beauftragt. Es sollten zwei Säle werden, ein großer für Orchester- und ein kleiner für Kammermusikkonzerte. Der Bau begann 1867. Sämtliche Steinmetzarbeiten führte die Wiener Firma Anton Wasserburger aus; nach ihren Eigenschaften, aber auch ihrer Verfügbarkeit, wurden Sandsteine aus Breitenbrunn und St. Margarethen, harte Kalksteine von Kaisersteinbruch am Leithagebirge und Wöllersdorf verwendet.

Das Haus wurde am 6. Jänner 1870 mit einem feierlichen Konzert eröffnet, und die Kritik lobte einhellig die grandiose Akustik des Großen Saales, dessen Ruhm sich in kurzer Zeit in der ganzen Welt verbreitete. Auch der Kleine Saal, der 1937 nach Johannes Brahms benannt wurde, erhielt bald den Ruf, ein idealer Ort für Kammermusik zu sein.

1938, kurz nach dem Anschluss Österreichs, löste das NS-Regime die Gesellschaft de facto auf. Die Direktion hatte eine Solidaritätserklärung für den damaligen Kanzler Kurt Schuschnigg ausgesprochen; daraufhin wurden alle gekündigt. Franz Schütz, ein Organist, wurde von den Nationalsozialisten ins Amt gehievt, und die Gesellschaft der Musikfreunde wurde in die Reichsmusikkammer eingegliedert. Der Name blieb bestehen.

Im Zweiten Weltkrieg schlug eine Fliegerbombe in das Gebäude ein, landete auf der Orgel und explodierte nicht.

Im Jahr 2004 wurden vier kleine unterirdische Säle eröffnet. Diese sind mit moderner Technik ausgestattet und flexibel nutzbar, zum Beispiel für Konzerte, Proben, Konferenzen, Workshops und Empfänge. Der amerikanische Musikmäzen Alberto Vilar hatte angekündigt, diese Erweiterung zu finanzieren. Nachdem Vilar abgesprungen war, half der austro-kanadische Industrielle Frank Stronach aus.

Der Jurist und ehemalige Geschäftsführer der Jeunesse – Musikalische Jugend Österreichs, Thomas Angyan, war von 1988 bis 2020 Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde. Ihm folgte Stephan Pauly nach.

Architektur mini|Frontfassade in der Nacht

Der Musikverein ist im historisierenden Stil nach Vorbildern aus der griechischen Antike gebaut: Säulen, Karyatiden und Giebel-Reliefs lassen die Assoziation zu, hier sei ein Tempel für die Musik errichtet worden. Das Gebäude befindet sich im 1. Wiener Gemeindebezirk, Innere Stadt, am Musikvereinsplatz.

Der Große Saal, häufig auch „Goldener Saal“ genannt, ist mit einem Deckengemälde von August Eisenmenger und Plastiken von Franz Melnitzky versehen; die Deckengemälde zeigen die neun Musen und den griechischen Gott Apollon in folgender Reihenfolge, beginnend bei der Seite mit der Orgel: Terpsichore – Euterpe – Klio – Urania – Apollon – Polyhymnia – Melpomene – Thalia – Erato – Kalliope. In der Regel stehen 1744 Sitzplätze und 300 Stehplätze zur Verfügung.

Der Kleine Saal, auch „Brahms-Saal“ genannt, wurde erst 1993 in seiner ursprünglichen Form mit roten Säulen und grünen Marmorwänden wiederhergestellt.

2004 wurden in einem unterirdischen Zubau unterhalb des Vorplatzes nach Entwürfen des Architekten Wilhelm Holzbauer vier neue Säle eröffnet und nach dem jeweils dominanten Grundbaustoff Glas, Metall, Stein und Holz benannt.Magdalena Menheere: Die ‚Vier Neuen Säle’ des Musikvereins. (PDF; 12 MB) Diplomarbeit Universität Wien, 2013.

Akustik mini|Großer Saal

Der Große Saal (oft auch als „Goldener Saal“ bezeichnet) gilt als einer der besten Konzertsäle der Welt. Die Gründe für die hervorragende Qualität der Akustik sind zahlreiche und zum Teil unbeabsichtigte Zufälle: Hansen musste sich auf seine Intuition verlassen, da wissenschaftliche Studien über Raumakustik erst im 20. Jahrhundert durchgeführt wurden.

Beim Großen Saal sind alle Voraussetzungen für einen guten Konzertsaal erfüllt: Ideale Proportionen des Raumes, genügend großes Raumvolumen, nicht zu viele Plätze, viele schallstreuende Flächen wie Logen, Balkone und Skulpturen, keine schallabsorbierenden Flächen außer dem Publikum. Ein wesentlicher Aspekt der Akustik ist die Nachhallzeit, sie beträgt hier zwei Sekunden.

Durch seine Quaderform (das „Schuhschachtel-Prinzip“) versorgt der Große Saal das Publikum mit den heute als wichtig erkannten frühen Reflexionen an den Seitenwänden. Andere berühmte Säle mit ausgezeichneter Akustik wurden in der Zeit von 1870 bis 1900 ebenfalls als Schuhschachteln mit vielen schallstreuenden Flächen erbaut: Das Stadtcasino in Basel (1876) Das Neue Concerthaus (Zweites Gewandhaus) in Leipzig (1884) Das Concertgebouw in Amsterdam (1887) Die Tonhalle in Zürich (1895) Die Stadthalle in Wuppertal (1900) Die Symphony Hall in Boston (1900)

Orgel des Großen Musikvereinssaals mini|Prospekt der Orgel des Großen Saals

Ladegast-Orgel 1872 Der von Theophil Hansen entworfene Prospekt der Orgel ist bei allen Veranstaltungen Hintergrund und Markenzeichen des Konzertsaales, wiewohl die sichtbaren Pfeifen, die noch von Friedrich Ladegast stammen, nicht klingen. Die Orgelbaukommission des Musikvereins, der auch Anton Bruckner angehörte, hatte acht Firmen zur Einsendung von Projekten aufgefordert. Fünf Bieter reichten Vorschläge ein; die Kommission entschied sich am 18. Mai 1869 einstimmig für denjenigen des deutschen Orgelbauers Friedrich Ladegast, der eine Orgel mit 44 Registern auf 3 Manualen und Pedal angeboten hatte. Bei der Auftragserteilung wurde die Disposition auf 52 Register erweitert. Am 5. November 1872 übergab Ladegast das fertige Werk.Die Orgel im grossen Saale der Gesellschaft der Musikfreunde. Verlag der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien 1872 (Digitalisat auf Google Books). Es war mit einer mechanischen Traktur ausgestattet und hatte in den Manualwerken Schleifladen, im Pedalwerk Hängeventilladen. Ladegast war ein überzeugter Anhänger der Schleiflade geblieben; am 13. Januar 1880 hatte er sich diesbezüglich in einem Brief an Leopold Alexander Zellner, den Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde, mit folgenden, sprichwörtlich gewordenen Zeilen gewandt: Von den im vergangenen Jahre gelieferten Werken waren zwei mit Kegelladen. In vieler Beziehung sind dieselben leichter herzustellen als Schleifladen. (Dies ganz unter der Hand gesagt!) Das Schleifladensystem wird von den Kegeln nicht verdrängt werden. Da jedoch fast alles kegeltoll ist, so hilfts nichts, man muß – mit heulen!Busch, Hermann J.: Zwischen Tradition und Fortschritt – Zu Orgelbau, Orgelspiel und Orgelkomposition in Deutschland im 19. Jahrhundert In: Alfred Reichling (Hrsg.): Mundus Organorum. Festschrift Walter Supper zum 70. Geburtstag. Merseburger, Kassel 1978, S. 63–91; hier: S. 74 f. Die Orgel erklang am 10. November 1872 in Händels „Dettinger Te Deum“, dessen Continuo-Begleitung von Johannes Brahms für Orgel arrangiert wurde, unter dessen Dirigat als Begleitinstrument zum ersten Mal in einem Konzert. Beim Eröffnungskonzert am 15. November 1872 stand Anton Bruckner als Improvisator im Mittelpunkt, Carl August Fischer aus Dresden beeindruckte mit Liszts »Fantasie und Fuge über B-A-C-H«.

Rieger-Orgel 1907 Die Ladegast-Orgel war mit zahlreichen Spielhilfen und einer komplizierten Mechanik ausgestattet. Als diese störanfällig wurden und immer mehr versagten, entschlossen sich die Beteiligten für einen Neubau durch die Firma Rieger aus Jägerndorf (Schlesien). Das Opus 1400 der Firma Rieger hatte 71 Register und wurde am 11. Dezember 1907 durch ein Konzert der Öffentlichkeit vorgestellt. Das elektropneumatische Instrument gefiel besonders Franz Schmidt, weshalb er es für etliche seiner Uraufführungen heranzog. Ebenso wurde die Rieger-Orgel, auch nach einer nachteiligen Dispositionsänderung und Einbau einer elektrischen Traktur durch die Wiener Firma Molzer im Jahre 1948, von hochrangigen Konzertorganisten wie Marcel Dupré geschätzt.Eines der letzten bedeutenden Schwesterinstrumente der Orgel von 1907 steht im Wiener Konzerthaus (Rieger-Orgel Jägerndorf 1913, 5 Manuale, Pedal, 116 Register).

E. F. Walcker & Cie.-Orgel 1969 Trotz heftiger Streitigkeiten in der Fachwelt wurde dieses Instrument 1967/69 durch ein 100 Register umfassendes, auf 4 Manualen und Pedal spielbares Werk der Firmen E. F. Walcker & Cie. (Ludwigsburg) und Werner Walcker-Mayer (Guntramsdorf) ersetzt. Treibende Kraft war Karl Richter gewesen, der auch die Disposition der neuen Orgel entwickelte. Um die vielen Register unterzubringen, wurde auch der Unterbau des Gehäuses mit einbezogen und hinter Lamellen Register positioniert. Dieser Neubau wurde allerdings, vor allem wegen seiner Ausführung mit elektrischer Traktur, von bedeutenden Organisten kategorisch abgelehnt; gefordert war eine mechanische Traktur. Anlass für Unzufriedenheit bot auch die barocke Klangsprache der Orgel, die der Wiedergabe symphonischer Orgel-Literatur – prädestiniert für Konzertsaalorgeln – entgegenstand.

Rieger-Orgel 2011 Aufgrund anhaltender Kritik und größerer Schäden an der Walcker-Orgel wurde 2005 eine Orgelkommission gegründet, in der Dame Gillian Weir, Ludger Lohmann, Olivier Latry, Peter Planyavsky, Martin Haselböck, Otto Biba und Thomas Mittermayer vertreten waren. Diese entwickelten ein Konzept für eine neue Konzertsaalorgel, den Großauftrag dazu erhielt die seit 1946 in Vorarlberg ansässige Firma Rieger Orgelbau 2009, der Einbau des Instruments in das historische Gehäuse dauerte bis Anfang 2011. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch der Unterbau des Gehäuses mit seinen Verzierungen wieder rekonstruiert, in ihm befinden sich Pedal- und Orchesterwerk. Die Rieger-Orgel hat 86 Register auf 4 Manualen und Pedal.

I Orchesterwerk C–c4 Lieblich Gedackt 16′ Geigenprincipal 8′ Viola da Gamba 8′ Salicional 8′ Wienerflöte 8′ Blockflöte 8′ Holzgedackt 8′ Octave 4′ Viola 4′ Gedecktflöte 4′ Octave 2′ Mixtur IV 2′ Harmonia aeth. II-V ′ Fagott 16′ Euphonium 8′ Oboe 8′ Klarinette 8′ Tremulant II Hauptwerk C–c4 Principal 16′ Violon 16′ Principal 8′ Flûte Major 8′ Gamba 8′ Gedackt 8′ Gemshorn 8′ Octave 4′ Salicional 4′ Spitzflöte 4′ Quinte ′ Superoctave 2′ Großmixtur IV–VI ′ Mixtur IV–V ′ Cornet V 8′ Trompete 16′ Trompete 8′ Trompete 4′ III Schwellwerk C–c4 Salicet 16′ Principalviolon 8′ Gambe 8′ Aeoline 8′ Voix céleste 8′ Flûte harmonique 8′ Bourdon 8′ Flûte octaviante 4′ Fugara 4′ Nazard harmonique ′ Octavin 2′ Tierce harmonique ′ Sifflet 1′ Fourniture V 2′ Basson 16′ Trompette harm. 8′ Hautbois 8′ Clairon harm. 4′ Voix humaine 8′ Tremulant IV Solowerk C–c4 Quintatön 16′ Diapason 8′ Flauto Amabile 8′ Doppelflöte 8′ Prestant 4′ Traversflöte 4′ Nasard ′ Flöte 2′ Terz ′ Larigot ′ Mixtur IV ′ Englischhorn 8′ Trompette Royal 8′ Tuba 8′ (Orchester)Pedal C–g1 schwellbar Subbass 32′ Subbass 16′ Violon 8′ Gedackt 8′ Bassklarinette 16′ nicht schwellbar Kontrabass 32′ Kontrabass 16′ Violonbass 16′ Salicetbass 16′ Octavbass 8′ Flöte 8′ Flöte 4′ Rauschpfeife III ′ Kontraposaune 32′ Posaune 16′ Fagott 16′ Trompete 8′ Clairon 4′

Veranstaltungen, Nutzung mini|Podium bzw. Stirnseite des Brahms-Saales