mini|Das Denkmal von Osten (Vorderseite), 2016 mini|Hinweistafel auf die Dokumentations-Ausstellung BZ '18–'45: ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen Das Siegesdenkmal () auf dem Siegesplatz in Bozen (Südtirol, Italien) ist eines der bedeutendsten Monumente aus der Zeit des Faschismus in Südtirol. Errichtet wurde es unter Mitwirkung wichtiger zeitgenössischer Künstler als Symbol des Faschismus und der Italianität im 1920 vom Königreich Italien annektierten südlichen Tirol sowie als Denkmal für die italienischen Toten des Ersten Weltkriegs. Jahrzehntelang war das 1928 eingeweihte Siegesdenkmal – ähnlich dem ehemaligen faschistischen Parteigebäude – aufgrund des transportierten Geschichtsbilds und seiner politischen Aussagekraft Gegenstand erbitterter Debatten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Südtirol. Nachdem das dem italienischen Staat gehörende und unter Denkmalschutz stehende Bauwerk über dreißig Jahre lang nicht zugänglich gewesen war, wurde 2014 in den unterirdischen Räumlichkeiten des Denkmals ein Dokumentationszentrum zur Bozner und Südtiroler Geschichte während der faschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft eingerichtet.
Baubeschreibung mini|Das Denkmal von Westen, 2013 mini|hochkant|Bericht des faschistischen Parteiblatts Alpenzeitung vom 13. Juli 1928 zur Eröffnungsfeier und mit Erklärung der lateinischen Inschriften Das von Marcello Piacentini entworfene Siegesdenkmal ist ein 19 m breiter, 20,5 m hoher und 8 m tiefer Triumphbogen, der mit antiker, faschistischer und christlicher Symbolik ausgestaltet ist. Die stadträumlich zentrale Position des Monuments – am Übergang von der Bozner Altstadt zum Stadtviertel Gries-Quirein platziert – verweist auch auf Piacentinis Anspruch, die Planungen für ein faschistisches Groß-Bozen mit einem symbolischen Mittel- und Ausgangspunkt auszustatten. John Foot: Fratture d’Italia. Da Caporetto al G8 di Genova: la memoria divisa del Paese. Milano 2009, ISBN 978-88-17-03435-7, S. 160–179. Das Bauwerk ist mit Marmor verkleidet, wobei die tragenden Teile aus Zement und Eisenbeton gefertigt wurden. Seine 14 Säulen und Halbsäulen wurden als überdimensionale Liktorenbündel (Fasces) ausgearbeitet. Die dekorativen Tierköpfe über den Beilen und die helmbewehrten Köpfe am Gesims sind Werke von Giovanni Prini.
mini|Inschrift am Architrav der Ostseite An der östlichen Stirnseite – der Altstadt Bozens und der Talferbrücke zugewandt – schießt eine von Arturo Dazzi geschaffene Siegesgöttin einen Pfeil gegen den „germanischen Norden“ ab. Darunter findet sich folgende lateinische Inschrift:
Ursprünglich war anstelle von ceteros („die Übrigen“) das Wort barbaros („die Barbaren“) vorgesehen gewesen. Trotz der abgemilderten Wortwahl blieb die intendierte Aussage unmissverständlich: Das faschistische Italien bringe als kulturell, politisch und militärisch überlegene Macht den Bewohnern des zurückgebliebenen Randgebiets die Zivilisation.Harald Dunajtschik, Aram Mattioli: Eroberung durch Architektur: Die faschistischen Um- und Neugestaltungsprojekte in Bozen. In: Petra Terhoeven (Hrsg.): Italien, Blicke. Neue Perspektiven der italienischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-55785-3, S. 87–106.
An der Westseite finden sich drei Medaillons von Pietro Canonica, die (von Nord nach Süd) einen den Vogelflug studierenden Icarus, eine mit wehenden Fahnen vorwärts stürmende Italia und einen feuerraubenden bzw. -bringenden Prometheus darstellen. Die darunter stehende Inschrift, einer entsprechenden antiken Inschrift auf dem Tropaeum Traiani nachempfunden, verweist auf eine der Hauptfunktionen des Denkmals:
Das Monument sollte also auch als Gedenkstätte für die im Ersten Weltkrieg im Kampf gegen Österreich-Ungarn gestorbenen italienischen Soldaten dienen. Allerdings hatten diese „rechtmäßigen Waffengänge“ zur Gewinnung des „Vaterlands“ nicht im deutschsprachigen Teil Tirols oder gar in der Nähe Bozens stattgefunden, was der Gefallenenverehrung an diesem Ort ein artifizielles Gepräge gab.
Die nördliche und südliche Außenseite vermerkten gut sichtbar die Auftraggeber des Bauwerks:
Die auf Mussolini verweisende Inschrift an der Südseite wurde nach dem Sturz des Faschismus entfernt. mini|hochkant|Südseite des Denkmals, 2024 An der nördlichen Innenseite findet sich die Signatur des Schöpfers des Siegesdenkmals:
Im offenen Innenraum des Triumphbogens befindet sich zentral positioniert ein von Libero Andreotti ausgeführter Altar mit einer Bronzestatue des auferstandenen Christus und einem Basrelief der Siegesgöttin, die zwei Soldaten beisteht, auf der Rückseite. Daneben wurden in Nischen Büsten der irredentistischen „Märtyrer“ Cesare Battisti, Fabio Filzi und Damiano Chiesa aufgestellt, allesamt Werke von Adolfo Wildt.
Neben und zwischen den Büsten finden sich drei Inschriften, die Referenzen aus der römischen Antike für die politische Aussagekraft des Siegesdenkmals vereinnahmen:
Im Sockel unmittelbar unterhalb des Altars befindet sich eine als kultischer Weiheraum gestaltete „Krypta“. Der Raum ist mit zwei großen Fresken von Guido Cadorin geschmückt: Die geflügelte Frauengestalt der Wächterin des VaterlandsIn der Literatur wird die Gestalt mitunter auch als Wächterin des Sieges bezeichnet. hält ein gezücktes Schwert und eine Fackel; die geflügelte Frauengestalt der Hüterin der Geschichte hält ebenso ein Schwert und ein aufgeschlagenes Buch. Auf den zwei Buchseiten ist ein kurzer Auszug aus dem Bollettino della Vittoria lesbar, mit dem General Armando Diaz nach der Schlacht von Vittorio Veneto und dem Waffenstillstand von Villa Giusti am 4. November 1918 den italienischen Sieg über die sich zurückziehenden österreichisch-ungarischen Truppen verkündete (I resti di quello che fu uno dei più potenti eserciti del [mondo]..., deutsch „Die Überreste dessen, was einst eine der mächtigsten Armeen der [Welt] war...“). Die Langseiten des Raums weisen erneut Inschriften mit antiken Zitaten auf:
Rund um die unterirdische „Krypta“ ist eine Reihe weiterer Räumlichkeiten angeordnet, die heute die Dauerausstellung des Dokumentationszentrums beherbergen.
Geschichte mini|Das ehemalige Kaiserjäger-Denkmal für die Kriegstoten aus dem Ersten Weltkrieg wurde 1917 gebaut, nie fertiggestellt und 1927 abgerissen, um Platz für das italienische Siegesdenkmal in Bozen zu schaffen. mini|hochkant|Franz Ehrenhöfers Skulptur Die Soldatentreue vom ehemaligen Kaiserjägerdenkmal (Abguss) Nach der Annexion Südtirols 1919/20 durch Italien in Folge des Ersten Weltkriegs und der Machtübernahme von Diktator Mussolini im Herbst 1922 begann das Regime damit, österreichische Monumente in den neuen Provinzen zu verräumen oder zu zerstören. Am 10. Februar 1926 wurde in der Abgeordnetenkammer auf Benito Mussolinis persönliche Initiative hin und mit außenpolitischer Stoßrichtung – gerichtet insbesondere gegen südtirolfreundliche Äußerungen des deutschen Außenministers Gustav Stresemann und des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held – die Entscheidung getroffen, im damals bereits den repressiven Maßnahmen der Italianisierung ausgesetzten Bozen ein faschistisches Monument zu errichten.Laurence Cole: «Geteiltes Land und getrennte Erzählungen. Erinnerungskulturen des Ersten Weltkrieges in den Nachfolgeregionen des Kronlandes Tirol». In: Hannes Obermair u. a. (Hrsg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung – Cittadini innanzi tutto. Festschrift für Hans Heiss. Folio Verlag, Wien / Bozen 2012, ISBN 978-3-85256-618-4, S. 502–531, Bezug S. 513. Demnach war die Denkmalerrichtung auch eine Reaktion Mussolinis auf die Protestrede des bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held vom 5. Februar 1925, in der dieser die Unterdrückung der Südtiroler scharf angeprangert hatte.Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939. Wien/München/Zürich 1980, S. 83–89.John Hiden: Der „Verband der deutschen Minderheiten in Europa“ 1922–1936. Von der Verteidigung der deutschen Minderheiten zum Werkzeug des Nationalsozialismus. In: Mathias Beer, Stefan Dyroff (Hrsg.): Politische Strategien nationaler Minderheiten in der Zwischenkriegszeit. München 2013, S. 297–308.
Die ursprüngliche Idee Mussolinis war es, dem italienischen Irredentisten Cesare Battisti dieses Monument zu widmen, der 1916 von den Österreichern hingerichtet worden war.Marilena Pinzger: Steinernes Zeichen des Imperiums. Faschistische Denkmalsarchitektur in Südtirol am Beispiel des Siegesdenkmals in Bozen. (PDF; 3,3 MB) Universität Wien, Diplomarbeit 2011, S. 22–25. Dieser Vorschlag fand bei den faschistischen Organisationen in ganz Italien und im Ausland große Zustimmung, obwohl sich Battisti bereits 1915 zusammen mit verschiedenen italienischen Politikern für eine Grenze bei der Salurner Klause ausgesprochen hatte, also gegen den Anschluss Südtirols an Italien.Antonio Scottà (Hrsg.): La Conferenza di pace di Parigi fra ieri e domani (1919–1920). Soveria Mannelli 2003, Google bücher, am 25. Jänner 2011. In kürzester Zeit wurden die erforderlichen 3 Millionen Lire eingesammelt. Den italienischen Marmor für den Bau schenkten Industrielle aus Lucca. In Bozen selbst unterzeichneten 348 Bürger ein von Rechtsanwalt Anton Kinsele initiierten Protestaufruf gegen den geplanten Denkmalbau und die damit verbundene Spendensammlung, wurden dafür aber umgehend bei der Bozner Präfektur vom Polizeibeamten Karl Brandstätter denunziert, welcher unter dem Deckmantel „Capa“ zugleich als Mitarbeiter der faschistischen Geheimpolizei OVRA fungierte.Hannes Obermair: Monuments and the City—an almost inextricable entanglement. In: Matthias Fink u. a. (Hrsg.): Multiple Identitäten in einer „glokalen Welt“ – Identità multiple in un „mondo glocale“ – Multiple identities in a „glocal world“. Eurac Research, Bozen 2018, ISBN 978-88-98857-35-7, S. 90.Zu Brandstätters geheimdienstlicher Tätigkeit s. Leopold Steurer: Die Agenten Roms. OVRA und Südtirol 1928–1933. In: Gerald Steinacher (Hrsg.): Im Schatten der Geheimdienste. Südtirol 1918 bis zur Gegenwart. Studienverlag, Innsbruck / Wien / Bozen 2003, ISBN 3-7065-1644-6, S. 77–78.
Am 17. März 1926 trat die Kommission zusammen, die das Projekt genehmigen sollte. Sie bestand aus Mussolini, Ettore Tolomei, dem Staatssekretär Giacomo Suardo und dem Minister für den öffentlichen Unterricht Pietro Fedele, welcher die Inschriften am Denkmal beisteuerte.
Mussolinis Wunsch, das Monument in der Nähe der Talferbrücke zu errichten, wo während des Ersten Weltkriegs die österreichische Administration den Architekten Karl Ernstberger und den Künstler Franz Ehrenhöfer damit beauftragt hatte, ein Monument für die gefallenen Kaiserjäger zu bauen, wurde rasch in die Tat umgesetzt. Das Projekt wurde dem Architekten Marcello Piacentini anvertraut, der seine Planungen dann auch im Juni 1926 präsentierte. Am 12. Juli 1926, programmatisch am Jahrestag der Hinrichtung Cesare Battistis, erfolgte die Grundsteinlegung in Anwesenheit König Viktor Emanuels III. und faschistischer Granden.Die Grundsteinlegung des „Siegesdenkmales“ in Bozen. In: Der Südtiroler, 15. Juli 1926, H. 14, S. 3 (Digitalisat). Im Juni 1927 wurde das unfertig gebliebene Kaiserjägerdenkmal gesprengt, während der Bau des neuen Denkmals bereits voranschritt.
Die Enthüllung und Einweihung des Denkmals für die „Märtyrer des Ersten Weltkrieges“ erfolgte am 12. Juli 1928 wiederum in Anwesenheit des Königs Viktor Emanuel III. und des Bischofs von Trient Celestino Endrici. An diesem Tag fand in Innsbruck am Bergisel eine Gegendemonstration mit rund 10.000 Teilnehmern statt.Vgl. die zeitgenössischen Berichte der Innsbrucker Nachrichten vom 13. Juli 1928, S. 1: Tirols Protest gegen die welsche Herausforderung, des Vorarlberger Volksblatts vom 13. Juli 1928, S. 1: Tirols Treueschwur. Eine machtvolle Kundgebung am Berg Isel und des Tiroler Grenzboten vom 14. Juli 1928, S. 1: Tirols Ehre und Schmach.