rechts|300px|Der rätische Donaulimes Das Kleinkastell Großprüfening ist ein ehemaliges römisches Militärlager am „nassen Limes“ der raetischen Donaugrenze. Das Fundgebiet liegt im heutigen Stadtteil Großprüfening-Dechbetten-Königswiesen im Westen der kreisfreien Stadt Regensburg im bayerischen Regierungsbezirk Oberpfalz. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Lage Der Standort auf der flach abfallenden Niederterrasse in einer großen, nach Nordwesten ausholenden Donauschleife hat schon sehr früh Menschen angezogen. Insbesondere südöstlich steigt das Land leicht an. Dominierendere Hügelgruppen befinden sich jedoch hauptsächlich am südlichen Ufer. Wichtig für den Standort war sicher schon früh die Lage zwischen der hier mündenden Naab und dem nordöstlich zufließenden Regen. Das Kleinkastell befindet sich noch heute in unmittelbarer Nähe zum Fluss. Die Naabsenke hat als direkte Verbindung nach Norden in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt.Karlheinz Dietz, Udo Osterhaus, Sabine Rickhoff-Pauli, Konrad Spindler: Regensburg zur Römerzeit. Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7. S. 248.
Forschungsgeschichte Bereits im Endpaläolithikum und Mesolithikum existierten im Bereich der antiken Nutzungsfläche Freilandstationen. Diesen folgten Siedlungen des Neolithikums, der Urnenfelderkultur, und der Späthallstattzeit. Hallstattzeitlich ist auch die Grabenanlage eines Herrenhofs.Lutz-Michael Dallmeier: Sondagegrabungen im hallstattzeitlichen Erdwerk von Großprüfening. In: Das Archäologische Jahr in Bayern, 2006 (2007), S. 59–62. Später folgten Niederlassungen der Früh- und Spätlatènezeit. Auf den zumindest teilweise militärischen Hintergrund des Geländes weist der Flurname „Schanzacker“ hin. Im Jahr 1911 waren römische Siedlungsspuren auf dem rechten Donauufer im Bereich der Naabmündung entdeckt worden.Georg Steinmetz: Regensburg in der vorgeschichtlichen und römischen Zeit. In: Georg Steinmetz, Max Heuwieser: Aus Regensburgs Vergangenheit. Festgabe zur Haupt-Versammlung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Regensburg in Verbindung mit dem XVII. deutschen Archivtag 30. August bis 4. September 1925. Kösel & Pustet, Regensburg 1925, S. 3–72; hier: S. 28; (= Verhandlungen des historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg Band 75, 1925) Damals fand eine erste Grabung unter der Leitung des Prälaten Johann Baptist Mehler (1860–1930) statt. Während dieser Nachforschung soll als spektakulärster Fund angeblich ein „vergoldeten“ Helm aus dem Boden gekommen sein, der jedoch sogleich wieder verloren ging.Karlheinz Dietz, Udo Osterhaus, Sabine Rickhoff-Pauli, Konrad Spindler: Regensburg zur Römerzeit. Regensburg 1979, ISBN 3-7917-0599-7. S. 290. Ihm folgte 1913 der Altphilologe Georg Steinmetz (1850–1945) mit einer neuen Untersuchung im Lagerdorf. Dabei wurde auch ein römischer Keller auf Schanzacker untersucht, wobei unter anderem teilweise gestempelte Terra Sigillata aus Rheinzabern (Belsus f; Mammilianus f.) sowie drei Münzen zum Vorschein kamen. Die damalige Schlussmünze des Kellers stammte aus der Regierungszeit des Kaisers Gordian III. (238–244).Jahres-Bericht für die Zeit von 1909–1914. In: Historischer Verein für Oberpfalz und Regensburg. Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, 65 (1915), S. 159. Der Befund einer Siedlung deutete bereits auf die mögliche Existenz eines Kastells an dieser Stelle hin. Die Donaukanalisierung machte immer wieder kleinere Rettungsgrabungen im Bereich des Lagerdorfs (Vicus) notwendig. Schließlich konnten dessen Gesamtausdehnung ermessen und die beiden Gräberfelder untersucht werden. Das unter landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen verborgene Kleinkastell wurde jedoch erst 1977 anhand von Aufnahmen des Luftbildarchäologen Otto Braasch identifiziert. Bereits 1978 erfolgte eine kleinere Ausgrabung an dessen Nordecke. Dabei wurden Fundamente der Umfassungsmauer sowie der dort stehende Eckturm erfasst. Außerdem konnte das Grabensystem angeschnitten werden. Im folgenden Jahr wurde mittels eines knapp 90 Meter langen Schnittes der südöstliche Wehrgraben aufgedeckt. Die Grabungen leitete der Prähistoriker Udo Osterhaus.Thomas Fischer: Neues zum römischen Regensburg. In: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg (Hrsg.): 13. Internationaler Limeskongreß Aalen 1983. Vorträge (= Studien zu den Militärgrenzen Roms 3 = Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 20). Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0776-3, S. 146–151; hier: S. 148. Inzwischen liegt eine Vielzahl von Luftbildern vor, die auch einen Einblick in das Lagerinnere geben. Im Spätherbst 2010 fand eine geophysikalische Prospektion auf dem Areal des Kleinkastells statt.Jörg W. E. Faßbinder, Danielle Narr, Roland Linck, Thomas Deller, Florian Becker: Prospektion am römischen Kastell Großprüfening, Stadt Regensburg, Oberpfalz. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2010 (2011), S. 92–95; hier: S. 92.
Von den Ausgrabungen wurden nach seiner Restaurierung die Fundamente eines 1978 freigelegten 8 × 13 Meter großen Wirtschaftsgebäudes aus dem Lagerdorf (Vicus) unter einem Schutzbau konserviert.Römisches Wirtschaftsgebäude bei . Der als Darre interpretierte Bau könnte auch eine Brauerei beinhaltet haben.Sabine Rieckhoff: Eine römische „Brauerei“ aus Regensburg. In: Erwin M. Ruprechtsberger (Hrsg.): Bier im Altertum. Linz 1992 (= Linzer archäologische Forschungen, Sonderheft 8), S. 27–33; Heinrich Konen: Bierhandel im römischen Kaiserreich. Einige Überlegungen zu Volumen, Reichweite und Bedeutung. In: Babett Edelmann-Singer, Heinrich Konen (Hrsg.): Salutationes – Beiträge zur Alten Geschichte und ihrer Diskussion. Frank & Timme, Berlin 2013, ISBN 978-3-86596-471-7, S. 187–206; hier S. 187. Teile der heute restaurierten Mauerreste und Fundgegenstände können im „Römerpark“, der auch als „Römerpavillon“ bekannt ist, vor Ort besichtigt werden.Sabine Pauli: Projekt Römerpark – aus der Sicht des Museums. In: Vereinigung Freunde der Altstadt Regensburg. Gedenkschrift zur Schaffung eines Römerparks in Regensburg, Regensburg 1981, S. 20–26.Mittelbayerische Zeitung: , vom 19. September 2014, geladen am 20. Januar 2021
Baugeschichte Prinzipat Das knapp 60 × 80 Meter (= 0,48 Hektar) große Kleinkastell wurde gleichzeitig oder wenige Zeit nach Gründung des 179 n. Chr. fertiggestellten Legionslagers von Regensburg errichtet.Thomas Fischer: Regensburg. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 24, Quadriburgium – Rind, de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017575-4, S. 306–317; hier: S. 314–315. Die mit ihrer Prätorialfront und der Porta praetoria (Haupttor) südwestlich orientierte Anlage folgt dem standardisierten Bauschema der mittleren Kaiserzeit. Die rechteckige Umfassungsmauer besitzt abgerundete Ecken (Spielkartenform) und je einen leicht trapezförmigen Eckturm. Zwischentürme sind nicht vorhanden. An allen vier Seiten führt je ein einspuriges Tor ins Kastellinnere. Die Tore werden von je zwei rechteckigen Tortürmen flankiert. Wie die Untersuchungen von 1978 und 1979 belegen, war die Umfassungsmauer zumindest innerhalb der bekannten Abschnitte in den das Kleinkastell umgebende Wehrgraben gestürzt. An der südöstlichen Flanke konnte diese Mauer mit einer Breite von einem beziehungsweise 1,20 Meter eingemessen werden. Aus dem teilweise noch fast vollständigen Mauerversturz ließ sich noch eine Mindesthöhe von acht Meter der ursprünglichen Wehrmauer errechnen. Die Innenseite der Mauer wies starke Brandspuren auf, was darauf hindeutete, dass der Wehrgang nicht auf einem angeschütteten Damm verlief, sondern als Holzkonstruktion errichtet worden war.
Der an den Außenkanten gemessen rund 94 × 78 Meter umfassende Spitzgraben war zwischen fünf und 5,50 Metern breit teilweise zweiphasig angelegt. Die zwischen dem Grabensystem und der Wehrmauer liegende Berme besaß eine Breite von rund 2,10 Metern. Lediglich vor der Porta decumana, dem rückwärtigen Lagertor an der nordöstlichen Schmalseite, setzte dieser Graben auf einer Breite von rund drei Metern aus. An allen drei anderen Zugängen musste er mittels einer Holzbrücke überwunden werden.Jörg W. E. Faßbinder, Danielle Narr, Roland Linck, Thomas Deller, Florian Becker: Prospektion am römischen Kastell Großprüfening, Stadt Regensburg, Oberpfalz. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2010 (2011), S. 92–95; hier: S. 93. Nach Fundausweis wurde der jüngere Graben offenbar im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts verfüllt.
Durch eine Zusammenführung der Luftbilder mit dem 2010 ersten Magnetogramm können einige Aussagen zur Innenbebauung gemacht werden. Am Schnittpunkt der von allen vier Toren kommenden Lagerstraßen lag das rechteckige, rund 19 × 15 Meter große Stabsgebäude (Principia). Die Untersuchungen bezeugen an der rückwärtigen Längsseite auch ein Fahnenheiligtum mit abgerundeter Apsis. Der Nachweis dieses Heiligtums zeigt, dass die dort liegende Truppe ein eigenes Feldzeichen besessen hat und als eigenständige taktische Einheit operierte. Für die südöstliche Schmalseite der Principia sind drei nebeneinander liegende Räume bezeugt. Höchstwahrscheinlich war die gegenüberliegende Schmalseite entsprechend aufgebaut. Im Mittelpunkt des Stabsgebäudes ist ein kleiner Innenhof anzunehmen. Ein weiterer kleiner Bau von rund 2,25 × 2,87 Metern lässt sich in der Praetentura – dem rückwärtigen Lagerbereich hinter den Principia – auf der Achse der zum rückwärtigen Tor hinausführenden Via decumana erkennen. Ein anderer rechteckiger Bau liegt nahe der Südecke des Kastells und ist rund 7,86 × 5,70 Meter groß.Jörg W. E. Faßbinder, Danielle Narr, Roland Linck, Thomas Deller, Florian Becker: Prospektion am römischen Kastell Großprüfening, Stadt Regensburg, Oberpfalz. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2010 (2011), S. 92–95; hier: S. 94.
Das Kleinkastell lag an einer entlang der Donau verlaufenden römischen Straße und hatte wahrscheinlich die Aufgabe, die Mündung des Naabtals militärisch zu überwachen. Die wohl mit zwei Zenturien belegte Anlage wurde möglicherweise während der Regierungszeit des Kaisers Gordian III. im zweiten Alamannensturm von 242/243 n. Chr. mit dem Lagerdorf in Brand gesetzt.Egon Schallmayer, Mario Becker: Limes. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 18, Landschaftsrecht – Loxstedt, de Gruyter Berlin 2001, ISBN 3-11-016950-9, S. 403–317; hier: S. 424. Der Archäologe Hans-Jörg Kellner ermittelte aus einem nahe am Kastell Gunzenhausen vergrabenen Münzhort, der frühestens 242 n. Chr. in den Boden kam und einem verwandten Fund aus dem Kastell Kösching den Zeitpunkt des zweiten Alamanneneinfalls um das Jahr 242/243. Der erste, 233, hat höchstwahrscheinlich unter anderem das Kastell Pfünz und Staubing ausgelöscht. Der Köschinger Fund ließ sich auf den Sommer 241 festlegen. Damals regierte Kaiser Gordian III. (238–244). Siehe auch: Robert Roeren: Zur Archäologie und Geschichte Südwestdeutschlands im 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 7. Jahrgang, Habelt, Bonn 1960, S. 217. In dem vom Archäologen Thomas Fischer bis 1976 aufgearbeiteten Fundmaterial endete die Münzreihe mit diesem Kaiser. Spätestens 259/260 n. Chr., im Zuge des Limesfalls, wurde die Anlage endgültig aufgegeben. Das Fundmaterial reicht nicht über das letzte Viertel des 3. Jahrhunderts hinaus.Jörg W. E. Faßbinder, Danielle Narr, Roland Linck, Thomas Deller, Florian Becker: Prospektion am römischen Kastell Großprüfening, Stadt Regensburg, Oberpfalz. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 2010 (2011), S. 92–95; hier: S. 95.
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