Die Siedlung Eisenheim in Oberhausen gilt als die älteste Arbeitersiedlung des RuhrgebietsDorit Grollmann: „…für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“. S. 7. und eine der ältesten erhaltenen Arbeitersiedlungen in Deutschland. Eisenheim ist die erste deutsche Arbeitersiedlung, die unter Denkmalschutz gestellt wurde.Roland Günter: Projekt Sprechende Straßen, Tafel: Gegenwehr. mini|Eisenheimer Straße vor 1910 mini|Eisenheimer Straße 2010
mini|Karte mit Hervorhebung der einzelnen Haustypen
Die ersten Häuser auf dem rund sieben Hektar großen Areal entstanden 1846, errichtet von der späteren Gutehoffnungshütte (GHH), zunächst für ihre Hüttenarbeiter. Erst ab der zweiten Ausbaustufe kamen nach 1865 auch Bergleute der Zeche Osterfeld hinzu. Um 1900 lebten etwa 1200 Menschen in 51 anderthalb- und zweigeschossigen Häusern.
Nach teilweisen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstanden Pläne, die „hässlichen Altbauten“ abzureißen, die Siedlung komplett durch Neubauten zu ersetzen und so die „Koloniezeit auszulöschen“.Zitiert nach Rainer Wirtz; in: Dorit Grollmann: „…für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“. S. 6. Die gewachsenen Sozialstrukturen innerhalb der Siedlung wurden dabei nicht berücksichtigt. Der Widerstand der Anwohner wurde Anfang der 1970er-Jahre durch eine Bielefelder Studentengruppe unter Leitung von Roland Günter unterstützt. Es kam zur Gründung der ersten Arbeiterinitiative im Ruhrgebiet, die Vorbild und Ansporn vieler weiterer solcher Initiativen in der Region werden sollte. Nach langem Kampf konnten die verbleibenden 38 Häuser vor dem Abriss bewahrt und 1972 unter Denkmalschutz gestellt werden. Die soziologischen Studien, die in diesem Zusammenhang erstellt wurden, zählen zu den „Klassikern der Sozialwissenschaft der Siebziger Jahre“ und waren entscheidend am „Paradigmenwechsel hin zu einer stärker auf die sozialen Auswirkungen von Architektur und Städteplanung ausgerichteten Öffentlichkeit“ beteiligt.Günter Morsch: Eisenheim. S. 21.
Die Siedlung hat mit dem Museum Eisenheim in der Berliner Straße eine Außenstelle des LVR-Industriemuseums Oberhausen. Über das Projekt „Sprechende Straßen – sprechende Baudenkmäler“„Sprechende Straßen – sprechende Baudenkmäler“ auf Wikipedia Commons – Fotografien der Projekttafeln. kann bei einem Spaziergang durch die Siedlung deren Geschichte und die ihrer Bewohner nachvollzogen werden.
Heute ist die Siedlung, die auch durch die mehrteilige WDR-Fernsehserie Die Helden von Eisenheim bekannt wurde, ein Teil der Route der Industriekultur.
Geschichte mini|Puddlingswerk, Hochofen und Steinkohleberggruben Oberhausen um 1860. Die „Alte Walz“ im Vordergrund Werkswohnungsbau, der zunächst auf staatliche Initiativen zurückging, fand in Deutschland bereits im 18. Jahrhundert statt, zuerst für Landarbeiter und später für Bergarbeiter. Das erste Beispiel für einen privatwirtschaftlichen Wohnungsbau war ein dreistöckiger Arbeiterwohntrakt bei der Textilfabrik Cromford in Ratingen.Dorit Grollmann: „…für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“. S. 24.
Der Anstoß für die Gründung Eisenheims war die einsetzende Eisenbahnkonjunktur am Ende der 1830er-Jahre. Die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH), die Vorläuferin der Gutehoffnungshütte (GHH), verlagerte ihren Produktionsschwerpunkt von der Erzeugung von Roheisen auf die Verarbeitung des Eisens und produzierte die ersten Schienen der Region. Für die neuen, aus dem Ausland eingeführten Produktionsverfahren wurden auch ausländische Fachkräfte benötigt.Günter Morsch: Eisenheim. S. 11. Der Hüttendirektor der JHH Hermann Wilhelm Lueg hatte die Idee, fremde Meister nicht nur abzuwerben, sondern ihnen auch attraktive Ansiedlungsmöglichkeiten zu bieten.
Die JHH hatte bereits seit den 1820er-Jahren Werkswohnungsbau rund um Sterkrade betrieben, aber Eisenheim galt zum Ende des 20. Jahrhunderts als der älteste erhaltene Siedlungskomplex im Ruhrgebiet. Er spiegelt mit seiner sechzigjährigen Entstehungszeit von 1846 bis 1903 anhand der verschiedenen Gebäudetypen die Baugeschichte des Siedlungsbaus im Ruhrgebiet auf einzigartige Weise wider.
Erste Ausbauphase 1846 mini|hochkant|Hermann Wilhelm Lueg: Der Gründer Eisenheims Am 27. Februar 1830 bekundete Lueg im Zusammenhang mit dem Ausbau des Walzwerkes: „Da hierdurch den sehr vermehrten Fabrikarbeitern die Wohnungen mangeln, so wollen wir ein großes Wohngebäude für mehrere Arbeiterfamilien erbauen lassen.“ Wo dies genau geschehen sollte, stand noch nicht fest. 1834 verhandelte er mit dem Bürgermeister von Holten über den Bau von 15 Arbeiterwohnungen, deren Bau aber wegen eines Konjunktureinbruches nicht zustande kamen.
Am 8. Februar 1844 erwarb Lueg vom Bauern Theodor Rübbekamp 27 Morgen, 139 Ruten und 60 Fuß Land auf den Gemarkungen Ravelkamp und Wesselkamp zum Preis von 2350 Talern.Dorit Grollmann: „…für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“. S. 24. Morsch spricht von 32 Morgen: Günter Morsch: Eisenheim. S. 5. Der Standort lag an der Provinzialstraße von Mülheim an der Ruhr nach Dorsten, die damals gerade als Kunststraße ausgebaut wurde. Sie verband die Hütte Gute Hoffnung in Sterkrade mit dem Puddlings- und Walzwerk an der Emscher.Günter Morsch: Eisenheim. S. 5. Die Grundstücke lagen auf leicht sumpfigem, häufig überschwemmtem Ackerland, weitab von den damaligen Fabriken und anderen Wohngebieten. Neben den günstigen Grundstückspreisen war auch die geplante Ansiedlung von Fremden und Ausländern für die Wahl des abgelegenen Standorts verantwortlich, da dieser Umstand von der ansässigen ländlichen Bevölkerung mit Misstrauen betrachtet wurde.
Die Grundbucheintragung zog sich nach dem Kauf des Landes noch zwei Jahre hin, da die gutsherrliche Genehmigung fehlte. Der Bauantrag an die erst 1841 gebildete Gemeinde Osterfeld wurde von dieser zurückgewiesen.
mini|links|Abschrift des Bauantrags vom 27. Februar 1846 Unter Einschaltung des Ministeriums des Inneren der Bezirksregierung in Münster und des Landrats erwirkte Lueg eine vorläufige Baugenehmigung. Am 6. April meldete der Ortsvorsteher, dass die Bauarbeiten begonnen hatten, am 28. August teilte die JHH mit, dass in 14 Tagen sieben Häuser fertiggestellt sein würden und sie den Antrag stelle, die Siedlung „Eisenheim“ zu nennen.
Wilhelm Tourneau entsprach dem Antrag wieder nicht und verwies an die Regierung. Als die ersten Mieter bereits eingezogen waren, stimmte die königliche Regierung in Münster am 6. Januar 1847 der Namensgebung und dem Bauantrag nachträglich zu.
Die Probleme mit der sozialen Lastenverteilung durch solche Ansiedlungen wurde erst im Jahr 1876 durch das preußische Ansiedlungsgesetz geklärt, welches die Frage des Unterstützungsrisikos zugunsten der Gemeinden regelte.Dorit Grollmann: „…für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“. S. 27.
Der englische Reisende Thomas Collins Banfield beschrieb Eisenheim – die Meisterhäuser an der Provinzialstraße – im Sommer 1846 folgendermaßen:
Bedingt durch die Diskussion um die Sozialfolgekosten änderte Lueg in seinen Anträgen mehrmals den Typ und die Eigentumseigenschaften der geplanten Häuser. Zunächst kündigte er ein Wohnhaus „für tüchtige Meister und Arbeiter rechter Art“ an. Dann beantragte er im März 1846 den „Bau kasernenartiger Wohnungen“. Zunächst hatte Lueg geplant, die Häuser an die Nutzer auf der Basis eines Prämienhaussystems, wie es im saarländischen Bergbau üblich war, zu verkaufen. Die Darlehensprämien sollten direkt vom Lohn abgezogen werden. Dann entschied er sich aber doch für eine Überlassung auf Mietbasis. Konsequenterweise wurden auch die beiden Mietskasernenhäuser errichtet.
mini|Ausbaustand 1846 Zuletzt entstanden insgesamt elf Wohngebäude: Zunächst im Frühjahr 1846 sieben Meisterhäuser entlang der Provinzialstraße (heute Sterkrader Straße), im Spätsommer und Herbst folgten das Doppelhaus in der Kasernenstraße (heute Fuldastraße Nr. 5–7) und zwei zweistöckige Siedlungshäuser am Communalweg (heute Wesselkampstraße Nr. 27/29 und 31/33).Günter Morsch: Eisenheim. S. 9.
1848 lebten rund 128 Personen in 30 Familien in der Siedlung. Sie stammten aus dem Saarland, der Pfalz, dem Bergischen Land und den preußischen Ostprovinzen sowie dem benachbarten Ausland, einige kamen auch aus der Nachbarschaft. Es handelte sich vorwiegend um Katholiken. Die Bewohner waren dabei nicht nur Meister, sondern auch Vor- und Facharbeiter, einfache Arbeiter und Tagelöhner. Die meisten arbeiteten in der eine halbe Stunde Fußmarsch entfernten, an der – damals noch weiter südlich fließenden – Emscher gelegenen „Alten Walz“.Günter Morsch: Eisenheim. S. 17.
Zweite Ausbaustufe 1865/66 mini|Ausbaustand 1866 Die zweite Ausbaustufe war verbunden mit einem lang anhaltenden Konjunkturaufschwung. Von 1842 bis 1865 war die Belegschaft der Hüttengewerkschaft von 2000 auf fast 5000 gestiegen. Die 1873 gebildete Gutehoffnungshütte AG (GHH) konnte durch die Verhüttung einheimischer Erze mit Koks auf der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim wieder in die Roheisenproduktion einsteigen. Es entstanden sowohl die Eisenhütte I als auch das Walzwerk Neu-Oberhausen. Die Entwicklung steigerte sich zum Gründerboom.Günter Morsch: Eisenheim. S. 12f.
Ab 1865 entstanden zehn weitere Wohngebäude, sieben in der Berliner Straße (Nr. 8, 10, 12, 14, 16, 18, 20) und zwei in der Wesselkampstraße (Nr. 19/21 und 23/25).
Dritte Ausbauphase 1872 mini|Ausbaustand 1872 Das im Jahr 1872 errichtete einzelne Siedlungshaus (Wesselkampstraße Nr. 35) stellt eine revolutionäre Neuerung dar. Es gibt keine früheren Belege für diesen Typ, so dass anzunehmen ist, dass er von einem unbekannten Planer in der GHH entwickelt wurde. Der Kreuzgrundriss wurde dahingehend modifiziert, dass die Wohnungen und ihre Eingänge an die jeweiligen Hausseiten verlegt wurden. So hatte jede der vier Familien auch im Außenbereich ihren eigenen privaten Bereich und konnte sich fast der Illusion hingeben, in einem eigenen Haus zu wohnen.Roland Günter: Projekt Sprechende Straßen, Tafel: Wohnungs-Reform: Der geniale Kreuz-Grundriß.
Dass in dieser Phase nur ein Haus errichtet wurde, spiegelt aber auch den Gründerkrach von 1873 wider. Die GHH reagierte mit der Entlassung von 1/3 der Beschäftigten. Der Ausbau der Siedlung wurde zunächst gestoppt. Die Siedlung bestand jetzt aus 21 Wohngebäuden.Günter Morsch: Eisenheim. S. 10. Die Zahl der Haushaltungen hatte sich mit 66 in etwa verdoppelt, die Einwohnerzahl aber nahezu vervierfacht. Es lebten jetzt 224 männliche und 194 weibliche Personen in der Siedlung.
Vierte Ausbaustufe ab 1897 mini|Ausbaustand 1903 Die vierte Ausbaustufe war geprägt von der Bergbaukonjunktur. Die Nordwanderung des Abbaus war bereits über die Emscher vorgerückt. Die GHH teufte, neben ihrer bereits bestehenden zwei Zechen Oberhausen und Osterfeld, drei weitere Zechen im Raum Oberhausen ab. Die Anzahl der bei der GHH beschäftigten Bergleute verdoppelte sich in der Zeit des Ausbaus auf 9000, bei einer Gesamtbelegschaft der GHH von 18000 Mitarbeitern. Ein großer Teil der Beschäftigten kam aus den preußischen Ostprovinzen und aus Polen. Die sozialen Folgen dieses rasanten Bevölkerungswachstums waren verheerend.siehe auch: Bergarbeiterstreik von 1889 Die Konzerne nahmen den Werkswohnungsbau wieder in Angriff. Allein die GHH baute vierzehn neue Siedlungen mit zum Teil mehr als 100 Häusern, dies reichte aber nur für eine Minderheit von fünf bis sechs Prozent der Beschäftigten. Die Hauptfunktion des Werkswohnungsbaus lag darin, eine schmale Schicht von Stammarbeitern an das jeweilige Werk zu binden.Günter Morsch: Eisenheim. S. 13f.
In den neuen Wohneinheiten in Eisenheim wurden ausschließlich Bergarbeiter der Zeche Osterfeld angesiedelt, darunter auch viele Polen, was zu Einsprüchen der „alteingesessenen“ Eisenheimern führte: So schrieb ein Meister, man habe sich „im Laufe der Jahre einen ruhigen und behaglichen Aufenthalt geschaffen“, den man durch den Zuzug „fremder Zechenarbeiter“ bedroht sah.Günter Morsch: Eisenheim. S. 18.