Das Hennebergische Gymnasium „Georg Ernst“ (HGS) ist ein staatliches Gymnasium in Schleusingen, Thüringen. Gegründet im Juni 1577 von Georg Ernst (Henneberg-Schleusingen), zählt es zu den ältesten Gymnasien in Deutschland.Peter Nestler/Bernd Vent: Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 10. Die Schule ist dem Humanismus verpflichtet, legt den Schwerpunkt des Unterrichts aber seit dem Jahr 2002 auf die MINT-Fächer. Angeschlossen ist ein Alumnat in privater Trägerschaft.
Geschichte mini|Das Schulgebäude gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1446 ist zum ersten Mal in Schleusingen eine Schule unter kirchlicher Verantwortung erwähnt. Sowohl Schüler als auch Lehrer hatten Tätigkeiten im Auftrag der Stadt und der Kirche zu verrichten. Seit 1502 ist eine Lateinschule nachgewiesen. Im Jahr 1508 wird der Grafenerzieher Johann Jäger als erster Schulmeister urkundlich benannt. Nach der Reformation zog die Schule (vermutlich im Jahr 1556) in das Gebäude des Barfüßerklosters in der Klosterstraße um, den Standort des heutigen Gymnasiums. Der letzte regierende Henneberger Graf, Georg Ernst, erließ 1560 eine Schulordnung, welche die Stadtschule zur fürstlichen Landesschule machte. Außerdem legte er Anfang Juni 1569 einen Lehrplan fest, nach dem neben den Artes Liberales die christliche Religion gemäß der Augsburger Konfession gelehrt werden sollten. Zwei Examina waren pro Jahr abzuhalten. Schließlich gründete er im Jahr 1577 das Schleusinger Gymnasium aus der öffentlichen Lateinschule.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 10–11.
Über dem Kellereingang befindet sich im Torbogen der älteste Stein des Hauptgebäudes, auf welchem die Inschrift „illustre Gymn“ und die Jahreszahl 1715 zu sehen sind. Im 16. Jahrhundert war es üblich, eine Schule, die einen vollständigen humanistischen Kursus vermittelte, als „illustre“ zu bezeichnen. Er konnte dem Lehrangebot der unteren Fakultät einer Universität entsprechen.
Gründung des Alumnats (Internat) mini|Graf Georg Ernst, der Stifter Hennebergischen Gymnasiums Unmittelbar nach der Gründung des Gymnasiums stiftete Georg Ernst auch eine „Pfleg- und Erziehungsanstalt bei dem Gymnasium“, die am 14. Oktober 1577 mit 30 Schülern als Kommunität eröffnet wurde.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 12. Damit nahm Georg Ernst die Förderung von Kindern und Jugendlichen ärmerer Schichten in seine Hände. Es gab auch Stipendien, die den Abgängern den Besuch an einer Universität ermöglichten.
Als Kommunitäterwohnung diente ein großes Zimmer im ehemaligen Kloster. Um das Zusammenleben zu regeln, wurden besondere Gesetze eingeführt. Diese „Leges speciales“, die älteste Hausordnung der Schule, galten unverändert über das komplette erste Jahrhundert des Bestehens der Schule.
Viele Absolventen des Gymnasiums studierten anschließend in Leipzig. Nach wenigen Jahrzehnten hatte sich das Gymnasium durch viele tüchtige und fleißige Schüler einen außerordentlichen Ruf erworben, dass um 1616 ein Leipziger Professor den Ausspruch prägte: „Haud fumos vendit Schleusinga – Schleusingen verkauft keinen Rauch“. Aufgrund Geldmangels im zuständigen Landschulkasten musste die Kommunität 1637 für sieben Jahre geschlossen werden und diente auch dann zunächst nur der Verpflegung der Schüler. Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) war vieles zerfallen und musste neu aufgebaut werden.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 12–17.
Andreas Reyher als Rektor (1632–1639) Das Rektorat Andreas Reyhers mitten im Dreißigjährigen Krieg fiel in eine schwierige Phase der Existenz der Schule. Seine Tätigkeit am Gymnasium war ausschlaggebend für seine pädagogische Einstellung in den Folgejahren in Gotha, die ihn zu einer bekannten Persönlichkeit Thüringer Erziehungs- und Schulgeschichte machten.
Der Krieg wirkte sich auch auf die Grafschaft Henneberg aus: Pest, Seuchen, Hungersnot und die zunehmenden fehlenden Beiträge für die Landschulkasse aufgrund der Unfähigkeit der Ämter der Grafschaft erschwerten nicht nur den Eltern der Schüler, sondern auch dem Gymnasium selbst, die Aufwendungen aufbringen zu können. Trotzdem wollte Reyher die Unterrichtsmethode reformieren und veröffentlichte eigene Schriften zur Schulpraxis. Besonders bereicherten die Griechische Grammatik, Arithmetik und Geometrie das Schulleben. Des Weiteren erneuerte er die Schulgesetze und förderte Theateraufführungen sowie die Integration pädagogischer Ansätze von Comenius, Ratke und seinen Schülern Helwig und Evenius. Dies ist einem in Schleusingen gedruckten Buch über Pädagogik mit dem Titel „Palaeomathia“ zu entnehmen.https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10401568_00004.html; „Palaeomathia“ fand bislang wenig Beachtung in der Literatur zur Geschichte der Pädagogik. Nach Reyers Ansichten erlangt ein Lehrer durch Menschlichkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Wissen Würde und Autorität. Er soll auf den Fortschritt eines jeden Schülers bedacht sein, egal ob reich oder arm. Andreas Reyher stand im regelmäßigen Briefwechsel mit Gelehrten seiner Zeit und wurde auch in einem Brief von Comenius an seinen Universitätslehrer namentlich erwähnt (1633). Frühzeitig war bei ihm eine Zuwendung zum pädagogischen Realismus zu erkennen, welcher in den Folgejahren den Sachunterricht in den Vordergrund rückte. Beispielhaft hierfür steht seine Schrift „Kurtzer Unterricht von natürlichen Dingen“, die Unterrichtsgegenstände in Bezug auf Naturwissenschaften beinhaltet.
Nach Teilung der Ernestinischen Länder 1640 wurde Reyher von Herzog Ernst dem Frommen als Organisator des Schulwesens Sachsen-Gothas und zum Rektor der dortigen Residenzstadt abberufen.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 18–20.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Mit der Verwaltungsreform zur gemeinschaftlichen Verwaltung der Stadt Schleusingen durch sächsische Fürsten wurde die Schule als „Gemeinschaftliches Hennebergisches Gymnasium“ geführt. Armut dominierte das Land und ging auch an der Schule nicht spurlos vorbei. Trotz wenigem Lehrmaterial und geringer Schülerzahlen konnten sich Gymnasium und Alumnat durch das 18. Jahrhundert behaupten und den Ruf des „illustre gymnasium“ wahren.
Bedeutendster Lehrer Anfang des 18. Jahrhunderts war Christian Juncker. Er war fast zwölf Jahre lang als Konrektor am Gymnasium tätig. Politische Regime und Aufteilungen der Lande begünstigten eine schlechte finanzielle Lage des Gymnasiums in den Jahren 1815 bis 1840. Erst als 1841 Sachsen-Meiningen auf die Mitverwaltung und die Freistellen im Alumnat verzichtete, wurde die Schule zum „Königlich Preußischen Hennebergischen Gymnasium und Alumnat“ ernannt. Diese Bezeichnung wurde bis 1918 geführt. Da der Unterricht immer noch in dem Gebäude von 1502 durchgeführt wurde, sich dessen baulicher Zustand aber über die Jahre hinweg enorm verschlechterte, fand am 10. September 1870 die Grundsteinlegung für das große Gymnasialgebäude statt. Zuvor war die an dieser Stelle befindliche Teutsche Schule in die Suhler Straße transloziert worden. Anfang Mai 1874 zogen die Schüler in das neue Gebäude, genannt der „Kasten“, ein.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 22 ff.
Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik mini|Gedenktafel für den Geologen Hermann Franke, Lehrer in Schleusingen 1879 bis ca. 1893 Zu Anfang des 20. Jahrhunderts bestimmte die politische Entwicklung zunehmend den Unterricht und Schulalltag. Das Schuljahr begann nach den Osterferien im April, besondere Höhepunkte im Schuljahr waren das Sedanfest, der Festakt zu Luthers Geburtstag, die Eccefeier (Totenfeier) und die Feier zum Kaisergeburtstag. Außerdem gab es gemeinsame Abendmahlfeiern, Ausflüge, Schwimmfeste, Advents- und Weihnachtsfeiern. Die Alumnen nutzten ihre Freizeit, um Schleusingen und Umgebung zu erkunden. Ein beliebtes Ausflugsziel waren die Glas- und Porzellanfabriken. Um 1907 erhielt die Schule durch Gymnasialdirektor Orth ein neues Ambiente. Griechische Plastiken schmückten nun die Flure, die Räume erhielten einen farbigen Anstrich und die Aula erhielt gotisierende Elemente. Das Gymnasium war kultureller Mittelpunkt der Stadt; Theater-, Musik- und Sportveranstaltungen der Schüler waren öffentlich zugänglich. Professor Franke leitete auch eine Werkstatt für Holz- und Metallbearbeitung, in der Schüler Bänke und Wegweiser für den Thüringer Wald und Demonstrationsapparaturen für den Physik- und Mathematikunterricht herstellten.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 32 ff.
Als im August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, zogen so viele Schüler als Freiwillige in den Krieg, dass bereits ab 8. September 1914 der Unterricht in der Oberstufe ausfiel. Schon im ersten Kriegsjahr fielen 24 ehemalige Gymnasiasten. Es war schwer, den Schulbetrieb ohne die an der Front kämpfenden Schüler und Lehrer aufrechtzuerhalten. Bedingt durch die zunehmende Verarmung konnten immer weniger auswärtige Eltern die Kosten für Alumnat oder Pension tragen, so dass die Schülerzahl drastisch zurückging. Waren es im Jahr 1913 noch 171 Schüler gewesen, waren es 1916 nur noch 96.
Nach dem Ersten Weltkrieg reformierte die neue, sozialdemokratisch geführte Landesregierung das Schulwesen erneut, doch ein Großteil der Lehrerschaft wehrte sich gegen Modernisierungen. Pfingsten 1923 wurde die erste Schülerin am Gymnasium aufgenommen.
Drittes Reich und Nachkriegszeit In einer baulichen Erweiterung entstand 1928 das Direktorenhaus am Südwestflügel des Hauptgebäudes. Dadurch konnte der Platz im Alumnat erheblich vergrößert werden. Bereits Anfang der Dreißigerjahre hielt die politische Bewegung des „Dritten Reiches“ Einzug in die Stadt; mit dem Amtsantritt Hitlers im Jahr 1933 auch in das gymnasiale Leben. Die Schule sollte gleichgeschaltet werden. Es wurde Pflicht, Kundgebungen zu besuchen, Rassenkunde wurde als Pflichtfach eingeführt, dessen erfolgreicher Abschluss Voraussetzung zum Bestehen des Abiturs war.
Zum Kriegsende wurde der Schulbetrieb eingestellt, konnte aber im Oktober 1945 wieder aufgenommen werden. Nach der Einrichtung eines Mädcheninternats im Jahr 1946 in der Georg-Neumark-Straße wurde die Schule ein Jahr später zur Erinnerung an den Schulreformer und Volksbildungsminister Max Greil in „Max-Greil-Oberschule“ umbenannt. Die Oberschule setzte sich aus vier Klassenstufen zusammen (9 bis 12), die unteren Klassen gingen fortan auf die Volks- und Mittelschule.
Nach der politischen Wende beginnt der Unterricht am Gymnasium erneut in Klassenstufe 5.Festschrift zum 425-jährigen Jubiläum des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ zu Schleusingen, S. 65 ff., 87 ff.
Zeit der DDR Seit 1946 hatten die Mädchen eine eigene Unterkunft im heutigen Alumnatsgebäude, die Jungen waren wie gehabt im 2. Stock des Schulgebäudes untergebracht. Von 1948 an kamen nur noch Schüler ab der neunten Klassenstufe ans Gymnasium, es gab daher keine Heimmutter mehr. Das Zusammenleben im Internat wurde stattdessen von einem Internatsaktiv und diversen Kommissionen zur kulturellen Gestaltung geregelt. In den 1950er Jahren kamen Schülerinnen und Schüler aus den unterschiedlichsten Gegenden der DDR nach Schleusingen. Darunter auch einige Berühmtheiten ihrer Zeit: Drei Töchter von Hermann Henselmann (Chefarchitekt der Berliner Stalinallee), die Tochter von Theodor Brugsch (Leibarzt von Walter Ulbricht) und eine Nichte von Horst Sindermann.