mini|Die Stiftskirche zu Wetter von Nord-Osten Das Stift Wetter ist ein ehemaliges Kanonissenstift und liegt, das Tal der Wetschaft überragend, erhöht auf dem heutigen Klosterberg im Zentrum der hessischen Kleinstadt Wetter im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Gründung erfolgte nach einer lokalen Tradition und gestützt durch archäologische Beweise wohl Anfang des 11. Jahrhunderts. Das Stift war längere Zeit Konfliktpunkt zwischen dem Erzbistum Mainz und den Landgrafen von Hessen. Im 15. Jahrhundert setzten sich die Landgrafen durch. Wegen der schlechten Überlieferungslage lässt sich die innere Geschichte des Stifts nur fragmentarisch nachzeichnen. Nach der Reformation nach 1526/27 wurde das Stift aufgehoben. Seit dem Mittelalter war mit dem Stift eine Schule verbunden, die auch nach der Reformation weiter existierte. Zum einstigen Stiftsgelände gehörten außerdem ein Wohnhaus für die Priester, der sogenannte Vierherrenhof, eine FrühmesskircheDiese wurde bereits 1501 als städtischer Weinkeller benutzt. Siehe: und Wohn- und WirtschaftsgebäudeReste eines dieser Gebäude (vermutlich das Dormitorium) finden sich noch am Treppenaufgang zum Kirchhof im Westen des Geländes. für die Stiftsdamen. Die frühgotische Kirche des ehemaligen Stifts dient heute als lutherische Pfarrkirche des Kirchspiels Wetter mit den Ortschaften Wetter, Niederwetter und Todenhausen.Homepage des Kirchspiels Wetter

Geschichte mini|Maria mit den beiden bittenden Stifterinnen Almudis und Digmudis, Gemälde an der Nordwand des Chores

Forschungsstand Die Aufarbeitung der Geschichte des Stifts von seinen Anfängen bis zur Reformation ist nicht einfach. Zum einen ist die ohnehin spärliche Literatur meist veraltet, zum anderen ist die Quellenlage unzureichend. Eine stiftseigene urkundliche Überlieferung findet sich bruchstückhaft erst ab dem 13. Jahrhundert. Der Forschungsstand wurde 2002 in der Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde wie folgt beschrieben: „Zur mittelalterlichen Geschichte Wetters liegt keine modernen Ansprüchen genügende Gesamtdarstellung vor.“ Seitdem gab es in der Erforschung des Stifts keine nennenswerten Fortschritte.

Gründung Das genaue Datum der Gründung des Stifts lässt sich nicht mehr bestimmen. Eine lokale Tradition, die in dieser Form allerdings erst Ende des 16. Jahrhunderts fassbar ist,Zuerst fassbar bei: überliefert, das Stift Wetter sei im Jahr 1015 von zwei schottischen Schwestern königlichen Geschlechts, Almudis und Digmudis, gegründet worden. Da sich in der Stiftskirche die Namen dieser beiden angeblichen Stifterinnen auf dem sogenannten Gründerstein aus dem 13. Jahrhundert finden, scheint diese Legende zumindest einen wahren Kern zu haben, wenn auch jede Datierung fehlt und die Inschrift keine Zuweisung zum schottischen Königshaus vornimmt.

Als Ende der 1950er Jahre eine Warmluft-Heizung eingebaut werden sollte, stieß man auf eine romanische Krypta unterhalb der Sakristei und auf weitere Mauerreste eines romanischen Vorgängerbaus. Der bauhistorische Befund lässt für die Erbauung auf die Zeit zwischen 1000 und 1050 schließen. 1983 wurde bei weiteren Grabungen in der Verfüllung der Grundmauer eines ehemaligen Hauses auf dem Kirchhof eine romanische Säule gefunden, die ebenfalls in die Mitte des 11. Jahrhunderts datiert werden kann.Christa Meiborg: Das Kanonissenstift in Wetter, Kr. Marburg-Biedenkopf. Die Ausgrabungen im ehemaligen Stiftsgelände auf dem Klosterberg. In: Fundberichte aus Hessen (hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abt. Archäologie und Paläontologie) 39/40, 1999/2000, Bonn 2005, S. 73–248, hier: S. 78. Bereits 1859 war bei Restaurierungsarbeiten am Querhaus ein Wormser Pfennig aus der Regierungszeit des Kaisers Heinrich II. gefunden worden.Hans-Peter Lachmann: Untersuchungen zur Verfassungsgeschichte des Burgwaldes im Mittelalter. In: Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde 31, Marburg 1967, S. 64 Alle diese Indizien lassen darauf schließen, dass die Gründung des Stiftes vermutlich im frühen 11. Jahrhundert anzusetzen ist.

Erstnennung, Herrschaft über die Stadt Wetter Die früheste Nennung des Stifts geht auf eine Schenkungsurkunde des Erzbischofs Ruthard von Mainz an das Kloster Disibodenberg aus dem Jahr 1108 zurück, in der Güter angeführt werden, die iuxta Wetteram abbaciam („in der Nähe der Abtei zu Wetter“) liegen., Nr. 436 Ein Mannlehenverzeichnis, das aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts stammt,K. Wenckebach nennt das Jahr 1200, unter Simtshausen findet sich die Angabe 1220 und auf Arcinsys Hessen () wurde bis vor Kurzem das Jahr 1100 angegeben (Eine Anfrage an das Hessische Staatsarchiv ergab, dass es sich um einen Fehler handele, der so bald wie möglich behoben werde. Die richtige Datierung fällt in die Jahre 1200/1220.) nennt Güter in der näheren Umgebung Wetters (u. a. in Oberwetter, Oberrosphe, Unterrosphe, Niederwetter, Amönau), weiter südwestlich u. a. in Michelbach, Siegemannshausen, Sarnau und Caldern, im Norden über den heutigen Landkreis Waldeck-Frankenberg (mit Bockendorf und Selen) bis in den heutigen Landkreis Kassel (mit Altendorf und Beldershausen) und den Schwalm-Eder-Kreis (mit Kirstenhausen), im Osten bis ins Amöneburger Becken (Rosdorf) und im Süden bis Fronhausen.Bei weiteren Recherchen fiel mir auf, dass es sich hierbei auch um den nordwestlich von Wetter gelegenen Ort Frohnhausen handeln könnte. Dies ist wahrscheinlich, da dieser Ort sehr viel näher (nur knapp 11 km, statt 26 km) an Wetter liegt; Allerdings wäre wohl beides möglich.HStAM Best. Urk. 42

Ab 1223 lassen sich für Wetter Stadtrechte vermuten, die Herrschaft über diese Stadt hatte bis ins 14. Jahrhundert die Äbtissin des Stifts inne.Annegret Wenz-Haubfleisch: Das Kanonissenstift und seine Rolle in der Stadt Wetter von seinen Anfängen bis zu seiner Umwandlung 1532. In: Fundberichte aus Hessen (hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abt. Archäologie und Paläontologie) 39/40, 1999/2000, Bonn 2005, S. 251–254, hier: S. 252.

Streit zwischen dem Erzbistum Mainz und der Landgrafschaft Thüringen (1238 bis 1263) Im Jahr 1238 verkauften die Grafen von Battenberg die Hälfte ihrer Grafschaft Stiffe, die auch den Gerichtsbezirk (Zent) Wetter einschloss, an Erzbischof Siegfried III. von Mainz. Zu dieser Zeit war aber bereits der Ludowinger Landgraf Hermann II. von Thüringen Vogt des Stiftes, ein Amt, das wohl ursprünglich die Gisonen innehatten. Der Landgraf strebte danach, sich aus dem Lehnsverhältnis zum Mainzer Erzbischof zu lösen, seine Besitzungen in Hessen weiter auszubauen und die Verbindung zwischen der kurz zuvor gegründeten Burg Frankenberg und dem Marburger Raum zu sichern. Noch im selben Jahr eroberte er Stadt und Stift Wetter.

Als 1241 mit dem Tod Herrmanns das thüringische Landgrafengeschlecht im Mannesstamm ausstarb, versuchte der Erzbischof erneut, seine Ansprüche geltend zu machen. Die Folge waren lange Auseinandersetzungen mit Sophie von Brabant, die ihrerseits versuchte, die Herrschaft über die landgräflichen Besitzungen in Hessen für ihren noch minderjährigen Sohn Heinrich zu erlangen. In diese Zeit fällt auch der Bau der Mainzer Burg Mellnau, die der Erzbischof zum Schutz des Stifts errichten ließ. Der Konflikt konnte am 10. September 1263 im Langsdorfer Vertrag zwischen Landgraf Heinrich I. von Hessen, dem Sohn Sophies von Brabant, und Erzbischof Werner von Mainz, einem Neffen des 1249 verstorbenen Siegfried III., beigelegt werden. Nunmehr hatte das Stift Wetter zwei Herren, den Erzbischof und den Landgrafen. Dieser Umstand findet sich auch symbolisch im heutigen Wappen der Stadt WetterLinks der hessische Löwe, rechts das Mainzer Rad. wieder.

Erneute Kämpfe zwischen Mainz und Hessen (1356 bis 1427) Der Friede hielt zwar lange, doch beide Parteien hatten ihre Ansprüche keineswegs aufgegeben. In den Jahren 1356/57 und 1360/61 kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Mainz und Hessen, unter denen vor allem die Feldflur des Stiftes litt. 1366 griff sogar Kaiser Karl IV. vermittelnd ein. Als Landgraf Hermann II. von Hessen 1367 Mitregent seines Onkels Heinrich des Eisernen in Hessen wurde, sammelte sich ein großer Teil der ansässigen Ritterschaft, auch die Herren von Hatzfeld, die mit dem Mainzer Anteil der Stiftsvogtei belehnt waren, unter dem Banner des Grafen Gottfried VIII. von Ziegenhain und bildeten den sogenannten Sternerbund. Von der Mainzer Burg Mellnau aus griffen sie Wetter an, konnten sich aber nicht gegen das mächtige Landgrafenhaus durchsetzen. Der Sohn Hermanns II., Ludwig der Friedfertige, ließ sich schließlich nach seinem entscheidenden Sieg im Mainzisch-Hessischen Krieg am 8. Dezember 1427 in Frankfurt am Main unter anderem die Schirmherrschaft über die Vogtei Wetter übertragen. Damit hatte Mainz faktisch jeglichen Einfluss verloren.

Reformation (ab 1526/27), Auflösung des Stifts Die Reformation, die in Wetter nach der Homberger Synode 1526/27 eingeführt wurde, brachte einen starken strukturellen Wandel für die Stadt, deren geistlichen und wirtschaftlichen Mittelpunkt das Stift bislang dargestellt hatte. Ursprünglich hatte man geplant, das Stift beizubehalten und im lutherischen Sinne weiterzuführen; die adligen Stiftsdamen sollten entweder in Wetter bleiben oder in das gleichartige Kloster Kaufungen umgesiedelt werden, bürgerliche Stiftsdamen hingegen in das Kloster Germerode verlegt werden. Schließlich wurde das Stift jedoch aufgelöst und alle seine Besitzungen der hessischen Ritterschaft zur Unterstützung der Aussteuer ihrer Töchter zugedacht. Ein Stiftsvogt verwaltete von da an die Güter, die zu diesem Zweck nach und nach veräußert wurden. Die Patronatsrechte über Unterrosphe, Bellnhausen und Viermünden nahm Landgraf Philipp an sich; diejenigen über die Kirche in Wetter wurden dem Rat der Stadt übergeben. Damit besaß Wetter nun eine große Kirche, jedoch nicht mehr die Stiftungsgüter, die zu ihrem Erhalt bestimmt gewesen waren, wodurch die Instandhaltung des Gebäudes beeinträchtigt wurde. Hatten 1503 noch sieben Priester in Wetter im kirchlichen Dienst gestanden, blieb nach der Reformation davon nur eine Pfarrstelle erhalten, außerdem ein Diakon und das Amt des Schulmeisters. Der bisherige Wohnsitz der Pfarrer, der Vierherrenhof, wurde später als Hospital genutzt. Den in Wetter verbliebenen Geistlichen baute man auf dem Klosterberg zwei neue Pfarrhäuser. Die Stiftsdamen wurden mit Geld und Naturalien abgefunden und kehrten in ihre Familien zurück. Der letzten Äbtissin, Gertrude Döring, wies man in Wetter eine Wohnung zu. Damit endete die Geschichte des Stifts Wetter als geistliche Institution.

Leitung des Stifts, Struktur und Außenbeziehungen Den Vorsitz des Stiftskapitels hatte die Äbtissin. Sie leitete das Stift und vollzog Rechtsakte mit ihrem eigenen Siegel. Bis etwa 1355 gehörte sie dem hohen Adel an, später dem niederen landsässigen Adel. Ihr unterstellt war die Pröpstin, die von der Äbtissin selbst berufen wurde. Sie hatte die Äbtissin in allen wichtigen Angelegenheiten zu vertreten und war von ihr mit der wirtschaftlichen Verwaltung des Stifts beauftragt. Äbtissin und Pröpstin legten im Gegensatz zu den restlichen Kanonissen die monastischen Gelübde ab. Die Küsterin hatte die Aufsicht über die wichtigen liturgischen Geräte und verwahrte alle wichtigen Schlüssel des Stifts und das Siegel.