Mit dem Heidelberger Manifest vom 17. Juni 1981 wollten deutsche Professoren vor der „Unterwanderung des deutschen Volkes“ und der „Überfremdung“ der deutschen Sprache, der Kultur und des „Volkstums“ warnen. Erstmals nach 1945 erhielten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit öffentlich eine – wenn auch umstrittene – Legitimation durch Wissenschaftler.Karen Schönwälder: Migration, Refugees and Ethnic plurality as issues of public and political debates in (West) Germany. In: David Cesarani, Mary Fulbrook (Hrsg.): Citizenship, Nationality and Migration in Europe. Routledge, London 1996, S. 166.

Geschichte Entstehung der Originalfassung Die Hauptinitiatoren des Heidelberger Manifestes waren der Astronom Theodor Schmidt-Kaler von der Universität Bochum und der Mineraloge Helmut Schröcke von der Universität München. Beide Professoren äußerten sich bereits im Vorfeld mit ihren Kernthesen, die später im Manifest übernommen wurden. So schrieben Schröcke und Schmidt-Kaler 1980:

Die Originalfassung des Heidelberger Manifestes wurde am 17. Juni 1981 von Schröcke verfasstWolf-D. Bukow: „Ein modernisierter Rassismus als Wegbereiter eines urbanen Antiziganismus.“ In: Melanie Behrens, Wolf-Dietrich Bukow, Karin Cudak, Christoph Strünck (Hrsg.): Inclusive City: Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Springer, Wiesbaden 2016, S. 334 und von insgesamt 15 Professoren unterzeichnet.

Neben Schmidt-Kaler und Schröcke waren die unterzeichnenden Professoren: Manfred Bambeck (Frankfurt) Rolf Fricke (Karlsruhe) Karl Götz (Stuttgart)Walter von Goldenbach, Hans-Rüdiger Minow: „Deutschtum erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus. Dietz, Berlin 1994, S. 362. Werner Georg Haverbeck (Vlotho) Joachim Illies (Schlitz) Peter Manns (Mainz) Harold Rasch (Frankfurt) Franz Hieronymus Riedl aus Österreich Heinrich Schade (Düsseldorf) Kurt Schürmann (Mainz) Ferdinand Siebert (Mainz) Georg Stadtmüller (München). Theodor Oberländer (Vertriebenenminister der Bundesrepublik Deutschland a. D.)

In der Originalfassung des Manifestes, die zunächst keiner breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte, stand beispielsweise folgende Textpassage:

Ende 1981 wurde die Originalfassung des Heidelberger Manifestes in gleich drei rechtsextremen Zeitschriften publiziert, in der Deutschen Wochenzeitung, Nation & Europa sowie Deutschland in Geschichte und Gegenwart.Heidelberger Manifest in „Deutsche Wochenzeitung“, 6. November 1981; in „Nation & Europa“, Heft 12, Dezember 1981; sowie in „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ (DGG), Heft 4, Dezember 1981, S. 34. Weiterhin wurde die Originalfassung Ende 1981 in verschiedenen Universitätsstädten als Flugblatt verteilt. Hierdurch wurden Studenten in Bonn und München aufmerksam, welche die öffentlichen Medien informierten.

Im Januar 1982 gab es aufgrund der breiten Berichterstattung erste öffentliche Reaktionen. Für die bayerische FDP beispielsweise war das Manifest ein .Roman Arens: Schmierfinken im Dienste der Wahrheit? In: Frankfurter Rundschau, 22. Januar 1982, S. 4.

Ebenfalls im Januar 1982 lud im Namen von Schmidt-Kaler ein „Schutzbund für das deutsche Volk“ (SDV) zu einem Gründungs- und Diskussionsseminar unter dem Titel Wissenschaftliche und ethische Grundlagen des Heidelberger Manifestes vom 17. Juni 1981 ein, das am 23. Januar 1982 in Heidelberg stattfand.Flugblatt des Schutzbundes für das deutsche Volk (SDV), Einladung zum ersten SDV-Treffen in Heidelberg, Parkhotel Haarlass, 23. Januar 1982. Bereits im Text der Originalfassung des Manifestes waren „alle Verbände, Vereinigungen und Bürgerinitiativen, die sich der Erhaltung unseres Volkes, seiner Sprache, Kultur und Lebensweise widmen“, aufgefordert worden, „einen Dachverband zu gründen“. Schmidt-Kaler gab während des Treffens bekannt, dass er für die Pressearbeit des SDV zuständig sei.Schutzbund für das deutsche Volk – Deutsche Rassisten sammeln sich, ausführlicher Artikel über die Veranstaltung in Heidelberg, in Die tageszeitung, 25. Januar 1982, S. 3.

Entstehung der zweiten Fassung Nach zahlreichen kritischen Reaktionen in der Öffentlichkeit kam es am 31. Januar 1982 in Mainz zu einer Presseerklärung und der Vorstellung einer Neufassung des Heidelberger Manifestes durch Schmidt-Kaler. Eine „von der radikalen Linken gesteuerte Diffamierungskampagne“ und die „versuchte Einschleusung rechtsradikaler Kräfte“ hätten es notwendig gemacht, selbst an die Öffentlichkeit zu treten.

Schmidt-Kaler distanzierte sich von seinem Kollegen Schröcke, der Mitglied im SDV wurde:

In der überarbeiteten und abgeschwächten Version des Heidelberger Manifests vom 31. Januar 1982 fehlten als Unterzeichner die Professoren Götz, Oberländer, Riedl, Schade und Schröcke. Neu hinzu kam Werner Rutz (Bochum). Es findet sich beispielsweise folgende Textpassage:

Kritik an der zweiten Fassung Kritiker warfen den Verfassern vor, trotz der einschränkenden Bemerkungen und der Distanzierung von Rassismus und Rechtsextremismus in diesem Aufruf genauso völkisch und mithilfe des neurechten Konzepts des Ethnopluralismus zu argumentieren. Dieses Konzept gibt vor, keine Werthierarchie unter den verschiedenen „Völkern“ zu postulieren, hält sie für unveränderliche Einheiten, die durch „Vermischung“ bedroht seien. Auch dieses Dokument löste einen Skandal aus, da es rassistische und nationalistische Passagen enthielt.

Im Zuge einer breiten öffentlichen Berichterstattung wurden 1982 beide Versionen des Heidelberger Manifestes von verschiedenen Zeitungen als Zeitdokument im Wortlaut abgedruckt.So etwa in der Frankfurter Rundschau vom 4. März 1982. Als Reaktion und als Manifest zur Völkerverständigung unterzeichneten 24 Professoren der Ruhr-Universität Bochum am 16. Februar 1982 eine Gegendarstellung zum Heidelberger Manifest.

SDV: weitere Entwicklung

Der Mainzer Kreis um Schmidt-Kaler wurde in den folgenden Jahren nicht mehr aktiv. Schröcke engagierte sich weiterhin im SDV. Der Schutzbund wird bis heute von verschiedenen Landesbehörden des Verfassungsschutzes als rechtsextrem eingestuft.So beispielsweise im Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 2005, 2006, S. 17 oder im Verfassungsschutzbericht Bayern 2005, April 2006, S. 123 Im Februar 1984 verschickte der SDV im Namen von Schröcke ein Flugblatt mit dem Titel Grundgesetzlicher Grundwert – Deutsches Volk, in dem der SDV „als Sachverwalter des ‚Heidelberger Manifestes vom 17. Juni 1981‘“ auftritt und seine „Thesen zur Ausländerpolitik“ vorstellt.Flugblatt des Schutzbundes für das deutsche Volk (SDV), „Grundgesetzlicher Grundwert – Deutsches Volk – Ausländerpolitik“, mit Datumsstempel vom 23. Februar 1984 Zusammen mit Heinrich Schade und Robert Hepp (Vechta) veröffentlichte Schröcke Ende 1984 eine Broschüre im rechtsextremen Grabert-Verlag, in der der SDV erneut seine „Forderungen zur Ausländerpolitik“ stellte.Helmut Schröcke: Volk – Völker – Deutsches Volk, Heinrich Schade: Genosuizid – Volksselbstmord, Robert Hepp: Das deutsche Volk in der Todesspirale und SDV (Schutzbund für das deutsche Volk): Forderungen zur Ausländerpolitik. In: Deutschland – ohne Deutsche. Grabert-Verlag, Tübingen 1984. 2018 vergab der SDV den „Hohe-Meißner-Preis“ an den Videoblogger und Rechtsextremisten Nikolai Nerling, der sich u. a. für die Freiheit der verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck einsetzt, und 2019 an Edda Schmidt für ihr Engagement in der NPD und der Wiking-Jugend., S. 183 2020 wurde der Preis an den stellvertretenden Landesvorsitzenden der NPD Sachsen Maik Müller verliehen.Verfassungsschutzbericht Bayern 2020, S. 177

Einzelnachweise

Literatur Herbert Leuninger: Kirche und Heidelberger Manifest. In: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, Heft 3, 1983, S. 117–124. Claus Burgkart: Das ‚Heidelberger Manifest‘, Grundlage staatlicher Ausländerpolitik? In: Rolf Meinhardt (Hrsg.): Türken raus? Oder Verteidigt den sozialen Frieden. Rowohlt Verlag, Hamburg 1984, S. 141–161. Ingrid Tomkowiak: Das „Heidelberger Manifest“ und die Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde, 92 (1996), S. 185–207. Andreas Wagner: Das „Heidelberger Manifest“ von 1981. Deutsche Professoren warnen vor „Überfremdung des deutschen Volkes“ in: Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, hrsg. von Johanna Klatt/Robert Lorenz, S. 285–313.

Weblinks Infoseite und Faksimile der ersten Fassung, hrsg. vom antifaschistischen pressearchiv und bildungszentrum e. V. Gegendarstellung zum „Heidelberger Manifest“ von Professoren der Ruhr-Universität Bochum vom 16. Februar 1982 Herbert Leuninger: Das „Heidelberger Manifest“ aus kirchlicher Sicht.

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