mini|hochkant=1.5|Luftbild der gesamten Klosteranlage miniatur|hochkant=1.5|Torturm des Jagdschlosses und Schlossruine Das Kloster Hirsau war eine bedeutende Benediktinerabtei in Hirsau im Nordschwarzwald. Einschließlich der Evangelischen Marienkapelle meint man damit meist die Anlage St. Peter und Paul. Im weiteren Sinn umfasst die Bezeichnung jedoch auch deren Vorläufer St. Aurelius.
Hirsau (vormals auch Hirschau) war zeitweise eines der bedeutendsten Klöster Deutschlands. Es diente der cluniazensischen Reformbewegung sehr früh als deutscher Stützpunkt. Von hier ging eine Reihe von Klostergründungen aus, aber auch die Erneuerung bestehender Gemeinschaften nach der sogenannten Hirsauer Reform. Zum Zeitpunkt seiner Errichtung im späten 11. Jahrhundert war St. Peter und Paul das baulich größte Kloster im deutschsprachigen Raum. Während des Pfälzischen Erbfolgekriegs wurde die Anlage 1692 von französischen Truppen niedergebrannt und verfiel dann.
Vorläufer St. Nazarius mini|St. Aurelius II: Rekonstruktion (Dehio 1887) mini|St. Aurelius II (rechts Forstmeisterhof) von Südost mini|St. Aurelius II: innen Hirsau war bereits im 8. Jahrhundert mit seiner um 765 errichteten Nazariuskapelle oder -kirche eine kirchliche Keimzelle für den Nordschwarzwald. Der Codex Hirsaugiensis berichtet von der Translation der Gebeine des hl. Aurelius um das Jahr 830 nach Hirsau. Vorübergehend seien sie in der abseits gelegenen Nazariuskapelle niedergelegt worden, über deren Aussehen nichts bekannt ist.Wolfgang Irtenkauf: Hirsau. Geschichte und Kultur. Thorbecke, Konstanz 1959, S. 10 f.Stephan Molitor: Ut fertur, sub Pippino rege. Zur karolingerzeitlichen Gründung Hirsaus. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 2, S. 45–54.
St. Aurelius I Bischof Noting von Vercelli überführte um 830 die Gebeine des Heiligen Aurelius von Riditio aus Mailand nach Hirsau. Erlafried, ein Verwandter Notings und Vorfahr der Grafen von Calw, hatte dort Besitz.Karl Schmid: Sankt Aurelius in Hirsau 830(?)–1049/75. Bemerkungen zur Traditionskritik und zur Gründerproblematik. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 2, S. 11–44. Zunächst ließ er eine einfache Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor errichten.Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 1, Beilage 1: Aureliuskloster. Ausschnitt aus dem Lageplan mit Angabe der Grabungsschnitte. Ob von Beginn an ein Benediktinerkloster in Hirsau geplant war, ist ungeklärt. Möglicherweise existierte eine Klosterzelle, die später ausgebaut wurde. Das erste Aureliuskloster bestand bis um das Jahr 1000, verfiel dann und ging seiner Besitzungen verlustig.Vgl. Irtenkauf 1959, S. 17. Bei Grabungen 1955 wurden Fragmente aus rotem Sandstein gefunden: In der Kirche St. Aurelius I zierten die Stücke, von denen ein großes ein Krückenkreuz aus steinernem Flechtwerk trägt, den Ambo.
St. Aurelius II
Im Jahre 1049 ließ Papst Leo IX. während eines Besuchs die Gebeine des Heiligen suchen und ausgraben. Er befahl seinem Neffen, dem Grafen Adalbert von Calw, das Kloster St. Aurelius wieder zu errichten. Der Neubau begann 1059. Es handelte sich um eine dreischiffige romanische Säulenbasilika mit Querhaus und apsidalem Chorabschluss. Das Langhaus erstreckte sich über vier Joche. Westlich begrenzten zwei massige Türme das Gebäude. Südlich schloss sich eine Klausur mit Kreuzgang an.
Nach dem Umzug der Mönche ins Peter- und Paulskloster im Jahr 1092 wurde St. Aurelius in ein untergeordnetes Priorat umgewandelt. miniatur|Aurelius Nordansicht Turmstumpf Nordwest Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Gemäuer renoviert, jedoch schon 1555 im Zuge der württembergischen Reformation das Kloster aufgehoben. 1584 wurden Klausur und Kirche wegen Baufälligkeit zu großen Teilen abgerissen, der Rest anderen Zwecken zugeführt. Unter anderem diente der Kirchentorso als Stall, Scheune, Turnhalle, Garage und Lagerhalle.Matthias Putze: Zu den Bauten des Aureliusklosters. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 1, S. 11–62.
Die erhaltenen Bauglieder – die vier Joche des Langhauses sowie die Stümpfe der beiden Westtürme mit der dazwischen liegenden Vorhalle – sind heute im Stil einer Hallenkirche gedeckt, also ohne Obergaden. Im Inneren schließt sie eine Holzdecke nach oben ab. Die Durchgänge zum abgerissenen Querhaus sind zugemauert. Das Mittelschiff verschließt gen Osten eine Wand mit figürlichen Tiefreliefs von Bildhauer Otto Herbert Hajek, der 1955 auch Altar und Tabernakel geschaffen hat. Wilhelm Geyer gestaltete 1955 die acht kleinen Fenster im Schiff, zwei Fenster in der Sakristei und das Oberlicht in der Vorhalle.Rudolf Wagner: Hirsau St. Aurelius (= Kunstführer Nr. 705). 8. Auflage. München/Zürich 1975.
Zwischen 1876 und 1989 fanden mehrmals archäologische Grabungen statt, die umfangreich Aufschluss über die Baugeschichte des Aureliusklosters gaben.
Im nördlich angrenzenden sogenannten Forstmeisterhof (Calwer Straße 6) richteten die Stadt Calw und das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg 1991 ein Klostermuseum ein, das als Zweigstelle des Badischen Landesmuseums geführt wird.
Im linken Seitenschiff der Kirche St. Aurelius steht eine hölzerne Skulptur aus dem frühen 15. Jahrhundert. Wie sie nach Hirsau gelangte, ist nicht mehr bekannt. Die spanische Madonnenfigur steht auf einer Steinplatte mit Klötzchenfries. Maria hält das Jesuskind auf ihrem Schoß und zeigt mit ihrer linken Hand auf sich selbst.
St. Peter und Paul rechts|mini|St. Peter und Paul: Grundriss mini|Schlossruine mini|Kreuzgang und Schlossruine mini|Kreuzgang und Marienkapelle mini|Marienkapelle mini|Torturm und Jagdschloss im Kloster Hirsau mini|Blick über den Kreuzgang im Kloster Hirsau
Dank der als vorbildhaft empfundenen Lebensweise seiner Mönche und der Reformen des Abtes Wilhelm (ab 1069) hatte Hirsau großen Zulauf. St. Aurelius wurde daher innerhalb kurzer Zeit liturgisch und räumlich ungenügend. Häufiges Hochwasser der Nagold und möglicherweise auch der Wunsch nach Verdeutlichung des Machtanspruchs der Kirche im Investiturstreit ließen den Bau einer größeren, günstiger gelegenen Anlage geboten erscheinen. Den Impuls zur Verlegung könnte die Plünderung durch die Truppen des hier 1079 gefallenen Straßburger Bischofs Werner II. von Achalm gegeben haben, den König Heinrich IV. mit der Zerstörung des Klosters beauftragt hatte.
Im Jahre 1082 begannen die Bauarbeiten mit der Einebnung eines Plateaus auf der Aurelius gegenüber liegenden Nagoldseite. Die Weihe der Kirche erfolgte bereits am 2. Mai 1091. Ab 1092 siedelte der Konvent vom Aurelius- ins Peter-und-Pauls-Kloster über. Die Fertigstellung aller Klausurgebäude zog sich jedoch noch bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts hin. Abt Wilhelm benutzte als architektonische Vorlage Cluny II, den sogenannten Maiolus-Bau. Dies geschah analog zur Übernahme der cluniazensischen Klosterregeln. Die Kirche war eine romanische, flachgedeckte, dreischiffige Säulenbasilika mit Querhaus und rechteckigem, mehrschiffigem Chor. Ihre Länge betrug zunächst 70 Meter. Ihr Langhaus umfasste neun Joche. Die beiden Westtürme, von denen nur noch der nördliche steht, waren ursprünglich nicht vorgesehen. Sie wurden im Jahre 1120 fertiggestellt und standen ursprünglich vor einem Atrium. Dieses erhielt in einer letzten Bauphase seine basilikale Überdachung. Das Langhaus verlängerte sich damit um 30 Meter auf 13 Joche. Südlich der Kirche schlossen sich um einen Kreuzgang herum Kapitelsaal, Kapelle, Speisesaal, Abthaus und andere Klausurgebäude an.Stefan Kummer: Die Gestalt der Peter-und-Pauls-Kirche in Hirsau. Eine Bestandsaufnahme. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 1, S. 199–208.Ulrich Pfisterer: St. Peter und Paul in Hirsau. Elemente einer Deutung. In: Der Landkreis Calw. Ein Jahrbuch 1992. S. 121–136
Friedrich II. übernimmt 1215 die Vogtei der Außenbesitzungen des Klosters und ab 1223 die Gesamtvogtei.
Wie bei St. Aurelius entsprach auch bei St. Peter und Paul die Anordnung der Klausurgebäude weitgehend dem St. Galler Klosterplan, dem mittelalterlichen Idealbild eines Benediktinerklosters. Der Hirsauer Plan wurde im Zuge von Wilhelms Klosterreform selbst Grundlage für die sogenannte Hirsauer Bauschule mit zahlreichen Neugründungen im gesamten süddeutschen Raum.
Mitte des 15. Jahrhunderts erlebte Hirsau eine zweite wirtschaftliche und geistige Blüte. Es unterhielt Kontakte zur Melker Klosterreform und schloss sich 1458 der Bursfelder Kongregation an, einer monastischen Reformbewegung.Vgl. Irtenkauf 1959, S. 33.Siegfried Greiner: Wolfram Maiser von Berg. In: Der Landkreis Calw. Ein Jahrbuch 1984.
Im Jahre 1474 begann unter Erhaltung der Abteikirche der Abriss der romanischen Klausurgebäude, die man bis 1516 durch gotische Neubauten ersetzte. Beteiligt waren u. a. die Meister Peter von Koblenz, Hans Spryß von Zaberfeld und Martin von Urach.Anneliese Seeliger-Zeiss: Studien zur Architektur der Spätgotik in Hirsau. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 1, S. 265–364.
Von 1496 bis 1529 ist hier Nikolaus Basellius als Mönch, Schreiber und Bibliothekar nachgewiesen.Heinz Scheible: Melanchthons Briefwechsel, Bd. 11. 1977, S. 118, ISBN 3772822576; (Ausschnittscan). Der Benediktiner verfasste bzw. publizierte verschiedene Schriften. Sein bekanntestes Werk ist die Fortsetzung der unveröffentlichten Weltchronik des Tübinger Universitätsrektors Johannes Nauclerus († 1510), von 1501 bis 1515. Nikolaus Basellius redigierte die von ihm fortgesetzte Chronik und veröffentlichte sie 1516 als Gesamtwerk. Johannes Reuchlin schrieb das Vorwort.Wilhelm Kühlmann: Killy Literaturlexikon, 2. Auflage, Band 8, S. 506, Verlag Walter de Gruyter, 2010, ISBN 3110220474; (Digitalscan zu Johannes Nauclerus und der von Basellius publizierten Weltchronik) Auch an den Hirsauer Annalen von Johannes Trithemius hatte Basellius entscheidenden Anteil.
Im Jahre 1536 wurde im Zuge der Reformation der Benediktiner-Konvent aufgelöst, 1556 das Kloster St. Peter und Paul in eine evangelische Klosterschule umgewandelt. Im Dreißigjährigen Krieg kehrten noch einmal benediktinische Mönche aus Weingarten zurück. 1630–1651 wechselte der Besitz Hirsaus mehrfach zwischen katholischen und evangelischen Herren.Vgl. Irtenkauf 1959, S. 36 f.
Von 1586 bis 1592 ließen Württembergs Herzöge, südlich im Anschluss an die Klausur, anstelle des Abthauses ein dreiflügeliges Schloss im Renaissancestil erbauen. mini|Marienkapelle Ostseite mini|Innenansicht der Marienkapelle Während einer Belagerung durch französische Truppen unter General Mélac im Pfälzischen Erbfolgekrieg gingen Schloss und Kloster am in Flammen auf. Fehlten zunächst meist nur die Dächer, verlor die Anlage bis 1808 zunehmend auch Mauerwerk, das man u. a. für den Wiederaufbau von Calw verwendete.Günter Eckstein: Photogrammetrische Bestandsdokumentation von Kloster St. Peter und Paul und herzoglichem Schloß in Hirsau. In: Der Landkreis Calw. Ein Jahrbuch 1986. S. 129–144. Erhalten blieben vollständig nur die spätgotische Marienkapelle und der 37 Meter hohe romanische Nordturm (Eulenturm) der Doppelturmfassade am Westzugang der Basilika. Die Lage des südlichen Gegenstücks ist an den freigelegten Grundmauern erkennbar. Vom Schloss und dem spätgotischen Kreuzgang (1474–1503) stehen noch die Umfassungsmauern aufrecht. Kirche und Klausur blieben lediglich in den Grundmauern erhalten. Im Ostflügel des Schlosses wuchs bis 1989 die berühmte Ulme zu Hirsau, der Ludwig Uhland 1829 sein Gedicht Ulmenbaum widmete.
Zwischen 1875 und 1988 erschlossen mehrere archäologische Grabungen das Klostergelände. Für die Münsterkirche konnten dadurch mindestens vier Bauphasen nachgewiesen werden.Otto Teschauer: Die Ruinenstätte und ihre Erforschung. Zur Geschichte der Grabungen. In: Hirsau: St. Peter und Paul 1091–1991. Theiss, Stuttgart 1991, Bd. 1, S. 73–138.