mini|Ein in Kairo geschlagener Golddinar des Kalifen al-Mustansir. Abu Tamim Maadd ibn az-Zahir (; * 2. Juli 1029; † 29. Dezember 1094) war von 1036 bis zu seinem Tod unter dem Herrschernamen al-Mustansir bi-llah (), in der deutschsprachigen Literatur kurz al-Mustansir genannt, der achte Kalif der Fatimiden, sowie der achtzehnte und letzte gemeinsame Imam der Schia der Ismailiten vor deren Spaltung.

Leben

Als einziges bekanntes Kind des Kalifen az-Zahir, wurde Prinz Maadd am 2. Juli 1029 in Kairo geboren. Zeitgenössische Beobachter bemerkten besonders den dunklen Teint des Kronprinzen, der der Sohn einer schwarzen (sūdān) Konkubine war, die „Talisman“ (Raṣad) genannt wurde. Abgesehen davon ist der Prinz, der als Siebenjähriger wenige Tage nach dem Tod seines Vaters, am 16. Juni 1036, unter dem Herrschernamen „der Gott um Beistand anfleht“ (al-Mustanṣir bi-llāh) inthronisiert wurde, ein Neutrum der Geschichte geblieben, sowohl in charakterlicher, wie politischer Hinsicht. Und das obwohl seine neunundfünfzigjährige Herrscherzeit – die längste aller Fatimiden – geprägt war vom fast vollständigen Triumph ihrer Sache und von dem darauf folgenden faktischen Ende ihres eigenen Kalifats. Die jüngere Geschichtswissenschaft neigt in ihrer Einschätzung dazu, das eigentliche Ende des 909 begründeten Fatimidenkalifats mit der Ära des al-Mustansir zu verknüpfen, da es nach ihm nur noch ein hundertjähriges Schattendasein fristete, bis es 1171 sang- und klanglos erlosch.Vgl. Halm (2003), S. 420.

Wie schon sein Vater wurde al-Mustansir von seinem höfischen Umfeld mit Absicht vom politischen Alltagsgeschäft ferngehalten und seinen persönlichen Vergnügungen überlassen. Wie schon der Vater stand er zeit seines Lebens unter dem Einfluss anderer, zuerst unter dem des handlosen Wesirs al-Dschardscharai, der ihn auf den Thron gesetzt hatte, dann unter dem seiner Mutter und deren Günstlinge. Offenbar hatte man nie auch nur daran gedacht ihm eine gewisse staatsmännische Schulung angedeihen zu lassen, da al-Mustansir auch der erste Kalif ist, von dem nicht bekannt ist, dass er jemals einen eigenen Lehrmeister (ustāḏ) gehabt hätte. Der Kalif blieb ein Spielball in der Hand anderer und konnte die um sich herum abspielenden Ereignisse allenfalls beobachten, aber kaum selbst beeinflussen, womit er den Charakter des Kalifats seiner Dynastie für die letzten hundert Jahre seiner Existenz vorzeichnete. Nur ein einziges Mal überwand sich al-Mustansir zur Eigeninitiative, mit der er immerhin sein am Abgrund stehendes Kalifat retten konnte, um es zugleich in die Bedeutungslosigkeit zu führen.

Die ersten Jahre mini|Der Herrschaftsbereich des Fatimidenkalifats in den ersten Jahren des al-Mustansir. Die insgesamt erfolgreiche Bilanz der ersten fünfundzwanzig Jahre der Herrschaft des al-Mustansir konnte nahtlos an die seiner Vorgänger anknüpfen, auch wenn sich in ihnen erste Symptome der Krise bemerkbar machten. Schon wenige Tage nach seiner Inthronisierung wäre der Kalif während der obligatorischen Heeresmusterung beinahe vom Speerwurf eines sudanesischen Soldaten getroffen worden. Die Tat geschah nach allgemeinem Aufruhr im Heer, welchem geringen Soldzahlungen zugrunde lagen. Die schon seit längerer Zeit am Hof von Kairo grassierende Günstlingswirtschaft hatte für das Heer bestimmte Gelder in fremde Taschen fließen lassen, was die Soldaten nicht länger erdulden wollten. Aber bevor die Stimmung vollends zu kippen drohte, hatte der Wesir al-Dschardscharai der Misswirtschaft Einhalt geboten und den ausstehenden Sold aufbringen können, was die Lage wieder beruhigte. Noch im Jahr 1036 waren die Verhandlungen mit dem byzantinischen Reich um eine Verlängerung des Waffenstillstandes um zehn Jahre erfolgreich beendet worden, doch drohte das eigenmächtige Vorgehen des fatimidischen Statthalters von Syrien Anuschtegin ad-Duzbiri den Frieden mit Konstantinopel zu stören. Im Mai 1038 eroberte der Statthalter zwar im Namen seines Kalifen, aber ohne jeglichen Befehl, das autonome Fürstentum Aleppo. Das Fürstentum hatte, gemäß dem Vertrag mit Byzanz, den Status eines Pufferstaates zwischen beiden Reichen eingenommen, was mit der Eroberung des Anuschtegin aber hinfällig wurde. In Kairo verdächtigte man den Statthalter, eigennützige Ziele zu verfolgen, weshalb Wesir al-Dschardscharai im Sinne des Vertrags untätig blieb, als Byzanz Anuschtegin den Krieg erklärte. Aber erst der Tod Anuschtegins im Januar 1042 schaffte das Problem aus der Welt, woraufhin die Fürstenfamilie der Mirdasiden wieder in Aleppo restauriert werden konnte und die Verhältnisse zu Byzanz wieder den Vertragsbedingungen entsprachen.

Der Tod al-Dschardscharais am 27. März 1045 wird allgemein als Beginn des Niedergangs des Fatimidenkalifats angesehen, da nach ihm die Hofpartei der Kalifenmutter Rasad die Lenkung des Staates übernahm und damit eine Epoche der zügellosen Selbstbereicherung und des territorialen Zerfalls folgte, die schließlich im Zusammenbruch der herrscherlichen Autorität mündeten. Tatsächlich aber konnte mit dem am 1. Juni 1050 als Wesir eingesetzten al-Yazuri (gest. 1058) noch einmal ein tatkräftiger wenn auch skrupelloser Machtmensch die Staatsgeschäfte in die Hand nehmen. Dieser war sogleich mit dem Abfall des „Westens“ (al-maġrib) vom Kalifat konfrontiert. Schon im März 1049 hatte der Statthalter von Afrika (Ifrīqiyā) al-Muizz az-Ziri seine Loyalität zu Kairo aufgegeben und sich unter die Oberhoheit der sunnitischen Kalifen der Abbasiden gestellt. Auf viel Widerstand stieß er dabei nicht, war doch der Maghreb überwiegend sunnitisch geprägt. Al-Yazuri reagierte sofort, indem er den seit Generationen in Ägypten nomadisierenden Beduinenstämmen der Banu Hilal und Banu Sulaim einen Freibrief zu Eroberung und Besiedelung des Westens ausstellte, worauf die Stämme in Scharen dorthin abwanderten. Bis 1057 konnten die Beduinen das abtrünnige Ziridenfürstentum durch die Eroberung von Kairouan zerschlagen und auf seinem Gebiet eigene Kleinstaaten begründen. Der Gewinn für die Fatimiden war allerdings gering; die neuen Fürstentümer der Beduinen erkannten zwar deren Oberhoheit an, blieben aber in der Realität faktisch autonom. Den eigentlichen Nutzen aus dem Ende des Ziridenfürstentums konnten die im äußersten Westen im heutigen Mauretanien und Marokko aufsteigende sunnitische Dynastie der Almoraviden ziehen, die das entstandene Machtvakuum zur Expansion ihres Territoriums nutzen konnten. Für die Fatimiden aber war der Westen, wo ihr Kalifat einst seinen Ausgang genommen hatte, für immer verloren. Die nachhaltigste Folge der von Kairo forcierten „arabischen Völkerwanderung“ aber war die mit ihr nun einsetzende Arabisierung des Maghreb auf dem Gebiet des heutigen Tunesiens und Algeriens, dessen indigene berberische Bevölkerung durch die langjährigen Kämpfe stark dezimiert und in geographische Randlagen abgedrängt wurde, während die frei gewordenen Räume von den arabischen Beduinen besetzt und dauerhaft besiedelt wurden. mini|Roger der Normanne siegt über die Sarazenen in der Schlacht von Cerami. Historisierendes Gemälde von Prosper Lafaye, um 1860. Mit dem Verlust des Westens ging auch der von Sizilien einher. Die Statthalterschaft der Kalbiten war hier in den vorangegangenen Jahren durch innere Zwistigkeiten in Anarchie versunken und wurde durch eine vom byzantinischen Reich betriebene christliche Reconquista von außen bedroht. Die Anlandung eines byzantinischen Heers 1038 konnte nicht verhindert werden, blieb aber noch ohne gravierende Folgen. Doch die Angriffe der Christen wiederholten sich in den folgenden Jahren, während die innere Ordnung auf der Insel zu erodieren begann. Nach einem an Kairo ergangenen Hilferuf wurde die Kalbitendynastie im Jahr 1051 auf Weisung al-Yazuris abgesetzt und nach Ägypten deportiert. An deren Stelle übernahm nun ein von Kairo direkt eingesetzter Statthalter die Verwaltung auf der Insel, doch konnte auch dieser den Untergang des islamischen Siziliens nicht mehr abwenden. Während die Fatimiden im fernen Osten für ihren eigenen Überlebenskampf gegen die Seldschuken all ihre Kräfte konzentrieren mussten, war im Jahr 1060 – al-Yazuri war da schon tot – eine christliche Streitmacht in Gestalt eines normannischen Eroberungsheers unter der Führung des „Grafen Roger, dem Sohn des Tankred“ (al-qumṭ Ruǧǧar ibn Tanqar) an der Küste vor dem Seehafen Messina angelandet, der im Jahr darauf von den Eroberern genommen wurde. Im Juni 1063 siegten die Normannen bei Cerami über das letzte Aufgebot der sizilischen Muslime; 1072 fiel die Hauptstadt Palermo. Kalif al-Mustansir erlebte noch im Jahr 1091 mit dem Fall von Noto das Ende der fast zweihundertfünfundsechzigjährigen Herrschaft des Islam auf Sizilien.

Letzter Triumph im Schatten der Türken

Das Schicksal nicht nur des Fatimidenkalifats, sondern der gesamten arabischen Welt sollte sich aber im Osten entscheiden, wo zu Lebzeiten des al-Mustansir jene epochale ethnographische Umwälzung ihren Anfang nahm, deren Auswirkungen noch bis in die jüngere Gegenwartsgeschichte nachhallen. Im Jahr 1043 durchzog ein turkmenisches Eroberungsheer die zentraliranische Provinz Kerman, das bis 1051 die persischen Residenzstädte Rey und Isfahan eroberte. Angeführt wurden die Scharen von dem Clan der Seldschuken in Person des Fürsten Toghril Beg. Die ursprünglich in den Steppen Zentralasiens beheimateten Türken waren der arabischen Welt zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr fremd. Schon seit Generationen hatte dieses kriegstüchtige Reitervolk eine herausragende Rolle im Heerwesen der arabisch-muslimischen Machthaber eingenommen, indem ihre gefangengenommenen Krieger auf den persischen Sklavenmärkten feilgeboten und als Militärsklaven (mamlūk) verkauft wurden. Nachdem zuerst die Kalifen der Abbasiden dieses neue militärische Potenzial für sich entdeckt hatten, wurden ab dem späten 10. Jahrhundert Türken auch von den Fatimiden in großer Zahl angeworben. Im 11. Jahrhundert repräsentierten türkische Verbände dann das militärische Rückgrat jeder nennenswerten politischen Macht des Nahen Ostens, während Araber im Kriegswesen jener Zeit kaum noch eine relevante Rolle spielten. Doch dem Vormarsch der Seldschuken zur Mitte des 11. Jahrhunderts wohnte eine ganz andere Qualität inne. Im Windschatten ihrer Reiterscharen sind ganze turkmenische Völkerschaften nachgezogen, womit sich hinter dem Eroberungszug eine regelrechte türkische Völkerwanderung offenbarte, an deren Ende kein neuer Zustrom an Sklaven für die arabische Welt, sondern die Etablierung einer neuen politischen wie ethnographischen Größe mit Herrschaftsanspruch stehen sollte. Für alle bereits etablierten Mächte des Vorderen Orients hatte die türkische Westwanderung einen nicht mehr rückgängig zu machenden Umbruch mit weit reichenden Folgen nach sich gezogen. Das byzantinische Reich sollte nach langem Abwehrkampf daran zugrunde gehen und der arabischsprachigen Welt kostete es für Jahrhunderte hinaus den Verlust ihrer im Zuge der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert gewonnenen politischen Vormachtstellung im Nahen Osten.