Ein Eierorakel, auch Ovomantie, Oomantie, Ooskopie, ist eine Methode der Wahrsagung, bei der durch das mit einem Ei durchgeführte Orakel verstorbene Ahnen, Geister oder Götter, die nach dem jeweiligen Volksglauben auf die diesseitige Welt Einfluss nehmen können, über zukünftige Ereignisse oder über die Ursache bereits eingetretener Ereignisse befragt werden. Das Orakel mit Hilfe eines Eis oder eines Tieres setzt den Glauben an eine übernatürliche Kraft voraus, die sich durch das verwendete Hilfsmittel äußert. Eierorakel waren in der Römischen Antike bekannt, sie gehören zum germanischen Aberglauben und werden bis heute mit unterschiedlichen Methoden in einigen Kulturen in Asien praktiziert. Ihre Bedeutung hängt mit der Beziehung des Menschen zu Hühnern zusammen, die seit alter Zeit als Orakel- und wunscherfüllende Opfertiere fungieren. Das Ei symbolisiert Leben und Fruchtbarkeit, häufig werden ihm magische Wirkungen zugesprochen. Eine zentrale Bedeutung für die traditionelle Kultur besitzt das mit Eiern durchgeführte Wurforakel bei den Khasi im Bundesstaat Meghalaya in Nordostindien.
Magische Vorstellungen von Hühnern Hühner gehören zu den ältesten domestizierten Tieren. Sie finden sich bei den meisten Ackerbau treibenden Völkern, denn ihre Vergesellschaftung mit Menschen führte zu einer besseren Ausnutzung des vorhandenen Nahrungsmittelangebots. In traditionellen afrikanischen Kulturen sind Hühner, Ziegen und Alkohol (Palmwein) typische religiöse Opfergaben oder werden als Kompensationszahlungen zur Beilegung von Streitigkeiten überbracht. Auf dieselbe Weise wird versucht, die für Ernteausfälle und andere Naturkatastrophen verantwortlich gemachten Geister mit Opfergaben zu besänftigen. Bei den Meta'-Sprechern im Kameruner Grasland werden in einem solchen Fall der allgegenwärtige Schöpfergott Nwiekò und die Ahnengeister angesprochen. Die Dorfgemeinschaft bittet von ihren, für das Unheil angeblich ursächlichen Verfehlungen gegen die göttliche Ordnung freigesprochen zu werden und opfert eine Henne. Der Ausführende des Rituals wirft die Henne auf den Boden, nachdem er eine entsprechende Wunschformel geäußert hat. Falls sie bei ihrem Aufprall Darminhalt ausscheidet, wird dies als Zeichen gewertet, dass das Opfer erhört wurde. Die Meta' praktizieren weitere Hühnerorakel, etwa indem sie ein Huhn längere Zeit an einen Pfahl fesseln, um das Schicksal eines Menschen nach seinem Tod zu erfahren.Ernst Haaf: Religiöse Vorstellungen der Meta im Grasland von West-Kamerun. In: Anthropos, Band 66, Heft 1/2, 1971, S. 71–80, hier S. 74
Ein Beispiel für eine Geisterverehrung, die aus einer vorislamischen Religion abgewandelt in den afrikanischen Volksislam Eingang gefunden hat, stellt der Bori-Besessenheitskult der Hausa im Norden Nigerias dar. In ihrer traditionellen Religion wirken eine Vielzahl von Geistern (iskoki, Sg. iska) in allen Lebensbereichen auf die Menschen ein. Namen und Charaktereigenschaften der Geister sind nur noch wenigen Anhängern des Kults bekannt. Jeder der iskoki verursacht eine bestimmte Krankheit und muss durch das Opfer eines nach seiner Farbe ausgewählten Huhns besänftigt werden. In seltenen Fällen gelten als Opfer auch ein Ziegenbock oder Hirsebier.Kurt Krieger: Notizen zur Religion der Hausa. In: Paideuma, Band 13, 1967, S. 96–121. (Die Liste zählt 99 iskoki auf.)
Die Verwendung von Hühnern für Orakel und Opfer hat unter anderem den praktischen Grund, dass sie die billigsten Haustiere und stets verfügbar sind. In Ostafrika waren Orakel aus den Eingeweiden des Huhns besonders beliebt. Hubert Kroll: Die Haustiere der Bantu. In: Zeitschrift für Ethnologie, 60. Jahrg., H. 4/6. 1928, S. 177–290, hier S. 203 Die Haya in der Region Buhaya im Nordwesten Tansanias deuteten das Hühnerorakel aus der Lage der Eingeweide, deren später getrocknete Reste als Amulett mitgeführt wurden.P. Otto Mors: Wahrsagerei bei den Bahaya (Tanganyika). In: Anthropos, Band 46, Heft 5/6, September – Dezember 1951, S. 825–852, hier S. 842 Hühneropfer und -orakel kommen außer in Afrika auch in Asien vor. Sie wurden auch in arabischen Gesellschaften beobachtet, wo sie nicht auf einen afrikanischen, sondern möglicherweise auf einen vorarabisch-altorientalischen Ursprung zurückgehen. Laut Berichten vom Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sie in Palästina, Syrien und im Jemen. Während der Geburt galt die Frau häufig als in besonderem Maß dem Einfluss böser Geister ausgesetzt. Durch ein Hühneropfer sollte der weibliche Kindbettdämon qarinah von der Gebärenden ferngehalten werden. Ein auf der Schwelle des Hauses bei der Hochzeitszeremonie geschlachteter Hahn war als Opfer zur Versöhnung mit einem Dämon gedacht, andere Opfer sollten eine Dämonen austreibende (apotropäische) Funktion haben.Josef Henninger: Über Huhnopfer und Verwandtes in Arabien und seinen Randgebieten. In: Anthropos, Band 41/44, Heft 1/3, Januar – Juni 1946/1949, S. 337–346
Das Haushuhn geht wahrscheinlich auf das ostasiatische, wild lebende Bankivahuhn zurück. Das Huhn als Opfertier ist bereits aus dem chinesischen Altertum bekannt. Geopfert werden durften offensichtlich nur Hähne, deren Federkleid und Allgemeinzustand tadellos war. Vermutlich gab es bereits im Altertum darüberhinausgehende Hühnerkulte, wie sie für die spätere Zeit in Südchina gesichert sind.Eduard Erkes: Vogelzucht im Alten China. In: T'oung Pao, Second Series, Band 37, Nr. 1, 1942, S. 15–34, hier S. 27
Symbolik des Eis mini|„Die weise Ignoranz, der klarsehende Instinkt userer Vorväter gab dem Orakel Ausdruck: ‚Alles entspringt aus dem Ei; es ist die Wiege der Welt.‘ Selbst unser eigentliches Schicksal, aber insbesondere die Vielfalt unseres Schicksals, ist in der Mutter begründet. Sie handelt und sieht vorher, sie liebt mit einer stärkeren oder schwächeren Liebe,...“ (Jules Michelet: The Bird. London 1868, S. 63) Eine weit verbreitete Symbolik überträgt das Ei in das uranfängliche Weltenei, das in der Kosmogonie aufbricht und dessen beide Hälften zu Erde und Himmel werden. Ein solches Weltenei wurde erstmals im ägyptischen Neuen Reich auf einem Papyrus erwähnt. Das Ei, aus dem nicht nur Küken schlüpfen, sondern von den griechischen Mythen bis zu den polynesischen Schöpfungsgeschichten auch Heroen und Götter, stellt ein universales Sinnbild für Leben und Fruchtbarkeit dar. In der christlichen Tradition wurden die zuvor schon bei heidnischen Frühlingsfesten in dieser Bedeutung gebrauchten Ostereier zu einem Symbol der Auferstehung Christi. Seit dem 13. Jahrhundert bemalte man in Europa Ostereier, seit dem 17. Jahrhundert heißen sie so.Reinhard Schmitz-Scherzer: Das Ei als Symbol in der Geschichte der Menschheit – eine Skizze. S. 8 Die Ikonenmaler der orthodoxen Kirchen, die ihre Farben mit Eigelb anstelle von Leinöl anrührten, taten dies mit einem Nebengedanken an Ostern und die Auferstehung.Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Herder, Freiburg 1991, S. 83
Eier als Grabbeigaben sind aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. erhalten. Vermutlich aus Afrika importierte Straußeneier wurden im südspanischen Los Millares ausgegraben und ihr Alter zwischen 2400 und 1400 v. Chr. datiert.Venetia Newall: Easter Eggs. In: The Journal of American Folklore, Band 80, Nr. 315, Januar – März 1967, S. 3–32, hier S. 4 Das Straußenei und das Ei überhaupt galt in der Antike und in Russland als Symbol für die Unsterblichkeit; vermutlich aus diesem Hintergrund kam es an nordafrikanischen Grabstätten vor.Ernst Schüz: Das Ei des Straußes (Struthio camelus) als Gebrauchs- und Kultgegenstand. In: Tribus Nr. 19, Lindenmuseum Stuttgart, November 1970, S. 84 Der magische Aspekt der Straußeneier hat sich bis heute mancherorts im afrikanischen, islamischen und christlichen Volksglauben erhalten.
Verbreitung Es gibt zwei Formen von Eierorakeln. Das eine Orakel gehört zu den induktiven Praktiken der Wahrsagung, die auf die Betrachtung und Deutung von Omen (sichtbaren Zeichen) angewiesen sind; im Unterschied zu den durch Intuition einer einschlägig begabten Person (Orakelpriester, Seher) gewonnenen Voraussagen. Über die rein systematisch betriebene Deutung der Zeichen hinausgehend stellt der Wahrsager eine Beziehung zu den einflussreichen höheren Mächten her. Ein professionell agierender Wahrsager wird zugleich versuchen, im Gespräch mit seinem Kunden dessen Vorgeschichte und Grund für seinen Besuch herauszufinden, um zu einem individuellen Ergebnis zu kommen.
Einfacher gestalten sich dagegen die Schicksalsbefragungen, die von der Allgemeinbevölkerung mit einer im überlieferten Volksglauben verankerten Interpretationen von Orakelzeichen durchgeführt werden können. Sie gehören zu den Binärorakeln und folgen einem zwingenden Wenn-dann-Schema, etwa beim Gänseblümchen-Zupfen („er liebt mich, er liebt mich nicht...“).
Germanisch-deutscher Volksglauben Schicksale und düstere Prophezeiungen wurden gemäß dem Aberglauben mit regional unterschiedlichen Methoden aus einem Ei gewonnen, wobei die Orakelkraft des Eis an Ostern und Weihnachten generell am größten war. Dies waren magisch aufgeladene Zeiten, die der Wintersonnenwende entsprachen, zu der die Römer Eierorakel durchführten.
Analog zum Bleigießen lasen Mädchen in Siebenbürgen an Silvester aus dem Eiweiß. In Österreich gewährten an Neujahr vor Sonnenaufgang zwei in ein Ei gestochene Löcher einen Blick in die Zukunft. Ganze Eier konnten – bei Einhaltung bestimmter Regeln – ihren Besitzer mit hellseherischen Fähigkeiten ausstatten. Trug in Mecklenburg ein Kirchgänger das erstgelegte Ei einer jungen Henne in der Tasche mit sich, so konnte er eine Krone auf dem Kopf desjenigen Menschen erkennen, der in diesem Jahr sterben sollte. In der Oberpfalz musste man zur Christmette die Kirche rückwärts gehend, mit einem Ei unter jede Achsel geklemmt betreten. Dann konnte derjenige durch die Eier sehen und auf diese Weise die Hexen unter den Anwesenden ausmachen, die sich durch einen siebartigen Schein um den Kopf auszeichneten.
Eine Orakelmethode sieht vor, ein verrührtes Ei in ein Glas mit Wasser zu geben, um am anderen Morgen aus den entstandenen Formen etwas herauszulesen. Wer dies um Mitternacht an Karfreitag tut erfährt, wie groß die Ernte in diesem Jahr ausfallen wird. Nach dem Volksglauben soll das Ei-in-Wasser-Orakel von Mädchen in Deutschland, Portugal und Frankreich als Liebeszauber eingesetzt werden können. Bei einer Variante wird ein Ei in kochendes Wasser geschlagen und die Zukunft aus dem geronnenen Eiweiß herausgelesen. In Frankreich zerschlug man das Ei auf dem Kopf, bevor man es ins Wasser schüttete.
Ein versehentlich zerbrochenes Ei konnte Unglück bewirken, etwa wenn einem Mädchen ein Ei aus der Rockschürze fiel. Wer in der Neujahrsnacht ein Ei zerbrach, sollte im selben Jahr sterben. In Schleswig-Holstein konnte ein Mädchen das Schicksal befragen, wenn es an Ostern abends Eierschalen vor die Haustür legte. Den Beruf des Mannes, der als nächster vorbeiging, würde ihr künftiger Ehemann haben. F. Eckstein: Ei. Eduard Hoffmann-Krayer, Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 2 (C.M.B.-Frautragen). De Gruyter, Berlin (1930) 1987, Sp. 618–620
Ein Aberglaube, den Jakob Grimm in seiner Deutschen Mythologie (1878) erwähnt, war, ein Ei ins Wasser zu werfen, um zu prüfen, ob ein Kind verhext ist. Falls das Ei untergeht, so ist das Kind verhext.Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. 4. Ausgabe, Band 3. Berlin 1879, S. 470, Satz 966
Khasi in Indien