mini|St. Bonifatius von Westen (2014) mini|hochkant|Turmfront
St. Bonifatius ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in Gießen und die katholische Hauptkirche der Stadt. Die dreischiffige Basilika entstand in zwei Bauphasen von 1902 bis 1905 und von 1934 bis 1936 im Stil der Neugotik. Der komplexe Baukörper mit einem 70 Meter hohen Kirchturm ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 1993, S. 183.
Geschichte Im Bereich des heutigen Kirchenplatzes in Gießen wurde im 12./13. Jahrhundert eine „Kapelle“ errichtet, die urkundlich im Jahr 1248 erstmals erwähnt wird. Diese Pankratiuskapelle war dem heiligen Pankratius und Maria geweiht und ein Filial der Peterskirche, die im Dorf Selters vor den Toren von Gießen stand. Wohl im 14. Jahrhundert wurde die romanische Kapelle durch ein zweischiffiges gotisches Gotteshaus, die „Stadtkirche“, ersetzt, die im Jahr 1334 erstmals als „Pfarrkirche“ („parochialis ecclesia“) bezeichnet wird.. Mit Einführung der Reformation wechselte Gießen im Jahr 1527 zum evangelischen Bekenntnis. Ab 1532 gab es keinen katholischen Priester mehr in Gießen und das katholische Leben in der Stadt kam für über 250 Jahre weitgehend zum Erliegen.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 9.
Ab 1784 hielten Franziskaner aus Wetzlar wieder katholische Gottesdienste in Gießen ab. Die Anstellung eines eigenen Pfarrers folgte unter Berufung auf den „Darmstädter Freyheitsbrief“ im Jahr 1791, wozu Landgraf Ludwig I. die Erlaubnis erteilte.Siegler: Sanct Bonifatius Giessen. 1958, S. 9. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Katholiken stark zu. Viele von ihnen waren Angestellte der Gießener Universität, die in den Jahren 1830 bis 1851 über eine katholisch-theologische Fakultät verfügte.Michael Przibilla: Der alte Glockenturm behauptet sich bis heute. 2001, S. 56. Ein Professor der Universität war gleichzeitig Pfarrer der katholischen Gemeinde. Ab 1804 wurde die evangelische Burgkirche mit genutzt, und es durfte eine Glocke der Evangelischen Stadtkirche zu den katholischen Gottesdiensten geläutet werden. Ab 1823 fanden die Gottesdienste zunächst in der Stadtkirche statt, da die Burgkirche 1824 abgerissen wurde. Später diente ein ehemaliger Kliniksaal der alten Kaserne in der Liebigstraße als Versammlungsort.Siegler: Sanct Bonifatius Giessen. 1958, S. 11. Am 1. August 1838 erfolgte die Grundsteinlegung für einen Neubau, der am 7. September 1840 eingeweiht wurde. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Gemeinde 314 Mitglieder mit etwa 45 Schulkindern. Hinzu kamen etwa 200 Katholiken aus dem Umland und 34 katholische Theologiestudenten.Siegler: Sanct Bonifatius Giessen. 1958, S. 13. Diese erste katholische Pfarrkirche in Gießen nach der Reformationszeit stand auf dem Seltersberg (Ecke Frankfurter Straße/Liebigstraße, etwa an der Stelle des heutigen Martinshofes) und war dem heiligen Bonifatius und heiligen Petrus geweiht. Schon bald reichte der Platz nicht mehr für die wachsende Gemeinde aus, die im Jahr 1892 etwa 1800 Mitglieder umfasste. Wegen der inzwischen installierten nahen Bahngleise konnte diese erste Kirche nicht erweitert werden.Deuster: Katholische Gemeinde Gießen. 1948, S. 81. In unmittelbarer Nachbarschaft in der Liebigstraße erwarb die Gemeinde 1898 ein Grundstück der ehemaligen Fernie’schen Bergwerksverwaltung.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 11.
Baubeginn der neuen repräsentativen Pfarrkirche für die Gießener Katholiken war 1902. Architekten waren Ludwig Becker, Anton Falkowski und Hugo Becker.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 315. Die Bauleitung vor Ort übernahm der Gießener Architekt H. Kockerbeck. Bis 1905 waren in einem ersten Bauabschnitt der Chor, das Querhaus und das erste Langhaus-Joch mit der Sakristei fertiggestellt. Die Kirche wurde am 24. September 1905 durch den Mainzer Domkapitular Friedrich Goedecker benediziert. Der Turm war zu diesem Zeitpunkt noch nicht errichtet. Provisorisch schloss eine Backsteinwand den Bau nach Norden ab. Die Orgel von Dreymann wurde aus der alten Kirche übernommen, ebenso das alte Kirchengestühl, das 1908 vom Gießener Schreiner Joh. Lenz ersetzt wurde.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 14. Die Gemeinde umfasste zu diesem Zeitpunkt etwa 2000 Mitglieder. Der Vorgängerbau wurde von 1910 bis 1911 zum „Katholischen Vereinshaus“ umgewandelt. Im Jahr 1917 wurden die zwei großen Glocken und die zinnernen Prospektpfeifen der Orgel für Rüstungszwecke beschlagnahmt.Siegler: Sanct Bonifatius Giessen. 1958, S. 24. Das neue Pfarrhaus wurde am 1. Juli 1929 bezogen. Der Weiterbau des groß angelegten Plans der neugotischen Kirche war erst ab 1934 möglich. Nach Überarbeitung der Pläne und dem Anbau zweier weiterer Joche und des Turms unter dem Bauleiter Peter Grode konnte die Kirchweihe durch Albert Stohr am 27. Juni 1936 gefeiert werden. Zu dieser Zeit war St. Bonifatius die einzige katholische Pfarrei für Gießen und 46 umliegende Dörfer.
Im Jahr 1944 erlitt das Gotteshaus beträchtliche Kriegsschäden durch eine schwere Sprengbombe. Zerstört wurden das östliche Seitenschiff und die fünf Chorfenster, die Bernhard Kraus 1930 unter dem Thema „die fünf Gesätze des schmerzhaften Rosenkranzes“ gestaltet hatte. Die Gewölbe waren rissig, die Dächer beschädigt, Türen und Orgel zertrümmert und das Gesprenge des Hochaltars in viele Einzelteile zerschmettert. Die Kirche wurde von 1945 bis 1949 unter Leitung von Peter Grode wiederhergestellt. Das zerstörte Vereinshaus wurde zunächst als „Saalbau“ provisorisch wiederhergestellt; später wich es einem Neubau, dem „Martinshof“. Durch den Zuzug von Heimatvertriebenen, vor allem Sudetendeutschen, wuchs die Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg auf 19.000 Katholiken an, von denen 7000 in Gießen wohnten. Dies stellte eine große Herausforderung dar; nach und nach entstanden in der Nachkriegszeit im Landkreis Gießen neue katholische Gemeinden und Kirchbauten; auch in Gießen wurden mit der St.-Albertus-Gemeinde in der Nordanlage (1957) und der St.-Thomas-Morus-Gemeinde in der Grünberger Straße (1963) zwei weitere Pfarreien begründet und Kirchen errichtet.
Die Bonifatius-Kirche erhielt 1960 einen Außenputz. Von 1976 bis 1979 erfolgten eine tiefgreifende Renovierung und Neugestaltung.Peter W. Sattler, Hermann Klehn: Zur Baugeschichte der Katholischen Gotteshäuser in Gießen, S. 321, abgerufen am 27. August 2022 (PDF). Die Sakramentskapelle wurde völlig neu gestaltet und der Chorraum des Hauptaltares vorgezogen. Er erhielt einen Voraltar in Nähe der Gemeinde, entsprechend der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Fußboden wurde mit neuen Steinplatten belegt und die Ecken der Gewölbekappen mit floralen Motiven bemalt. Im Jahr 1987 wurden das Bronzeportal eingeweiht, die Außensanierung 1994 abgeschlossen und im selben Jahr die große Dreifaltigkeitsglocke neu gegossen.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 18.
Architektur mini|hochkant|Vorhalle zur Sakramentskapelle
St. Bonifatius ist als dreischiffige Basilika auf Kreuzgrundriss mit polygonal schließendem Hochchor in frühgotischen Formen errichtet. Die Kirche steht auf einem künstlich angelegten Plateau in Hanglage südlich des alten Stadtzentrums.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 1993, S. 182. Sie ist nicht geostet, sondern entsprechend der umgebenden Straßen von Nordost nach Südwest ausgerichtet. Das Mauerwerk ist außen und innen weiß verputzt, wobei Bögen, Laibungen, Gewölberippen, die Eckquaderung und andere Gliederungselemente aus rotem Sandstein ausgespart sind. Eine zweiseitige Freitreppe führt über die Stützmauer aus Lungstein auf einen schmalen Vorplatz an der Nordostseite.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 19. St. Bonifatius zeichnet sich durch eine differenzierte Dachlandschaft aus.
Die giebelständige Portalfront ist zweitürmig angelegt, jedoch wurde nur der Südturm mit den Glocken in voller Höhe ausgeführt. Die Giebelseite wird von einem Gesims in zwei Zonen geteilt und seitlich durch abgetreppte Strebepfeiler begrenzt. Das repräsentative, spitzbogige Hauptportal mit Tympanon ist insgesamt 7 Meter hoch und 2,50 Meter breit. In dem zweifach abgestuften, gekehlten Gewände ist eine große rechteckige Nische eingelassen, die oberhalb des Spitzbogens mit Blendmaßwerk ausgefüllt ist und die das Gesims durchbricht. Der Bildhauer Josef Welling aus Koblenz-Horchheim gestaltete die zweiflügelige Bronzetür samt Tympanon. Die Türflügel zeigen acht Szenen in figürlicher Darstellung aus dem Leben des heiligen Bonifatius. Im bronzenen Tympanon über einem Fries mit den zwölf Aposteln und Paulus ist Christus als Weltenrichter in einer Mandorla zu sehen, der von den vier Evangelistensymbolen umgeben wird.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 22. Seitlich des Portals sind kleine Rundfenster und darüber Spitzbogenfenster mit Maßwerk eingelassen. Die obere Zone wird von einer großen Fensterrose mit Maßwerkfüllung beherrscht. In der Giebelspitze befindet sich ein kleines spitzbogiges Drillingsfenster, dessen mittleres Fenster überhöht ist.
Die beiden Türme auf quadratischem Grundriss werden durch Gesimse in unterschiedlich hohe Stockwerke gegliedert. Das niedrige Obergeschoss des nördlichen Turms ist verjüngt und hat an den freien Seiten je drei Spitzbogenfenster. Der oktogonale Spitzhelm erreicht nur die Höhe des Dachfirstes vom Mittelschiff. Ein Verbindungsbau von 1929, in dem die Katholische öffentliche Bücherei (1899 gegründet) und die Christliche Kunststube untergebracht sind, bildet den Übergang zum giebelständigen Pfarrhaus. Ein großer Spitzbogen ermöglicht den Durchgang zum Innenhof und zur Sakramentskapelle. Der mächtige Turm an der Ostecke verjüngt sich leicht nach oben und erreicht eine Höhe von 70 Metern. Sein Gewicht beträgt 2700 Tonnen. Die Turmhalle dient als Taufkapelle. Das Obergeschoss als Glockenstube hat an jeder Seite eine große spitzbogige Schallöffnung mit fünfbahnigen Maßwerkblenden. Die oktogonale Kegelspitze mit Ecktürmchen zwischen Ziergiebeln wird von einem Turmknauf, schlichtem Kreuz (7 Meter) und Wetterhahn (1,05 Meter) bekrönt.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 20.
Die gesamte nördliche Seite wird durch drei vorgebaute Querhäuser und das Zwerchhaus der Sakristei geprägt. Das dreijochige Mittelschiff wird von einem steilen Satteldach bedeckt, das mit kleinen Gauben mit Türmchen bestückt ist. Über der Vierung erhebt sich ein Dachreiter mit Ziergiebeln. Ein Turmknauf und ein schlichtes Kreuz bekrönen den schlanken Spitzhelm. Der Obergaden hat spitzbogige Maßwerkfenster. Das südliche Seitenschiff wird von einem Pultdach bedeckt, das oberhalb in Strebepfeiler übergeht. In die Außenwand sind drei Beichtstühle mit geschnitzten Türen eingebaut. Ein Querhaus mit einer Grabkapelle ist dem nördlichen Seitenschiff vorgebaut. Die beiden Seitenschiffe finden ihren Abschluss in überwölbten Seitenkapellen, die den Hochchor flankieren und nach Westen zwei stumpfwinkelige Chorwände haben.Kath. Kirchengemeinde St. Bonifatius (Hrsg.): Kirchenführer St. Bonifatius Gießen. 1996, S. 26.