Fatima Grimm (* 25. Juli 1934 als Helga Lili Wolff in München; † 6. Mai 2013 in Hamburg) war eine deutsche Übersetzerin, Autorin und Referentin zum Thema Islam. Bekannt wurde sie durch ihr Engagement als Konvertitin in der muslimischen Gemeinde Deutschlands, so als Funktionärin in der Deutschen Muslim-Liga Hamburg.

Kindheit und Ausbildung

Fatima Grimm wurde 1934 als Tochter des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Karl Wolff und Frieda von Römhelds (1901–1988) geboren.Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Beck Verlag, München 2011, S. 151. Sie wurde mit ihrer Familie am 13. Mai 1945 von amerikanischen Truppen zunächst in einem Bozener Gefängnis festgesetzt. Nach der Haftentlassung ihres Vaters im Juni 1949 arbeitete er als Vertreter für die Anzeigenabteilung einer Illustrierten und die Familie zog nach Starnberg bei München.

1958 lernte sie Omar Abdul Aziz, einen tschechischen Muslim, kennen. An ihrem 26. Geburtstag im Jahr 1960 legte sie in der Münchener Wohnung von Ibrahim Gacaoglu das islamische Glaubensbekenntnis abStefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Beck Verlag, München 2011, S. 152. und heiratete Omar Abdul Aziz.

1962 zog sie mit ihm nach Pakistan und kehrte bereits 1963 mit ihm nach Deutschland zurück, wo sie sich in der Münchener Gemeinde engagierte.

Karriere Erstmals trat Grimm öffentlich, damals noch Fatima Heeren-Sarka, im Protokoll vom 11. April 1971 der Generalversammlung der Münchener Moscheebau-Kommission (Vorläufer der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland) als „Sekretär“ im neugewählten „geschäftsführenden Ausschuss“ auf. In den folgenden Jahrzehnten schrieb und übersetzte sie diverse Bücher und verfasste zahlreiche Artikel, von denen einige in der Zeitschrift Al-Islam erschienen. In ihrer Publizistik widmete sie sich vor allem Themen wie der Erziehung und der Rolle der Frau im Islam. Das nur kurze Zeit bestehende Kindermagazin Du und der Islam (1978–1984, ging in Al-Islam auf) wurde von ihr betreut. Mehrere Jahre war sie auch für Al-Islam verantwortlich.Lebenslauf Fatima Grimm vom Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V., 24. November 2013 (online).

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein erstmals 1975 von Grimm gehaltener Vortrag, der 1995 als Broschüre unter dem Titel Die Erziehung unserer Kinder vom Islamischen Zentrum München (IZM) veröffentlicht wurde, seitdem immer wieder verbreitet wird (so auf der Buchmesse der Berliner Mevlana-Moschee im Jahr 2007ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH; Projektbereich Zentrum Demokratische Kultur „CommunityCoaching“ (Hrsg.): Claudia Dantschke und Claudia Luzar: Aspekte der Demokratiegefährdung in Berlin-Mitte und Möglichkeiten der Intervention. Eine Kommunalanalyse im Berliner Bezirk Mitte. Nachfolgestudie der ersten Untersuchung im Jahr 2004. Schriftenreihe des Zentrum Demokratische Kultur. ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur, Berlin 2007, S. 35; (PDF).) und wegen darin verwendeter Begriffe wie Dschihad und dār al-Harb als „umstrittenste Publikation von Fatima Grimm“ gilt.So die Beurteilung von Stefan Meining in (ders.): Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Beck Verlag, München 2011, S. 153f. Beispiele des kritischen Aufgreifens dieses Textes sind Cornelia Filter: Islamismus: Die KonvertitInnen… und wer dahinter steckt. In: Emma, 1. Juli 2002; emma.de. Ahmet Arpad: Islamismus in Deutschland – Rolle der Frauen in der deutschen, islamischen Gesellschaft. Referat für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Stuttgart, 9. November 2002 und München, 14. Februar 2004; ahmetarpad.de (PDF). Johannes Kandel: „Lieber blauäugig als blind?“ Anmerkungen zum „Dialog“ mit dem Islam. (= Islam und Gesellschaft. Nr. 2). Referat Berliner Akademiegespräche/Interkultureller Dialog. Friedrich-Ebert-Stiftung, Politische Akademie, Berlin 2003, S. 13 f.; fes.de (PDF; 205 kB). Hildegard Becker: „Bilder in den Köpfen“. Vorstellungswelten bei Muslimen und in deren Organisationen. Referat vor dem Arbeitskreis Migration in der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bonn 2. Juli 2003 (); Zwangsheirat und Ehrenmorde an Migrantinnen in Deutschland. Bericht von der Tagung „Leitkultur Humanismus und Aufklärung“ 2005 in Köln. Website des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten; ibka.org. Udo Wolter: Man denkt deutsch. Die Welt deutscher Islam-Konvertiten und der Drang zum Unbedingten. In: Jungle World, Nr. 38, 20. September 2007 (online). Herbert L. Müller: Vom Islamismus zum Djihadismus. Versuch eines Zugangs. In: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 13/2007, S. 49–51, 55; (PDF; 135 kB). Ursula Spuler-Stegemann: Die 101 wichtigsten Fragen – Islam (= Beck’sche Reihe. 7005). 2., durchgesehene Auflage. Beck, München 2009, S. 126 f. Siehe auch Jan Bielicki: Experten-Interview. „Das Verbot ist wichtig, um ein Signal zu setzen“ Interview mit Ursula Spuler-Stegemann. In: Süddeutsche.de, 11. Mai 2010. Es gehöre zur Erziehung, den ab dem 15. Lebensjahr dafür aufgeschlossenen Kindern den Begriff des Dschihad als Verteidigung des Glaubens nahezubringen: „Dazu gehört, dass wir als Mütter nicht feige und ängstlich darauf bedacht sind, unsere Söhne vor jeder Gefahr zu bewahren. […] Vielmehr sollten wir ihnen immer vor Augen führen, was für eine großartige Auszeichnung es für jeden Muslim ist, für die Sache des Islams mit der Waffe in der Hand kämpfen zu können.“Fatima Grimm: Die Erziehung unserer Kinder. München 1995, S. 19, zitiert bei Herbert L. Müller: Vom Islamismus zum Djihadismus. Versuch eines Zugangs. In: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 13/2007, S. 55; (PDF; 135 kB). Im Internet war der Zitatabschnitt im Gesamtzusammenhang abrufbar auf der islamischen Website enfal.de; jetzt nur noch archiviert unter web.archive.org. Sehr ähnlich wird auch zitiert bei Ursula Spuler-Stegemann: Die 101 wichtigsten Fragen – Islam (= Beck’sche Reihe. 7005). 2., durchgesehene Auflage. Beck, München 2009, S. 127. Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Beck Verlag, München 2011, S. 153f. Als Schreckensbild bei ausbleibender islamischer Erziehung wird das Heranwachsen der Kinder zu einer „Masse von halbgebildeten Nationalisten, Kommunisten oder Humanisten“ geschildert.Fatima Grimm: Die Erziehung unserer Kinder. München 1995, S. 2, zitiert bei Herbert L. Müller: Vom Islamismus zum Djihadismus. Versuch eines Zugangs. In: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 13/2007, S. 49; (PDF; 135 kB). Im Verfassungsschutzbericht 2010 des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg wird festgestellt, dass in einer von Grimm verfassten Publikation des IZM für die Wiedereinführung der Hadd-Strafen plädiert werde.Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2010. Stuttgart 2011, S. 70 (). Vergleiche Herbert Landolin Müller: Jenseits von Schleier und Kopftuch: Islamistisches Menschenbild und Rolle der Frau als Herausforderung einer freiheitlichen Gesellschaft? In: Armin Pfahl-Traughber, Monika Rose-Stahl: Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Schule für Verfassungsschutz und für Andreas Hübsch. (= Beiträge zur inneren Sicherheit. 31). Fachhochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Fachbereich Öffentliche Sicherheit, Brühl/Rheinland 2007, S. 384f (), hier wird dieser Umstand in Grimms mit Aisha B. Lemu verfasstem Frau und Familienleben in einer Passage über Unzucht festgestellt. Siehe auch Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2007. Stuttgart 2008, S. 51 (); Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2006. Stuttgart 2007, S. 50 () und Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg 2009. Stuttgart 2010, S. 67 (). In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung 2003 herausgegebenen Broschüre wird angegeben, Grimm habe „sich inzwischen von ihrem Machwerk distanziert“.Johannes Kandel: „Lieber blauäugig als blind?“ Anmerkungen zum „Dialog“ mit dem Islam (= Islam und Gesellschaft. Nr. 2). Referat Berliner Akademiegespräche/Interkultureller Dialog. Friedrich-Ebert-Stiftung, Politische Akademie, Berlin 2003, S. 14; fes.de (PDF; 205 kB).

In einem 2005 mit Nadeem Elyas geführten und 2006 vom Institut für Islamfragen veröffentlichten Gespräch teilte dieser mit, Grimm habe Stellung genommen und gesagt, dass der Text 30 Jahre alt sei, dass sie damit auf keinen Fall den bewaffneten Kampf gemeint habe und sie diesen für die Gegenwart auf keinen Fall befürworte.Judith Wanner (Tübingen): „Das Wahre und Schöne“. Im Gespräch mit Dr. Nadeem Elyas, Ehrenmitglied des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD). Institut für Islamfragen 2006, S. 1 f.; .

Wenige Wochen vor dem Tod ihres Vaters Karl Wolff im Jahr 1984 konvertierte dieser zum Islam; am Grab sprach die Tochter in Anwesenheit von Vertretern des Islamischen Zentrums München (IZM) das Totengebet.

Seit spätestens April 1999 war Grimm als Ehrenmitglied im Beirat des ZMD.Gremien und Mitglieder des ZMD. Stand: 1999 (online). Zudem saß sie (mit ihrem Mann Abdul KarimLiberal-Islamischer Bund e. V.: Zum Tode unseres Mitglieds Fatima Grimm, 7. Mai 2013 (online).) im Vorstand der Deutschen Muslim Liga e. V. Hamburg, war Mitglied im Liberal-Islamischen Bund und engagierte sich im Islamischen Zentrum Hamburg; auf ihrem Grundstück in Hamburg befand sich eine eigene, kleine Moschee. Mit ihrem Mann Abdul Karim war sie mehrfach auf den Treffen deutschsprachiger Muslime zugegen.Sulaiman Wilms: Veteranin des Islam in Deutschland: Fatima Grimm ist verstorben. In: Islamische Zeitung, 7. Mai 2013 ().

Im Sommer 2002 begleitete Grimm mit Nadeem Elyas und anderen Vertretern des ZMD eine Tour der Islamischen Weltliga durch Deutschland.Johannes Kandel: Organisierte Muslime in Deutschland zwischen Integration und Abgrenzung. In: Islamismus. Diskussion eines vielschichtigen Phänomens. Studienreihe „Im Fokus“. Senatsverwaltung für Inneres, Abteilung Verfassungsschutz, Berlin 2005, S. 73f ().