Die Altstadt umfasst das vom Mittelalter bis heute ständig bebaute Gebiet in der kreisfreien Stadt Schweinfurt. Sie ist deshalb nicht mit dem sogenannten Dorf Altstadt zu verwechseln, das außerhalb der Stadtmauererweiterung von 1437 lag bzw. liegt. Ihre Zuordnung als eigener Stadtteil für amtlich-statistische Zwecke bleibt unklar, wo sie als Bezirk 11 geführt wird (siehe: Schweinfurt, Stadtgliederung).
Die Altstadt ist von der in längeren Abschnitten noch erhaltenen Schweinfurter Stadtbefestigung und Grünanlagen umgeben. Der älteste Teil liegt rund um die Johanniskirche, der ursprünglich (noch von vor der Stadtgründung) von einer eigenen Mauer umgeben war. Der vor der Stadterweiterung 1437 angelegte Teil der Altstadt, mit Marktplatz und Straßenkreuz, bildet eine klassische mittelalterliche (bzw. römische: Straszenkreuzung mit groszem Platz für die Legion, gegenüber die Kommandantur) Stadtanlage, weshalb es sich wahrscheinlich um eine Gründungsstadt handelt. Vermutlich ließ sie Kaiser Friedrich I., Barbarossa im 12. Jahrhundert als Civitas Imperii (Reichsstadt) anlegen, in Konkurrenz zur bereits bestehenden weiter östlich gelegenen Siedlung, dem Dorf Altstadt. Die Reichsstadt Schweinfurt wurde von König Wilhelm von Holland 1254 frühestens und indirekt urkundlich bestätigt (die originalen Belege sind bzw. waren verloren gegangen).Schweinfurt-Stadt-Kultur-Themen. Publikation des Schweinfurter Tagblatts für das Handelsblatt und Die Zeit S. 4.
Die Schweinfurter Altstadt blieb, wie auch die übrigen Stadtgebiete außerhalb des Industriegebietes, im Zweiten Weltkrieg zu 60 % erhalten, entgegen landläufiger Meinungen und Angaben überregionaler Veröffentlichungen, die oft von schweren Zerstörungen sprechen.
Lage Die Altstadt liegt am nördlichen Mainufer und hat auch im Osten, mit dem Tal des Marienbachs, eine natürliche Grenze. Sie liegt auf ca. 220 bis 225 m ü. NN, auf einem hochwasserfreien Sockel, ca. 12 bis 17 Meter über dem zur Großschifffahrtsstraße (Rhein-Main-Donau-Kanal) angestauten Main, dessen Wasserspiegel hier auf 207,6 m ü. NN liegt.
Bevölkerung Einwohnerentwicklung
Datum EinwohnerAltstadt 1800 6.045 1. Dezember 1840 7.766 1868 9.748 1. Dezember 1871 10.840 31. Dezember 2015 2.529 31. Dezember 2022 2.898
Bei der Reichsgründung 1871 hatte die Altstadt, die damals im Wesentlichen nur von kleineren Fabriken und Industriellen-Villen umgeben war, etwa 10.000 Einwohner, was einer Bevölkerungsdichte von 25.000 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht.1868 hatte Schweinfurt, das damals noch nahezu mit der heutigen Altstadt identisch war, 9.748 Einwohner. Paul Ultsch: Damals in Schweinfurt. Als die Stadtmauer noch Begrenzung war. Buch- und Idee-Verlags-GmbH, Schweinfurt, ISBN 3-9800480-1-2, S. 8. Die Einwohnerzahl der Altstadt war bis dahin nahezu identisch mit der der ganzen Stadt. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg lebten noch etwa 5.000 Menschen in der Altstadt auf einer Fläche von 0,4 km², genauso viele wie damals beispielsweise in der City of London (1951: 5.324 Einwohner auf einer Fläche von 2,9 km²). 2015 hatte die Altstadt nur noch 2.500 Einwohner, während zum Vergleich in der nur wenig größeren Altstadt von Frankfurt am Main (0,48 km²) 3.937 Menschen wohnten. In den darauffolgenden Jahren wuchs infolge der Schweinfurter Altstadtsanierung die Einwohnerzahl wieder auf 2.898.
Sozialstruktur Status31. Dez. 2022 Melderegisterbasierte Bevölkerung Altstadt(Bezirk 11) GesamtgebietSchweinfurt Deutsche 69,5 % 77,4 %' Ausländer 30,5 % 22,6 % Anteil Doppelstaatler(von der Gesamtbevölkerung) 8,7 % 17,1 %
Die Sozialstruktur der Altstadt widerspiegelt die Nachkriegsgeschichte des Gemeindeteils. Die relativ wenigen Wohnungen in dem von Geschäftshäusern dominierten Gebiet waren in den Nachkriegsjahrzehnten von meist sehr niedrigem Standard. Das alteingesessene Bürgertum hatte die Altstadt nahezu vollständig verlassen und der Anteil von Ausländern stieg infolge günstigem Wohnraum stark an. Seit der Altstadtsanierung, die in den 1980er Jahren begann, bekam dieses Gebiet einen völlig anderen Charakter mit attraktiven Altstadtwohnungen. Deutsche zogen wieder zu, aber für Spätaussiedler (meist Doppelstaatler), die ebenfalls in den 1980er Jahren in die Stadt kamen, war der sanierte Wohnraum der Altstadt meist zu teuer. Das erklärt den scheinbaren Widerspruch bei Migranten mit überproportionalem Ausländeranteil und stark unterproportionalem Anteil von Doppelstaatlern.
Übersicht Altstadtpläne Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert blieb die Altstadt einschließlich der umgebenden Befestigungsanlagen nahezu unverändert. Auch das Umfeld blieb unbebaut. Dies ist aus den beiden Plänen ersichtlich (Gründe hierzu siehe: Stillstand in der Barockzeit).
Quartiere am Main mini|hochkant=1.7|Reichsstadt Schweinfurt. M. Merian 1656.1–12 Schanzen, B Brückentor, F Fischertor, H Hauptwache, L Lünette, M Mühltor, m Mainbastion (heute Stadtstrand), N Neutor, O Obertor, S Spitaltor, s Spitalbastei, u Untere Mainschanze
Im Süden der Altstadt, am Main, liegen drei sanierte Altstadtquartiere unterschiedlichen Charakters. Mainabwärts (von Ost nach West) sind das: Zürch: Innere Altstadt (kurzzeitig ca. 1300 bis 1400) einstiges Burgenviertel (auf beiden Plänen in der rechten unteren Ecke) Ehemaliges Gewerbeviertel: Innere Altstadt (auf beiden Plänen in der unteren Mitte) Fischerrain: Fischersiedlung unbekannten Alters und Ursprungs (auf beiden Plänen in der linken unteren Ecke), seit 1437 in die Stadt integriert, aber mit Sonderrechten sowie eigener Gerichtsbarkeit und eigenem Stadtturm (Fischerpforte).
Marktplätze und Handel Schweinfurt gilt als Stadt der Plätze. Die Viehmärkte zählten zu den bedeutendsten Deutschlands (siehe: Roßmarkt). Die Stadt besaß ein großes ländliches Einzugsgebiet und war auch ein wichtiges regionales Handelszentrum mit mehreren Marktplätzen, in einem fruchtbaren Umland (heute Lebensmittelindustrie und Lebensmittellogistik: Carl Kühne KG, Meßmer Tee, Edeka, Malzfabriken u. a. m.). Auch Weinbau, Weinhandel, Brauereien und Gastronomie waren einst von wirtschaftlicher Bedeutung (siehe: Schweinfurt, Weinbau).
Wochenmarkt wird in der Altstadt nur noch auf dem Markt (Hauptmarkt) am Alten Rathaus abgehalten. Einstmals gab es fünf Marktplätze: Markt (Hauptmarkt, umgangssprachlich: „Marktplatz“) Albrecht-Dürer-Platz, einstiger Name: „Holzmarkt“ ¹, Anfang des 20. Jahrhunderts auch ein Geschirrmarkt Am Zeughaus (Zeughausplatz) einstiger Name: „Schweinmarkt“ ¹ Kornmarkt, einstiger Name: „Getreidmarkt“ ¹, zuvor: „Salzmarkt“ ², vor 1806 ein Leder- und Schuhmarkt ² Roßmarkt, einstiger Name: „Viehmarkt“ ²
¹ im Katasterplan von 1868 ² Peter Hofmann: schweinfurtfuehrer.de
Heutiges Stadtbild Altstädtisches Flair im Osten Das historische Stadtbild blieb um den Marktplatz (Hauptmarkt) weitgehend erhalten. Das Gebiet besteht im Kernbereich aus Fußgängerzonen oder ist verkehrsberuhigt und besitzt eine hohe Aufenthaltsqualität (Sitzbereiche, Straßencafés). Die Altstadtsanierung ist hier abgeschlossen.
Gemischte Strukturen in der Mitte Der Roßmarkt und die nähere Umgebung entwickelten sich in den 1960er Jahren, infolge der Verlegung des Stadtbusbahnhofs vom Markt zum Roßmarkt, zu einem Citygebiet – als zweites Zentrum neben dem Marktplatz. Das führte zu einem ungeordneten Stadtbild, mit einer Mischung aus altfränkischen Kleinstadthäusern und größeren Geschäftsbauten.
Citygebiet im Westen Der ganz im Westen der Altstadt liegende Jägersbrunnen ist ein von den 1960er und 1970er Jahren geprägtes Citygebiet. Es hatte seine Blütezeit von den 1970er bis zu den 2000er Jahren, mit zwei nebeneinander liegenden Kaufhäusern.
Baugeschichte Stadtgründung um 1200 Die Reichsstadt wurde in der Regierungszeit der Staufer (1138–1254) vermutlich als Gründungsstadt angelegt. Mit dem Bau der St.-Johannis-Kirche wurde bereits vor 1200 begonnen. St. Johannis war zunächst eine von Gaden umgebene Kirchenburg mit Friedhof. Reste der Stadtmauer, die eng um den Nord- und Westbereich der Kirche verliefen, wurden 1258 erstmals urkundlich erwähnt. Die Kirchenburg existierte höchstwahrscheinlich schon vor der Stadtgründung und bot den Bewohnern der Stadt Schutz solange die Anzahl der Bewohner und der Zustand der restlichen Mauern eine Verteidigung des gröszeren Ringes als von vorneherein aussichtslos erscheinen liesz.
Grundsätze Hochmittelalterlicher Stadtplanung Verborgene Geometrie Die Altstadt weist, abgesehen vom Straßenkreuz um den Marktplatz, auf keine Planung vom Reißbrett hin. Nach Forschungen von Klaus Humpert und Erwin Reidinger seien mittelalterliche Städte auf dem Reißbrett geplant worden, jedoch hätten die Planer keine langweiligen Reißbrettstrukturen antiker Städte gewollt. Die auf den ersten Blick verwinkelten, mittelalterlichen Stadtanlagen seien nicht mangels damaliger Fähigkeiten (Administration, Planung, Vermessung) zufällig entstanden, sondern seien beabsichtigt gewesen. Man habe auf Grundlage einer ausgeklügelten Geometrie geplant, in der auch Maßeinheiten und sogar Zahlensymbolik eine Rolle spielten.
Der Schweinfurter Marktplatz besitzt einen geometrischen Grundriss, mit einer Geraden im Westen und einem Kreisbogen im Osten (siehe Bild unten links).
Die Stadtplaner des Mittelalters schufen gekrümmte bzw. bogenförmige Straßenfronten mithilfe geknickter Linien. Schnurgerade Hausfronten wurden mit kleineren Knicken zum Nebenhaus aneinander gereiht. (siehe unteres, mittleres Bild).
Vermeidung von Dreckecken Innerhalb eines Straßenzugs mit geschlossener Bebauung vermied man Vor- oder Rücksprünge in der Bauflucht, damit keine Schmutzecken entstanden. Überall in Deutschland sieht man dieses Prinzip, was moderne Architekten oft nicht erkennen und die klare Abfolge der Fassaden durch Rücksprünge stören.
Windschutz Eckhäuser nach Seitengassen wurde öfters vor die Baulinien breiterer Hauptstraßen geschoben, damit ein abgeschlossener, windgeschützter Straßenraum entstand. So einst in der Spitalstraße beim Eckhaus nach dem Kronengäßchen (siehe Bild unten rechts, rechte Straßenseite); auch die gegenüberliegende (linke) Häuserflucht war einstmals am Ende vorgesetzt, damit ein langgezogener, abgeschlossener Platzraum entstand. Da hier keine Seitengasse vorhanden ist, wurde nach oben beschriebenem Prinzip die Straße mithilfe eines hier besonders starken Knick verengt – statt eines unerwünschten Vorsprungs mit einer hässlichen, dunklen Ecke.
Zudem vermied man Kreuzungen von Gassen in Hauptwindrichtung durch einen kleinen Versatz der Quergassen. So in der Langen Zehntstraße (einst: Lange Zehentgasse) bei der querlaufenden Keßlergasse und der Zehntstraße (einst: Zehentgasse), damit der Westwind nicht unvermindert auf den Marktplatz trifft. In der modernen Stadtplanung, mit zugigen Plätzen und Straßen, bleibt dieser Aspekt völlig unberücksichtigt.
Blickachsen Öffentliche Gebäude wurden in Szene gesetzt. Der Marktplatz verbreitert sich zum Rathaus hin. Blickachsen weisen auf Kirchtürme, wie die Brückenstraße und die Westseite des Marktes zum Turm der Johannis-Kirche.
Stadterlebnis Passanten wollte man ein Erlebnis bieten; im Gegensatz zu den geraden Fluchten langweiliger antiker und moderner Stadtplanungen sollte er nicht sofort alles überschauen. So öffnen sich beim Gang über die Markt-Ostseite und durch die anschließende Obere Straße immer neue Blicke (siehe unteres, linkes Bild).
Unerwünschte Paläste In der Reichsstadt mit frühdemokratischen bzw. germanischen Ansätzen waren Paläste nicht erwünscht. Adelige durften nicht mit Bürgerrecht in der Stadt wohnen.Peter Hofmann: Schweinfurtführer Die Reichsburg in der Altstadt wurde bereits 1427 wieder abgebrochen (siehe: Zürch), nachdem die Pfandschaft abgelöst war.
Stadterweiterung im 15. Jahrhundert