mini|Aegis-Bedienkonsolen der 1980er Jahre auf dem Kreuzer Vincennes
Das Aegis-Kampfsystem () ist ein automatisiertes, integriertes Waffen- und Führungssystem für den Einsatz auf Kriegsschiffen und als landgestützte Anlage. Es vernetzt Sensoren, Datenbanken und Feuerleitsysteme mittels elektronischer Datenverarbeitung.
mini|US-Navy-Kreuzer Ticonderoga, das erste mit dem Aegis-Kampfsystem ausgerüstete Kriegsschiff Das System wurde seit 1969 unter Leitung der United States Navy von der Radio Corporation of America entwickelt, um die Verbindung aus Transistor-basierter digitaler Computertechnik und Radar mit phasengesteuerten Antennen für die militärische Anwendung auf See nutzbar zu machen. „Aegis“ ist seit 1995 eine Marke des US-amerikanischen Rüstungskonzerns Lockheed Martin. Benannt ist das System nach dem schützenden Schild Aigis aus der griechischen Mythologie.
mini|hochkant|US-Navy-Zerstörer Mustin der Arleigh-Burke-Klasse Ursprünglich war Aegis zur Abwehr von Angriffen durch Kamikaze-Flugzeuge, durch große und überschallschnelle Flugzeugverbände des Warschauer Paktes sowie von Sättigungsangriffen mit verschiedenen Arten von Lenkflugkörpern konzipiert. Auch die Bekämpfung von Überwasser- und Unterwasserzielen gehört zum Einsatzspektrum von Aegis. Es stach erstmals 1983 auf dem US-Navy-Kreuzer Ticonderoga in See.
Seit den 1990er Jahren ist das System auch bei verbündeten Marinen im Einsatz. Das Aegis-Kampfsystem wurde von Anfang an mit dem Gedanken an Erweiterbarkeit und Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Anforderungen entworfen. Ebenfalls seit den 1990er Jahren wurde in einer gesonderten Entwicklungslinie das Aegis Ballistic Missile Defense System für die Abwehr von ballistischen Raketen entwickelt.
Geschichte Lenkwaffen zur Flugabwehr
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gelangte das Strahlflugzeug zur Serienreife. Als Militärflugzeug konnte es verglichen mit den bis dahin verwendeten Flugzeugtypen in kürzerer Zeit in größere Höhen gelangen und wesentlich schneller fliegen. Dies reduzierte aus Sicht der Verteidigung die für die Erkennung und Bekämpfung nutzbare Zeitspanne und erforderte ihrerseits Waffen, die mit Manövrierfähigkeit, Reichweite und Beschleunigung dieser Bedrohung begegnen konnten.
In Europa versenkten ab 1943 gelenkte Bomben der Bauarten Henschel Hs 293 und Fritz X Kriegsschiffe. Die US-Navy erlebte in der Schlacht um Okinawa 1945, wie japanische Flugzeuge der Sondereinheit Shimpū Tokkōtai trotz amerikanischer Luftüberlegenheit die Flugabwehr überwinden und Schiffe schwer treffen konnten.
Es wurde deutlich, dass sich diese neuartigen Waffen mit den vorhandenen Systemen nicht zuverlässig abhalten ließen. Die US-Navy stellte daher im Sommer 1945, noch vor Ende des Pazifikkriegs, die Composite Task Force unter Admiral Willis A. Lee auf, die mögliche Maßnahmen bewertete und erprobte. Diese Einheit existiert als Operational Test and Evaluation Force in Naval Station Norfolk bis heute.
Mit der Entwicklung von Lenkflugkörpern zur Flugabwehr sollte auf Grundlage von noch jungen Techniken wie Radar, Funktechnik und Raketentechnik eine neue mittlere Verteidigungslinie zwischen von Flugplätzen und Flugzeugträgern startenden Abfangjägern und schiffsgestützten Flugabwehrkanonen eingezogen werden.
Die Drei T: Tartar-Terrier-Talos Stand der Technik in den 1960er und 1970er Jahren, also einer Hochphase des Kalten Krieges, waren die Drei T, eine in den 1950er Jahren entwickelte Familie von Flugabwehr-Lenkflugkörpern. Sie bestand aus RIM-24 Tartar für kurze Reichweite, RIM-2 Terrier für mittlere Reichweite und RIM-8 Talos für große Reichweite. Dabei waren die Terrier, besonders aber die schweren und komplizierten Talos-Flugkörper mit ihrem Strahltriebwerk neben konventionellen für den Einsatz von nuklearen Sprengköpfen vorgesehen, um die mit zunehmender Entfernung sinkende Zielgenauigkeit auszugleichen und etwaige anfliegende Flugzeugschwärme schon in großer Distanz zu zerstören.
Bei den Drei T zeigte sich eine wesentliche, prinzipbedingte Einschränkung bei der Feuerleitung: Die Anzahl der gleichzeitig bekämpfbaren Ziele war durch die Anzahl der Zielerfassungs-Radare auf dem verteidigenden Schiff begrenzt. Diese Radare mussten in hervorgehobener Position mit möglichst freiem Blick auf den Horizont montiert werden, ihre Anzahl pro Schiff ließ sich also nicht beliebig steigern. Auch brauchte jedes der drei getrennten Systeme eigene Radare und belegte eigene Funkfrequenzen für die Fernlenkung der Waffen.
Die Zahl der möglichen angreifenden Flugzeuge der sowjetischen Seefliegerkräfte stieg zu jener Zeit schneller als die der von Schiffen aus einsetzbaren Abwehrwaffen. Das Konzept des Warschauer Paktes sah vor, die Abwehrkapazitäten von NATO-Kriegsschiffen durch gleichzeitigen Angriff zahlreicher luft- und seegestützter Flugkörper aus der Distanz zu überwältigen. Auch die Weiterentwicklung des Terrier-Systems von Leitstrahllenkung auf halbaktive Zielsuchlenkung konnte zwar die Reichweite, nicht aber die verarbeitbare Anzahl von Zielen steigern. In Flottenverbänden und Geleitzügen muss überdies durch Kommunikation zwischen den verteidigenden Schiffen sichergestellt werden, dass jedes anfliegende Objekt identifiziert, bewertet und ggf. bekämpft wird.
Diese Koordinierungsaufgabe wurde bei der US-Navy seit den frühen 1960er Jahren vom Naval Tactical Data System unterstützt. Die Navy erprobte überdies in den 1960er Jahren mit dem Weapons Direction System Mark 11 auf der Wainwright ein erstes teil-digitales, integriertes System für den Waffeneinsatz.
Projekt Typhon mini|hochkant|Aegis-Testinstallation auf dem Versuchsschiff Norton Sound
Als erste Fortentwicklung der Drei T wurden die Flugkörper RIM-50 Typhon LR und RIM-55 Typhon MR konzipiert. In Verbindung mit dem ab 1958 bei der Westinghouse Electric Corporation entwickelten Multifunktionsradar AN/SPG-59 sollte das Typhon-Kampfsystem das Problem der nicht ausreichenden Zahl von Feuerleitradaren lösen. Die überschallschnellen sowjetischen Langstreckenbomber sollten von einem optimal platzierten SPG-59-Radar geortet, verfolgt und mittels der Typhon LR in großer Höhe und großer Entfernung von bis zu 200 Kilometern abgeschossen werden, während die Typhon MR in mittlerer Entfernung bis knapp 50 Kilometern auch gegen in Wellenkammhöhe anfliegende Seezielflugkörper wirken sollten. Das Projekt erwies sich als zu ambitioniert, der Energie- und Platzbedarf des nach dem Prinzip der Lüneburg-Linse entworfenen SPG-59 war zu groß, die Zielgenauigkeit der Typhon LR bei hohen Kosten zu gering. Damit war auch der Typhon MR die Grundlage entzogen. Minister McNamara strich das Projekt Typhon Anfang 1964.
Advanced Surface Missile System Auf Anweisung McNamaras initiierte die US-Navy das Projekt Advanced Surface Missile System als Nachfolger für Typhon. Sein Umfang wurde 1965 definiert und der Entwicklungsauftrag 1969 an die Radio Corporation of America vergeben. Auf dem zuvor als Testplattform für Projekt Typhon genutzten Lenkwaffenversuchsschiff Norton Sound wurde 1973 das Aegis-System eingebaut und erprobt.
Das Projekt profitierte personell und technologisch von den Erfahrungen mit dem DLG Anti-Air Warfare Modernization Program, das von 1967 bis 1975 zwanzig Flugabwehrschiffe der Farragut-, Leahy- und Bainbridge-Klassen mit integrierter Operationszentrale (Combat Information Center, CIC) und dem 3D-Luftraumsuchradar AN/SPS-48 ausstattete.
Bedrohung durch Seezielflugkörper Aegis wurde während der Entwicklungsphase in den 1970er Jahren an die Bedrohung durch eine neue Generation von Seezielflugkörpern wie der Exocet angepasst. Die Gefahr lag dabei nicht mehr in der möglichen Vernichtung ganzer Flotten auf hoher See durch eine ebenbürtige Großmacht. Vielmehr wurden kompakte Waffen wie die Exocet im Verhältnis zu den Kosten eines Kriegs- oder Handelsschiffs als relativ wirksam durch Mittelstaaten und sogar Einzelakteure einsetzbar eingeschätzt. In den 1980er Jahren kam die Bedrohung durch Überraschungsangriffe mit kompakten Seezielflugkörpern auf, die von U-Booten oder einzelnen Flugzeugen aus gestartet werden können und eine rasche, möglichst automatisierte Reaktion für die Abwehr erfordern.
Bereits ab den späten 1960er Jahren hatten von Schnellbooten aus gestartete Anti-Schiff-Lenkwaffen der ersten Generation in mehreren Seegefechten Versenkungen bewirkt, so gegen den israelischen Zerstörer Eilat 1967 im Verlauf des Abnutzungskriegs, im dritten indisch-pakistanischen Krieg 1971 und bei der Schlacht von Latakia 1973.
Bis in die 1970er Jahre hinein war die Flugabwehr auf Schiffen der NATO einerseits auf Rohrwaffen aufgebaut, andererseits auf den spezialisierten „Drei-T“-Lenkwaffensystemen sowie jeweils länderspezifischen Systemen. Die herkömmlichen Rohrwaffen wirkten mit begrenzter Reichweite und konnten schnell anfliegende oder Ausweichmanöver durchführende Ziele nicht verlässlich abwehren, oder nur mit so geringer Abhaltedistanz, dass das Schiff dennoch beschädigt werden konnte. Die schiffsbasierten Lenkwaffensysteme waren kompliziert, nutzten manuelle Bedienhandlungen und Analogrechner, waren nur begrenzt vorhanden und auf die Abwehr von Bomberverbänden und den Schutz von Flugzeugträgerkampfgruppen ausgerichtet.
Zum Einsatz gegen Anti-Schiff-Waffen wurde daher seit den 1960er Jahren auch auf kleineren Schiffen das nicht automatisierte NATO Sea Sparrow Missile System (NSSM) mit dem Flugkörper RIM-7 Sea Sparrow eingerüstet. Im Bereich des Elektronischen Kampfs wurden Anstrengungen etwa im Bereich der Täuschkörper und elektronischen Gegenmaßnahmen unternommen. Automatische Nahbereichsverteidigungssysteme waren ab den späten 1970er Jahren verfügbar und wurden, nach den Erfahrungen im Falklandkrieg, ab den 1980er Jahren mit Nachdruck installiert.
Gegen die neuen Bedrohungen und die weiter aufrüstenden sowjetischen Seefliegerkräfte und U-Boote modernisierte die US-Navy in den 1980er Jahren ihre Flugabwehrschiffe vor allem der Leahy- und Belknap-Klassen ein zweites Mal. Mit dem Terrier New Threat Upgrade (NTU) und Flugkörper RIM-66C/D Standard Missile-2 MR erfuhren sie eine neuerliche Kampfwertsteigerung. Diese sollte den Zeitraum bis zum Zulauf von genügend Aegis-Schiffen überbrücken. Es standen keine geeigneten jüngeren Schiffe zur Verfügung, da 18 Jahre lang keine gebaut worden waren: Der Haushalt der US-Navy war in den 1970er Jahren durch Inflation, Vietnamkrieg und die Aufrüstung der strategischen U-Boot-Flotte mit Polaris-Raketen ausgeschöpft. Abgesehen von den wenigen Atomkreuzern der 1970er Jahre – von der California-Klasse wurden zwei, von der Virginia-Klasse vier Einheiten gebaut – waren mit den letzten Schiffen der Belknap-Klasse die jüngsten Flugabwehrschiffe 1967 in Dienst gestellt worden.
Als erstes Aegis-Schiff ging Ticonderoga 1983 in Dienst. Die Ticonderoga-Klasse übernahm den Rumpf der Spruance-Klasse mit seiner weniger personalintensiven Gasturbinen-Antriebsanlage, wobei Masse und Kompliziertheit der Aegis-Ausrüstung zunächst reduziert werden mussten.
Das Ende des Kalten Krieges führte in den 1990er Jahren zur raschen Außerdienststellung sowohl der unmodernisierten als auch der Schiffe mit New Threat Upgrade, so dass seitdem alleine die Aegis-Schiffe für die Flugabwehr vorgesehen sind.
Iran-Air-Zwischenfall Aegis wurde Ende der 1980er Jahre einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als die Vincennes den Iran-Air-Flug 655 abschoss und alle Menschen an Bord tötete. Das Passagierflugzeug wurde vom System kurzzeitig als iranische F-14 Tomcat identifiziert, während der Kommandant der Vincennes in einer anderen kritischen Situation, einem Gefecht mit iranischen Schnellbooten, irrtümlicherweise von einem weiteren realen Angriff aus der Luft überzeugt war. Er erteilte mit dieser Überzeugung die Feuererlaubnis.
Standard Missile und VLS