Maigret und das Verbrechen in Holland (französisch: Un crime en Hollande) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er gehört zur ersten Staffel von 19 Romanen einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um den Kriminalkommissar Maigret. Der Roman entstand im Mai 1931 an Bord von Simenons Boot Ostrogoth in Morsang-sur-Seine und erschien im Juli des Jahres beim Pariser Verlag Fayard.Un crime en Hollande in der Simenon-Bibliografie von Yves Martina. Die erste deutsche Übersetzung Maigret in Holland von Hansjürgen Wille und Barbara Klau publizierte Kiepenheuer & Witsch im Jahr 1960. Zwanzig Jahre später brachte der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Renate Nickel unter dem Titel Maigret und das Verbrechen in Holland heraus.Oliver Hahn: Bibliografie deutschsprachiger Ausgaben. In: Georges-Simenon-Gesellschaft (Hrsg.): Simenon-Jahrbuch 2003. Wehrhahn, Laatzen 2004, ISBN 3-86525-101-3, S. 76–77.

Als ein französischer Professor bei einer Vortragsreise durch die Niederlande in einen Mordfall verwickelt wird, reist Kommissar Maigret aus Paris an, um vor Ort zu ermitteln. Nicht nur die Sprache, auch die Mentalität der Niederländer ist dem Kommissar fremd, der mit seinen unkonventionellen Methoden die Einheimischen ein ums andere Mal vor den Kopf stößt. Doch Maigret lässt sich nicht davon abbringen, das rätselhafte Verbrechen in Holland aufzuklären.

Inhalt

miniatur|hochkant=1.5|Panorama von Delfzijl miniatur|Bahnhof von Delfzijl

Es ist Mai, und Kommissar Maigret wird mit einem offiziösen Auftrag in den Norden der Niederlande geschickt. Jean Duclos, Professor für Soziologie an der Universität Nancy, der sich mit einem kriminologischen Vortrag auf einer Reise durch Nordeuropa befindet, ist bei seinem Aufenthalt in der Kleinstadt Delfzijl unter Mordverdacht festgenommen worden. Sein Gastgeber Conrad Popinga, ein ehemaliger Hochseekapitän und inzwischen Lehrer an der örtlichen Marineschule, wurde in der Nacht seines Aufenthalts erschossen, und ausgerechnet Duclos hielt die Tatwaffe in Händen, Popingas Revolver, den er im Bad gefunden haben will.

Neben Popinga und Duclos befanden sich zum Zeitpunkt des Mordes Popingas puritanische Ehefrau Liesbeth sowie deren jüngere Schwester Any Van Elst, ein intelligenter, aber wenig attraktiver Blaustrumpf, im Haus. Nachdem die Nachbarn Wienand die Gesellschaft bereits früh verlassen hatten, war auch der 18-jährige Cornélius Barens auf dem Heimweg. Für den Kadett der Marineschule und Halbwaisen hatte Frau Popinga die Rolle einer Ersatzmutter übernommen. Die gleichaltrige Beetje Liewens, die Tochter eines einflussreichen Bauern, wurde von Popinga zum heimischen Bauernhof begleitet, nachdem er zuvor ausgelassen mit dem Mädchen getanzt und geflirtet hatte. Nach seiner Rückkehr wurde er aus dem Haus heraus erschossen, eine Tat, die aus Duclos’ Zimmer oder dem angrenzenden Bad begangen worden sein muss. Die polizeiliche Untersuchung fand Zigarrenspuren und eine Mütze im Haus. Deren Besitzer Oosting, genannt der „Baes“, ist ein Schiffer von der nahen Insel Workum, der sein Geld mit halblegalen Geschäften verdient und als Wortführer der „Kairatten“ gilt, einer Gruppe von Seeleuten, die im Hafen von Delfzijl herumlungern.

Die Untersuchung wird Maigret durch seine fehlenden Kenntnisse der niederländischen Sprache nicht leicht gemacht. So hat er wiederholt den Eindruck, dass Oosting ihm etwas anvertrauen will, woran ihn die Sprachbarriere hindert. Zu allem Überfluss betätigen sich sowohl Duclos als auch Any Van Elst als Hobbydetektive und zeigen sich wenig erbaut von Maigrets unkonventionellen Methoden. Der niederländische Kollege Pijpekamp hingegen möchte vor allem einen Skandal vermeiden und ist gerne bereit, der abgesprochenen Aussage von Oosting und Barens Glauben zu schenken, nach der ein längst abgereister ausländischer Matrose die Mütze des „Baes“ stahl und Popinga ermordete.

Als Briefe auftauchen, die die Affäre des Toten mit der jungen Beetje bestätigen, zeigt sich, dass der Antrieb von der 18-Jährigen ausging, die hoffte, an der Seite des ehemaligen Abenteurers und Seemanns der engstirnigen Kleinstadt und ihrem strengen Vater zu entfliehen. Dabei war Popinga nicht der Erste, den die Ausreißerin für ihren Traum vom Großstadtleben zu verführen versuchte. Zuvor plante sie bereits eine Flucht mit ihrem Turnlehrer, und als sich der in seiner Ehe gefangene Popinga als zu zögerlich erwies, machte sie sich mit derselben Absicht an den gleichaltrigen Cornélius heran. Für den lebenslustigen Popinga dagegen war das Mädchen ein harmloser Flirt von der Art seiner Abenteuer als Matrose auf Landgang oder, als er sesshaft geworden war, der Tändelei mit seinem Dienstmädchen.

Bei einem Lokaltermin lässt Maigret alle Beteiligten den Ablauf des Tatabends nachspielen, wobei er selbst die Rolle des Opfers übernimmt. Das Schauspiel entlarvt, dass einzig Any Van Elst beim Gang zum Haus der Popingas die Gelegenheit hatte, die Mütze von Oostings Boot zu stehlen. Dabei wurde sie vom Schiffer beobachtet, der ihr heimlich folgte. In einer Wiederholung der Ereignisse fällt auch dieses Mal ein Schuss, den Cornélius Barens auf Maigret abgibt, um seine Gastfamilie zu schützen. Doch der Kommissar, der die Tatwaffe zuvor mit Platzpatronen gefüllt hat, bleibt unverletzt. Als Täterin entlarvt er allerdings eine Andere: Any Van Elst, die einst von Popinga verführt worden war und ihn seither unerwidert liebte. Zwar konnte sie es hinnehmen, ihren Angebeteten mit ihrer Schwester zu teilen, nicht jedoch mit der koketten Beetje, und so plante sie nach dem kriminalistischen Vortrag und Popingas Flirt mit ihrer jungen Rivalin ein perfektes Verbrechen an ihrem untreuen Geliebten, bei dem sie lediglich zu viele unglaubwürdige Spuren auslegte.

Der Aufklärung folgt betretenes Schweigen und ein Herzanfall der Witwe. Ohne Dank reist Maigret bereits am nächsten Morgen zurück nach Paris, wobei ihn nicht einmal der entlastete Duclos begleiten will. Zwei Jahre später trifft der Kommissar Beetje wieder. Die Heirat mit einem Vertreter hat der jungen Frau die Flucht aus Delfzijl ermöglicht, ohne dass sich das ersehnte Glück in ihrem Leben eingestellt hätte. Sie weiß jedoch von Any Van Elst zu berichten, die sich am Tag, als der Prozess gegen sie eröffnet werden sollte, mit einer Gabel das Leben nahm.

Hintergrund

miniatur|Maigret-Skulptur von Pieter d’Hont in Delfzijl

Mit dem Roman Maigret und das Verbrechen in Holland ließ Georges Simenon seine Romanfigur Maigret an jenen Ort zurückkehren, an dem sie der Autor einst erfunden hatte: in die niederländische Hafenstadt Delfzijl. Hier lag im September 1929 Simenons Boot Ostrogoth vor Anker, um es kalfatern zu lassen, während sich der Autor die Zeit in einem Café vertrieb. Rückblickend beschrieb er: „Habe ich ein, zwei oder sogar drei kleine Genever mit einem Schuss Bitter getrunken? Jedenfalls sah ich nach einer Stunde, ein wenig schläfrig, allmählich die mächtige, unbewegliche Statur eines Mannes sich abzeichnen, der mir einen rechten Kommissar abzugeben schien.“Georges Simenon über die Geburt der Figur des Kommissar Maigret. In: Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette. Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden, Band 1. Diogenes, Zürich 2008, ISBN 978-3-257-23801-3, S. 191. Tatsächlich fanden Simenon-Forscher später heraus, dass Simenon vor Ort zwar einen Roman mit einer Nebenfigur namens Maigret geschrieben hatte, dass jedoch der erste echte Maigret-Roman Maigret und Pietr der Lette erst Monate später entstanden war. Maigret of the Month: Un Crime en Hollande (A Crime in Holland) auf der Maigret-Seite von Steve Trussel. Dennoch führte die Legende dazu, dass die Stadt Delfzijl eine lebensgroße Maigret-Statue aufstellen ließ, die der niederländische Künstler Pieter d’Hont geschaffen hatte. Bei der Enthüllung am 3. September 1966 waren neben dem Autor vier Schauspieler anwesend, die den Kommissar in Filmen oder Fernsehserien verkörpert hatten: Rupert Davies, Heinz Rühmann, Gino Cervi und Jan Teulings.The Maigret Statue at Delfzijl auf der Maigret-Seite von Steve Trussel.

Neben Maigret und das Verbrechen in Holland spielen noch einige andere Werke Simenons ganz oder teilweise in Holland: Maigret und der Fall Nahour, Der Mörder sowie Der Mann, der den Zügen nachsah.Lucille F. Becker: Georges Simenon. Haus, London 2006, ISBN 1-904950-34-5, S. 29. Auch in letzterem, einem Non-Maigret-Roman, heißt die Hauptfigur Popinga, ein Name, den Simenon einem Polizisten entlehnte, den er in den Niederlanden kennengelernt hatte.Baudouin Bollaert: Simenon au Cap Nord (1). In: Le Figaro vom 26. Juli 2001. Einige der Handlungsorte aus Maigret und das Verbrechen in Holland lassen sich noch heute in Delfzijl wiederfinden, so heißt der Kanal Amsterdiep des Buches in Wirklichkeit Damsterdiep,Maigret in Delfzijl auf der Maigret-Seite von Steve Trussel. die Insel Workum ist Borkum. Simenon selbst war rückblickend der Meinung, die Schauplätze und Figuren des Romans seien so nahe an der Realität, dass er nach der Veröffentlichung nicht wieder in die Stadt Delfzijl zurückkehren könne.Pierre Assouline: Simenon. A Biography. Chatto & Windus, London 1997, ISBN 0-7011-3727-4, S. 268–269.

Interpretation

„Ordentlich bis hin zur totalen Langeweile“ beschreibt Tilman Spreckelsen Delfzijl, wie es Simenon in Maigret und das Verbrechen in Holland vorführt, eine Langeweile, die durch die „kreuzbrave Familie Wienands“ personifiziert wird, die selbst dem Autor „einfach zu langweilig“ sei, um ihr einen Mord zuzutrauen.Tilman Spreckelsen: Maigret-Marathon 8: Das Verbrechen in Holland. Auf FAZ.net vom 30. Mai 2008. Peter Foord verweist auf die protestantische Ethik, die für die Spannungen im Ort verantwortlich sei und sich als Crux des Verbrechens herausstelle. Laut Roddy Campbell dreht sich der Roman vor allem um den Konflikt zwischen dem soliden, angepassten Leben der Bürger der Stadt und dem Ausleben der persönlichen Bedürfnisse Einzelner. Der Konflikt spielte auch in Simenons Vita eine große Rolle, das Ehepaar Popinga erinnert Campbell an Simenons Eltern und ihr kleinbürgerliches Umfeld in Brüssel, aus dem der Autor ausbrach, um ein freies Leben in Paris zu führen. Ihren Ausdruck finden die unterschiedlichen Lebensstile in der Gegenüberstellung von holländischer und französischer Mentalität, wobei Figuren wie Beetje und Popinga diese Grenze überschreiten. Maigret und das Verbrechen in Holland ist einer der ersten Romane, in denen Simenon das Thema der Flucht aus dem angestammten Milieu aufwirft, das sich in zahlreichen späteren Werken wiederfindet, so etwa in Die Flucht des Monsieur Monde. Am Ende ist auch aus der Ausreißerin Beetje eine respektable Vertreterin der Bourgeoisie geworden.