Niendorf ist ein Stadtteil im Bezirk Eimsbüttel der Freien und Hansestadt Hamburg.
Niendorf hat sich vom schleswig-holsteinischen Dorf zum städtischen Wohnquartier entwickelt. Der Stadtwald Niendorfer Gehege zieht Besucher aus anderen Teilen Hamburgs an.
Geografie Niendorf liegt im Nordwesten Hamburgs an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Die Fläche umfasst 12,7 Quadratkilometer. Im Westen schließen sich Eidelstedt und Schnelsen, im Süden Stellingen und Lokstedt an. Östlich wird Niendorf vom Flughafengelände in Fuhlsbüttel sowie von Groß Borstel begrenzt.
Das Zentrum Niendorfs ist der Tibarg. In der ehemaligen Dorfstraße, heute Fußgängerzone, konzentrieren sich der Einzelhandel, Gewerbe und Gastronomie. Der Stadtteil wird überwiegend als Wohnquartier genutzt und ist zum großen Teil mit Einfamilien- und Reihenhäusern bebaut; es gibt aber auch Wohnblocks und in Niendorf-Nord eine Hochhaussiedlung. Die Randgebiete dienen vorrangig der Naherholung. Neben dem Niendorfer Gehege und einigen Kleingärten befinden sich auch landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die südliche und westliche Grenze Niendorfs bildet die Kollau, die in Groß Borstel in die Tarpenbek mündet. Nach starken Regenfällen ist die Kollauniederung regelmäßig überschwemmt.https://www.spd-fraktion-eimsbuettel.de/hochwasserschutz-an-der-kollau-2/ Im Norden lagen drei große Moore: Das Ohmoor, das Rahmoor und das Schippelsmoor. Die Flächen sind im 20. Jahrhundert abgetorft, kultiviert und bebaut worden. Nur von dem Ohmoor sind kleine Reste übriggeblieben.
Geschichte Vorgeschichte Das Ortsgebiet war spätestens seit der mittleren Steinzeit besiedelt. Zwei große Siedlungsplätze bestanden von der Mittel- bis zur Jungsteinzeit im Norden in der Nähe der Moorgebiete. Alte Flurkarten verzeichnen auch bronzezeitliche Grabhügel; diese sind nicht erhalten geblieben. Sofern sie nicht der Landwirtschaft oder Neubauvorhaben im Wege standen, wurden sie spätestens bei der Flughafenerweiterung eingeebnet. In der Eisenzeit verlagerte sich die Siedlung nach Süden. Auf dem alten Friedhof fanden sich Topfscherben, Eisenschlacken und ein Mahlstein. Ein Flurstück nordöstlich davon hieß noch im 18. Jahrhundert „Ohl Dörp“. Als die hier gelegene Siedlung im 14. Jahrhundert unterging, entstand Niendorf (das „neue Dorf“) am Tibarg, dem heutigen Stadtteilzentrum.
Mittelalter und Frühe Neuzeit Das älteste schriftliche Dokument über das Niendorfer Gebiet stammt von 1184 und erwähnt den Kollauer Hof, ein Gehöft am Zusammenfluss von Kollau und Tarpenbek, als Eigentum des Bremer Erzbischofs Siegfried. Niendorf selbst wurde 1343 erstmals urkundlich erwähnt. In diesem Jahr schenkte Bürger Hinrich Halstenbeke sein Eigentum im besagten Dorf dem Hamburger Domkapitel. Der Ort war Teil des Kirchspiels Eppendorf. 1347 verzeichnet das Register des Eppendorfer Pfarramtes in Niendorf sechs steuerpflichtige Bauernstellen. Die weltliche Obrigkeit der Niendorfer war eine Seitenlinie des Hauses Schauenburg, die Herren der Grafschaft Holstein-Pinneberg. Ab 1640 war es Teil der Pinneberger Waldvogtei in der Herrschaft Pinneberg und stand unter der Oberhoheit Dänemarks.
Am Ende des 18. Jahrhunderts gelangte der kleine Ort zu einer gewissen Bedeutung, als König Christian VII. die dänischen Grenzdörfer im Gottorper Vergleich aus der Hamburgischen Kirchenorganisation herauslöste und 1768 in Niendorf ein neues Kirchspiel gründete. Zu diesem gehörten auch Hummelsbüttel, Lokstedt, Schnelsen, Eidelstedt, Stellingen und Langenfelde. 1770 wurde die Kirche am Markt geweiht, seit 1795 gab es zwei große Vieh- und Krammärkte. Neben der Landwirtschaft war die Gewinnung von Torf aus den großen Mooren auf der Niendorfer Gemarkung eine lukrative Einnahmequelle. Die Stecher verkauften den Torf nach Hamburg und Altona, wo die Bierbrauer, Essig- und Branntweinbrenner große Mengen davon brauchten. Elf Nachbarorte beteiligten sich an dem Abbau und teilten die Moorflächen untereinander auf.
Vom 19. Jahrhundert bis heute mini|Die Doppeleiche am Tibarg erinnert an die Schleswig-Holsteinische Erhebung.
Im 19. Jahrhundert begann der Wandel vom Bauerndorf zum städtischen Vorort. Zunächst diente Niendorf den Hamburgern nur als Ausflugsziel. Die Topographie des Herzogtums Holstein aus dem Jahr 1841 beschreibt den Ort als „großes, ansehnliches Dorf mit mehreren zum Aufenthalte für Städter eingerichteten Gebäuden“. Für die Ausflüge in das dänische Niendorf musste weiterhin die Landesgrenze passiert werden. Als die Schleswig-Holsteiner 1848 vergeblich versuchten, sich gegen die dänische Herrschaft zu erheben, nahmen auch die Niendorfer Bauern an dem Aufstand teil. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 wurde Niendorf 1867 preußisch, gehörte zum Kreis Pinneberg in der Provinz Schleswig-Holstein. Als 1889 die Freiwillige Feuerwehr gegründet wurde, hatte Niendorf 1.125 Einwohner.Festschrift der Freiwilligen Feuerwehr Hamburg-Niendorf aus Anlass des 125-jährigen Bestehens, Hamburg, August 2014
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Villen und Bürgerhäuser, als wohlhabende Hamburger Niendorf zunächst als Sommersitz und später als Wohnort für sich entdeckten. Seit 1907 fuhr auch die Straßenbahn aus Hamburg nach Niendorf. Sie blieb bis 1978 in Betrieb und wurde durch Busse sowie – wenn auch einige Jahre später – die Verlängerung der U-Bahn-Linie U2 ersetzt.
1927 wurde Niendorf durch das Unterelbegesetz mit den Nachbargemeinden Lokstedt und Schnelsen zur preußischen Landgemeinde Lokstedt vereinigt,Preußische Gesetzsammlung 1927, S. 129 um so eine Eingemeindung in die Stadt Altona (Groß-Altona-Gesetz) zu verhindern. In den folgenden Jahren beschleunigte sich die Entwicklung zur städtischen Siedlung. Die Einwohnerzahl wuchs von 2.750 im Jahr 1921 auf 7.940 im Jahr 1939.Jürgen Frantz: Lokstedt-Niendorf-Schnelsen, S. 20 1930/32 wurde die Tarpenbek, ab 1934 die Kollau reguliert. Infolgedessen sank der Grundwasserspiegel um mehrere Meter ab und vorher unpassierbare Wiesen konnten als Bauland ausgewiesen werden. Die ersten zusammenhängenden Wohnblocks entstanden. Die Großgemeinde hatte bis zum 26. Januar 1937 Bestand. An diesem Tag wurde sie durch das Groß-Hamburg-Gesetz aus dem preußischen Kreis Pinneberg ausgegliedert und der Hansestadt zugeteilt. Bei dem verheerenden Bombenangriff auf Hamburg starben in Niendorf elf Menschen und 89 Gebäude fielen den Flammen zum Opfer, darunter fast alle strohgedeckten Häuser in der Ortsmitte. Weitere 13 Menschenleben kostete der Folgeangriff in der Nacht vom 3. auf den 4. August 1943.
In der Nachkriegszeit verbreiterte sich die Siedlungsfläche abermals. Zum einen holzten die Einwohner Teile des Niendorfer Geheges ab, weil sie Brennholz benötigten, weshalb bereits 1948 die Hamburgische Baumschutzverordnung eingeführt wurde. Die Flächen wurden anschließend bebaut. Zum anderen beschloss der Hamburger Senat 1946, den 300 Hektar großen Niendorfer Anteil am Ohmoor abzutorfen und zu kultivieren. Pläne hierzu gab es bereits in den 1930er Jahren, sie scheiterten aber an ungeklärten Eigentumsverhältnissen. In den 1980er Jahren entstand auf dem Gelände des ehemaligen Ohmoors die Siedlung Niendorf-Nord.
Statistik (Quelle: Hamburger Stadtteil-Profile: Berichtsjahr 2023)
Anteil der unter 18-Jährigen: 15,9 % [Hamburger Durchschnitt: 16,8 % (2023)] Anteil der über 64-Jährigen: 24,8 % [Hamburger Durchschnitt: 17,8 % (2023)] Ausländeranteil: 13,8 % [Hamburger Durchschnitt: 20,7 % (2023)] Arbeitslosenquote: 3,7 % [Hamburger Durchschnitt: 6,2 % (2023)]
Das durchschnittliche Einkommen je Steuerpflichtigen beträgt in Niendorf 52.657 Euro jährlich (2020), der Hamburger Gesamtdurchschnitt liegt bei 48.035 Euro.
Politik und Verwaltung mini|100px|Wappen des Bezirks Eimsbüttel Für die Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft gehört Niendorf zum Wahlkreis Lokstedt – Niendorf – Schnelsen. Die Bürgerschaftswahl 2025 brachte folgendes Ergebnis:
Bürgerschaftswahl SPD CDU Grüne AfD Linke FDP Übrige202540,1 %23,1 %15,7 %7,0 %6,3 %2,0 %5,8 %202046,0 %11,1 %22,0 %5,7 %5,5 %4,7 %5,0 %201552,5 %15,6 %9,7 %6,4 %6,4 %5,1 %4,3 %201152,2 %22,9 %8,5 % –7,4 %4,4 %5,5 %200832,0 %48,9 %7,6 % –4,7 %4,9 %2,0 %200429,9 %51,8 %8,9 % – –3,4 %6,0 %200137,4 %28,1 %6,0 % –0,3 %5,5 %22,7 %
Bei Bezirksversammlungswahlen gehört der Großteil des Stadtteils zum gleichnamigen Wahlkreis Niendorf, während ein kleiner Teil zum Wahlkreis Lokstedt gehört. Bei Bundestagswahlen zählt Niendorf zum Bundestagswahlkreis Hamburg-Eimsbüttel.
Niendorf besitzt kein eigenes Wappen. Die Marktkirche ist neben dem Wasserturm im Sternschanzenpark und einem Elefantenkopf, der Hagenbecks Tierpark symbolisiert, Teil des Eimsbütteler Bezirkswappens.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Niendorfer Marktkirche
Kirche am Markt Die 1770 geweihte Kirche am Markt gilt nach dem Michel als bedeutendstes Barockbauwerk Hamburgs. Der Architekt Heinrich Schmidt gestaltete den achteckigen Zentralbau nach dem Vorbild der Rellinger Kirche und der Kirche in Brande-Hörnerkirchen. Den freistehenden Marmoraltar entwarf der Hamburger Bildhauer Hans Kock. Auffällig ist der auf halber Höhe schwebende Taufengel, der mit einer Handkurbel herabgelassen werden kann. Das Gotteshaus wurde zwischen 1977 und 1986 umfassend renoviert und restauriert.
Südlich schließt sich der Alte Niendorfer Friedhof an. Dort findet man das kleine Mausoleum der Familie Heymann, kunstvolle Grabmale und große Familiengruften. Auf dem Friedhof sind einige Persönlichkeiten der Hamburger Geschichte bestattet, darunter Adolph Godeffroy und John von Berenberg-Gossler. Weiterhin wurden hier die Schauspieler Axel von Ambesser, Evelyn Hamann und Günther Jerschke beerdigt, ebenso der Fußballer Josef „Jupp“ Posipal, Mitglied der WM-Mannschaft von 1954. Auf dem nahegelegenen Neuen Niendorfer Friedhof ist die Sängerin Friedel Hensch beigesetzt.
Künstlerhaus Sootbörn Seit 1993 gibt es in der Straße „Sootbörn“ das gleichnamige Künstlerhaus mit Ateliers und wechselnden Ausstellungen. Das im Bauhausstil entworfene Gebäude war 1927 bis 1929 als Schule errichtet worden und beherbergte eine Mittelschule und die Oberschule Lokstedt. Architekten waren die Hamburger Gebrüder Ernst und Wilhelm Langloh. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Unterricht wegen des Fluglärms vom fast angrenzenden Flughafen Fuhlsbüttel unmöglich. Wegen der Flugsicherheit mussten zudem zwei der ursprünglichen drei Stockwerke abgetragen werden.
Villen im Niendorfer Gehege 1903 entstand im Auftrag des Direktors der Hamburg-Amerika-Linie, Johann Theodor Merck, eine große Villa mit Park im Niendorfer Gehege. Ganz in der Nähe errichtete die Bankiersfamilie Berenberg-Gossler 1909 bis 1911 ein Sommerhaus in Stil einer Jagdhütte, das 1923/24 zum ständigen Wohnsitz erweitert wurde. Beide Gebäude stehen inzwischen unter Denkmalschutz.
Berenberg-Gossler-Haus Seit 1997 betreibt ein Verein das „Berenberg-Gossler-Haus – Bürgerhaus für Niendorf“ und bietet ein Kulturprogramm und Gesundheitskurse, außerdem nutzen zahlreiche Gruppen das Haus für ihre Treffen. Das Gebäude im Niendorfer Kirchenweg war 1913 vom Bankier John von Berenberg-Gossler errichtet und der Gemeinde als „Warteschule“, also als Kinderkrippe, zur Verfügung gestellt worden und wurde bis 1995 für Vorschulkinder genutzt.
Villa Bondenwald Das repräsentative Backsteingebäude wurde 1913/14 nach den Plänen des Hamburger Architekten Peter Georog Saxen gebaut. Der gleichzeitig angelegte Garten auf dem 17.000 Quadratmeter großen Grundstück wurde von Erwin Barth angelegt. Sowohl das Gebäude als auch der Garten stehen unter Denkmalschutz.
Für 7,3 Mio. Euro wurde das Gebäude in den Jahren 2024–26 vollständig saniert und wird jetzt von der Ehlerding-Stiftung für Zwecke der Stiftung genutzt.
Bäume als Denkmal mini|150px|Doppeleiche am Tibarg Doppeleiche am Tibarg