mini|hochkant|Kazimierz Sosnkowski in den 1930er Jahren Kazimierz Sosnkowski (* 19. November 1885 in Warschau, Kongresspolen; † 11. Oktober 1969 in Arundel, Québec, Kanada) war ein polnischer Unabhängigkeitskämpfer, Truppenkommandeur und Politiker.
Leben Sosnkowski entstammte einer aristokratischen Familie aus Podlachien. Er wurde in Warschau geboren und besuchte zunächst ein Gymnasium in der Hauptstadt des russisch bestimmten Weichsellandes. Sein Abitur legte er mit Auszeichnung am XII. Gymnasium in Sankt Petersburg ab. Es folgte die Aufnahme des Studiums an der Warschauer Technischen Universität, der wegen Streiks in Warschau ein Wechsel an das Polytechnikum im österreichisch-ungarischen Lemberg folgte.
Unabhängigkeitskampf Ab 1904 war Sosnkowski Mitglied der Polska Partia Socjalistyczna (PPS). 1906 lernte er auf dem Lemberger VII. Kongress der PPS Józef Piłsudski kennen, von dem er fasziniert war. Dessen Vorschlag folgend trat er der 1904 gegründeten Kampforganisation der Partei, OBPPS (Organizacja Bojowa Polskiej Partii Socjalistycznej), bei. Nach einer Ausbildung in dieser Organisation setzte Piłsudski ihn als stellvertretenden Führer der Warschauer Abteilung ein; ab Juni 1906 trat er an die Spitze der Abteilung. In dieser Funktion war er am 15. August 1906 an den Kämpfen des sogenannten Blutigen Mittwochs (Krwawa środa) beteiligt. Wegen der anschließenden Verfolgung durch die russischen Behörden wechselte er zur OB-Gruppe nach Radom.
Später unternahm Sosnkowski Reisen ins westliche Ausland, so besuchte er 1907 Italien und die Schweiz. Im Anschluss kehrte er nach Lemberg zurück, wo er sein Studium abschloss. Lemberg entwickelte sich damals zu einem Zentrum der polnischen Unabhängigkeitsbewegung.Ania Klijanienko: Lemberg: Das kulturelle Zentrum der Westukraine. Trescher Verlag, S. 37.Kazimierz Sosnkowski bei Polskie Radio am 11. Oktober 2012 (in Polnisch, abgerufen am 1. Mai 2013) Während der Studienzeit gründete er 1908 – wieder von Piłsudski angeleitet – mit anderen Studenten einen konspirativen Kampfverbund (Związek Walki Czynnej, auf Deutsch etwa: Verband des aktiven Kampfes), den er leitete.Andreas Lawaty, Wiesław Mincer, Anna Domańska: Deutsch-polnische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart, Bibliographie. (= Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Institutes, Teil 1, Bände 3–4). Harrassowitz-Verlag, Wiesbaden 2000, S. 499, Fußnote 7066. Diese Organisation war die Keimzelle des 1909 in Lemberg entstandenen legalen Schützenbundes (Związek Strzelecki).Heinz Lemke: Allianz und Rivalität: d. Mittelmächte u. Polen im 1. Weltkrieg: (bis zur Februarrevolution). (= Quellen und Studien zur Geschichte Osteuropas. Band 18). Böhlau, 1977, ISBN 3-205-00527-9, S. 4. Der Schützenbund diente – wie auch andere in Galizien entstehende Pendants – dem Aufbau einer Kadereinheit zum Kampf für die Unabhängigkeit eines demokratischen Polens.Heidi Hein: Der Piłsudski-Kult und seine Bedeutung für den polnischen Staat, 1926–1939. (= Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung. Band 9). Herder-Institut, Marburg 2002, ISBN 3-87969-289-0, S. 39 und 48. ()
mini|hochkant|Kazimierz Sosnkowski 1915 mini|15. August 1919: Sitzend vlnr: Józef Piłsudski, der apostolische Nuntius Achille Ambrogio Damiano Ratti (später Papst Pius XI.) und der zukünftige Präsident der USA, Herbert Hoover. In der ersten Reihe stehend u. a. Kazimierz Sosnkowski, General Józef Leśniewski (1867–1921) und Ignacy Jan Paderewski mini|Polnische Generale im Exil (London 1944), vlnr: Marian Kukiel (Verteidigungsminister der polnischen Exilregierung), Sosnkowski und Stanisław Kopański (Generalstabschef)
Erster Weltkrieg Ab Beginn des Ersten Weltkrieges bis 1916 diente Sosnkowski als Stabschef der 1. Brigade der Polnischen Legionen. In dieser Zeit war er ein enger Vertrauter Piłsudskis.Norman Davies: Im Herzen Europas: Geschichte Polens. C. H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-46709-1, S. 78. 1914 wurde er im Alter von 28 Jahren zum Oberstleutnant, im folgenden Jahr zum Oberst befördert. Nach der Stabstätigkeit war er bis Juli 1917 Leiter des Kriegsdepartements bei der provisorischen polnischen Regierung.
Am 22. Juli 1917 wurde er – gemeinsam mit Piłsudski – wegen der Weigerung, die Legionen den Treueeid auf das Deutsche Reich schwören zu lassen,Neal Ascherson, Uta Haas (Übers.): Der Traum vom freien Vaterland. Polens Geschichte bis heute. vgs, Köln 1987, ISBN 3-8025-2176-5, S. 50 und 75. vom Gouverneur des Generalgouvernements Warschau, Hans von Beseler, in Schutzhaft genommen, er wurde nach Deutschland verbracht und dort zunächst in der Zitadelle Wesel und folgend in der Festung Magdeburg interniert. Am 10. November 1918 kehrten die beiden nach Entlassung aus der Magdeburger Haft nach Warschau zurück, wo sie von dem Regenten des Regentschaftskönigreich Polen Prinz Zdzisław Lubomirski empfangen wurden. Am 16. November 1918 wurde Sosnkowski zum Brigadegeneral ernannt.
Nach Ausrufung der Zweiten Polnischen Republik war er ab dem 16. November 1918 der Befehlshaber des Wehrbezirks Warschau. Vom 3. März 1919 bis zum 24. Mai 1920 übte er die Funktion eines Vizeministers im Kriegsministerium aus. Als die Rote Armee im Sommer 1920 auf Warschau vorstieß, führte Sosnkowski die polnische Reservearmee. Nach dem „Wunder an der Weichsel“ erfolgte seine Ernennung zum Kriegsminister und Mitglied des Verteidigungsrates. Auch erhielt er seinen zweiten Generalsstern.
Maiputsch und Selbstmordversuch 1925 übernahm er den Befehl über ein Armeekorps in Posen. Als am 12. Mai 1926 der Streit zwischen Piłsudski und Stanisław Wojciechowski um Wirtschaftspolitik und Regierungsführung eskalierte, hielt Sosnkowski sich zufällig in Warschau auf.Sławomir Koper: Polskie piekiełko. Obrazy z życia elit emigracyjnych 1939–1945. Warszawa 2012, S. 114. Er wurde von Piłsudski aber nicht in die Vorbereitungen für den Staatsstreich eingeweiht. Als er auf seine Dienststelle nach Posen zurückgekehrt war, hatte sein Stellvertreter (General Edmund Hauser) eigenmächtig bereits zwei Regimenter zur Unterstützung Piłsudskis im Maiputsch nach Warschau geschickt. Daraufhin schoss Sosnkowski sich mit einem Revolver in den Oberkörper, überlebte den Selbstmordversuch aber.Archibald L. Patterson: Between Hiler and Stalin. The quick life and secret death of Edward Śmigły-Rydz Marshal of Poland. Dog Era, Indianapolis 2010, ISBN 978-1-60844-563-9, S. 88. Sein Verhältnis zu Piłsudski kühlte nach dem Staatsstreich ab, den er nicht mit seinem Eid auf die Regierung vereinbaren konnte.Hans Roos, Manfred Alexander (Hrsg.): Geschichte der Polnischen Nation 1818–1985: Von der Staatsgründung im Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Kohlhammer, 1986, ISBN 3-17-007587-X.
Nach der langwierigen Genesung ernannte Ignacy Mościcki ihn auf Wunsch Piłsudskis im März 1927 zum Armeeinspekteur (Inspektor Armii) mit Dienstsitz in Warschau.The Journal of Military History. Band 70, Ausgaben 3–4, American Military Institute, 2006, S. 784. Er blieb in diesem Amt bis September 1939.
Nach dem Tode Piłsudskis im Jahr 1935 wurde Edward Rydz-Śmigły als dessen Nachfolger zum Generalinspektor der Streitkräfte ernannt. Der von vielen favorisierte Sosnkowski misstraute dem regierenden Sanacja-Block und blieb so chancenlos. 1936 erhielt er seinen dritten Generalsstern (Generał Broni).
Verbot biologischer Waffen Von Sosnkowski ging die Initiative zu der internationalen Ächtung von biologischen Massenvernichtungswaffen aus.Eric A. Croddy, James J. Wirtz: Weapons of Mass Destruction. An Encyclopedia of worldwide policy, technology, and history. ABC Clio, Santa Barbara 2005, ISBN 1-85109-490-3, S. 142. 1925 hatte er als ständiger Vertreter Polens beim Völkerbund auf der Internationalen Waffenhandelskonferenz in Genf einen entsprechenden Antrag auf völkerrechtliche Regelung eingebracht,Ernst Buder (Hrsg.): Möglichkeiten und Grenzen der Konversion von B-Waffen-Einrichtungen. Lit-Verlag, Münster 2000, ISBN 3-8258-4499-4, S. 90. die mit der Unterzeichnung des sogenannten „Genfer Protokolls“ berücksichtigt wurde: Geneva Protocol for the Prohibition of Poisonous Gases and Bacteriological Methods of Warfare.Eric Croddy, James Wirtz: Weapons of Mass Destruction, An Encyclopedia of Worldwide Policy, Technology and History.Jerzy Mierzejewski, FEMS, siehe LitVerz auf einer Webseite des Government of Canada (in Englisch, abgerufen am 2. Mai 2013)
Die weitgehend in Vergessenheit geratene Initiative Sosnkowskis wurde am 4. November 2000 anlässlich des 75. Jahrestages der Konferenz in der Warschauer Feldkathedrale der polnischen Armee (Katedra Polowa Wojska Polskiego) gewürdigt. Im Rahmen einer festlichen Zeremonie wurde eine von der Polnischen Mikrobiologischen Gesellschaft und dem Militärgesundheitsdienst gestiftete Gedenkplakette enthüllt.
Auch 1932 vertrat er Polen als Delegierter auf der Genfer Abrüstungskonferenz.
Zweiter Weltkrieg Zu Beginn des deutschen Überfalls auf Polen wurde Sosnkowski für den Posten des Ministers der Kriegswirtschaft nominiert; er schlug diese Nominierung jedoch aus, da er die Tätigkeit zu dem Zeitpunkt als sinnlos empfand.Jan M. Ciechanowski: The Warsaw Rising of 1944. Cambridge University Press, 1974–2002, ISBN 0-521-20203-5, S. 81. Stattdessen übernahm er das Kommando über eine westlich von Lemberg eingekesselte polnische Armee. Es gelang ihm, den Kessel zu sprengen, die polnischen Einheiten herauszuführen und zur Verteidigung von Lemberg einzusetzen. Nach der Kapitulation schlug der General sich über die Ostkarpaten und Ungarn nach Paris durch, das er im Oktober 1939 erreichte. Hier wurde er vom Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung, Władysław Sikorski, zum Oberbefehlshaber der polnischen Untergrundstreitkräfte, Związek Walki Zbrojnej (ZWZ – Verband des bewaffneten Kampfes, ab Februar 1942 als Polnische Heimatarmee bezeichnet), ernannt. Am 13. November 1939 entstand auch das von Sosnkowski geleitete Komitet Ministrów dla Spraw Kraju (KMSK, Ministerkomitee für Landesangelegenheiten). In Folge von Auseinandersetzungen um das Sikorski-Maiski-Abkommen verlor Sosnkowski Ende Juli 1941 die Führung der militärischen Untergrundarbeit und seine Funktion als Oberbefehlshaber.Bernhard Chiari (Hrsg.): Die polnische Heimatarmee: Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg. (= Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes). Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, ISBN 3-486-56715-2, S. 125.
Nachdem Sikorski im Juli 1943 bei einem Flugzeugabsturz bei Gibraltar (1943) tödlich verunglückt war, wurde Sosnkowski von dessen Nachfolger als Premierminister der polnischen Exilregierung, Stanisław Mikołajczyk, zum Oberbefehlshaber der polnischen Armee ernannt.
Am 1. September 1944, einen Monat nach Beginn des Warschauer Aufstandes und am fünften Jahrestag des Kriegsbeginns, richtete Sosnkowski deutliche Kritik und einen dramatischen Appell an die britische Regierung, der er das ernsthafte Bemühen absprach, der vom Krieg getroffenen polnischen Bevölkerung helfen zu wollen:
Im Laufe seiner militärischen Karriere trug Sosnkowski verschiedene Decknamen: „Baca“ (Bergschäfer), „Godziemba“ (Wappengemeinschaft Godziemba, der seine Familie angehörte), „Józef“, „Ryszard“ und „Szef“.
Nachkriegszeit