Die Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) ist eine groß angelegte, bevölkerungsbasierte und monozentrische Kohortenstudie der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie wurde 2007 begonnen und wird von der Abteilung für Präventive Medizin der Universitätsmedizin Mainz koordiniert.
Ziel der Studie ist es, die Entstehung und den Verlauf häufiger Erkrankungen sowie deren Risiko- und Schutzfaktoren zu untersuchen und die individuelle Vorhersage von Erkrankungsrisiken zu verbessern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weitere Forschungsbereiche umfassen unter anderem Stoffwechsel-, Immun- und Augenerkrankungen sowie psychische Erkrankungen.
Geschichte und Entwicklung
Der GHS ging von 2005 bis 2007 eine Pilotstudie voraus. Im April 2007 begann die Untersuchung der ursprünglichen Studienpopulation. Bis 2012 wurden 15.010 Personen in die sogenannte Kernkohorte (Core Cohort) aufgenommen.
In der ersten Studienphase wurde die Kernkohorte langfristig weiterbeobachtet. Eine erste umfangreiche Folgeuntersuchung im Studienzentrum erfolgte nach fünf Jahren zwischen 2012 und 2017. Im Jahr 2017 begann die zweite Studienphase, in der die Langzeitbeobachtung fortgeführt und die Studienpopulation um jüngere und ältere Altersgruppen erweitert wurde. Die weitere Langzeitbeobachtung umfasst Untersuchungen bis 2027.
Studienpopulation
Die ursprüngliche Kernkohorte (Core Cohort) umfasst 15.010 Personen im Alter von 35 bis 74 Jahren, die zum Einschlusszeitpunkt aus Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen stammten. Die Teilnehmenden wurden auf Grundlage einer Zufallsstichprobe aus den Einwohnermelderegistern ausgewählt. Die Stichprobe wurde nach Geschlecht, Altersdekaden und Wohnort stratifiziert.
Mit Beginn der zweiten Studienphase wurde das Altersspektrum der GHS auf 25 bis 85 Jahre erweitert. Die Studienpopulation wurde altersabhängig in eine junge Kohorte (Young Cohort), eine Kernkohorte (Core Cohort) und eine Seniorenkohorte (Senior Cohort) unterteilt. Zusätzlich zur Weiterbeobachtung der ursprünglichen Studienpopulation wurden 3.000 Personen im Alter von 25 bis 44 Jahren für die Young Cohort und rund 750 Personen im Alter von 75 bis 85 Jahren für den neu rekrutierten Teil der Senior Cohort aufgenommen.
Die Senior Cohort umfasst damit nicht ausschließlich die neu rekrutierten älteren Teilnehmenden, sondern schließt auch ältere Teilnehmende aus der weiterbeobachteten ursprünglichen Studienpopulation ein.
Studiendesign und Untersuchungen
Die Untersuchungen folgen einem standardisierten, interdisziplinären Untersuchungsprogramm und dauern etwa fünf bis sechs Stunden. Das Untersuchungsprogramm umfasst unter anderem allgemeinmedizinische, anthropometrische, kardiovaskuläre, psychologische und augenmedizinische Untersuchungen sowie Laboranalysen. Ergänzend werden durch Interviews und Fragebögen unter anderem Vorerkrankungen, Lebensstil, körperliche Aktivität, Ernährung, psychosoziale Faktoren und Umwelteinflüsse erfasst.
Biologische Proben werden für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen in einer Biobank asserviert. Dadurch können neben klinischen und epidemiologischen Fragestellungen auch Biomarker und weitere biomolekulare Zusammenhänge untersucht werden.
Neben den umfangreichen Untersuchungen im Studienzentrum erfolgt eine zusätzliche Nachbeobachtung der Teilnehmenden. Alle 2,5 Jahre wird ein standardisiertes computerassistiertes Telefoninterview durchgeführt, in dem unter anderem neu aufgetretene Erkrankungen, medizinische Ereignisse, Medikation und Lebensstilfaktoren erfasst werden. Des Weiteren werden der Vitalstatus durch Abfragen beim Melderegister und bei Verstorbenen die Todesursache durch Abfragen beim Mortalitätsregister erfasst. Daten zu Krankenhausaufenthalten werden ergänzend erhoben.
Besonderheiten des Studiendesigns
Die Langzeitbeobachtung ermöglicht es, die Entwicklung gesundheitlicher Merkmale innerhalb derselben Studienpopulation über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Die Kombination aus wiederholten medizinischen Untersuchungen, Befragungsdaten und biologischen Proben ermöglicht Analysen über verschiedene medizinische Fachgebiete hinweg.
Die erhobenen Daten ermöglichen sowohl Querschnitts- als auch Längsschnittanalysen. Durch die wiederholten Untersuchungen können Veränderungen von Risikofaktoren und Gesundheitszustand sowie deren Zusammenhang mit später auftretenden Erkrankungen untersucht werden.
Weiterführende Forschungsprojekte
Die GHS bildete die Grundlage für weiterführende Forschungsprojekte.
Während der COVID-19-Pandemie wurde die Gutenberg COVID-19 Studie (GCS) durchgeführt. Von den insgesamt 10.250 Teilnehmenden stammten 8.121 aus der GHS. Weitere 2.129 Personen wurden neu rekrutiert. Dadurch konnten während der Pandemie erhobene Daten mit bereits vorhandenen Gesundheitsinformationen aus der GHS verknüpft werden.
Zeitgleich wurde außerdem die SentiSurv-RLP-Studie durchgeführt. An der Studie nahmen mehr als 14.000 Personen aus fünf rheinland-pfälzischen Städten teil. Mithilfe wöchentlicher Antigen-Schnelltests, deren Ergebnisse in eine Smartphone-App eingetragen wurden, wurde das Infektionsgeschehen von SARS-CoV-2 direkt überwacht.
Im Bereich der Alternsforschung wurde die Gutenberg Healthy Ageing Study (GHA) aufgebaut. In dieser Studie werden Faktoren untersucht, die mit dem Erhalt körperlicher, psychischer und kognitiver Gesundheit sowie funktioneller Selbstständigkeit bis ins hohe Lebensalter zusammenhängen.
Wissenschaftlicher Output und Ergebnisse
Seit Beginn der GHS sind zahlreiche wissenschaftliche Publikationen auf Grundlage der erhobenen Daten entstanden. Die Veröffentlichungen umfassen unterschiedliche medizinische und epidemiologische Forschungsbereiche und zunehmend auch Längsschnittanalysen aus den Folgeuntersuchungen.
Beispielsweise zeigte eine Auswertung des 10-Jahres-Follow-ups einen Anstieg der Adipositasprävalenz von 25,2 % zu Studienbeginn auf 28,0 % nach zehn Jahren. Die individuelle Gewichtsentwicklung unterschied sich dabei nach Alter. Während in jüngeren Altersgruppen im Mittel eine Gewichtszunahme beobachtet wurde, nahm das Körpergewicht in der ältesten Altersgruppe eher ab.
Weitere Langzeitanalysen untersuchten unter anderem Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit. So wurden auf Grundlage des 5-Jahres-Follow-ups Zusammenhänge zwischen Nachtarbeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auf Grundlage des 10-Jahres-Follow-ups die Inzidenz von Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom in verschiedenen Berufsgruppen untersucht.
Finanzierung
Die GHS wird aus öffentlichen und privaten Mitteln finanziert. Zu den öffentlichen Förderungen zählen Mittel des Landes Rheinland-Pfalz sowie Forschungsprogramme der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Darüber hinaus wurde die Studie durch Verträge mit industriellen Kooperationspartnern, darunter Boehringer Ingelheim, gefördert.
Kontroverse um die Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim
Boehringer Ingelheim gehört seit Beginn der GHS zu den industriellen Kooperationspartnern der Studie. Die Zusammenarbeit umfasste neben der finanziellen Förderung auch eine wissenschaftliche Kooperation.
Im Jahr 2016 wurde die Ausgestaltung dieser Zusammenarbeit öffentlich kritisiert. Das ARD-Magazin Monitor berichtete unter Berufung auf die damalige Geschäftsordnung der GHS, dass Manuskripte vor ihrer Veröffentlichung der Freigabe durch Boehringer Ingelheim bedurften. Boehringer Ingelheim bezeichnete eine solche Regelung als üblich. Die Universität erklärte, dass die wissenschaftliche Veröffentlichungsfreiheit durch diese Regelung nicht eingeschränkt worden sei.
Die GHS weist heute darauf hin, dass Kooperationspartner keinen Einfluss auf Studieninhalte und Studienergebnisse haben. Für wissenschaftliche Publikationen bestehen festgelegte Verfahren zur Prüfung und Freigabe von Manuskripten. Die Zusammenarbeit mit Boehringer Ingelheim wurde auch in der zweiten Studienphase fortgeführt.
Weblinks
Offizielle Website der Gutenberg-Gesundheitsstudie Präventive Medizin der Universitätsmedizin Mainz Offizielle Website der Gutenberg COVID-19 Studie Offizielle Website von SentiSurv RLP Offizielle Website der Gutenberg Healthy Ageing Studie
Einzelnachweise
Kategorie:Epidemiologie Kategorie:Gesundheitswesen (Deutschland) Kategorie:Johannes Gutenberg-Universität Mainz Kategorie:Rhein-Main-Gebiet Kategorie:Klinische Forschung Kategorie:Wissenschaft