Angoulême ( oder , in Saintongeais Engoulæme) ist die Hauptstadt des westfranzösischen Départements Charente in der Region Nouvelle-Aquitaine und zählt Einwohner (Stand ). Die durchschnittliche Höhenlage beträgt 100 Meter über dem Meeresspiegel.
Angoulême ist durch die Cité internationale de la bande dessinée et de l’image und das Festival international de la bande dessinée als Stadt des Comics bekannt. Die Stadt wurde mit dem staatlichen Prädikat Ville d’art et d’histoire („Stadt der Kunst und der Geschichte“) ausgezeichnet und zieht zahlreiche Touristen an.
Lage Angoulême liegt auf einem ca. 100 m hohen Hügel oberhalb der Charente auf einer Höhe zwischen 50 und ; die nächste größere Stadt ist das etwa 45 km (Fahrtstrecke) westlich gelegene Cognac.
Bevölkerungsentwicklung Jahr1800 1851 1901 1954 1999 2018Einwohner 13.000 21.155 37.650 43.170 43.171 41.711 Der Bevölkerungszuwachs im 19. und 20. Jahrhundert beruht im Wesentlichen auf der Zuwanderung aus den ländlichen Regionen der Umgebung. Nach dem Höchststand in den 1960er Jahren wanderten viele Einwohner wegen der auf dem Lande deutlich niedrigeren Immobilienpreise in die umliegenden Gemeinden ab.
Wirtschaft Die Stadt war schon immer ein Platz für Handel, Handwerk und Dienstleistungen aller Art. Im 15. und 16. Jahrhundert spielte die Stadt eine wichtige Rolle für den Weinexport nach England sowie nach Holland und in die Städte des Nordens. Gleichzeitig entstanden – bedingt durch den Holz- und Wasserreichtum an der Charente und ihren Nebenflüssen – mehrere Papiermühlen und -manufakturen. Auch die vom 17. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts betriebenen Eisengießereien im Vorort Ruelle-sur-Touvre sind zu nennen. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der französischen Comic- und Trickfilmproduktion.
Geschichte Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert Bereits in vorrömischer Zeit existierte an der Stelle des heutigen Angoulême ein kleines Oppidum der Gallier auf einem die Charente beherrschenden Bergsporn. Die spätere gallo-römische Siedlung wurde Iculisma (oder Ecolisma) genannt, im 4. Jahrhundert n. Chr. auf Kosten der Santonen zum Hauptort einer eigenen civitas erhoben und der Provinz Aquitania secunda eingegliedert. Eher im 4. als im 3. Jahrhundert wurde sie Sitz eines vom heiligen Ausonius gegründeten Bistums. 419 eroberten die Westgoten die Stadt, denen sie 507 der fränkische König Chlodwig I. entriss und dort eine Kathedrale gründete.Angoulême, in La Grande Encyclopédie, 1886–1902, Bd. 2, S. 1167.
Im 9. Jahrhundert plünderten die Normannen Angoulême. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts wurde die Stadt der Hauptort des zur Grafschaft erhobenen Angoumois. Die ersten beiden bezeugten Grafen waren Turpion († 863) und dessen Bruder Emenon († 866). Karl der Kahle setzte dann Vulgrin I. († 886) als Grafen von Angoulême ein, der außerdem das Périgord sowie möglicherweise auch die Saintonge und das Agenais besaß. Vulgrin I. konnte die Grafenwürde innerhalb seiner Familie erblich machen. Sein Enkel Guillaume II. († um 945) soll einer Legende zufolge beim Kampf gegen die Wikinger deren Anführer trotz dessen Eisenrüstung mit einem Schwerthieb in zwei Hälften gespalten und deshalb den Beinamen Taillefer (d. h. „Eisenschneider“) erhalten haben. Dieser Beiname wurde dann zum Familiennamen seiner Nachkommen, dem Haus Taillefer, dessen Mitglieder Angoulême bis zum 13. Jahrhundert regierten.Angoulême (Comté), in La Grande Encyclopédie, 1886–1902, Bd. 2, S. 1169.
In der ausgehenden römischen Kaiserzeit hatte die Umfassungsmauer von Angoulême bloß den zentralen Teil des Plateaus des sich über die Charente erhebenden Hügels eingeschlossen. Die befestigte gräfliche Burg des 11. bis 14. Jahrhunderts befand sich östlich des castrum. Ende des 13. Jahrhunderts fand eine Erweiterung der Stadtmauer nach Südosten statt.
Die ökonomischen Aktivitäten in Angoulême entwickelten sich bis zum 12. Jahrhundert nur wenig weiter. Immerhin lassen sich im 11. Jahrhundert mehrere Münzhandwerker nachweisen. Ein Vorort entstand am Flussufer unweit der Abtei Saint-Cybard, ein weiterer bei L’Houmeau im Zusammenhang mit einem 1280 insbesondere für den Salzhandel errichteten Flusshafen.
Ende des 12. Jahrhunderts eroberte Richard Löwenherz Angoulême dreimal. Die Stadt erhielt 1203 erste Privilegien durch den englischen König Johann Ohneland, der sie im folgenden Jahr nach dem Vorbild von Rouen als Kommune organisierte. Allerdings währte diese Organisationsform nicht lange. 1220 kam die Grafschaft Angoulême durch die Heirat von Isabella mit Hugo X. an das Haus Lusignan. Mit Gui I. († 1308) erlosch die männliche Linie der Taillefer-Lusignan, und der französische König Philipp IV. vereinigte die Grafschaft Angoulême mit der Domaine royal. Sie diente seitdem als Apanage für Angehörige des Königshauses.
Im Vertrag von Brétigny (1360) wurden Stadt und Grafschaft an England abgetreten, doch schon 1373 vertrieben die Einwohner selbst die englische Garnison und übergaben ihre Stadt an den Herzog von Berry. Der französische König Karl V. setzte nun die kommunale Selbstverwaltung mit einem Gremium von 100 pairs wieder in Kraft. Diese wählten jährlich zwölf Schöffen sowie einen Zwölferrat und schlugen dem König einen Bewerber für die Funktion des Maire vor. Diese Stadtrechte wurden von den nachfolgenden Königen bestätigt. François de Valois, der zuerst Graf von Angoulême war, bestieg 1515 als Franz I. den französischen Thron und erhob nun die Grafschaft Angoulême zum Herzogtum. Auch ließ er der Stadt Angoulême zahlreiche Gunstbeweise zuteilwerden; so gewährte er u. a. dem Hafen an der Charente Abgabenfreiheit, was den Salzhandel mit der Saintogne förderte.
Von 1527 bis 1530 hielt sich Calvin in Angoulême auf. Die Stadt erlitt während der französischen Religionskriege schwere Zerstörungen, besonders 1568 nach ihrer Eroberung durch protestantische Truppen unter Coligny. 1636 war Angoulême und dessen Umland das Zentrum eines Aufstands der Croquants.Henry Kamen: Die europäischen Volksaufstände 1550–1660 und die Struktur der Revolten. In: Winfried Schulze (Hg.): Europäische Bauernrevolten der frühen Neuzeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-518-27993-9, S. 151. Während der sich in der Mitte des 17. Jahrhunderts abspielenden Kriege der Fronde hielt die Stadt dem König die Treue und blieb dafür im Besitz ihre Privilegien, die sie ebenso wie ihre alte städtische Organisation bis 1765 behielt. Im 18. Jahrhundert war Angoulême Hauptstadt der Provinz Angoumois und Sitz eines königlichen Prévôt sowie einer Sénéchaussée.
Internierungslager Les Alliers Bereits im Juli 1938 hatte der Präfekt des Département Charente den Bau eines Lagers angeordnetGedenkorte Europa 1939–1945: Camp Alliers, das dann am südlichen Rand von Angoulême errichtet wurde. Bekannt wurde es unter dem Namen Camp Les Alliers. () Das Lager umfasste eine Fläche von 1,65 ha und war von mehreren Reihen Stacheldraht umgeben. Es umfasste ein Dutzend baufälliger Hütten sowie Gebäude für Verwaltung, Küche, Ambulanz und Haftanstalt.Museum Tarnow: Angoulême – Les Alliers. Historical background In unmittelbarer Nähe befindet sich hier heute ein Industriegebiet und ein Golfplatz.
Internierung und Deportation spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge Ab Juli 1939 wurden im Camp Les Alliers republikanische Spanier interniert, die nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich geflohen waren. Vermutlich zeitgleich wurde auch das Camp La Combe aux Loups im benachbarten Ruelle-sur-Touvre mit spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen belegt.Gedenkorte Europa 1939–1945: Deportation der Spanier vom Bahnhof Angoulême Nach dem deutschen Sieg im Westfeldzug wurden aus diesen beiden Lagern am 20. August 1940 927 sogenannte Rotspanier (spanische Republikaner), darunter 490 Männer und 437 Frauen und Kinder, in Angoulême in einen Zug in Richtung Osten getrieben.https://www.entreprises-coloniales.fr/empire/Les_Indesirables.pdf#page=102Die Zahl 927 findet sich in nahezu allen Quellen über die Deportation vom 20. August 1940; unklar ist allerdings der vorherige Unterbringungsort der Menschen. In vielen Quellen wird nur das Camp Les Alliers erwähnt, in anderen aber auch das ca. 10 Kilometer entfernte Camp La Combe aux Loups in benachbarten Ruelle-sur-Touvre, dessen Geschichte weniger erforscht ist. Siehe hierzu auch den Film in spanischer Sprache: El Convoy de los 927 Mauthausen.
Der Transport nach Mauthausen war der erste, der von französischem Boden ausging. An ihn erinnert vor dem Bahnhof von Angoulême ein im Januar 2008 eingeweihtes Mahnmal. Es ist dem im November 1966 eingeweihten Denkmal für die Deportierten benachbart und trägt eine spanische und französische Inschrift: „Am 20. August 1940 / fuhr der erste Deportationszug / des Zweiten Weltkriegs / von diesem Bahnhof in Angoulême / in das Vernichtungslager / Mauthausen / mit 927 spanischen Republikanern ab. / Die meisten werden vernichtet, / ein wahres Verbrechen gegen die Menschlichkeit / Wir dürfen nicht vergessen“.Les premiers déportés étaient Espagnols… hommage à Angoulême. „Le 20 août 1940 / le premier train de la déportation / de la seconde guerre mondiale / est parti de cette gare d’Angoulême / vers le camp d’extermination / de Mauthausen / avec 927 républicains espagnols. / La plupart seront exterminés, / véritable crime contre l’humanité / N’oublions pas“
Internierungslager für Sinti und Roma Am 6. April 1940 hob die Regierung der Dritten Französischen Republik das Recht auf Freizügigkeit von NomadenDie Begriffe Nomaden (nomades), Zigeuner (Tsiganes) oder Menschen, die nach Art der Zigeuner lebten, finden sich in meisten französischen Quellen. Hinzu kommt der Begriff Manouches für eine weitere Gruppe von Sinti in Frankreich. Bei Zitaten oder deren Übersetzungen wird diese Begrifflichkeit beibehalten. im gesamten Staatsgebiet auf. Begründet wurde das damit, dass in Kriegszeiten die Bewegungen von Menschen, die ohne festen Wohnsitz und Beruf im Land umherzögen, eine Gefahr für die Landesverteidigung darstellen würden, die abgewendet werden müsse. Als Folge dieser Verfügung mussten sich innerhalb von fünfzehn Tagen nach deren Veröffentlichung alle Sinti und Roma bei der Polizeistelle melden, die ihrem Aufenthaltsort am nächsten lag. Sie bekamen einen Wohnort zugewiesen, den sie nicht verlassen durften.AJPN: Camp des Alliers in Sillac-les-Alliers
Im September 1940 mussten etwa 60 aus Lothringen ausgewiesene Sinti und Roma in das Camp Les Alliers einziehen. Im Oktober 1940 forderte dann die deutsche Kommandantur in Angoulême den Präfekten auf, alle Sinti und Roma der Charente sowie des Départements Charente-Maritime unter der Aufsicht der französischen Polizei an einem Ort zu internieren. Das führte dazu, dass nach und nach etwa 450 weitere Sinti und Roma im Camp Les Alliers interniert wurden, über die Hälfte davon waren Kinder.
Das Camp Les Alliers überlebte die Befreiung Angoulêmes Anfang September 1944 und das Kriegsende am 8. Mai 1945. Die dort lebenden Sinti und Roma blieben weiter interniert und erhielten im Januar 1945 noch Zuwachs durch Gefangene aus dem Internierungslager für Nichtsesshafte in Montreuil-Bellay. „Erst im Mai 1946 wurden die letzten Internierten entlassen und das Lager Alliers geschlossen […]. Alle ihre Habe – u. a. Planwagen und Pferde – war weg. Sie bekamen keinerlei Hilfe, keine Entschädigung, sie mussten ihr Leben wieder bei Null anfangen.“
Gedenken, Ehrungen, Erinnerungen Vom ehemaligen Camp Les Alliers gibt es heute mit Ausnahme eines 2016 errichteten Gedenksteins keine Spuren mehr. Die Unwirtlichkeit dieses Ortes wurde 2020 auf der Website des Muzeum Okręgowe w Tarnowie so beschrieben: