mini|hochkant|Kirche von Südosten mini|hochkant|Ostseite Die Evangelisch-reformierte Kirche Dorf-Güll wurde im Jahr 1737 in Dorf-Güll, einem Ortsteil von Pohlheim im Landkreis Gießen (Hessen), als Ersatz für eine Vorgänger-Kapelle gebaut. Sie prägt mit ihrem dreigeschossigen Turmhelm das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 396.

Geschichte Im Jahr 1210 ist in Dorf-Güll eine Kapelle mit dem Patrozinium des hl. Michael nachgewiesen, dem ein Altar geweiht war. Hartmut von Trohe, dessen Familie zu den Herren von Güll gehörte, war zu jener Zeit Patronatsherr über Dorf-Güll und über die Kapelle in Rodenscheid. Adolf von Nordeck verkaufte im Jahr 1274 seinen Anteil am Patronatsrecht dem Kloster Arnsburg, dem Dorf-Güll ab Beginn des 16. Jahrhunderts ganz unterstand. Ab wann die Dorf-Güller Kapelle zur eigenständigen Pfarrei erhoben wurde, ist unbekannt.Jung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 9. Im Jahr 1421 war Dorf-Güll noch der Mutterkirche Grüningen inkorporiert. Namentlich sind drei Kapläne aus vorreformatorischer Zeit bekannt, die als zweite Pfarrer in Grüningen wirkten und kirchliche Dienste in Dorf-Güll verrichteten: Kaplan Konrad (1421), Kaplan Rudolf Schadecker (1486) und Johann Doner (1505).

Im Zuge der Reformation nahm die Kirchengemeinde zunächst das lutherische Bekenntnis an, wechselte 1582 aber zum reformierten Bekenntnis, als das Gebiet an Solms-Braunfels fiel. Johann Beull, der im Jahr 1581 mit Gründung der Holzheimer Schule erster Schulmeister wurde, war gleichzeitig Pfarrer von Dorf-Güll und ist als erster evangelischer Pfarrer des Ortes greifbar. Ab 1594 betreute der Schulmeister von Holzheim, der Theologe Christoph Schiller, wieder Dorf-Güll.Jung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 10. Diese Doppelfunktion hatte auch sein Nachfolger Peter Archa von 1599 bis 1624 inne. Als während des Dreißigjährigen Krieges Dorf-Güll 1624 an Hessen-Butzbach fiel, wurde die Gemeinde lutherisch, um 1643 wieder zum reformierten Bekenntnis zu wechseln, als der Ort an Solms-Braunfels zurückfiel.Heinrich Steitz, Helmut Baier: Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Trautvetter & Fischer, 1961, S. 100. Während der 60 Jahre von 1708 bis 1768 hatte Dorf-Güll einen eigenen Pfarrer. Anschließend bildete Dorf-Güll zusammen mit Holzheim eine Pfarrei und wurde im Jahre 1900 dort eingepfarrt.

Bei der Kapelle, deren Dachstuhl an einem Sonntagmorgen im Jahr 1731 kurz vor Beginn des Gottesdienstes einstürzteJung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 17. und die 1737 dem Kirchenneubau wich, handelte es sich möglicherweise um die Kapelle aus romanischer Zeit. Außer der Ostung ist über deren Architektur nichts bekannt.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 42. Die neue Kirche wurde ebenfalls auf dem Friedhof errichtet, stand aber „zwerch“, also quer in Nord-Süd-Ausrichtung. Die Grundsteinlegung erfolgte am 31. Mai 1737. Bereits am 20. Oktober des Jahres fand die erste Taufe im neuen Gotteshaus statt. Die Inneneinrichtung wie das Kirchengestühl wurde erst 1738 fertiggestellt.Jung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 18.

Die Außenmauern blieben fast 250 Jahre unverputzt. Nachdem zunächst nur eine Nord- und Ostempore eingebaut waren, wurden im 19. Jahrhundert, wohl infolge des Orgelneubaus 1839, die südliche Orgelempore ergänzt und die Brüstung erneuert. Im Jahr 1854 wurde im Zuge einer Kirchenrenovierung ein hölzerner Abendmahlstisch angeschafft, 1889 ein Ofen eingebaut und im Jahr 1900 ein Kronleuchter aufgehängt.Jung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 19.

Im Jahr 1926 wurde das Kircheninnere ohne Genehmigung gestrichen.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 185. 1973/74 erfolgte eine Innenrenovierung. Im Zuge der letzten Renovierung wurde die in den 1950er Jahren installierte Elektrofußheizung durch eine Sitzbankheizung ersetzt und wurden die Außenwände weiß verputzt. Zum 275. Bestehen der Kirche wurde die Sanierung des Kirchendaches, deren Balken durch Feuchtigkeit Schaden gelitten hatten, und des Kirchturms sowie die Renovierung des Innenraums abgeschlossen.Homepage der Kirchengemeinde: , abgerufen am 10. April 2019. Nach anderthalbjähriger Renovierungszeit wurde das Gotteshaus am 26. August 2012 feierlich wieder in Gebrauch genommen.Gießener Anzeiger vom 27. August 2012: „Kirche ist ein Zeichen dafür, dass Gott mitten im Dorf lebt“, abgerufen am 10. April 2019.

Architektur mini|hochkant|Nordportal mit Bauinschrift Die kleine, aus Bruchstein gemauerte Saalkirche auf rechteckigem Grundriss wurde auf dem höchsten Punkt der bebauten Wohnfläche des Ortes errichtet. Sie ist nord-südlich ausgerichtet und hat einen 3/8-Chorabschluss im Süden.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 43. Die Barockkirche greift durch den gotisierenden Chor auf mittelalterliche Gestaltungselemente zurück. Die Eckquader bestehen aus Londorfer Basaltlava (Lungstein). Der Haupteingang im Norden und der Nebeneingang im Osten werden von Sandstein gerahmt. Im Türsturz des Nordportals ist die Inschrift angebracht: „DORF GILO 1737 IST DESE KERCHE BAUGT WORDEN IST ZEITLICHER H. PFARER KRAUS H. SCHULTEIS CONRAD SAMES JOHAN HENRICH WEIL UND ANDEREAS BENDER BAUMEISTER“. Der Innenraum erhält durch große Fenster mit Segmentbögen an den Langseiten und in der Apsis Licht. Hingegen wird das sehr kleine mittlere Chorfenster heute von der Orgel verdeckt. Das steile Satteldach ist geschiefert und wird durch die originalen Dachgauben gegliedert.

Über dem Nordportal erhebt sich ein dreigeschossiger, geschieferter Turmhelm. Der untere kubusförmige Teil geht in den achtseitigen Glockenstuhl über, der vier Schallarkaden aufweist und drei Bronzeglocken beherbergt. Darüber ist auf einem geschweiften Pultdach die achtseitige Laterne angebracht, die von einem Spitzdach abgeschlossen wird. Der Turm wird von einer Turmkugel, einem Kreuz und einem Wetterhahn bekrönt.

Die Kirche wird von einem ummauerten Kirchhof umschlossen.

Ausstattung mini|hochkant|Bernhard-Orgel von 1839 Der schlichte, flachgedeckte Innenraum wird von Grün- und Rottönen beherrscht. An drei Seiten ist eine umlaufende, kassettierte Empore eingebaut, die von insgesamt sieben marmorierten Holzpfosten gestützt wird. Während die älteren Winkelemporen auf Tragebalken im Mauerwerk ruhen, ist die später ergänzte Südempore auf Wandstützen konstruiert. Die flache Decke wird durch geometrisches Stuckwerk gegliedert. Das hölzerne Kirchengestühl und die Emporen bieten 200 Besuchern Platz.

Der Chorbereich ist um eine Stufe erhöht. Der Altar ist schlicht aufgemauert und weiß verputzt. Er wird von einer profilierten, rot gestrichenen Platte abgeschlossen. Im Chorabschluss sind zwei Reihen mit Kirchenbänken aufgestellt. Der Fußboden wird aus roten Sandsteinplatten gebildet, unter den Bänken im Schiff ist Parkett gelegt.

Ältester Einrichtungsgegenstand ist die Kanzel an der Westwand aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die viereckige Kanzel hat profilierte Felder und wird von einem kleinen Schalldeckel abgeschlossen, der von Schnitzwerk mit Vierpass-Ornamenten bekrönt wird.

Orgel Die Kirche war zunächst ohne Orgel. Im Jahr 1804 wurde die gebrauchte Orgel der Schlosskirche Braunfels der Dorf-Güller Kirchengemeinde angeboten, die das Angebot jedoch nicht annahm. Stattdessen schuf Johann Hartmann Bernhard aus Romrod im Jahr 1839 eine neue Orgel. Gegenüber dem Vertrag, der neun Register auf einem Manual und Pedal vorsah, ist sie um ein Register (Solitional 8′) verkleinert oder wurde später umgebaut. Bis auf die Prospektpfeifen ist das Werk vollständig erhalten. Im Prospekt gliedern vier Pilaster drei große Rundbogenfelder. Die Disposition lautet:

Manual C–f3 Bordun 8′ Spitzflöte 8′ Prinzipal 4′ Flöte travers 4′ Quinte ′ Oktav 2′ Mixtur III Pedal C–f0 Subbass 16′ Koppeln: I/P

Glocken 1861 existierten zwei Glocken, die um eine dritte von der Glockengießerei Bach ergänzt wurden. Die zwei größten mussten 1917 für die Rüstungsindustrie abgetreten werden und wurden später durch neue von der Glockengießerei Rincker ersetzt. Die zwei größten Glocken wurden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs abgegeben und wurden 1950 durch neue von der Firma Rincker ersetzt.

Heute besitzt die Kirche besitzt ein Dreiergeläut mit Glocken von 1931 und 1950. Die Tonkombination der drei Glocken wird als „Te Deum“-Motiv bezeichnet. Glocke Gussjahr Gießer, Gussort Schlagton (HT-) 1 1950 Glocken- und Kunstgießerei Rincker, Sinn (Hessen) h′ 2 1950 Glocken- und Kunstgießerei Rincker, Sinn (Hessen) d″ 3 1931 F. W. Rincker, Sinn (Hessen) e″

Kirchengemeinde Die Kirchengemeinde umfasst etwa 660 Mitglieder und ist mit Holzheim pfarramtlich verbunden; sie gehört zum Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau., abgerufen am 27. Januar 2022. Seit 1998 steht ein Gemeindehaus zur Verfügung.

Pfarrer Von 1708 bis 1768 hatte Dorf-Güll einen eigenen Pfarrer, von 1633 bis 1708 und nach 1768 teilte sich die Kirchengemeinde einen gemeinsamen Pfarrer mit Holzheim. Seit der Reformationszeit sind folgende evangelische Pfarrer nachgewiesen.Jung: 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. 1987, S. 11 f. 1581–1584: Johann Beull 1594–1599: Christoph Schiller 1599–1624: Peter Archa 1624–1626: Hermann Hubert 1626–1633: Sebastian Heyland 1633–1635: Hermann Holwegk 1635: Heinrich Ebert 1635–1647: Johannes Runckel 1647–1670: Konrad Bröder 1671–1706: Johannes Bröder (Sohn von Konrad Bröder) 1706–1708: Johann Kaspar Müller 1708–1712: Johann Georg Graf 1712–1717: Gottfried Brickel 1717–1749: Kaspar Krausch 1749–1750: Johann Konrad Krausch (Sohn von Kaspar Krausch) 1750–1768: Johann Peter Schauß 1768–1787: Theodor Christoph Müller 1788–1802: Johann Siebert 1802–1805: Franz Ludwig Carriere (Vikar von Griedel) 1805–1815: Ludwig Christian Gifhorn 1815–1853: Martin Heidolph 1852–1853: Friedrich Helwig (Assistent) 1853–1859: Otto Heinrichs (Vikar) 1859–1861: Karl Ferdinand Bingmann 1861–1874: Ludwig Friedrich Hofmann 1874–1876: Pfarrer Berwig (Verwaltung aus Eberstadt) 1876–1879: Hermann Seipp (Vikar) 1879–1882: Hermann Wilhelm Seibel 1882–1885: Pfarrer Walz (Verwaltung aus Eberstadt) 1885–1896: Wilhelm Veller 1896–1897: Adam Heußel 1897–1924: Ludwig Freitag 1925–1930: Emil Karl Theodor Weber 1930–1934: Wilhelm Schmidt (Missionar) 1947–1954: Karl Launhardt 1955–1959: Johann Schär-Conradi 1959–1970: Erich Conradi 1970–1983: Ernst-Walter Theiß 1985–1995: Hans Theo und Petra Daum 1996: Jörg Stähler 1997–2005: Stefan Schneider 2006–2008: Gisela Ottstadt 2009–2014: Mirjam Welsch 2015-heute: Matthias Bubel

Literatur Wilhelm Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Souveränitätslande und der acquirierten Gebiete Darmstadts. (Hassia sacra; 8). Selbstverlag, Darmstadt 1935, S. 184 f. Karl-Heinrich Jung; Evangelisches Pfarramt Holzheim und Kirchenvorstand Dorf-Güll (Hrsg.): 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Dorf-Güll. Dietz Druck, Langgöns 1987. Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Karlheinz Lang (Bearb.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen II. Buseck, Fernwald, Grünberg, Langgöns, Linden, Pohlheim, Rabenau. (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland). Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2178-7, S. 396. Stadt Pohlheim (Hrsg.): Dorf-Güll 799–1999. 1200 Jahre Pohlheim-Dorf-Güll. Pohlheim 1999. Peter Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. Mittelhessische Druck- und Verlagsgesellschaft, Gießen 1979, S. 42 f.

Weblinks

Homepage der Kirchengemeinde

Einzelnachweise

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