mini|hochkant|Der Hauptorganisator des gescheiterten Staatsstreichs, der estnische Kommunist Jaan Anvelt mini|hochkant|Anvelts Mitverschwörer Rudolf Vakmann mini|hochkant|Der estnische Staats- und Regierungschef Friedrich Karl Akel überlebte unverletzt den Mordanschlag der Putschisten in seiner Residenz

Der gescheiterte Putsch vom 1. Dezember 1924 war der Versuch estnischer Kommunisten, die demokratische Regierung des Landes zu stürzen und eine bolschewistische Herrschaft in Estland zu errichten. Der Staatsstreich wurde gemeinsam mit der sowjetischen Regierung geplant und von ihr finanziert. Das estnische Militär schlug den Aufstand nach wenigen Stunden gewaltsam nieder.

Vorgeschichte Ende Februar 1918 verlor Sowjetrussland im Verlauf des Ersten Weltkriegs die Kontrolle über das Baltikum, das seit dem Frieden von Nystad 1721 zum russischen Reich gehört hatte. Am 24. Februar 1918 nutzten estnische Politiker das eingetretene Machtvakuum und erklärten Estland als souveräne Republik für selbständig.

Einen Tag später marschierten kaiserlich-deutsche Truppen in Tallinn ein. Deutschland lehnte eine estnische Selbständigkeit und einen unabhängigen estnischen Staat strikt ab. Erst mit der deutschen Niederlage im Weltkrieg konnte die estnische Regierung im November 1918 die Regierungsgewalt im Lande übernehmen. Die Republik Estland wurde zu einem demokratischen Rechtsstaat westlicher Prägung.

Die bolschewistische Regierung in Russland erkannte die staatliche Souveränität Estlands nicht an. Am 13. November 1918 begannen sowjetrussische Streitkräfte mit einer Offensive zur Rückeroberung des Baltikums. Im folgenden Estnischen Freiheitskrieg (1918–1920) konnte sich Estland aber militärisch gegen Sowjetrussland behaupten. Am 2. Februar 1920 schlossen beide Regierungen in Tartu einen Friedensvertrag. Darin erkannte Sowjetrussland völkerrechtlich die staatliche Unabhängigkeit der Republik Estland „auf alle Zeiten“ an.

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten blieben jedoch angespannt, der Frieden unsicher. Im Hinblick auf die angestrebte kommunistische Weltrevolution war das westlich orientierte Estland mit seiner bürgerlichen Demokratie den Bolschewiki ein Dorn im Auge. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen und Provokationen an der gemeinsamen Grenze. In den Grenzgebieten und entlang der Bahnstrecken galt in Estland auch nach dem Ende des Freiheitskrieges der Ausnahmezustand, der zahlreiche Freiheitsrechte beschränkte. Er war bis in die 1930er Jahre in Kraft.

Die sowjetische Regierung unterstützte inoffiziell die im November 1920 gegründete Kommunistische Partei Estlands (EKP), die seit 1922 Mitglied der Komintern war. Die Komintern finanzierte auch einen Großteil der illegalen Parteiarbeit der EKP.

Die Kommunisten fanden in der estnischen Bevölkerung vor allem bei den wirtschaftlichen Verlierern der Nachkriegsjahre Rückhalt. Bei den Parlamentswahlen 1920 kam ihre politische Tarnorganisation, der 24.000 Mitglieder zählende „Zentralrat der estnischen Gewerkschaften“ (Eesti Ametiühisuste Kesknõukogu) auf 5,3 % der Stimmen. Bei den Parlamentswahlen 1923 waren es 9,5 %. Die Wählerschaft der Kommunisten kam vor allem aus den ärmeren Schichten der Arbeiterschaft.Mati Laur et al.: History of Estonia. Tallinn 2002, ISBN 9985-2-0606-1, S. 231f. 1924 hatte die verbotene EKP etwa 2.000 Mitglieder.

Kommunistische Funktionäre blieben in Estland einer rigiden Verfolgung durch die estnischen Behörden ausgesetzt. Sie konnten nur im Verborgenen arbeiten. Die Agitation blieb für sie gefährlich. Am 3. Mai 1922 spürte die estnische Polizei den im Untergrund in Tallinn lebenden EKP-Vorsitzenden Viktor Kingissepp auf. Er wurde am selben Tag in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seine Leiche warf man ins Meer. 1923 wurde der führende Kommunist Jaan Kreuks von der Polizei erschossen.

Umsturzpläne Die junge und noch schwache estnische Demokratie sollte nach den Plänen Moskaus als eines der ersten Länder außerhalb der Sowjetunion Ziel der beginnenden bolschewistischen Weltrevolution werden. Bei der Komintern in Moskau planten sowjetrussische Politiker und Moskau-treue Militärs gemeinsam mit kommunistischen Politikern, die aus Estland nach Sowjetrussland emigriert waren, einen Umsturzversuch, zu dessen Finanzierung 20.000 Tscherwonez bereitgestellt wurden.Eesti ajalugu VI. Vabadussõjast taasiseseisvumiseni. Kirjutanud Ago Pajur et al. Tegevtoimetajad Ago Pajur ja Tõnu Tannberg. Peatoimetaja Sulev Vahtre. Ilmamaa, Tartu 2005, ISBN 9985-77-142-7, S. 74.

Die Führung der EKP richtete am 21. August 1924 ein offizielles Schreiben an die Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), in dem sie ihre Bereitschaft bekräftigte, zum jetzigen Zeitpunkt einen Aufstand in Estland zu organisieren. Das Schreiben wurde im Politbüro der KPR(B) am 21. August und 14. November 1924 erörtert.

Zur Unterstützung des Aufstands rief das Politbüro einen Ausschuss ins Leben, dem unter anderem Stalin, Trotzki und Frunse angehörten. Für die vorbereitende Untergrundarbeit stellte die Komintern Gelder zur Verfügung. Ihr Ziel war es, mehrere hundert in Russland lebende Esten, Letten und Finnen zu mobilisieren, die zur Unterstützung von Aufständen in ihren bürgerlich regierten Ländern bereitstehen sollten.

Die Putschpläne gegen die Republik Estland wurden federführend von dem exilestnischen Militär Harald Tummeltau (1899–1938) ausgearbeitet. Er warb den estnischen Kommunisten Jaan Anvelt (1884–1937) als Hauptverantwortlichen für den Umsturz an. Anvelt war bereits während des Estnischen Freiheitskrieges in den von den Bolschewiki eroberten estnischen Gebieten „Regierungschef“ der „Arbeiterkommune Estlands“ (Eesti Töörahva Kommuun) gewesen. Er hatte sich als geschickter Stratege einen Namen gemacht, der vor rücksichtsloser Gewalt gegenüber dem politischen Gegner nicht zurückschreckte. Wesentlich an der militärischen Planung des Putsches beteiligt waren die in Diensten der Roten Armee stehenden Exil-Esten Karl Trakmann und Nikolai Riuhkrand-Ridolin.

Bei dem geplanten Putsch sollten in einer Blitzaktion die wichtigsten strategischen Punkte in Estland gewaltsam besetzt und eine kommunistische Marionettenregierung ins Leben gerufen werden. Sowjetische Truppen sollten im Falle einer gelungenen Machtübernahme in Estland einmarschieren und die estnischen Streitkräfte entwaffnen. Auch Schiffe der sowjetischen Marine, die in der Ostsee kreuzten, sollten den siegreichen Aufständischen zu Hilfe kommen. Wenige Tage vor dem Aufstand kündigte die sowjetische Armeeführung Manöver der Roten Armee bei Pskow nahe der estnisch-russischen Grenze an.

Die Pläne gingen von der Prämisse aus, dass sich Arbeiter und Soldaten in Estland spontan dem Aufstand anschließen würden. Nur so konnten die zahlenmäßig schwachen Putschisten mit dem Umsturz Erfolg haben. Anschließend wollten sie die „Estnische Sozialistische Räterepublik“ (Eesti Nõukogude Sotsialistlik Vabariik) ausrufen und eine „Regierung des werktätigen Volkes“ bilden. Sie sollte die sowjetischen Streitkräfte offiziell ins Land rufen. Denkbar war dann ein Anschluss Estlands an die Sowjetunion nach dem Beispiel kaukasischer Gebiete.

Vorbereitungen Jaan Anvelt und sein Vertrauter Karl Rimm (1891–1938) trafen in einer konspirativen Wohnung am Stadtrand von Tallinn die Vorbereitungen vor Ort. Eine leitende Funktion nahm auch der Tschekist Valter Klein (1892–1925) ein, der bei einem gelungenen Staatsstreich als Vorsitzender des Revolutionskomitees vorgesehen war. Zur weiteren Führungsriege gehörten die jungkommunistischen Funktionäre Arnold Sommerling (1898–1924), Georg Kreuks (1896–1924) und Voldemar Hammer (1894–1982). Die militärische Führung der Putschisten bildeten der militärisch geschulte August Lillakas (1894–1924) und sein Adjutant Richard Käär.

Neben dem Hauptschauplatz Tallinn sollten wichtige staatliche Einrichtungen und Verkehrsknotenpunkte in den estnischen Städten Tartu, Narva, Pärnu, Viljandi, Rakvere, Kunda und Kohila besetzt werden. Dies gelang jedoch überhaupt nicht. In Tartu beispielsweise geschah gar nichts, weil alle potenziellen Aufständischen bereits vorher inhaftiert worden waren.A.RG.: Tartus polnud mässu, in: Eesti Päevaleht (Stockholm), 28. April 1979, S. 6.

Die estnischen Sicherheitsorgane wussten relativ früh von möglichen sowjetrussischen Plänen für einen kommunistischen Aufstand in Estland. Allerdings waren ihnen Zeitpunkt und Details unbekannt. Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz wichtiger Objekte traf die estnische Regierung aus bis heute ungeklärten Gründen nicht.

Am 21. Januar 1924 hatte die Polizei mehrere kommunistische Zirkel gesprengt und circa 300 Personen verhaftet. Vom 10. bis 27. November 1924 fand der sogenannte Prozess der 149 statt, bei dem angebliche kommunistische Verschwörer wegen Hochverrats und Spionage für die Sowjetunion vor Gericht standen. Der kommunistische Parlamentsabgeordnete Jaan Tomp wurde am 14. November 1924 zum Tode verurteilt und am selben Abend hingerichtet. Über dreißig Kommunisten wurden zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Die eigentlichen Vorbereitungen für den Umsturzversuch, der wenige Tage später stattfinden sollte, blieben allerdings unentdeckt.

Putschversuch Der Putschversuch begann am Morgen des 1. Dezember 1924 um 5.15 Uhr. Daran nahmen zwischen 170 und 300Hain Rebas: Probleme des kommunistischen Putschversuchs in Tallinn am 1. Dezember 1924, in: Annales Societatis Litterarum Estonicae in Svecia, IX, 1980–1985, Stockholm 1985, S. 164. bewaffnete Aufständische teil, erhofft hatte man sich 700–800.Eesti ajalugu VI. Vabadussõjast taasiseseisvumiseni. Kirjutanud Ago Pajur et al. Tegevtoimetajad Ago Pajur ja Tõnu Tannberg. Peatoimetaja Sulev Vahtre. Ilmamaa, Tartu 2005, ISBN 9985-77-142-7, S. 74. Das operative Hauptquartier der Putschisten war in einem Büro der Öl- und Farbenfabrik „Extraktor“ im Tallinner Stadtbezirk Pelgulinn untergebracht.

Die Aufständischen waren in Tallinn in drei „Bataillone“ mit verschiedenen strategischen Zielen eingeteilt:

1. Bataillon unter Führung von Aleksei Heints (1899–1971): Militärschule im Stadtbezirk Tondi und Schmalspurbahnhof Tallinn-Väike (Reval-Kleinbahnhof) in Kitseküla

2. Bataillon unter Führung von Voldemar Puss (1886–1932): Berittene Polizeireserve, Panzerwagen-Division, Meldebataillon, 2. Polizeirevier, Bahnhof Ülemiste, 10. Infanterieregiment und Stab des Meldebataillons

3. Bataillon unter Führung von Eduard Teiter (1886–1937): Kriegsministerium, Inlandsgeheimdienst (Kaitsepolitsei), Untersuchungsgefängnis, 5. und 6. Polizeirevier, Baltischer Bahnhof, Parlaments- und Regierungsgebäude auf dem Domberg, Hauptpostamt, Marinestab, Stab der Panzerdivision, Elektrizitäts- und Gaswerk sowie Zentralgefängnis

Militärschule Tondi mini|Gebäude der ehemaligen Militärschule im Stadtbezirk Tondi

Die ersten Angriffe am frühen Morgen des 1. Dezember richteten sich gegen die Ausbildungseinrichtungen der estnischen Armee im Tallinner Stadtbezirk Tondi. Ein Teil der 56 Angreifer hatte sich mit estnischen Militäruniformen verkleidet. Es gelang ihnen, in die Kaserne einzudringen, in der die Kadetten schliefen. Im heftigen Schusswechsel brach der Angriff zusammen. Die vier Kadetten Aleksander Tomberg, August Udras, Arnold Allebras und Aleksander Teder sowie mehrere Angreifer wurden bei den Schusswechseln und durch Handgranaten getötet.

10. Infanterieregiment Gleichzeitig griffen 27 Angreifer die Kaserne des 10. Infanterieregiments im Stadtbezirk Juhkentali an. Im Offizierskasino töteten sie die Unterleutnants Harald Busch, Helmut Viiburg und Oskar-Martin Punnisson. Aufgrund der starken Gegenwehr flüchteten die Angreifer.

Meldebataillon 15 Putschisten griffen die Kaserne des Meldebataillons an, das sich am gleichen Ort befand. Sie erschossen den wachhabenden Offizier, der aber noch Alarm auslösen konnte. Bei dem anschließenden Schusswechsel kamen zwei Angreifer ums Leben.

Kriegsministerium