Bei einer Geschichtsfälschung (auch: Pseudohistorie) wird in Täuschungsabsicht und mit wissenschaftlich unlauteren Mitteln ein unzutreffender Eindruck von historischen Ereignissen oder Situationen und ihrer Interpretation vermittelt..
Arten der Geschichtsfälschung mini|Die „Eiserne Jungfrau“ (rechts im Bild), angeblich ein Folterinstrument des Mittelalters, ist ein Fantasieprodukt des 19. Jahrhunderts.
Darstellungs- und Dokumentationsebene Ein wissenschaftlich anerkanntes Geschichtsbild wird durch Behaupten, Interpretieren oder Verschweigen – auch in Kombination – so angepasst, dass es in seiner öffentlichen Wahrnehmung teilweise oder in Gänze nicht mehr dem wissenschaftlich nachgewiesenen oder nachweisbaren Sachverhalt entspricht; dabei werden Daten, Fakten oder Zusammenhänge weggelassen oder verschwiegen. Handelt es sich um schwerwiegende Tatsachen von öffentlichem Interesse (z. B. NS-Verbrechen), so wird mit einer solchen einseitigen Darstellung die Sicht auf den historischen Hintergrund oder Kontext verfälscht.
Der Fall des Chefarchitekten, Reichsrüstungsministers und ergebenen Hitler-Vertrauten Albert Speer ist hinsichtlich Methode und Motivation ein besonders vielschichtiges Beispiel für diese Form der Geschichtsfälschung. Speer stellte sich sehr erfolgreich – unter anderem in seiner Bestseller-Autobiographie – als unpolitischen Technokraten dar, der von den nationalsozialistischen Verbrechen angeblich nichts gewusst haben will. Tatsächlich wirkte er aber als einer der Haupttäter aktiv am Holocaust mit.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 2. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. 3. Auflage. 2016, S. 735 & 984, C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-59236-2.
Seine geschickt gefälschte Legende als „guter Nazi“ wurde in der Nachkriegszeit bereitwillig von vielen Deutschen als willkommener Beleg für ihr eigenes distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus und ihr Nichtwissen vom Massenmord an den Juden übernommen.Deutschlandfunk Kultur – Zeitfragen 23. November 2016, Jochen Stöckmann, Eine Nürnberger Ausstellung ab April 2017 präsentierte die Zusammenhänge.Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Albert Speer in der Bundesrepublik, Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit
Quellenebene Weniger häufig, weil schwieriger zu beschaffen, sind materielle Fälschungen, also die Produktion von Objekten, die vom Fälscher oder seinen Auftraggebern als ursprüngliche Quelle ausgegeben werden. Bekannt ist die posthume Herstellung angeblich historischer Urkunden, wie bei der Konstantinischen Schenkung.
Eine effektivere Variante der Quellenfälschung ist die Verfälschung einer echten Quelle (Interpolation), also etwa das Entfernen oder Hinzufügen von Textstellen in einer Urkunde oder sonstigen Dokumenten; dazu gehören unter anderem auch Änderungen des betroffenen Personenkreises oder des Bearbeitungszeitpunkts.
Auch Autobiographien, wie bei Speer, sind häufig von Interessen geleitet und damit anfällig für Fälschungen. Im Wörterbuch GeschichteKonrad Fuchs, Heribert Rab (Hrsg.): Wörterbuch Geschichte. 13. Auflage. München: dtv, 2002, unter Fälschung. werden auch Fälschungen mit vorwiegend wirtschaftlichen Absichten genannt, neben der Urkundenfälschung auch die Münzfälschung und, als jüngeres Beispiel, die Hitlertagebücher von Konrad Kujau.
Ein entscheidendes Kriterium der Geschichtsforschung ist deshalb immer auch eine ausführliche Quellenkritik. Skepsis und kritische Überprüfung vermeintlicher Erkenntnisse sind eine wesentliche Voraussetzung wissenschaftlichen Fortschritts; aber diese Haltung kritischer Wissenschaft wird auch von ihren Gegnern ausgenutzt, indem die Abwesenheit wissenschaftlich gesicherter Tatsachen betont wird.Susan Neiman: Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin Verlag, Salzburg/München 2017, ISBN 978-3-7110-0154-2.
Für den Historiker Heinrich August Winkler ist die „Herausbildung einer selbstkritischen Geschichtskultur“ „eine der größten Errungenschaften“ der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.Heinrich August Winkler: Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen. Verlag C. H. Beck, München, 2020, ISBN 978-3-406-75651-1, S. 231..
Ziele, Motive, Intentionen mini|Seite der angeblich mittelalterlichen „Königinhofer Handschrift“, 1817 mini|hochkant|Der Reichsapfel stellt die Weltkugel dar und widerlegt damit die im 19. Jahrhundert aufgestellte und heute noch verbreitete Behauptung, im Mittelalter hätte es eine Doktrin der flachen Erde gegeben.
Geschichtsfälschung kennzeichnet vor allem autoritär geführte Gesellschaften und Gruppen, ist aber auch ein allgemeines Phänomen menschlicher Schwäche. Beweggründe können wirtschaftliche, politische oder sonstige Eigeninteressen einzelner Personen oder Gruppen sein. Menschen ziehen einen großen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihrer Vergangenheit. So spiegelt sich das Bewusstsein von Nationen, Religionsgemeinschaften, Bevölkerungsgruppen oder auch Familien in idealisierten oder mythologisierten Weltbildern wider.
Selten stimmen diese Geschichtsbilder mit den historischen Fakten überein, die deshalb durch Weglassungen unbequemer oder Betonung willkommener Sachverhalte angepasst werden. Daraus resultierende Geschichtsfälschungen fallen bei unterschiedlichen Menschen in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation auf mehr oder weniger fruchtbaren Boden. Da Fälschungen oft in Schulbücher oder andere interessengesteuerte Medien eingehen, sind sie dann auch durch objektiven wissenschaftlichen Diskurs nur noch schwer aus der Welt zu schaffen. Fälscher werden von unterschiedlichen Motiven getrieben: Politische Motive haben Fälscher, die das Weltbild von Nationen oder Bevölkerungsgruppen beeinflussen wollen: Rechtfertigung oder Verharmlosung von Diktaturen, Kriegsverbrechen und ähnlichem; die Kehrseite kann dann die Abwertung des politischen Gegners sein: Mit der Dolchstoßlegende versuchten deutsche Militärs nach dem Ersten Weltkrieg, die Verantwortung für die Niederlage politischen Parteien anzulasten. Entfernung von unliebsam gewordenen Personen aus Dokumenten der Zeitgeschichte; so wurden etwa unter Stalin wiederholt in Ungnade gefallene Politiker aus Fotos herausretuschiert (siehe auch Fotomanipulation). Zahlreiche verfälschende Aussagen enthielt auch der DDR-Geschichtsatlas von 1976, beispielsweise habe zum Beginn des Koreakriegs am 25. Juni 1950 Südkorea den Norden überfallen, statt wahrheitsgemäß der Norden den Süden.Atlas zur Geschichte. Band 2, 3. Auflage, Gotha: VEB Hermann Haack, 1982, S. 89.Gerhard Wettig: Rezension zu: Steininger, Rolf: Der vergessene Krieg. Korea 1950–1953. Olzog-Verlag, München 2006, in: H-Soz-Kult, 23. November 2006. Die sowjetische Annexion Ostpolens, Litauens, Lettlands, Estlands, Bessarabiens und von Teilen Finnlands im Jahr 1939 wird fälschlich als „Wiedervereinigung“ bzw. „Aufnahme“ bezeichnet; der dem zugrunde liegende Hitler-Stalin-Pakt, in dem das beschlossen worden war, bleibt dabei unerwähnt, da er nicht der DDR-Geschichtsideologie entsprach. Die Fälschung historischer Genealogien wie Cassiodors Stammbaum der Amaler oder die Auflistung der Nachkommen von Hercules und Osiris, die Annius von Viterbo in seinen (durchweg gefälschten) Antiquitates bot, dienten der Legitimation der Herrschaft des Gönners des jeweiligen Verfassers, also Athalarichs im Falle Cassiodors und der Farnese für Annius.Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. C. H. Beck, München 2010, S. 26–30; Harold Bollbuch: Geschichtsfälschung. Überlieferung historischen Wissens und Antikenrezeption – die Antiquitates des Annius von Viterbo. In: Susanne Rau und Birgit Studt: Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiografie (ca. 1350–1750). Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-008825-9, S. 302 f. (abgerufen über De Gruyter Online). Aufwertung: Die gefälschte Königinhofer Handschrift wurde zur Grundlage eines romantisierenden tschechischen Geschichtsbilds. Schaffung einer nationalen Kontinuität, indem der gesicherten Geschichtsschreibung eine erfundene Vorgeschichte vorangestellt wird, wie beispielsweise der Arminiusmythos als Teil des modernen Nationalismus zur Zeit der Befreiungskriege.Heinrich August Winkler: Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen. Verlag C. H. Beck, München, 2020, ISBN 978-3-406-75651-1, S. 34. Im ostasiatischen Raum wurden antike und mittelalterliche Dynastien erfunden – beispielsweise in Japan (Kojiki), Korea (Go-Joseon), Vietnam (Hồng-Bàng-Zeit), alle wohl nach dem Vorbild Chinas. Auch frühe römische Consul-Listen gelten als Erfindung zur Legitimation der „traditionellen“ Staatsform. Mit reputationsorientierter Geschichtsfälschung verschafft sich eine Organisation, Firma, Gruppe oder Einzelperson einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil, indem sie zu ihrer pflege bewusst ein wahrheitswidriges bzw. durch Verschweigen relevanter Tatsachen unvollständiges Geschichtsbild vermittelt. Beispielhaft für diese Art von geschönter Traditionspflege ist das Geschichtsbild, das die Deutsche Lufthansa AG, unter Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit, von sich zeichnet.Lutz Budrass: Adler und Kranich, Die Lufthansa und ihre Geschichte 1926–1955, Blessing Verlag 2016, ISBN 978-3-641-11246-2.Johannes Bähr: Rezension von Lutz Budrass, Adler und Kranich in: Sehepunkte Ausgabe 17 (2017), Nr. 10, abgerufen am 7. August 2018.Sarah Hofmann: Geschichte der Lufthansa, Empörung über die fehlende Aufklärung in Deutschlandfunk vom 2. Mai 2016, abgerufen am 7. August 2018.Nana Brink, Interview mit Johannes Bähr: Wie deutsche Unternehmen mit ihrer Geschichte umgehen in Deutschlandfunk Kultur vom 14. April 2016, abgerufen am 7. August 2018. Auch in der Selbstdarstellung der Segelschule Deutscher Hochseesportverband HANSA, als Beispiel eines Sportvereins, wird die militärische und nationalsozialistische Vergangenheit verschwiegen.Rüdiger Hachtmann in Frank Becker, Ralf Schäfer (Hrsg.): Sport und Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1923-3, S. 44.Lutz Henning Müller: Die Hanseatische Yachtschule. Eine Institution im Segelsport an der Flensburger Förde. In: Werner Fröhlich/Maja Naumann (Hg.), Bildungshauptstadt Flensburg, S. 400, Rainer Hampp Verlag Mering/München 2009, ISBN 978-3-86618-353-7. Rechtspositionen lassen sich auf manipulierte Geschichtsbilder gründen. Eine Urkundenfälschung des Mittelalters, die Konstantinische Schenkung, sollte dem Papst ein konkretes Besitzrecht in Bezug auf den Kirchenstaat vermitteln. mini|St. Jakobus war angeblich Helfer in der erfundenen Schlacht von Clavijo Eine Ramiro I., König von Asturien, zugeschriebene, aber von Geistlichen gefälschte Urkunde, die sich auf den angeblichen Sieg eines Christenheeres über die maurischen Machthaber in einer erfundenen Schlacht von Clavijo bezog, garantierte der Jakobskirche von Santiago de Compostela über Jahrhunderte eine jährliche Zahlung, den Voto de Santiago. Die Verbreitung von Lügen über historische Tatsachen und deren publizistisches Ausschlachten ist auch ein Geschäftsmodell von Autoren und Verlagen. Dazu gehören auch Verlage mit rechtsextremistischen, geschichtsrevisionistischen und holocaustleugnenden Schriften. Andere Beispiele sind die erwähnten Hitlertagebücher, oder die Gesänge Ossians. Manchen Fälschern geht es um Selbstbestätigung; sie wollen erproben, ob sie eine die Fachwelt zum Narren haltende Fälschung zustande bringen können. Die angebliche Fahrradzeichnung Leonardo da Vincis könnte hierfür ein passendes Beispiel sein; ihre Herkunft wurde allerdings nie vollständig geklärt.Hans-Erhard Lessing: The Leonardo da Vinci Bicycle Hoax. In: Cycle Publishing. 1997.
Abgrenzung Geschichtsfälschung liegt nur vor, wenn ein Geschichtsbild in Täuschungsabsicht manipuliert wurde. Keine Geschichtsfälschung ist daher ein veralteter Forschungsstand auf Grund von neuentdeckten historischen Sachverhalten,