mini|Blick von Nordwesten mini|Südseite der Kirche Die Evangelische Kirche in Grüningen, einem Stadtteil von Pohlheim im Landkreis Gießen (Hessen), geht in ihren ältesten Teilen auf das 12. Jahrhundert zurück. Sie umfasste ursprünglich ein romanisches Langhaus und einen östlichen Chorabschluss. Im 13. Jahrhundert wurde über dem Altarraum ein frühgotischer Chorturm errichtet. Seine heutige Gestalt erhielt das Gotteshaus zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch eine südliche Erweiterung auf die doppelte Breite und nach einem Großbrand im 17. Jahrhundert. Ungewöhnlich ist die Anlage mit ihrem doppelten Chor. Die hölzerne Ausstattung aus dem Barock ist vollständig erhalten.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 79. Die Kirche ist ein hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 415. Die Kirchengemeinde gehört zum Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau., abgerufen am 30. Januar 2022.

Geschichte mini|hochkant|Romanischer Chor mini|Doppelchörige Anlage seit 1520 Erstmals ist die Grüninger Kirche im Jahr 1151 als Mutterkirche (mater ecclesia) von Holzheim, Bergheim, Dorf-Güll, Hofgüll und Beringheim (Birnkheim) nachgewiesen. Ein Pleban mit Pfarrei ist für 1229 bezeugt.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 22. Das Patronat hatten zu dieser Zeit die Herren von Hagen-Arnsburg inne, später die von Münzenberg und seit 1255 die Herren von Falkenstein, bis es 1380 Kloster Arnsburg übertragen wurde.

Die Einwohner von Grüningen forderten am 21. Juni 1276 von dem Kloster Arnsburg einen Beitrag zum Erhalt der eigenen Dorfkirche und des Friedhofes, da im Bereich des Grüninger Pfarrsprengels mehrere Grangien des Klosters lagen.Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau (AUB). Darmstadt 1851. (AUB) Nr, 153. Philipp II. von Falkenstein-Münzenberg entschied, dass die Mönche vom Arnsburg für ewige Zeiten von der Baulast für die Grüninger Kirche befreit wurden und dafür drei Morgen Wiesen zu Klein-Holzheim, einer späteren Wüstung, nach Grüningen übertrugen.Andreas Kuczera: Grangie und Grundherrschaft. Zur Wirtschaftsverfassung des Klosters Arnsburg zwischen Eigenwirtschaft und Rentengrundherrschaft 1174–1400. Dissertation. Darmstadt und Marburg 2003. Hrsg.: Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen. = Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 129. S. 119. Am 19. April 1380 hatten Philipp VII. von Falkenstein und seine Frau Margarethe den Erzbischof Ludwig von Mainz gebeten, die Pfarrei Grüningen in das Kloster Arnsburg zu inkorporieren.Stephan Alexander Würdtwein: Dioecesis Moguntia. Band III. Mannheim 1777. Nr. 50. Dies bestätigte Papst Bonifatius IX. am 17. März 1390.Stephan Alexander Würdtwein: Dioecesis Moguntia. Band III. Nr. 49. Die Inkorporation der Pfarreien Trais-Münzenberg, Muschenheim und Grüningen erfolgte allerdings erst am 7. Januar 1412.AUB, Nr. 1163.

Im Jahr 1479 wird ein Patrozinium des heiligen Martin erwähnt. Kirchlich gehörte Grüningen, das im 14. oder 15. Jahrhundert Stadtrechte erhielt, zum Archidiakonat von St. Maria ad Gradus in Mainz.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 91.

Die ursprünglich langgestreckte einschiffige, turmlose Saalkirche mit Ostapsis stammt aus romanischer Zeit. Ein Chorturm wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der Breite des ursprünglichen Schiffs über der Apsis ergänzt.Dehio, Cremer: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 352.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde das kleine Kirchenschiff nach Süden um fast das Doppelte erweitert. Der Bau trug auf diese Weise dem Charakter einer Stadtkirche Rechnung. An der Turmwand auf dem Dachboden sind die Umrisse der alten Dachschräge vor der Kirchenerweiterung deutlich erkennbar.Blum: Die Kirche Grüningen. 2019, S. 29 (online). Auch die alte Südwand ist archäologisch nachgewiesen.Dehio, Cremer: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 353. Im Jahr 1520 wurde neben dem älteren Chorturm im Südosten der zweite, polygonale Chor („Paul-Hutten-Chor“) im Stil der Spätgotik vollendet, wie die Jahreszahl auf der Innenseite des Triumphbogens belegt. Eine Vergrößerung des nördlichen Chors war nicht möglich, da der runde Turmaufbau von den dicken Mauern der Turmhalle gestützt wurde.Günter E. Th. Bezzenberger: Sehenswerte Kirchen in den Kirchengebieten Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck, einschließlich der rheinhessischen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels. Evangelischer Presseverband, Kassel 1987, S. 243.

In vorreformatorischer Zeit standen vier Altäre in der Kirche, deren Platten noch alle erhalten sind: ein Katharinenaltar, ein Liebfrauenaltar, ein Dreikönigsaltar und ein Heiligkreuzaltar.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 92. Letzterer wurde von Magister Johannes Giselher (Geißler) testamentarisch gestiftet, wie seine in der Kirche aufgestellte Grabplatte bezeugt: Anno d[omi]ni XVc septimo XXVII die me[n]sis nove[m]bris obyt honorabilis domin[u]s magist[e]r johan[n]es giseler fu[n]datur (= fundator) hui[u]s altaris cui[u]s a[n]i[m]a requiescat in pace ame[n]Küther: Der Erfurter Weihbischof Paul Hutten. 1978, S. 31. („Im Jahr des Herrn 1507, den 27. November, starb der ehrenwerte Herr Magister Johannes Giselher, der Stifter dieses Altars, dessen Seele in Frieden ruhen möge, amen“). Giselher war ein Vetter des Grüninger Paul Hutten, der 1509 zum Thüringer Weihbischof aufgestiegen war und im Jahr 1514 das Testament Giselhers vollstreckte und den Heiligkreuzaltar weihte.

Seit 1560 ist Kaspar Homberg als evangelischer Pfarrer in Grüningen nachgewiesen. Im Zuge der Reformation schloss sich die Kirchengemeinde 1566 der lutherischen Lehre an, wechselte aber 1583 unter Pfarrer Ernst Isheim zum reformierten Bekenntnis.Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 414.

Nach einem Sturm im Jahr 1606 wurde das beschädigte Kirchendach repariert. Nachdem die Stadt im Dreißigjährigen Krieg am 30. September 1634 von spanischen Truppen bis auf vier Häuser niedergebrannt und 1646 nochmals eingenommen worden war, erfolgte der Wiederaufbau der Kirche durch die schwer betroffenen Einwohner in mehreren Bauabschnitten. Bei dem Großbrand waren das Kirchendach und teilweise die Inneneinrichtung verloren gegangen; nur die gemauerten Teile blieben erhalten. Offensichtlich wurde der südliche Chorraum mit seinem fragilen Netzgewölbe nicht zerstört. Dendrochronologisch ist nachgewiesen, dass der Chor in einer ersten Abbundeinheit bereits 1636 wieder überdacht wurde (Fälldatum: Winter 1635/1636). Bei der Renovierung im Jahr 1985 fand man in einer 30 bis 50 Zentimeter dicken Brandschicht über dem Chor ausgeglühte Schieferplatten. Da der Chor erhalten geblieben war, ist zu vermuten, dass zunächst dort die Gottesdienste weiter stattfinden konnten.Blum: Die Kirche Grüningen. 2019, S. 8 (online). Darauf weist auch der Umstand hin, dass die Chorempore von 1660 datiert, also neun Jahre vor den Holzsäulen im Kirchenschiff fertiggestellt wurde.

In einem zweiten Bauabschnitt wurde der Turmhelm etwa von 1650 bis 1656 erneuert. Aus den Resten der vier Glocken wurden 1651 drei neue gegossen, von denen zwei noch ihren Dienst versehen. Zur zweiten Abbundeinheit gehörte die dreigeschossige eichene Turmbekrönung aus dem Jahr 1656 (Fälldatum: Winter 1655/1656). Für die Erneuerung des Turms wurden in Frankfurt, Hanau, der Pfalz und der Schweiz Kollekten durchgeführt.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 196. Von 1660 bis 1680 erfolgten in einem dritten Bauabschnitt die Erneuerung des Chors und der Innenausbau. Ein Stein mit der Jahreszahl 1668 in der nördlichen Außenmauer weist auf den Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg hin. Eine dritte Abbundeinheit im Jahr 1668 umfasste die Holzkonstruktion des Schiffs und das Dachwerk, das 1669 aufgeschlagen wurde (Fälldatum: Sommer 1668). Die Innensäule vor dem Nordeingang trägt die Inschrift „ANNO 1669 DEN 21 APPRIL AVFFGERICHT HANS IACOB HVBELER W. M.“ (= Werkmeister). Die flache Holzdecke mit Stuckmedaillons von Hans Jacob Hubler (Hobler) datiert von 1669. Die barocke Innenausstattung, wie die Emporen, die Kanzel und das Gestühl („der Männerbühne und der Weiberstül“) wurden bis 1680 fertiggestellt. Den Abschluss der umfangreichen Maßnahmen bildeten Arbeiten am Turmchor und im Außenbereich. Im Jahr 1716 wurde eine neue Männerbühne eingebaut. Die dritte Glocke wurde im Jahr 1737 umgegossen, nachdem sie zersprungen war.

Eine Orgel wurde erstmals im Jahr 1696 erwähnt. Im 18. Jahrhundert wurden mehrere Reparaturen an dem Instrument durchgeführt, 1713 und 1728 von einem Orgelbauer Wagner aus Allendorf und 1799 von Johann Andreas Heinemann.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging das Patronat an das Haus Solms über, als Grüningen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugeschlagen wurde. 1834 wurde der Innenraum der Kirche neu gestrichen. Da sich das Gewölbe des gotischen Chors gelöst hatte, wurden 1858 die Seitenwände und deren Fenster erneuert sowie die runden Ostfenster zugemauert. Im Jahr 1881 wurde die Orgelempore im Triumphbogen des Chorturms erweitert, um dort Platz für eine neue und größere Orgel mit allerdings „geistlosem Prospekt“Heinrich Walbe: Bericht über die Baudenkmäler in der Provinz Oberhessen. In: Jahresbericht der Denkmalpflege im Volksstaat Hessen 1913–1928. Bd. IVa. Staatsverlag, Darmstadt 1930, S. 247. zu schaffen. Den Pfarrstuhl verlegte man aus dem südlichen Chor unter die Orgel und verschloss den nördlichen Triumphbogen mit einem hölzernen Verschlag. Die Kanzel zwischen den beiden Chören wurde vorgerückt, im südlichen Chor wurden die Brüstung unter der Empore und das hölzerne Gitterwerk beim Altar entfernt, das Kircheninnere erhielt einen neuen Anstrich. Im Jahr 1893 wurde eine Außenrenovierung durchgeführt, 1912 der Kirchturm repariert und 1913 das Innere renoviert.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 197.

Im Zuge der Innenrenovierung im Jahre 1912/1913 wurde die alte farbliche Fassung der hölzernen Inneneinrichtung in etwas dunkleren Tönen erneuert. Auch die alten Rankenmalereien im nördlichen Chorfenster wurden wiederhergestellt. Die Orgelbühne im nördlichen Chorbogen wurde entfernt, die Orgel auf die Westempore versetzt und auch die Holzwand im unteren Bereich des vollständig geschlossenen Chorbogens beseitigt, sodass der Blick auf den Turmchor wieder frei war. Im südlichen Chor wurden das zugemauerte Rosettenfenster wieder freigelegt und andere Fenster wieder mit Maßwerk versehen oder erneuert, worauf die unterschiedlichen Steinsorten hinweisen. Zudem erfolgte 1913 der Einbau einer Umluftheizung.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 97. Die Bemalung des spätgotischen Chors durch die Maler Velte aus Nieder-Ramstadt und Kienzle aus Lich-Eberstadt „ist neu erfunden“.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 198. Nach einem Sturm im Jahr 1928 stand das Kreuz auf der Turmspitze schief und erhielt daraufhin eine neue Helmstange. Kreuz und Wetterhahn wurden neu gestrichen, die Kupferbedeckung des Turmes wurde abgedichtet.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 199.

mini|Kirchturmsanierung (2013)