Die Berliner Stadtgüter GmbH (Eigenschreibweise BERLINER STADTGÜTER GmbH) ist eine Immobiliengesellschaft des Landes Berlin. Sie bewirtschaftet rund 17.000 Hektar Stadtgüterfläche im benachbarten Land Brandenburg. Die Landesgesellschaft vermietet und verpachtet Flächen für Landwirtschaft, regenerative Energieerzeugung, Gewerbe und private Nutzung. Zu ihren Aufgaben gehören die nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes, die Freiflächensicherung und Siedlungsbegrenzung, die Aufwertung bebauter und unbebauter Grundstücke sowie die Altlastensanierung. Ein wichtiges Geschäftsfeld sind Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, die auf den Stadtgüterflächen geplant und umgesetzt werden. Das Unternehmen wurde im Jahr 2008 neu gegründet, nachdem es bereits zwischen 1922 und 1935 eine gleichnamige Gesellschaft der Stadt Berlin gab, aus der sie nach vielfachen Veränderungen hervorgegangen ist. Der am 6. März 1873 von der Berliner Stadtverordnetenversammlung gefasste Beschluss, in Berlin ein Kanalisationssystem zu bauen, gilt als Geburtsstunde der Berliner Stadtgüter. Bei der Gründung Groß-Berlins im Oktober 1920 bewirtschaftete die Stadt 51 Einzelgüter mit einer Gesamtfläche von 25.255 Hektar. 2023 feierte das Unternehmen seinen 150. Geburtstag. Zum Jubiläum veröffentlichten die Berliner Stadtgüter eine Online-Ausstellung.
Anfänge der Berliner Stadtgüter Die rasche Zunahme der Bevölkerung ab Mitte des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene städtische Entwicklung veranlassten die Stadt Berlin, eine flächendeckende Kanalisation mit Abwasserklärung zu bauen. Die Stadtverwaltung entschied sich schließlich für die Verrieselung des Abwassers auf eigens dafür hergerichteten Flächen, den Rieselfeldern.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 3–7. Für den Kauf dieser Flächen rund um das damalige Stadtgebiet gab es am 16. März 1873 den entscheidenden Stadtverordnetenbeschluss.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 11. Am 14. Juli 1874 trat auch die Polizeiordnung betreffend die Kanalisierung der Stadt Berlin in Kraft, die besagte, dass „jedes bebaute Grundstück an einer mit unterirdischer Entwässerungsanlage versehenen Straße an das Straßenrohr (Straßenkanal) anzuschließen“ ist,Polizei-Ordnung betreffend die Kanalisierung der Stadt Berlin. 14. Juli 1874. was bedeutete, dass enorme Flächen benötigt wurden, sollten die Exkremente aller Anwohner auf ihnen verrieselt werden (ein Hektar für 250 Einwohner).
mini|Die Charlottenburger Rieselfelder in Gatow sowie die Kanalisation der Stadt um 1900
Im Jahr 1874 begann die Stadt Berlin mit dem Kauf von Flächen vor allem nördlich und südlich der Stadt. Als erste wurden die Rittergüter Osdorf und Friederikenhof gekauft, 1875 folgten die Güter Falkenberg und Bürknersfelde.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 11. Da sich die Verrieselung als Klärmethode bewährte, begannen auch die umliegenden Gemeinden, eine Kanalisation mit anschließenden Rieselfeldern zu bauen. Als erste Gemeinde kaufte Charlottenburg im Jahr 1886 Ländereien in den Gemarkungen Gatow, Seeburg, Spandau, Staaken und Groß Glienicke, die später das Rieselfeld Carolinenhöhe bildeten.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 15.
Doch nicht nur zur Verrieselung kaufte Berlin Flächen, die später unter der Verwaltung der Stadtgüter standen, auch für die Müllabfuhr (Pinnow, Spreenhagen),H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 23. für die im Jahr 1924 vom Magistrat beschlossene Obdachreform (Ribbeckshorst, Joachimshof-Vogtsbrügge),H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 27. die Schaffung und Erweiterung eines Wald- und Wiesengürtels (z. B. Wuhlheide, Grunewald, Schönwalde, Buch …),H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 23–26. für die Stadterweiterung (Düppel, Britz, Biesdorf)H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 26–27. und zur Bodenpreisregulierung wurden Flächen erworben.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 22. Sämtliche Flächen wurden von 1886 bis 1920 von der Deputation für Kanalisationswerke und Güter Berlins verwaltet und bewirtschaftet. Auch in dieser Betriebsbezeichnung zeigte sich die Zusammengehörigkeit der Stadtgüter zur Kanalisation, die erst im Jahr 1920 gelöst werden sollte.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 29–31.
Jahrhundertwende bis 1945 Deputation Kanalisationswerke und Güter Berlins Da das Abwasser noch viele Nährstoffe enthielt, wurden die hauptsächlich leichten Sandböden der Rieselfelder gut gedüngt und der Anbau landwirtschaftlicher Kulturen wurde auf ihnen möglich. Als erfolgreiche Kultur erwies sich dabei das Rieselgras, das zwar mehrere Schnitte pro Jahr erlaubte, aber nur wenig einbrachte.Reinhard Lobeck: Die Großberliner Stadtentwässerung. 1928, S. 47. So wurden unter hohem Arbeitsaufwand auch Gemüse und Halmfrüchte angebaut, die mehr Pflege verlangten als das Gras und ebenfalls wenig wirtschaftlich waren.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 54. Da die Stadtgüter als Schlussglied in der Reinigungskette des Abwassers gesehen wurden und nicht als eigenständige Betriebe mit dem Zweck der Nahrungsmittelproduktion, war ihre Maschinenausstattung schlecht, es gab lediglich Dreschsätze und Mähmaschinen. Außerdem war ein Einsatz von Maschinen auf den kleinen Rieselfeldtafeln schwierig. Selbst der Einsatz von Ochsen bewährte sich nicht, da sie nicht wendig genug waren, so wurden Pferde vorgezogen.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 64–65.
mini|Der Rieselspeicher mit Resten der Hobrechtsfelder Wirtschaftsbahn in Hobrechtsfelde
Erst ab 1905 änderte sich die Meinung bezüglich der Stadtgüter und ihrer Funktion. Mit dem Ziel die Erträge zu steigern und Gewinne zu erwirtschaften investierte die Stadt Berlin in den Ankauf modernster Maschinen, was zwar dazu führte, dass die Güter ungewöhnlich gut ausgestattet waren, aber auch für die Rieselfelder ungeeignete Maschinen im Bestand hatten.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 63–64.
Doch nicht nur der Bestand an Maschinen war außerordentlich vollständig, auch der bauliche Zustand der Hofgebäude auf den Gutshöfen war sehr gut, da sie immer wieder ausgebessert und erneuert wurden.
Da nicht immer ganze Güter übernommen wurden, sondern die Betriebe Boddinsfelde, Hobrechtsfelde, Schönerlinde, Albertshof und Deutsch Wusterhausen aus gekauften Bauern- und Gemeindeländereien gebildet wurden, baute man dort komplett neue Höfe auf. Die Baukosten schossen in die Höhe, da man viel Wert auf eine massive Optik der Gebäude legte, manche sich aber als unzweckmäßig erwiesen. So erhielt das Gut Hobrechtsfelde 1908 einen Rieselspeicher (das Korn konnte von einem Stockwerk ins nächste rieseln) mit einem Fassungsvermögen von 18.000 Zentner. Der Speicher war auf dem neuesten Stand der Technik, lag jedoch zu weit von der Bahn entfernt, sodass die Anlieferung und der Abtransport des Korns nicht wirtschaftlich waren.
mini|Massiv gebauter Pferdestall in Börnicke
Auch wurden massive Schweineställe gebaut, in denen die Schweineaufzucht stattfinden sollte. Da es im Winter jedoch von der Decke dieser Ställe tropfte, waren sie für die Ferkelaufzucht gänzlich ungeeignet und konnten nur zur Mast genutzt werden. Für die Aufzucht wurden daraufhin sogenannte Lochow-Ställe erbaut.
Darüber hinaus wurden auch mustergültige Gebäude aufgebaut, z. B. Wohngebäude mit Arbeiterwohnungen, die sich durch hohen Wohnkomfort auszeichneten.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 61–63.
Anzumerken ist, dass die Stadtgüter keineswegs nur Rieselfelder bewirtschafteten, sondern auch viel Naturland in Nutzung hatten, da nicht alle Flächen aptiert, d. h. zu Rieselfeldern umgestaltet wurden. Einige dieser Flächen waren nur als Vorhalteflächen für eventuelle Erweiterungen der Rieselflächen erworben worden. Kunstdünger wurde in den seltensten Fällen verwendet, wo nötig wurde mit Mist von Rindern gedüngt, die mit dem Rieselgras gefüttert wurden. Eine Besonderheit stellte eine Fläche bei Fürstenwalde dar, auf die Abfall verbracht worden war, der über Jahre verwitterte und den Boden extrem fruchtbar machte. Diese Deponie mit einer Fläche von 240 Morgen wurde ab 1915 über Jahre hinweg intensivst bewirtschaftet und behielt trotzdem ihre Fruchtbarkeit.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 48/49.
Die Erfahrung zeigte, dass für eine optimale Bewirtschaftung der Güter ein Verhältnis von aptierter Fläche zu nicht aptierter Fläche von 1:4 nötig wäre, was nur die wenigsten Güter erreichen konnten, da einige ausschließlich aus Naturland bestanden und andere zu 90 Prozent aus Rieselfeldern. Um trotzdem einigermaßen wirtschaftlich arbeiten zu können, verpachteten diese Güter Rieselland an Kleinpächter, die auf den Parzellen in Handarbeit Gemüse oder Rieselgras für ihr Vieh anbauten.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 54. Die Kleinpächter zahlten nur für das Land, sie erwarben mit ihrer Pacht kein Recht an Rieselwasser, hatten aber auch kein Vetorecht dagegen, wenn zu viel auf ihre Flächen geleitet wurde.
Das Rieselland war unter Kleinpächtern beliebt, da sie sich nicht um Dünger sorgen mussten, preiswert Futter für ihr Vieh und Gemüse für den Verkauf auf dem Markt anbauen konnten. Die kleinteiligen Flächen stellten für diese Pächter nicht so ein Problem dar, wie für die Großbetriebe, da sie ohnehin nur mit Hand arbeiteten. Während des Ersten Weltkriegs war das Rieselland stark gefragt, ebenso wie die Kleingärten auf den Rieselfeldern in Blankenfelde, Blankenburg und Osdorf. Lebensmittel waren knapp und im Gegensatz zu anderen Produkten unterlag Gemüse keiner Zwangswirtschaft.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 53–55.
Doch nicht nur Kleinbetriebe hielten sich Vieh, auch die Stadtgüter waren große Milchproduzenten, deren Milch teilweise auf dem Milchwirtschaftshof Weißensee verarbeitet wurde. Bis 1919 betrieben die Stadtgüter eine reine Abmelkwirtschaft, dann ging man über zu einer kombinierten Aufzucht- und Abmelkwirtschaft, um eine Einschleppung von Krankheiten durch fremde Tiere zu vermeiden.
mini|Hobrechtsfelder Bauern beim Ausmisten
Es wurde das Schwarzbunte Niederungsvieh gezüchtet, wobei nur Tiere mit einem sehr guten Stammbaum genommen wurden, um die Milchproduktion zu steigern. Dies gelang auch: 1922/1923 betrug die Milcherzeugung 6,65 l/Kuh und Tag, 1927/1928 waren es schon 9,1 l/Kuh und Tag. Doch trotz einer Gesamtleistung von 18.000 l/Tag im Sommer und 14.000 l/Tag im Winter blieb die Milcherzeugung der Stadtgüter für Berlin vorerst von untergeordneter Bedeutung.H.-J. Kretzschmann: Entwicklung, Bewirtschaftung und Bedeutung der Berliner Stadtgüter. 1930, S. 65/66.
Deputation für Güter und Forsten (1920–1922) Im Jahr 1920 wurde die Deputation für Kanalisationswerke und Güter aufgelöst, da sich die Güterleitung von den Kanalisationswerken trennen wollte, um mehr Eigenständigkeit zu erlangen. Es wurde sodann eine Deputation für Güter und Forsten geschaffen.