mini|hochkant=1.5| mini|hochkant=1.5|Karte der Strahlenbelastung im Jahr 1996
Bei der Sperrzone von Tschernobyl ( wörtlich „Zone der Entfremdung des Tschernobyler Kernkraftwerks“) handelt es sich um ein Sperrgebiet, welches im Jahr 1986 mit einem Radius von 30 km um den havarierten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der heutigen Ukraine errichtet wurde. Auf belarussischer Seite schließt sich seit 1988 das Polessische Staatliche Radioökologische Schutzgebiet an.
Die Sperrzone dient dem Schutz der Bewohner in den angrenzenden Gebieten besonders vor dem radioaktiven Fallout. Mit der Einrichtung der Sperrzone ging die Evakuierung der Städte Prypjat und Tschernobyl sowie Kopatschi und weiterer Dörfer einher, die sich innerhalb dieses Gebietes befanden.
Der Zugang zu diesem Sperrgebiet wird von der ukrainischen Miliz kontrolliert und ist nur mit Genehmigung gestattet. Zeitweise war ein Besuch der Sperrzone auch für Touristen möglich, aber aufgrund möglicher Folgeschäden durch Strahlenexposition rät das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit weiterhin davon ab.Tschernobyl und die Folgen BMU, abgerufen am 15. September 2021 Aufgrund der russischen Invasion der Ukraine seit 2022 wurden für die Dauer des Kriegsrechts die Genehmigungen zum Besuch der Zone ausgesetzt.
Errichtung des Sperrgebiets Umfang und Beginn der Entsiedlung mini|lang=de|Umfang der Sperrzone Nachdem die ersten der 44.000 Einwohner Prypjats 37 Stunden nach dem Unfall aus der Stadt geschafft worden waren, entschied die damalige Unionsregierung am 2. Mai 1986, das Gebiet mit einem Radius von circa 30 km um den Reaktor zu evakuieren, basierend auf Dosisleistungsmessungen. Zunächst wurden etwa 116.000 Menschen aus einem Gebiet von etwa 3500 km² gebracht; die Evakuierung war am 6. Mai abgeschlossen. In den Folgejahren stieg diese Zahl auf circa 350.000 Menschen an.Jim T. Smith, Nicholas A. Beresford: Chernobyl – Catastrophe and Consequences. Praxis Publishing Ltd., Chichester 2005.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion stehen die vom radioaktiven Fallout betroffenen Gebiete Homelskaja Woblasz in Belarus sowie die Oblast Brjansk in Russland, die zum damaligen Zeitpunkt mit zum errichteten Sperrgebiet zählten, unter eigener Verwaltung.
Verlassene Siedlungen mini|Kulturpalast, Prypjat mini|hochkant|Kontaminationsprüfung beim Verlassen der Sperrzone von Tschernobyl Folgende Siedlungen in der Ukraine wurden, neben Prypjat und Kopatschi, nach der Nuklearkatastrophe evakuiert.: Denyssowytschi ( ) Rudky ( ) Ritschyzja ( ) Towstyj Lis ( ) Burjakiwka ( ) Tschystohaliwka ( ) Lubjanka ( ) Stetschanka ( ) Warowytschi ( ) Martynowytschi ( )
In den ersten Jahren wurden damit insgesamt rund 200 Ortschaften evakuiert.National Geographic, gedruckte Ausgabe Oktober 2014, S. 128.
Freigesetzte Radionuklide mini|Checkpoint Leliw in die 10-km-Zone Von 190,3 t radioaktivem Material, welches sich im Reaktorkern befand, entwichen in den ersten zehn Tagen, vom 26. April bis 5. Mai 1986, 6,7 t in die Umwelt. Spätere genauere Messungen und Berechnungen ergaben, dass unter anderem die folgenden radiotoxisch besonders relevanten Nuklide freigesetzt wurden: Strontium-90 (Halbwertszeit: 28,8 Jahre; β−-Strahler; ersetzt Calcium im Körper, beispielsweise in den Knochen) Iod-131 (Halbwertszeit: 8 Tage; β−-Strahler; reichert sich stark in der Schilddrüse an) Caesium-137 (Halbwertszeit: 30,1 Jahre; β−-Strahler; zerfällt in 95 % der Fälle zu Barium-137m, welches nach 2,5 min zur Hälfte zu Barium-137 zerfallen ist und damit maßgeblich für die γ-Strahlung verantwortlich ist; Caesium reichert sich besonders in Böden und Pilzen an, aber auch in tierischen und menschlichen Geweben) Plutonium-239 (Halbwertszeit 24.000 Jahre; Alphastrahler; Anreicherung vorab in Lunge, Leber und Skelett (auch von Wirbeltieren), mit langen Verbleibenszeiten (biologischen Halbwertszeiten). Aufgrund seines vergleichbar hohen Atomgewichts hat es sich wie das Americium fast ausschließlich in der Sperrzone abgelagertWebsite des Bundesministeriums für Umwelt, Unterabschnitt von Ökologische Folgen.Ch. Küppers, M. Sailer: MOX oder die zivile Plutoniumnutzung.) Plutonium-241 (Halbwertszeit: 14,4 Jahre; β−-Strahler; regeneriert Americium-241; Plutonium-241 bindet an Proteine und lagert sich in Nieren und Leber ab) Americium-241 (Halbwertszeit: 432 Jahre; α-Strahler; reichert sich in Knochen (biologische Halbwertszeit: 50 Jahre) und Leber (biologische Halbwertszeit: 20 Jahre) sowie den Keimdrüsen (permanent) an).Washington State Departement of Health, Fact Sheet No. 23, November 2002; abgerufen am 14. April 2013;
Strahlenexposition in Folge des Reaktorunfalls mini|Die Strahlung ist immer noch sehr hoch, für Aufräumarbeiten wurden daher u. a. Roboter genutzt In Folge des Reaktorunfalls kam es zu drei unterschiedlichen Phasen, in denen Strahlenexpositionen aufgetreten sind:
Phase I ist durch die ersten 20 Tage nach dem Unfall gekennzeichnet, in denen es durch kurzlebige Radionuklide (Molybdän-99, Tellur-132/Iod-132, Xenon-133, Iod-131, Barium-140/Lanthan-140) zu akuten Strahlenschäden gekommen ist. Die meisten dieser Nuklide wurden auf Pflanzen und dem Boden abgelagert und führten dort zu Dosisleistungen von bis zu 20 Gy/d in den ersten Tagen nach dem Unfall. Freigesetzte Radioiodnuklide, v. a. Iod, führten durch Bestrahlung vor der Evakuierung zu Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der in der Sperrzone sehr hohe Inzidenzen aufwiesA. Kofler et al. (Universität Bern): Schilddrüsenkrebs nach Tschernobyl; in: IPPNW Schweiz: Atomstrom und Strahlenrisiko, März 1998., sowie zu Schilddrüsenschäden auch bei vielen Wirbeltieren.
Phase II bezeichnet die Zeit von Sommer bis Herbst 1986, in der viele der kurzlebigen Radionuklide zerfielen und langlebige Radionuklide auf biologischem, chemischem oder physikalischem Weg in der Umwelt abgelagert, umgewandelt und transportiert wurden. Die Gesamtdosisleistung der bei dem Unfall freigesetzten radioaktiven Stoffe sank in dieser Zeit auf ein Zehntel des Ausgangswertes. – Ca. 80 Prozent der Strahlungsdosis, die sich in Pflanzen und Tieren angereichert hat, wurden innerhalb der ersten drei Monate nach dem Unfall aufgenommen.
Phase III ist die noch anhaltende Phase, in der die Strahlenexposition noch einem Prozent des Anfangswertes entspricht und die maßgeblich durch die Caesium-137-Kontamination hervorgerufen wird. Die Ausbreitung von Pflanzen sowie das Einwandern neuer Tiere in das Sperrgebiet sorgt hierbei für eine stark unterschiedliche Bioakkumulation der verbliebenen Radionuklide.
Waldbrand 2020 mini|Aufnahme des Waldbrandes vom 13. April 2020 Anfang April 2020 brach ein Waldbrand aus, der auch die Sperrzone betraf. Am 5. April 2020 teilte der ukrainische Umweltinspektionsdienst mit, dass durch diesen in der Sperrzone auf einer Fläche von rund 100 Hektar Radioaktivität freigesetzt wurde.Hohe Radioaktivität durch Waldbrand nahe Tschernobyl, FAZ.NET vom 5. April 2020, abgerufen am 6. April 2020 Als Ursache für den Waldbrand wird vermutet, dass Anwohner am 4. April 2020 den Brand durch das illegale Verbrennen von Müll ausgelöst haben. Zwei Wochen nach Ausbruch waren, nach Auswertungen von Satellitenbildern, schätzungsweise 11.500 Hektar abgebrannt. Darüber hinaus kam es in Kiew aufgrund der Feuer zu anhaltendem und dichtem Smog. Durch die Feuer wurden in der Oblast Schytomyr nahe der belarussischen Grenze 38 Wohnhäuser zerstört, nachdem die Brände auf Dörfer übergriffen hatten. Die Brände wurden von mehr als 1400 Personen (inklusive mindestens 700 Feuerwehrleuten) bekämpft, die auch Hubschrauber einsetzten. Um die Feuer einzugrenzen, haben sie mehr als 400 Kilometer Brandschutzschneisen in die umstehenden Wälder geschlagen. Zur Unterstützung, Eindämmung und Löschung der Brände stellte die Bundesrepublik Deutschland 80 Dosimeter zur Radioaktivitätsmessung sowie ein Tanklöschfahrzeug zur Verfügung.
Geplante Wasserstraße E40 Die französische NGO Association pour le Contrôle de la Radioactivité dans l’Ouest (ACRO) befürchtet, dass beim Ausbaggern der Flüsse Prypjat und Dnepr im Zuge der geplanten, in nur 2,5 Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt verlaufenden Wasserstraße E40, radioaktiv kontaminierte Sedimente innerhalb der Sperrzone von Tschernobyl erneut aufgewühlt werden könnten und dadurch etwa 28 Millionen Menschen in der Ukraine und Belarus durch radioaktiv verseuchtes Wasser potenziell einem erhöhten Strahlenrisiko ausgesetzt wären. Zudem würden die geplanten jährlichen Instandhaltungsmaßnahmen, die unter anderem ein Volumen von schätzungsweise 1,2 Millionen Kubikmetern an bewegten Sedimenten umfassen, die Gefahr bergen, radioaktiv kontaminierte Sedimente freizusetzen.Geplante E40-Wasserstraße könnte erhöhtes Strahlenrisiko bringen auf internationales-verkehrswesen.de vom 29. April 2020; abgerufen am 27. Juni 2021Vergiftungsgefahr für Millionen Menschen durch Ausbaggern für E40-Wasserstraße auf kernfragen.at vom 14. September 2020; abgerufen am 27. Juni 2021 mini|600px|zentriert|Landschaftspanorama der Sperrzone
Leben in der Zone mini|Rückkehrer, 2007 mini|Die direkte Umgebung des ehemaligen Kraftwerkes Rückkehrer
Im Sperrgebiet von Tschernobyl lebten mit Stand von 2012 197 Samosely (russisch: ; ukrainisch: – Umsiedler). Bei den Rückkehrern handelt es sich zumeist um ältere Menschen, die nach der Evakuierung illegal in ihre ehemalige Heimat zurückgekehrt sind. Heute werden sie von staatlicher Seite geduldet.
Arbeiten im Sperrgebiet Im Jahr 2021 arbeiten etwa 6.500 Menschen innerhalb der Sperrzone. Es sind vor allem Wissenschaftler, Ingenieure und Arbeiter, zu deren Aufgabenbereich die Verwaltung und Sicherung der radioaktiven Abfälle gehört. Außerdem sind Menschen mit der Instandhaltung und Überwachung der Infrastruktur, dem Betrieb der Checkpoints und touristischen Aufgaben in der Sperrzone tätig, sowie Köche, Reinigungskräfte und Polizisten.
Da nicht alle Gebiete gleichermaßen schwer verstrahlt sind, plant die Regierung die Nutzung in einigen Gebieten vom Tourismus auf industrielle Anlagen, wie eine Anlage zur Müllverbrennung, auszuweiten.Tourismus in Tschernobyl „Es ist schon etwas creepy“ Deutschlandfunk Kultur, abgerufen am 15. September 2021
Flora und Fauna mini|Warnschild am Ostende des „Roten Waldes“mini|Untersuchungen an Mäusen aus der Sperrzone
Der Einfluss der radioaktiven Kontamination auf Flora und Fauna ist unter Wissenschaftlern umstritten. Untersuchungen insbesondere an Vögeln zeigen Albinismus und kleinere Gehirngrößen, wohingegen der Bestand an Säugetieren, die direkt auf dem Boden des Sperrgebietes leben, zunimmt.Geographical (April 2011).
Beim Reaktorblock wurden in der Folge radiotrophe Pilze festgestellt, zudem zeigen Fadenwürmer in der Sperrzone erstaunlich wenig DNA-Mutationen.Tschernobyl: Fadenwürmer trotzen radioaktiver Strahlung. 12. März 2024.
Pflanzen Da sich der Unfall im späten April ereignete, machte sich die schädigende Wirkung des radioaktiven Fallouts in einer Periode verstärkten Wachstums bemerkbar. Innerhalb des Sperrgebietes wurden Aktivitäten von 0,7–3,9 GBq/m² gemessen. Dies führte unter anderem zu kurzfristiger Sterilität, Wachstums- und Entwicklungsstörungen. Blattnekrosen, verwitterte Blattspitzen, Störung der Photosynthese sowie Gendefekte wurden beobachtet. Vierzig Prozent des Winterweizens waren betroffen. Abnormalitäten waren noch einige Jahre später erkennbar.