Der Reichswald um Nürnberg ist ein im Nord- und Südosten Nürnbergs gelegenes Kulturwaldgebiet in Bayern. Der Name weist darauf hin, dass dieser Wald als Reichsgut früher direkt und unmittelbar dem Kaiser gehörte, also reichsunmittelbar war. Er gilt als ältester und erster Kunstforst der Welt.
Geographie Der Reichswald liegt überwiegend im Mittelfränkischen Becken. Nur kleine Teile befinden sich im Vorland der Nördlichen bzw. Südlichen Frankenalb.
Zum ursprünglichen Gebiet kam ab ungefähr 2000 der Südliche Reichswald dazu.Gerhard Brunner: Die Flächenentwicklung des Nürnberger Reichswaldes von 1830 bis 2000*, S. 126. In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft, Bd. 53/54, 2006/2007, S. 123–152. (online; PDF, 4,5 MB) Nach heutiger Definition besteht der Nürnberger Reichswald aus:Gerhard Brunner: Die aktuelle Vegetation des Nürnberger Reichswaldes. Untersuchungen zur Pflanzensoziologie und Phytodiversität als Grundlage für den Naturschutz. Dissertation Universität Erlangen-Nürnberg, 2005, . Sebalder Reichswald Vom Fluss Schwabach im Norden bis zur Pegnitz im Süden, vom Knoblauchsland und den Wohngebieten von Erlangen und Nürnberg im Westen über Heroldsberg und Kalchreuth im Norden bis zur Stadt Lauf im Osten. Lorenzer Reichswald Von der Pegnitz im Norden bis zur Schwarzach im Süden, von der Rednitz bzw. den Wohngebieten Nürnbergs im Westen bis zur Stadt Altdorf und Gemeinde Leinburg im Osten. Südlicher Reichswald Von der Schwarzach im Norden bis zum Rothsee im Süden, von der Rednitz bzw. mehreren Gemeinden im Westen bis nach Burgthann und Mimberg im Osten. Darüber hinaus zieht sich die Waldfläche östlich bis in die Oberpfalz hinein.
Beschreibung Der Reichswald hat eine Fläche von etwa 25.000 ha. Entsprechend der Teilung der Nürnberger Altstadt durch die Pegnitz in die südliche Lorenzer (mit der Lorenzkirche) und die nördliche Sebalder Altstadt (mit der Sebalduskirche) teilt sie auch den Reichswald in den Lorenzer Reichswald südlich der Pegnitz und den Sebalder Reichswald nördlich der Pegnitz. Im Süden kann dem Reichswald ein ca. 10.000 Hektar großes Gebiet zugerechnet werden, das bis zum Rothsee reicht und erst in neuerer Zeit als Südlicher Reichswald bezeichnet wird.
Der Nürnberger Reichswald gehörte im Mittelalter zum Reichsgut, also dem Krongut der römisch-deutschen Wahlkönige in der Nähe ihrer Nürnberger Kaiserburg und wurde von der Reichsstadt Nürnberg verwaltet. Das Gesamtgebiet des Sebalder und des Lorenzer Reichswaldes umfasste Anfang des 19. Jahrhunderts noch rund 32.000 Hektar und ging durch Abholzung und Nutzung als Bauland auf rund 25.000 Hektar zurück. Er gilt als ältester Kunstforst der Welt und ist das fünftgrößte zusammenhängende Waldgebiet Bayerns außerhalb der Alpen.
Der gesamte Nürnberger Reichswald ist Bestandteil des Natura-2000-Netzwerkes und als EU-Vogelschutzgebiet Nürnberger Reichswald (FFH-Nr. DE-6533-471; WDPA-Nr. 555537802Nürnberger Reichswald. Protected Planet, abgerufen am 5. August 2016.) ausgewiesen.
Flora und Fauna mini|links|Der „Steggerlaswald“ Dominierend sind die Nadelhölzer Kiefer und Fichte. Im gesamten Reichswald haben die Nadelhölzer im Durchschnitt einen Anteil von knapp 81 %, wobei er im südlichen Reichswald mit 89 % höher liegt als im Sebalder und Lorenzer Reichswald. Auch die durchschnittliche Verbreitung der Kiefer (62 %) gegenüber der Fichte (19 %) wird durch den südlichen Reichswald verzerrt, in dem die Kiefer weit stärker vertreten ist.Brunner, Die Aktuelle Vegetation des Nürnberger Reichswaldes, S. 182. Der Verbreitung der Kiefer mit den kahlen Stämmen verdankt der Reichswald auch den Beinamen „Steggerlaswald“.
Ursprünglich gab es dort Kiefern-Birken-Eichen-Mischwälder mit Eiche und Kiefer im ausgeglichenen VerhältnisM. Ott-Eschke: Pollenanalytische Untersuchungen im Gebiet des Nürnberger Reichswaldes. Forstwissenschaftliches Centralblatt, Band 71, Seiten 48–63, 1952. doi:10.1007/BF01825701 und Buchen-Mischwälder. Die heutigen Nadelwälder sind auch das Ergebnis eines jahrhundertelang währenden Nährstoffentzugs durch landwirtschaftliche Nutzung der Nadelstreu als Einstreu und Dünger.Sandschätze im Nürnberger Reichswald. Projektbüro SandAchse , S. 12 (PDF; 1,4 MB). Die Aufforstungen förderten in allen Jahrhunderten die schnellwachsenden Kiefern und Fichten und schufen große Monokulturen. Diese begünstigten die Verbreitung von Schädlingen. Nachdem sich in den vorherigen Jahrzehnten die Schadensintervalle verkürzt hatten, brachte das 19. Jahrhundert zwei Schädlingskatastrophen durch Kieferneule, Spanner und Spinner.
Infolge der Neupflanzung von Laubhölzern im Reichswald („Reichswaldprogramm 1986–2003“) waren 1996 wieder 20 verschiedene Waldtypen entstanden, vom nassen Erlenbruchwald über Eichen-Buchen- und Eichen-Kiefernwälder bis hin zu Flechten-Kiefernwäldern.Gerhard Brunner und Wolfgang Rahn: . Hrsg. vom Bund Naturschutz, Kreisgruppe Nürnberg. Nürnberg 1996. Neben den vorherrschenden Nadelwäldern gibt es entlang der Waldbäche auch Bruch- und Sumpfwälder, in den aufgelassenen Steinbrüchen haben sich Biotope entwickelt, die Flüsse haben Sandterrassen angeschwemmt, von denen der feine Sand durch Stürme zu Binnendünen in den Wald geweht wurde. Waldweiher, Birkenwälder, Sandmagerrasen, Waldwiesen, Heiden und Hügel ergänzen das Bild einer auf den ersten Blick nicht vermuteten Vielfalt.
Seit 2015 werden in Bayern, bedingt durch die Einflüsse der globalen Erwärmung auf das regionale Klima, auffällige Trockenschäden an Kiefern beobachtet. Besonders die mittelfränkischen Wälder sind betroffen. Der extrem heiße und trockene Sommer 2018 verstärkte diese Entwicklung, so dass es auch im Nürnberger Reichswald zu einem massiven Absterben von Kiefern kam.
Der Reichswald beherbergt eine Vielzahl von Tierarten und hat sich als Rückzugsort für einige bedrohte Arten entwickelt, darunter u. a. Hohltaube, Biber, Sperlingskauz, Juchtenkäfer (Eremit), Ringelnatter, Erdkröte, Bitterling, Zauneidechse, Sand-Laufkäfer. Im Jahr 2011 wurde außerdem das verschwunden geglaubte Auerhuhn im Reichswald nachgewiesen, welches auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht. Der Reichswald stellt ein wichtiges Gebiet für eine Reihe von Spechtarten dar, darunter Mittelspecht, Grauspecht, Schwarzspecht. Mit der Zunahme an Laubbäumen finden sich jetzt auch mehr Bruthabitate für Haselhuhn, Wespenbussard, Uhu und Schwarzstorch.
Entlang der Simmelberger Gründlach bei Heroldsberg gedeihen in den sumpfigen Auen mit Sonnentau und Wasserschlauch zwei vom Aussterben bedrohte fleischfressende Pflanzen.
Im Reichswald leben Rotwild und Schwarzwild. Für einen ausgeglichenen Bestand wird der hohe Wildschweinbestand regelmäßig durch die Forstverwaltung bejagt (rund 350 Stück im Jahr).
Das Gebiet gilt als potentieller Lebensraum für Wölfe. Noch wurde kein dauerhaft vor Ort lebendes Rudel nachgewiesen. 2019 verunglückte ein Jungtier im Landkreis Erlangen-Höchstadt.
Wirtschaftliche Nutzung mini|Steinbruch Wernloch Die Hauptnutzung war der Holzeinschlag für Brenn- und Bauholz sowie die Entnahme von Laub- und Nadelstreu für das Vieh durch die Bauern. Lange Zeit rauchten auch die Meiler der Köhler zur Herstellung von Holzkohle, auf die das Handwerk in früheren Zeiten angewiesen war.
Sehr wichtig war im Mittelalter die Imkerei. Bereits 1296 hatten die Zeidler Sonderrechte im Reichswald.Wilhelm Schwemmer: Alt-Feucht. Korn & Berg, Nürnberg 1977, S. 22 Wegen der reichen Wildbienenschwärme galt der Nürnberger Reichswald als des „Heiligen Römischen Reiches Bienengarten“, also als ertragreicher Bienenwald. Die Zeidelgüter waren zahlenmäßig beschränkt und wurden als Erblehen vergeben. Dafür leisteten die Zeidler mit sechs Armbrüsten Kriegsdienst und zahlten dem Rat der Stadt Nürnberg eine Abgabe, das „Honiggeld“. Es entwickelten sich schließlich 27 Zeideldörfer mit 92 Zeidelgütern; Gemeinden wie Feucht, Winkelhaid, Schwaig und Röthenbach bei Sankt Wolfgang waren Zeidlergemeinden. Der Honig war wichtig für die Nürnberger Lebkuchen.
mini|Weißensee im Sebalder Reichswald Das Zeidelrecht war ein Hoheitsrecht im Reichswald.Wilhelm Schwemmer: Alt-Feucht. Nürnberg 1977, S. 25 Damit verbunden waren Rechte zur Holz- und Waldnutzung, Zollfreiheiten im Honighandel, aber auch die Pflicht zur Waldpflege und zur Abgabe des „Honiggeldes“. Kaiser Karl IV. verlieh den Lorenzer Zeidlern 1350 ein eigenes Zeidelgericht in Feucht, das bis zum Ende des alten Reichs bestand, während die Sebalder Zeidler dem Forstgericht des Sebalder Walds unterstanden.Zerzabelshof, auf www.moegeldorf.de (von Michael Diefenbacher) Von der ursprünglichen Waldbienenpflege ging man im späten Mittelalter auf die Hausbienenpflege über. Der Mischwald erlaubte zwei Honigernten, die Früh- und die Spättracht. Mit dem steigenden Anteil der Nadelbäume (ab dem 14. Jahrhundert) sanken die Erträge. Im 16. Jahrhundert begann der Niedergang des Zeidlerwesens aufgrund des wachsenden Handels mit dem Osten (Wachs und Honig) und der Einfuhr von Rohrzucker aus Westindien.Wilhelm Schwemmer: Alt-Feucht. Nürnberg 1977, S. 31
Im Mittelalter wurde Nürnberg scherzhaft als „Sandbüchse des Reichs“ bezeichnet. In dieser Zeit gab es im Reichswald ungefähr dreißig Steinbrüche zum Abbau von Sandstein. Beispiele sind der Schmausenbuck und der Kornberg (Wernloch) bei Wendelstein. Der rötlich gefärbte, durch Eisen gebundene Burg-Sandstein wurde für den Haus- und Hofbau benutzt. Der besonders harte, helle Quarzit aus den Wendelsteiner Gruben wurde für Mühlsteine, Straßenpflaster und den Bau des Ludwig-Donau-Main-Kanals sowie einiger Nürnberger Stadttürme verwendet; allein 1595 wurden ca. 50.000 Steine nach Nürnberg geliefert.Sandschätze im Nürnberger Reichswald, S. 10 (PDF; 1,4 MB)
Neben Sand und Sandstein wurde auch Ton abgebaut. Der sogenannte Tiegelton war von besonderer Qualität und diente insbesondere zur Herstellung von Gussformen für in Nürnberg gefertigte Metallwaren. Daneben wurde natürlich auch Ton für die Herstellung von Ziegeln gewonnen, zuletzt in Kalchreuth.
Waldgeschichte Mit dem Ende der letzten Eiszeit vor ungefähr 16.000 Jahren wurde die waldfreie Tundra von Bäumen besiedelt und nach 9000 Jahren hatte sich geschlossener Wald entwickelt: Kiefern-Birken-Eichen-, Buchen- und andere Mischwälder.
Schon im 14. Jahrhundert wurde der Forst durch Entnahme von Holz und Streu übernutzt. Im Jahre 1368 säte Peter Stromer erstmals in Europa planmäßig und im großen Maßstab Kiefern aus. Die Aufforstungen wurden in den folgenden Jahrhunderten wiederholt, trotzdem kam es zu keiner nachhaltigen Nutzung – Sperber nennt eine 200-prozentige Übernutzung. Im Jahre 1385 wurde der Lorenzer und 1465 der Sebalder Reichswald durch eine Bannmeile vor weiterer Ausplünderung geschützt.Georg Sperber: Die Reichswälder bei Nürnberg. Aus der Geschichte des ältesten Kunstforstes. München 1968.
Ein Forstbericht von 1799 stufte nur zwei von zehn Forsthutungen des Sebalder Waldes mit 60- bis 70-jährigen Beständen als gut ein. In anderen Hutungen wuchsen nur 20- bis 40-jährige Kiefern und der Ödlandanteil betrug bis zu 50 %. Beim Übergang der Provinz Ansbach und der Reichswälder zum Königreich Bayern 1806 konnte nicht mehr von einem geschlossenen Waldgebiet gesprochen werden. Der Wald befand sich aufgrund von Rechtsstreitigkeiten, zu hohen Rotwildbeständen sowie einer massiven Übernutzung in einem beklagenswerten Zustand.
Die Königlich-Bayerische Forstverwaltung nahm großflächige Aufforstungen vor, verwendete jedoch wie in den Jahrhunderten vorher schnellwachsende Kiefer- und Fichtenbäume und schuf dadurch weite Monokulturen. 1836–1840 brachten Kieferneule, Spanner und Spinner einen Verlust auf rund 5000 Hektar, 1894 fiel rund ein Drittel der Bäume den Raupen des Kiefernspanners zum Opfer.