Psittacosaurus ist eine Gattung der Vogelbeckensaurier (Ornithischia) aus der Gruppe der Ceratopsia. Sie zählt zu den urtümlichen Vertretern dieser Gruppe und ihr Fossilbericht stammt aus der späten Unterkreide von Ostasien. Mit mehr als zehn bekannten Arten ist sie eine der artenreichsten Dinosauriergattungen.
Merkmale Allgemeines Psittacosaurus-Arten waren klein. Die größeren erreichten rund 2 Meter Länge, während die kleineren um ein Drittel kleiner waren. Das Gewicht wird auf rund 20 Kilogramm geschätzt. Die Hinterbeine waren deutlich länger als die Vorderbeine, vermutlich bewegte sich Psittacosaurus meist zweibeinig fort.
Schädel mini|Schädel von P. mongoliensis in seitlicher und frontaler Ansicht. In: Osborn 1923 Von oben betrachtet (dorsal) ist der Schädel von Psittacosaurus annähernd fünfeckig. Wie bei allen Ceratopsia ist die Schnauze schmal und spitz und die Schläfenregion sehr breit und ausladend, sie wird durch seitliche Fortsätze des Os jugale gebildet. An der hinteren Oberseite des Kopfes bildet das Scheitelbein einen über das Hinterhauptsbein ragenden Rand – der aus Scheitel- und Schuppenbein bestehende Nackenschild späterer Ceratopsia ist noch nicht vorhanden.
Von der Seite betrachtet ist der Schädel annähernd rundlich und die Schnauze kurz; typisch für Psittacosaurus ist, dass der vor der Augenhöhle gelegene Teil des Schädels weniger als 40 % der Gesamtlänge ausmacht. Die schnabelartige Schnauze dieses Dinosauriers war wie bei allen Ceratopsia durch den Rostralknochen charakterisiert, einen vor dem Zwischenkieferbein an der Spitze des Oberkiefers gelegenen Knochen. Dieser bildete das funktionale Gegenstück zum Praedentale, dem vor dem Unterkiefer gelegenen Knochen, der bei allen Vogelbeckensauriern vorhanden war. Die Schnauzenregion ist dünn und hochgestreckt, woran vor allem das vergrößerte Zwischenkieferbein Anteil hat, die Nasenlöcher liegen sehr hoch am Kopf. Insgesamt ergibt sich dadurch die namensgebende, an Papageien erinnernde Gesichtsform. Verglichen mit den Neoceratopsia, den höher entwickelten Ceratopsia, war der Schnabel von Psittacosaurus rundlicher. Weitere Merkmale im Schädelbau, die diesen Dinosaurier von den Neoceratopsia unterscheidet, sind unter anderem das geschlossene Antorbitalfenster (ein Schädelfenster vor der Augenhöhle) und eine unverknöcherte Lücke in der Wand des Tränenkanals.
Zähne Im Gegensatz zu den urtümlichen Neoceratopsia hatte Psittacosaurus keine Zähne auf dem Zwischenkieferbein. Die Zähne des Ober- und Unterkiefers waren annähernd gleich groß und gleich zahlreich, die Anzahl variierte zwischen acht und zwölf. Die Zähne sind charakterisiert durch breite Kauflächen und selbstschärfende schneidende Enden. Die Zähne waren mit Zahnschmelz bedeckt, dieses war bei den oberen Zähnen an der bukkalen (backenseitigen) Seite und bei den unteren Zähnen an der lingualen (zungenseitigen) Seite deutlich dicker als an den jeweils gegenüberliegenden Seiten.
Rumpfskelett mini|Fossil von Psittacosaurus sp. (SMF R 4970) mit hohlen, borstenartigen Hautanhängen auf der Oberseite des Schwanzes Der Bau der Wirbelsäule dürfte bei allen Arten von Psittacosaurus gleich gewesen sein: Sie setzte sich aus 21 vor dem Kreuzbein gelegenen Präsakralwirbeln (davon acht oder neun Halswirbel), sechs Sakralwirbel und rund 45 Schwanzwirbel zusammen. Bei einigen Arten war der Schwanz durch verknöcherte Sehnen versteift, bei anderen dürften diese gefehlt haben. Das Schulterblatt war langgestreckt, der Oberarm hingegen kurz. Die Hand ist charakterisiert durch die Verkleinerung des vierten und den völligen Verlust des fünften Fingers. Die ersten drei Finger sind kräftig und enden in Hufen. Insgesamt ist die Vordergliedmaße klein und erreicht nur 58 % der Länge der Hintergliedmaßen. (Bei den ähnlich gebauten basalen Neoceratopsia sind es rund 70 %.) Das Becken und die Hintergliedmaßen sind ähnlich gebaut wie bei anderen basalen Ceratopsia. Die Unterschenkel waren geringfügig länger als die Oberschenkel. Der Fuß endete in vier Zehen, die alle breite Hufe tragen, wobei die erste Zehe stark verkleinert ist.
Integument mini|Aktuelle künstlerische Lebendrekonstruktion von Psittacosaurus sp. mit Hautanhängen Bei einem in China gefundenen Individuum von Psittacosaurus (Archivnummer SMF R 4970) sind auch Teile des Integumentes, also der Haut, erhalten. Der Großteil des Körpers war mit Schuppen bedeckt. Größere Schuppen waren in unregelmäßigen Mustern angebracht, dazwischen befanden sich zahlreiche kleine Schuppen. Auffällig war eine Reihe hohler, borstenartiger, rund 16 Zentimeter langer Gebilde, die hintereinander auf der Oberseite des Schwanzes standen. Diese Borsten erinnern an die Protofedern, die bei einigen Theropoden entdeckt wurden. Es gibt aber keine Hinweise, dass diese Borsten von Psittacosaurus homolog zu denen der Theropoden waren. Da sie hintereinander und nur am Schwanz vorhanden waren, dürften die Borsten auch keine thermoregulatorischen Funktionen gehabt haben, sondern bei der Kommunikation – etwa bei Zurschaustellen bei der Balz – eine Rolle gespielt haben.Gerald Mayr, Stefan D. Peters, Gerhard Plodowski, Olaf Vogel: Bristle-like integumentary structures at the tail of the horned dinosaur Psittacosaurus. In: Die Naturwissenschaften. Bd. 89, Nr. 8, 2002, S. 361–365, , Digitalisat (PDF; 223,87 kB). Außerdem konnte mit Hilfe von fossil erhaltenen Melaninrückständen in den Schuppen nachgewiesen werden, dass Psittacosaurus eine dunkle Oberseite und eine helle Bauchseite hatte (Konterschattierung) und eine Färbung hatte, die für Waldbewohner typisch ist.Jakob Vinther et al. 2016. 3D Camouflage in an Ornithischian Dinosaur. Current Biology 26: 1-7; doi: 10.1016/j.cub.2016.06.065
Paläobiologie Verbreitung und Lebensraum Fossile Überreste von Psittacosaurus wurden in weiten Teilen Ostasiens gefunden, vom südlichen Sibirien über China bis zu einem umstrittenen Fund aus Thailand. Diese Tiere dürften eine Reihe von Lebensräumen bewohnt haben. Neben Funden in Schichten, die auf trockene, wüstenartige Habitate hinweisen, gibt es auch solche in Ablagerungsstätten, die durch Prozesse in Flüssen oder Seen entstanden sind.
Sämtliche Funde von Psittacosaurus stammen aus der Unterkreide. Die meisten davon lassen sich zwischen dem Barremium und dem Albium und somit auf ein Alter von ca. 130 bis 100 Millionen Jahre datieren. Es gibt aber auch ältere Funde, die etwa 134 Millionen Jahre alt sind.
Fortbewegung Aufgrund des Baues der Gliedmaßen wird vermutet, dass Psittacosaurus meist auf zwei Beinen (biped) ging. Die Länge der Vorderbeine und der Bau der Hand schließen aber nicht aus, dass auch diese für Fortbewegungszwecke eingesetzt wurden. Der erste Finger der Hand war leicht opponierbar und wurde möglicherweise zum Ergreifen der Nahrung eingesetzt.
Ernährung Die vermutlich selbstschärfende Struktur der Zähne lässt auf hartes Pflanzenmaterial schließen, der spitze, papageienförmige Schnabel – wie bei allen Ceratopsia – auf eine selektive Nahrungsaufnahme. Im Gegensatz zu den späteren Ceratopsidae waren die Zähne noch nicht auf ein gründliches Zerkauen der Nahrung ausgerichtet. Stattdessen fand man bei zwei Exemplaren über 50 Gastrolithen (Magensteine), die auffallend groß waren und wohl eine wichtige Rolle bei der Verdauung der Pflanzennahrung spielten.
Fortpflanzung und Entwicklung mini|hochkant|Impression der elterlichen Fürsorge bei Psittacosaurus Psittacosaurus legte wie alle Dinosaurier Eier. Schlüpflinge und Jungtiere sind aus jedem Wachstumsstadium bekannt und lassen die Entwicklung dieser Dinosaurier gut erkennen. Die kleinsten Tiere sind Schlüpflinge von P. mongoliensis, die nur 11 bis 13 Zentimeter lang sind und einen 2,8 Zentimeter langen Schädel haben. In einer histologischen Studie wurde die Wachstumsrate dieser Tiere untersucht, die kleinsten Exemplare dabei wogen 0,9 Kilogramm und die größten knapp 20 Kilogramm. Die Wachstumsphase eines Psittacosaurus betrug etwa neun Jahre, bis die Maximalgröße erreicht war. Das ist ein schnelleres Wachstum als bei den meisten Reptilien, aber ein langsameres als bei Vögeln oder Plazentatieren.Gregory M. Erickson, Tatyana A. Tumanova: Growth curve of Psittacosaurus mongoliensis Osborn (Ceratopsia: Psittacosauridae) inferred from long bone histology. In: Zoological Journal of the Linnean Society. Bd. 130, Nr. 4, 2000, , S. 551–566, .
Ein weiterer interessanter Fund stammt aus China. Hier wurden die Überreste eines erwachsenen Tieres mit 34 Jungtieren entdeckt, die alle ungefähr gleich alt waren und bei einer Katastrophe gemeinsam mit dem ausgewachsenen Tier ums Leben kamen. Dieser Fund könnte ein Hinweis für elterliche Fürsorge bei diesen Dinosauriern sein. Die hohe Anzahl der Jungtiere könnte darauf hindeuten, dass mehrere Weibchen ihre Eier in ein gemeinsames Nest legten, vielleicht ähnlich wie bei Straußen.Qingjin Meng, Jinyuan Liu, David J. Varricchio, Timothy Huang, Chunling Gao: Parental care in an ornithischian dinosaur. In: Nature. Bd. 431, Nr. 7005, 2004, S. 145–146, .
Fressfeinde mini|Psittacosaurus im Todeskampf mit Repenomamus, Fossil aus der Yixian-Formation
Vermutlich waren theropode Dinosaurier Fressfeinde von Psittacosaurus. In China wurde darüber hinaus das Skelett von Repenomamus, einem bis zu 1 Meter langen, urtümlichen Säugetier gefunden, in dessen Bauchhöhle sich Überreste eines jungen Psittacosaurus befanden. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass mesozoische Säugetiere auch Dinosaurier gefressen haben. Zudem fand sich in der Yixian-Formation in der chinesischen Provinz Liaoning ein Fossil, das Psittacosaurus in einem Todeskampf mit Repenomamus überliefert zeigte. Das Säugetier, das nur rund 5,5 Kilogramm wog, hatte sich hierbei in den Vorderarm des fast fünfmal schwereren Dinosauriers verbissen, die Hinterbeine beider Tiere waren umschlungen. Das Geschehen fand durch einen Vulkanausbruch sein Ende.Gang Han, Jordan C. Mallon, Aaron J. Lussier, Xiao-Chun Wu, Richard Mitchell und Ling-Ji Li: An extraordinary fossil captures the struggle for existence during the Mesozoic. Scientific Reports 13. 2023, pp. 11221, doi:10.1038/s41598-023-37545-8. Systematik Taxonomie und Arten mini|Lebendrekonstruktionen von Köpfen verschiedener Arten von Psittacosaurus im gleichen Maßstab Die Bezeichnung Psittacosaurus stammt von Henry Fairfield Osborn, einem US-amerikanischen Paläontologen. Sie leitet sich von den griechischen Wörtern ψιττακός (psittakos) =„Papagei“ und σαῦρος (sauros) =„Echse“ ab und ist eine Anspielung auf den papageienartigen Schnabel. Typusart war P. mongoliensis, mittlerweile sind über zehn Arten bekannt. Somit zählt Psittacosaurus zu den artenreichsten Dinosauriergattungen (außer den Vögeln). Insgesamt wurden die Überreste von über 400 Individuen gefunden, was eine genauere taxonomische Untersuchung der einzelnen Funde erlaubt, da von vielen anderen Dinosauriern nur ein Fund und somit eine Art bekannt ist. Die einzelnen Arten unterscheiden sich im Bau des Schädels und der Zähne, in der Größe und teilweise auch im Bau des Beckens.
Psittacosaurus guyangensis wurde in der Lisangou-Formation im chinesischen Autonomen Gebiet Innere Mongolei entdeckt und 1983 von Cheng beschrieben. Es sind die fragmentarischen Überreste von vier Tieren, darunter eines mit einem teilweise erhaltenen Schädel, bekannt. Das Artepitheton leitet sich vom Kreis Guyang her, die Funde werden in das Aptium oder Albium datiert. Manchmal wird P. guyangensis nicht als eigene Art, sondern als Synonym von P. mongoliensis betrachtet.
Psittacosaurus lujiatunensis wurde 2006 von Zhou, Gao, Fox und Chen beschrieben. Der Fund stammt aus der Yixian-Formation in Liaoning und wurde nach dem nahegelegenen Dorf Lujiatun benannt. Die gefundenen Schädel waren 19 bis 21 Zentimeter lang, somit ist P. lujiatunensis größenmäßig vergleichbar mit P. mongoliensis. Die Funde werden in das frühe Hauterivium (rund 134 Millionen Jahre) datiert, womit P. major zu den ältesten Vertretern der Gattung zählt.