Daspletosaurus (griech.: „Furchtbare Echse“, von daspleto-/δασπλητο- „furchtbar“ und saurus/σαῦρος „Echse“) war ein theropoder Dinosaurier aus der Familie der Tyrannosauridae, der vor ungefähr 80 bis 72 Millionen Jahren während der Oberkreide (Campanium) im westlichen Nordamerika lebte. Die Typusart Daspletosaurus torosus wurde in Alberta (Kanada) entdeckt; zwei weitere Arten, Daspletosaurus horneri und Daspletosaurus wilsoni, wurden in Montana gefunden. Eine vierte Art aus Alberta wartet noch auf eine Beschreibung.

Daspletosaurus war eng mit dem wesentlich größeren und geologisch jüngeren Tyrannosaurus verwandt. Wie alle Tyrannosauriden war er ein bipeder Fleischfresser mit großem Schädel und kleinen Armen, obwohl die Arme proportional länger waren als bei anderen Tyrannosauriern.

Als ein Spitzenprädator stand Daspletosaurus an der Spitze der Nahrungskette und jagte möglicherweise große Dinosaurier wie den Ceratopsia Centrosaurus und den Hadrosauriden Hypacrosaurus. In einigen Gebieten lebte er zusammen mit Gorgosaurus, einem anderen Tyrannosauriden, wobei es Hinweise darauf gibt, dass beide Gattungen unterschiedliche ökologische Nischen besetzten. Obwohl Fossilien von Daspletosaurus seltener sind als von anderen Tyrannosauriden, erlauben die Funde Rückschlüsse auf die Biologie dieser Tiere, einschließlich Sozialverhalten, Ernährung und Individualentwicklung (Ontogenese).

Merkmale Daspletosaurus war ein mittelgroßer Tyrannosaurier, erwachsene Tiere erreichten eine Länge von acht bis neun Metern.Dale A. Russell: Tyrannosaurs from the late cretaceous of Western Canada (= Publications in Palaeontology. Bd. 1, ). National Museum of Natural Sciences (Canada), Ottawa 1970, Digitalisat. Gewichtsschätzungen reichen von 1,8 TonnenGregory M. Erickson, Peter J. Makovicky, Philip J. Currie, Mark A. Norell, Scott A. Yerby, Christopher A. Brochu: Gigantism and comparative life-history parameters of tyrannosaurid dinosaurs. In: Nature. Bd. 430, Nr. 7001, 2004, S. 772–775, doi:10.1038/nature02699. bis 3,8 Tonnen,François Therrien, Donald M. Henderson: My theropod is bigger than yours … or not: estimating body size from skull length in theropods. In: Journal of Systematic Palaeontology. Bd. 27, Nr. 1, 2007, , S. 108–115, . die meisten Schätzungen liegen jedoch um die 2,5 Tonnen.Gregory S. Paul: Predatory Dinosaurs of the World. A complete and illustrated Guide. Simon & Schuster, New York NY u. a. 1988, ISBN 0-671-61946-2, S. 464.Per Christiansen, Richard A. Fariña: Mass prediction in theropod dinosaurs. In: Historical Biology. Bd. 16, Nr. 2/4, 2004, , S. 85–92, doi:10.1080/08912960412331284313. Wie seine Verwandten hatte dieser Tyrannosauride einen kurzen, S-förmig gebogenen Hals und sehr kleine Arme mit nur zwei Fingern, die bei Daspletosaurus jedoch im Verhältnis länger waren als bei jedem anderen Tyrannosauriden. mini|Daspletosaurus im Größenvergleich Der Schädel war massiv und konnte eine Länge von über einem Meter erreichen. Die Knochen waren insgesamt schwer gebaut und einige, wie das paarige Nasenbein (Nasale), waren zur Stabilisierung miteinander verschmolzen. Große Schädelöffnungen reduzierten das Gewicht des Schädels. Daspletosaurus war mit etwa vier Dutzend sehr langen Zähnen ausgestattet, die im Querschnitt meist oval waren. Im Gegensatz dazu waren die Zähne des Zwischenkieferbeins (Prämaxillare) am vorderen Ende des Oberkiefers im Querschnitt D-förmig – ein Beispiel der Heterodontie, die sich bei jedem Tyrannosauriden findet. Einzigartige Schädelmerkmale schließen die raue Außenfläche des Oberkiefers (Maxilla) und die Ornamente mit ein, die um das Orbitalfenster (Augenhöhle) auf dem Tränenbein (Lacrimale), der Postorbitale und der Jugale verlaufen. Das Orbitalfenster war ein großes Oval und ein Zwischenstück zwischen der rundlichen Form bei Gorgosaurus und der „Schlüsselloch“-Form bei Tyrannosaurus.Thomas D. Carr: Craniofacial ontogeny in Tyrannosauridae (Dinosauria, Coelurosauria). In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 19, Nr. 3, 1999, S. 497–520, doi:10.1080/02724634.1999.10011161.Philip J. Currie: Cranial anatomy of tyrannosaurids from the Late Cretaceous of Alberta. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, , S. 191–226, (PDF; 1,8 MB).Thomas R. Holtz Jr.: Tyrannosauroidea. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 111–136.

Systematik Daspletosaurus wird innerhalb der Familie Tyrannosauridae in der Unterfamilie Tyrannosaurinae klassifiziert, zusammen mit Tarbosaurus, Tyrannosaurus, Nanotyrannus und vielleicht Alioramus. Mitglieder dieser Unterfamilie sind enger mit Tyrannosaurus als mit Albertosaurus verwandt und zeichnen sich durch proportional größere Schädel und längere Oberschenkelknochen aus als die andere Unterfamilie, die Albertosaurinae.Philip J. Currie, Jørn H. Hurum, Karol Sabath: Skull structure and evolution in tyrannosaurid dinosaurs. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, S. 227–234, (PDF; 137 kB).

Daspletosaurus gilt für gewöhnlich als enger Verwandter von Tyrannosaurus rex oder sogar als dessen direkter Vorfahr durch Anagenese.John R. Horner, David J. Varricchio, Mark B. Goodwin: Marine transgressions and the evolution of Cretaceous dinosaurs. In: Nature. Bd. 358, Nr. 6381, 1992, S. 59–61, doi:10.1038/358059a0. Gregory Paul (1988) ordnete Daspletosaurus torosus der Gattung Tyrannosaurus zu und stellte die Kombination Tyrannosaurus torosus auf; dies fand jedoch keine allgemeine Akzeptanz. Viele Forscher halten Tarbosaurus und Tyrannosaurus für Schwestertaxa oder sogar für die gleiche Gattung, mit Daspletosaurus als ein basalerer (ursprünglicherer) Verwandter.Thomas D. Carr, Thomas E. Williamson, David R. Schwimmer: A new genus and species of tyrannosauroid from the Late Cretaceous (middle Campanian) Demopolis Formation of Alabama. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 25, Nr. 1, 2005, S. 119–143, . Auf der anderen Seite glauben Phil Currie und Kollegen, dass Daspletosaurus näher mit Tarbosaurus und anderen asiatischen Tyrannosauriden wie Alioramus verwandt ist als mit dem nordamerikanischen Tyrannosaurus. Die genauen Verwandtschaftsbeziehungen von Daspletosaurus wurde klarer, als neue Arten beschrieben wurden.

Kladogramm der Tyrannosauridae nach Holtz, 2004:

Alternatives Kladogramm der Tyrannosauridae nach Currie und anderen 2003:

Eine phylogenetische Analyse von Warshaw & Fowler (2022) schlägt vor, dass die drei Daspletosaurus-Arten eine Entwicklungslinie bildeten, aus der sich später Zhuchengtyrannus, Tarbosaurus und Tyrannosaurus entwickelten. Thanatotheristes und Nanuqsaurus wurden von dieser Analyse ausgeschlossen, da die Fossilien zu fragmentarisch erhalten sind:

Entdeckungsgeschichte und Benennung Das Typmaterial von Daspletosaurus torosus (CMN 8506) ist ein Teilskelett inklusive des Schädels, der Schulter, eines Arms, des Beckens, eines Oberschenkelknochens (Femur) und sämtlicher Wirbel des Halses, des Rumpfs und der Hüfte sowie der ersten elf Schwanzwirbel. Es wurde bereits im Jahr 1921 von Charles Mortram Sternberg entdeckt, welcher es für eine neue Art von Gorgosaurus hielt. Erst im Jahr 1970 beschrieb Dale Russell den Fund vollständig und stellte die neue Gattung Daspletosaurus auf – der Name leitet sich von den altgriechischen Wörtern δασπλητo-/daspleto- „furchtbar“ und σαῦρος/sauros „Echse“ ab.Henry George Liddell, Robert Scott: A Lexicon abridged from Liddell and Scott's Greek-English Lexicon. 24th edition, carefully revised throughout. Ginn, Boston 1891 (Reprinted edition. Clarendon Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-910207-5). Das Artepitheth torosus ist Latein und bedeutet „muskulös“. Neben dem Typfossil gibt es lediglich ein weiteres gutbekanntes Fundstück, ein im Jahr 2001 entdecktes vollständiges Skelett. Beide Skelette wurden aus den Schichten der Oldman-Formation in der Judith-River-Gruppe in Alberta geborgen, die sich während des mittleren Campaniums vor 77 bis 76 Millionen Jahren ablagerten. Ein weiteres Skelett aus der jüngeren Horseshoe-Canyon-Formation in Alberta wurde mittlerweile dem Albertosaurus sarcophagus zugeschrieben.David A. Eberth, Anthony P. Hamblin: Tectonic, stratigraphic, and sedimentologic significance of a regional discontinuity in the upper Judith River Group (Belly River wedge) of southern Alberta, Saskatchewan, and northern Montana. In: Canadian Journal of Earth Sciences. Bd. 30, Nr. 1, 1993, , S. 174–200, doi:10.1139/e93-016.

Im Laufe der Jahre wurden verschiedene zusätzliche Arten der Gattung Daspletosaurus zugeordnet. Obwohl einige als Daspletosaurus spp. bezeichnet wurden, bedeutet dies nicht, dass sie alle dieselbe Art darstellen.

mini|Daspletosaurus-Skelett aus dem Dinosaur Provincial Park in Alberta, aufgestellt im Field Museum of Natural History in Chicago Neben dem Holotypus bestimmte Russell einen Fund, der von Barnum Brown im Jahr 1913 ausgegraben wurde, als Paratyp von Daspletosaurus torosus. Dieses Fundstück (AMNH 5438) besteht aus Teilen der Hinterbeine, des Beckens und einigen Wirbeln und wurde im oberen Bereich der Oldman-Formation in Alberta gefunden. Später wurde dieser obere Bereich in Dinosaurier-Park-Formation umbenannt; die Formation datiert auf das mittlere Campanium (vor 80 bis 76 Millionen Jahren). Im Jahr 1914 sammelte Brown ein nahezu vollständiges Skelett mit Schädel; vierzig Jahre später verkaufte es sein American Museum of Natural History an das Field Museum of Natural History in Chicago. In Chicago wurde es für viele Jahre als Albertosaurus libratus ausgestellt – nachdem man aber feststellte, dass verschiedene Schädelpartien einschließlich des Großteils der Zähne mit Gips modelliert waren, wurde das Skelett (FMNH PR308) dem Daspletosaurus neu zugeordnet. Über die Jahre wurden insgesamt acht Skelettfunde aus der Dinosaur Park-Formation gesammelt, die meisten innerhalb des Dinosaur Provincial Parks. Phil Currie glaubt, dass die Dinosaur Park-Funde eine neue Daspletosaurus-Art repräsentieren, die aufgrund bestimmter Schädelmerkmale unterschieden werden kann. Darstellungen dieser neuen Art wurden zwar veröffentlicht, eine vollständige Beschreibung und ein wissenschaftlicher Name stehen jedoch noch aus.

Ein neues Tyrannosaurier-Fossil (OMNH 10131), inklusive Schädelfragmente, Rippen und Teile der Hinterbeine, wurde im Jahr 1990 aus New Mexico gemeldet und der heute als ungültig angesehenen Gattung Aublysodon zugeschrieben.Thomas M. Lehman, Kenneth Carpenter: A partial skeleton of the tyrannosaurid dinosaur Aublysodon from the Upper Cretaceous of New Mexico. In: Journal of Paleontology. Bd. 64, Nr. 6, 1990, , S. 1026–1032, Zusammenfassung. Viele spätere Autoren schrieben dieses Fossil zusammen mit einigen weiteren Funden aus New Mexico einer weiteren, unbenannten Daspletosaurus-Art zu.Thomas D. Carr, Thomas E. Williamson: A review of Tyrannosauridae (Dinosauria: Coelurosauria) from New Mexico. In: Spencer G. Lucas, Andrew B. Heckert (Hrsg.): Dinosaurs of New Mexico (= New Mexico Museum of Natural History and Science. Bulletin. Bd. 17, ). New Mexico Museum of Natural History and Science, Albuquerque NM 2000, S. 113–146, Digitalisat (PDF; 4,48 MB). 2010 veröffentlichte Forschungsergebnisse ordnen diese Spezies aus dem Hunter-Wash-Schichtglied der Kirtland-Formation (oberes Campanium)Robert M. Sullivan, Spencer G. Lucas: The Kirtlandian land-vertebrate „age“–faunal composition, temporal position and biostratigraphic correlation in the nonmarine Upper Cretaceous of Western North America. In: Spencer G. Lucas, Robert M. Sullivan (Hrsg.): Late Cretaceous vertebrates from the Western Interior (= New Mexico Museum of Natural History and Science. Bulletin. Bd. 35). New Mexico Museum of Natural History and Science, Albuquerque NM 2006, S. 7–29. dem primitiven Tyrannosauriden Bistahieversor zu. mini|Lebendrekonstruktion von Daspletosaurus torosus