Bold Guard (zu Deutsch Kühne Wacht) war eine multi-nationale Großmanöverserie der NATO im Raum Schleswig-Holstein und Dänemark. Bold Guard fand von 1974 bis 1986 alle vier Jahre im Herbst statt. Für den Verteidigungsfall und diese Übungen war dem Korps LANDJUT die 6. Panzergrenadierdivision und die dänische Jütland-Division unterstellt.

Auftrag Bold Guard war eine sogenannte FTX-Feldübung (Field Training Exercise). Das Manöver basierte auf strategischen Planungsszenarien der NATO, auf die Kombination eines Bodenangriffes mit starken Kräften von Panzern und Mot-Schützen, sowie einer amphibischen Landung des Warschauer Paktes im Bereich Norddeutschlands und Dänemarks zu reagieren.

Zum Kernauftrag unter der Leitung des deutsch-dänischen LANDJUT-Korps gehörte unter anderem durch das Konzept der Vorneverteidigung und Nutzen der Verzögerungsräume die Ostseezugänge und den Nord-Ostseekanal gegen Feindangriffe zu sichern. Kombiniert wurden die Landoperationen von Bold Guard zumeist mit dem Marine-Manöver „Northern Wedding“ in der Ostsee.

Organisation Die Organisation von „Bold Guard“ unterlag verschiedenen NATO-Stäben und Kommandostrukturen wie: COMLANDJUT, Hauptquartier Rendsburg, dänische und deutsche Streitkräfte für Jütland, Fünen und Schleswig-Holstein, Bundesrepublik Deutschland COMLAND ZEALAND, Hauptquartier Ringsted, dänische Landstreitkräfte Seeland COMNAVBALTAP, Karup, dänische und deutsche Seestreitkräfte COMAIRBALTAP, Karup, dänische und deutsche Luftstreitkräfte (PDF; 5,5 MB)

Umfang An der NATO-Gefechtsübung Bold Guard 1986 vom 19. bis 27. September 1986 nahmen 65.000United Press International: About 115,000 NATO troops on maneuvers in Germany, 22. September 1986125.000 kombiniert mit dem gleichzeitig stattfindenden Manöver “Frankenschild” in Süddeutschland Soldaten aus der Bundesrepublik Deutschland, Dänemark, USA, Großbritannien und den Niederlanden, 2.400 Kettenfahrzeuge, 150 Flugzeuge und 20 Schiffe teil. Bold Guard galt damit als das größte Manöver Schleswig-Holsteins nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Großübung, bei der eine „Invasion fremder Truppen abgeschwächt, hingehalten und zurückgeschlagen“ werden sollte, „sprengte alle Dimensionen“.Im Gespräch: Bold Guard. Hamburger Abendblatt. 16. September 1974

Ablauf Die NATO-GefÜb Bold Guardauch KorpsGefÜbg fand insgesamt viermal in den Jahren 1974, 1978, 1982 und 1986 statt. Im Rahmen des Korps sollten dabei in erster Linie die Operationsarten Verzögerung, Verteidigung und Gegenangriff geübt werden. Hintergrund war die Bedrohung durch den Warschauer Pakt und die mögliche „Jütländische Operationsrichtung“ der 1. polnischen Armee gegen Schleswig-Holstein und das dänische Jütland, unterstützt durch Luftlandungen und Seelandungen an der Ostseeküste.

Bold Guard 1974 Im Jahr 1974 fand Bold Guard in der Zeit vom 10. bis 13. September 1974 (bei einer Vor- und Nachlaufphase; Mobilisierung und Aufmarsch vom 6. bis 9. September und Rückmarsch vom 14. bis 20. September 1974) statt. Zu den teilnehmenden Nationen gehörten Deutschland, Großbritannien, USA und Dänemark. Das bisher größte NATO-Herbstmanöver in Schleswig-Holstein, Bold Guard ’74, stand unter dem Oberkommando des COMLANDJUT Generalleutnant Heinrich Schwiethal.

Beteiligte Truppen Die Truppen untergliederten sich wie folgt: BLAU: 6. Panzergrenadierdivision (BRD) Jyske Division (DK) mit Stab und zwei Brigaden Heimatschutzkommando 13 (BRD) 24. Airmobile Brigade (UK), Lufttransport-Brigade (USMF) 16. Fallschirmjägerbrigade (UK), britische Fallschirmbrigade Territorialkommando Schleswig-Holstein (BRD) Versorgungskommando 600 294. Field Artillery BN (USA)294th Artillery Group (Wh Spt), Flensburg

ORANGE:ORANGE als angelsächsische "Abschwächung" zum Feindbild ROT 3. Panzerdivision mit Stab und zwei Brigaden (BRD) Teile der 6. Panzergrenadierdivision (BRD) ohne feste Zuordnung: BRD, UK und DK Fliegerverbände und amphibische Transportgruppe der US-Marineinfanterie

Im Schiedsrichterdienst fungierten das I. Korps (BRD), Territorialkommando Schleswig-Holstein, das dänische Einsatzkommando und das brit. 3. UKMF.United Kingdom Mobile Force Die Gesamtanzahl der daran beteiligten Soldaten belief sich auf 40.200, davon 26.000 Bundeswehrsoldaten, 7.000 Briten, 7.000 Dänen und 200 US-Amerikaner. Im Einsatz waren 800 Radfahrzeuge, 2.500 Kettenfahrzeuge, 60 Helikopter und 100 Kampfflugzeuge.

Die Übung fand im Großraum Schleswig-Holstein bei Flensburg, Husum, Heide, Itzehoe, Ahrensburg, Hamburg-Bergedorf, am Elbe-Lübeck-Kanal, Bad Schwartau, Süsel, am Wesseker See, Kiel, Schleswig und an der Ostseeküste statt. Die Ortschaften Flintbek, Hademarschen, Kellinghusen, Schmalfeld, Bad Segeberg und Damsdorf befanden sich dabei im „Ballungsraum“ der freilaufenden Truppenübung.NATO-Plan: ORANGE (Feind) will Schleswig-Holstein überrollen, BLAU stoppt die Attacke und treibt ORANGE zurück. Flurschäden gehen in die Millionen. Herbstmanöver: "Orange" beginnt mit der Attacke. Hamburger Abendblatt vom 30. August 1974 Der Angriff von ORANGE gegen deutsche, dänische und britische Verbände erfolgte aus dem Raum Pinneberg, Ahrensburg, Ratzeburg und Lübeck.In Schleswig-Holstein „kämpfen“ 40.000 Soldaten. Für sechs Panzer endete das Manöver im Moor. Hamburger Abendblatt vom 11. September 1974 Im Verlaufe des Tages wurde von ORANGE die Höhe Schmalfeld, Bad Segeberg und Bosau erreicht. Teilweise gegen den Widerstand der Landbevölkerung, die einige Straßen mit Traktoren sperrte. In sieben Stunden ereigneten sich insgesamt 17 Verkehrsunfälle, darunter drei Schwerverletzte. Für 40.000 Soldaten standen nur 28 Ärzte zur Verfügung.

Ereignisse Im Vorfeld wurden neun Hubschrauber und etwa 100 Militärfahrzeuge des britischen Heeres per Englandfähre aus Harwich nach Hamburg-Landungsbrücken angelandet und von dort aus weiter in Richtung Neumünster transportiert.Hubschrauber per Fähre. Hamburger Abendblatt, 7. September 1974 Die Übung Bold Guard 1974 begann am 10. September mit einer Luftlandung bei Rendswühren im Kreis Segeberg. Eine weitere am 12. September 1974 bei Osterrade, welche zu einer Sperrung der Verkehrswege und zu einer Abschaltung der Strombereiche in dieser Zone führte. Durchgeführt wurde die Landung von 800 Soldaten der britischen 16. Fallschirmjägerbrigade, welche in Südengland startete und über Norddeutschland absprang. Dabei wurden sechs Fallschirmjäger verletzt. Die Luftlandung von 800 britische Soldaten der Lufttransportbrigade erfolgte planmäßig um 05:45, nachdem sie zwei Stunden zuvor aus Südengland gestartet waren. Bei schwierigen Windverhältnisse kam es zu insgesamt 27 Fehllandungen (25 davon in Bäumen) und sechs schwerverletzten Fallschirmjägern. Nach einer anfänglichen Panne in der Leitzentrale begannen um 11:03 die Kampfhandlungen unter weitgehend reibungsloser Beteiligung der multinationalen NATO-Bündnispartner. So blieben z. B. bei Wakendorf sechs Panzer für eine gewisse Zeit im Moor stecken. Bundesverteidigungsminister Verteidigungsminister Georg Leber inspizierte das Großmanöver persönlich. Auch der Hamburger Bürgermeister Peter Schulz begleitete die Rahlstedter Panzergrenadierbrigade 17Hoch zu Panzer. Hamburger Abendblatt. 12. September 1974 für einen halben Tag und erlebte die Kämpfe gegen die feinddarstellende Panzergrenadierbrigade 7 aus Hamburg-Fischbek. Schulz war seinerzeit Ehrenhauptmann einer Kompanie der PzGrenBrig 7.

Am 11. September erfolgte eine weitere Luftlandung bei Sehestedt und Bovenau, dieses Mal bei Nacht. 600 Soldaten einer englischen Luftlandeeinheit wurden von 36 C-130K Hercules Transportmaschinen über dem Einsatzraum abgesetzt. Von den neun Soldaten, die im Nord-Ostsee-Kanal landeten, ertranken sechs, da sie den Kanal vermutlich mit einer Landstraße verwechselten. Bei den verunglückten Fallschirmjägern handelte es sich um Angehörige des 15th Scottish Airborne Regimentes.11th September 1974 15th Battalion (V) and 4th Battalion Die ersten Staffeln landeten noch planmäßig im Zielgebiet. Jedoch wurden einige Fallschirmjäger bei den schwierigen Bedingungen der nasskalten Nacht von böigen Bodenwinden abgetrieben und landeten unvorhergesehen im Kanal. Augenzeugen beschrieben die Fehllandung mit den Worten „Gespenstisches Knacken, furchtbare Geräusche, man steht im Dunkeln und erlebt das Fiasko“. „Verflucht noch mal, wer in Kampfausrüstung unausgeklinkt mit einem Fallschirm im Kanal landet, ist verloren. Er ist zu schwer, was soll er tun. Hilflos…“, war eine weitere Reaktion darauf. Gerüchten zufolge hätten ein DDR-Frachter und ein russisches Tankschiff den Funkverkehr auf dem NOK gestört, was sich später jedoch nicht bestätigen ließ. Gemäß Oberstleutnant Brinkmann, Chef des Pressestabes Bold Guard, „war der Schiffsverkehr auf dem Kanal gewarnt, die Lotsen informiert und der Sicherheitsaufwand optimal.“ Der Lotse des deutschen Tankers „Ulkas“, der sich in unmittelbarer Nähe der Unglücksstelle im Nord-Ostseekanal aufhielt gab später zu Protokoll, „Drei Meter neben der Bordwand schrie ein Mensch um Hilfe. Doch ehe wir reagieren konnten, war er im Kanal verschwunden“. Weitere fünf britische Hercules-Transportmaschinen wurden mit roten Signalraketen zur Umkehr veranlasst. Sie landeten mit ihren Fallschirmjägern auf dem Fliegerhorst Hohn. Zunächst galten zwei Fallschirmjäger als tödlich verunglückt und vier als vermisst. Beim späteren Bergungsversuch der Leichen aus dem Kanal und den umliegenden Sümpfen des Osterrader Gehölzes wurden lediglich Lastenfallschirme, abgeworfene Jeeps und schweres Kriegsgerät wie z. B. Munitionspaletten aufgefunden.Augenzeugen schildern den Ablauf der verhängnisvollen Nachtübung. Rote Raketen verhinderten ein noch größeres Chaos. Hamburger Abendblatt vom 13. September 1974 Später erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf acht Personen. Oberstleutnant Siegfried Mattern, Sicherheitsoffizier des Kommandeurs für die Übergänge des NOK, nahm sich in der gleichen Nacht das Leben. Möglicherweise eine Reaktion auf die verhängnisvolle Luftlandeoperation.Achtes Todesopfer im NATO-Manöver? Hamburger Abendblatt, 16. September 1974 Untersuchungen ergaben, dass die Fallschirmjäger mit einer Standardausrüstung, welche Absprunghöhen von mindestens 300 Metern erfordern, für diese Situation falsch ausgestattet waren.Das Drama am Nord-Ostsee-Kanal. Britischer Offizier behauptet: Fallschirmspringer waren falsch ausgerüstet. Hamburger Abendblatt. 11. September 1974 Aufgrund der Raketen- und Radartechnik des Gegners, und aus anderen „luftstrategischen Gründen“ wären jedoch weitaus niedrigere Absprunghöhen erforderlich. Dies waren Erfahrungen aus dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973, in dem die israelische Luftwaffe unerwartet viele Maschinen durch Boden-Luft-Raketen verloren hatte. Um nicht vom feindlichen Radar erfasst zu werden, müsse nun noch deutlich niedriger geflogen werden. Bei der Luftlandung von Sehestedt öffneten sich die Fallschirme erst nach einer Höhe von 75 Metern. In der Unglücksnacht hätten klare Sichtverhältnisse geherrscht, die Fallschirmjäger hätten den Wasserkörper des Kanals wohl ausmachen können, die Zeit hätte jedoch nicht mehr gereicht, um an das sichere Ufer zu steuern.

Generalleutnant Schwiethal äußerte sich zu dem Unglück, „Das Manöver geht weiter. Der tragische Unfall ist keine Alternative zum Ablauf. Der Fallschirmabsprung in der Nacht birgt Risiken, die hier extrem aufgetreten sind“. „Die tragischen Unglücksfälle waren nach menschlichem Ermessen nicht voraussehbar“, so lautete sein weiteres Urteil. An die damaligen Ereignisse erinnert noch das sogenannte Schottendenkmal in Sehestedt. 40 Jahre nach dem Unglück wurden erneut Vorwürfe gegen die deutschen Behörden erhoben, welche das Unglück allein dem Unvermögen der britischen Armee angelastet hätten.Cover-up claims 40 years after fatal Nato exercise. The Scotland Herald. 11. September 2014