Der Aquädukt von Ansignan ist ein römisch-mittelalterlicher Aquädukt in der Nähe der kleinen französischen Gemeinde Ansignan im Département Pyrénées-Orientales der Region Okzitanien. Er läuft durch einen Talgrund und über den Fluss Agly. Er ist seit 1974 als Monument historique klassifiziert.
Der Aquädukt ist touristisch nicht erschlossen und frei zugänglich. Das heutige Bauwerk stammt aus verschiedenen Epochen und ist der einzige Aquädukt Europas seines Alters, der noch in Betrieb ist.
Bauwerk Bögen und Mauerwerk mini|hochkant=2.4|links|Der Aquädukt von Südosten gesehen. Die Überquerung des Flusses ist links, der Fluss ist von der Uferkante verdeckt und nicht zu sehen. Der Aquädukt überspannt mit 29 Bögen und eine Länge von 170 Meter den Fluss Agly und den Talgrund von Südwest nach Nordost. Die Bögen haben sehr unterschiedliche Größen. Das Flussbett des Agly, am südwestlichen Rand des Talgrunds, wird von vier breiteren Bögen überspannt, von denen bei Niedrigwasser nur der nordöstlichste durchströmt wird. Dieser und der benachbarte breite Bogen sind deutlich höher als die beiden südwestlichen, an der höchsten Stelle ist der Bogen 15 Meter über dem Fluss. Südwestlich von diesen breiten Bögen finden sich schmalere, die den Anschluss zum Berghang herstellen. In nordöstlicher Richtung schließt sich an den Flusslauf eine hohe Ufermauer an. Oberhalb von ihr liegt das Bodenniveau deutlich höher, die zahlreichen Bögen des Aquädukts sind entsprechend sehr viel kleiner.
Als Material wurde überwiegend Bruchstein verwendet, der zusammen mit Mörtel eine haltbare aber wenig ästhetische Konstruktion ergab. Exakt bearbeitete Hausteine wurden nur für die größeren Bögen und die eigentliche Wasserleitung verwendet; die kleineren – nicht der Feuchtigkeit ausgesetzten – Bögen bestehen zum Teil aus Ziegelsteinen.
Begehbarer Gang über den Agly Im Bereich des überquerten Flusses hat die Brücke im Inneren, also unter der Wasserleitung, einen 57 Meter langen mit Mauerwerk ausgekleideten tunnelähnlichen Gang, der die Überquerung des Agly zu Fuß und mit kleinen Wagen ermöglichte. Von der Doppelfunktion leitet sich die französische Bezeichnung „Pont-Aqueduc d’Ansignan“ ab: „Brücken-Aquädukt von Ansignan“.Infotafel vor Ort. Foto bei Commons: :Datei:Ansignan aquaeduct info.jpg
Der gepflasterte Boden des Gangs steigt von beiden Seiten zur Mitte hin an, wie es bei mittelalterlichen Brücken üblich war. Der Gang ist etwa zwei Meter breit, die Decke etwa fünf Meter hoch. Seitliche Öffnungen erlauben Lichteinfall.
Wasserleitung und Bewässerung mini|Umgebungskarte des Aquädukts (rot). Aus dem Agly erfolgt im Norden die Ausleitung des Wassers zum Aquädukt hin, welcher das Tal des Agly quert. Nach dem Aquädukt läuft der Bewässerungskanal Richtung Südwest und unterhalb des höher gelegenen Dorfes Ansignan vorbei.
Auf der Oberseite des Aquädukts befindet sich der noch immer genutzte Bewässerungskanal. Das Wasser, das über den Aquädukt fließt, wird flussaufwärts und nördlich aus dem Agly ausgeleitet und am östlichen, linken Ufer, über einen etwa einen Kilometer langen Kanal, der mehr oder weniger parallel zu den Windungen des Flusses verläuft, dem Aquädukt zugeführt. Der Aquädukt läuft recht genau von Nordost nach Südwest, während der windungsreiche Agly an dieser Stelle senkrecht dazu, also von Nordost nach Südwest fließt. Der Wasserlauf auf dem Aquädukt geht vom nordöstlichen zum südwestlichen Ende. Das südwestliche Ende, welches über den Fluss führt, ist also tiefer gelegen als der Teil des Aquädukts, der über den Talgrund führt.
Das Wasser des Aquädukts wird genutzt, um zwei Hektar Land mit Gemüsegärten, Obstgärten und Weinbergen zu bewässern. Schleusenwärter regulieren von Mai bis September jeweils mittwochs und samstags die Schleusen und die Wasserverteilung an 71 Grundbesitzer (Stand 2026). Von Oktober bis April sind die Kanäle stillgelegt. Die ehrenamtlichen Schleusenwärter gehören einer Vereinigung zur Betreuung der Wasserkanäle an, die unter der Aufsicht des Präfekten steht.
Das Kanalsystem hat eine Gesamtlänge von sechs Kilometern. Es schließt kleiner Querungsbauwerke sowie eine kleine Aquäduktbrücke mit nur einem Bogen ein. Eine 110 Meter lange und 50 Zentimeter breite unterirdische Galerie dient als Abfluss bei Hochwasser. Es wird angenommen, dass sie für den Antrieb einer Wassermühle gedacht war. Die Kanäle bestehen aus Beton oder Erde mit niedrigen Steinmauern. In ihnen fließt das Wasser nur durch die Schwerkraft angetrieben.
Geschichte Die heutige Anlage stammt aus drei Bauperioden.
mini|Römische Bogenreste aus Ziegeln (rot umrandet) sind später von anderem Mauerwerk eingeschlossen worden. Die ältesten Teile sind römischen Ursprungs. In der Region Fenouillèdes dauerte die römische Herrschaft von 122 vor bis 408 nach Christus. Der Aquädukt stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Eine einfache Brücke überquerte den Agly. Ob diese schon eine erste Wasserleitung für die Versorgung des Dorfes trug, ist nicht bekannt. Am rechten, südwestlichen Flussufer sind Reste eines Bogens aus Ziegeln dieser ersten Brücke erhalten, die auf 220 bis 270 datiert werden konnten.
Welches Ziel ein römischer Aquädukt mit Wasser hätte versorgen können, ist unklar. Es wird spekuliert, dass er für die Wasserversorgung der Landwirtschaft oder eines Gewerbes für das Gut (villa rustica) eines Römers Ansinius angelegt wurde, nach dem das Dorf Ansignan benannt wurde. Andere mögliche Ziele sind eine Eisenerzmine, eine Bewässerung des Tals oder die Versorgung des antiken Dorfes.
Im 9. Jahrhundert, zur Zeiten der Grafschaft Roussillon, wurde die Aquäduktbrücke im Wesentlichen so errichtet, wie sie heute noch erhalten ist: Mit dem erhaltenen Bewässerungskanal und dem Gang über den Agly. Auch die Verlängerungen beidseits des Flusses wurden in dieser Zeit angelegt, so dass das Bauwerk die gleiche Ausdehnung erreichte wie auch heute. Bei diesem Bau wurden einige römische Konstruktionen übernommen und weiterverwendet: Noch vorhandene Ziegelbögen (siehe Abbildung) konnten auf die römische Zeit datiert werden. Auch wurden im Mittelalter Ziegel für solche Zwecke nicht eingesetzt.
Einer Legende zufolge habe Hugo Capet im Jahr 980 Pläne für den Aquädukt von den Kreuzzügen aus Babylon mitgebracht. Die Pläne würden jenem Bau entsprechen, mit denen Königin Semiramis die Hängende Gärten mit Wasser aus dem Euphrat bewässern lasse.
Zu einem späteren Zeitpunkt, vermutlich im 13. oder 14. Jahrhundert, wurden die vier breiten Bögen am und über den Fluss erneuert oder umgebaut.
Situation im 21. Jahrhundert Trotz fortlaufender Instandhaltung wurden im Oktober 2022 mehrere Schadstellen am Bauwerk entdeckt. Nachgebendes Mauerwerk und Lecks im Kanal führten zu Algen- und Pflanzenwachstum. Verformungen und Risse im Mauerwerk schwächten die Struktur. Besonders bei Hochwasser des Agly könnte dies zu schweren Folgeschäden führen. Unter der Leitung der staatlichen „Direction régionale des Affaires culturelles“ (DRAC) soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 eine erste Restaurierungsphase beginnen. Die Gesamtkosten wurden auf zwei Millionen Euro geschätzt, die aus öffentlichen Mitteln aufgebracht werden sollten. Schon 2023 hatte die öffentliche „Fondation du patrimoine“ (Deutsch etwa: Stiftung für das Kulturerbe) über ihr „Loto du patrimoine“ („Lotto für das Kulturerbe“) 300.000 Euro zur Verfügung gestellt. Der Aquädukt wurde dafür als eine von landesweit 18 symbolträcthigen Stätten ausgewählt. Laut dem Bürgermeister der Gemeinde würde diese Summe die Durchführung der Arbeiten für die ersten sechs Jahre ermöglichen.
Auf lokaler Ebene gibt es verschiedene Bestrebungen, das Bauwerk bekannter zu machen. Im Sommer werden Führungen, auch für Schulklassen, durchgeführt. Die Gemeinde hat 2021 und 2022 angrenzende Grundstücke gekauft, und es soll eine großzügige Landschaftsgestaltung erfolgen, um das Bauwerk besser zur Geltung zu bringen. Der 2017 gegründete lokale Verein Ansigna'Muse soll hierbei eine wichtige Rolle spielen. Auch Shows, Kunstausstellungen und andere Veranstaltungen sind auf dem Gelände vorgesehen.
Im Sommer werden Führungen und Schulbesichtigungen organisiert.
Derzeit wird eine großflächige Landschaftsgestaltung durchgeführt, um die Sichtbarkeit des Gebäudes wiederherzustellen und es aufzuwerten. Die Gemeinde hat daher 2021 und 2022 die angrenzenden Grundstücke erworben, um das Gebäude besser zur Geltung zu bringen. Dies soll in Zusammenarbeit mit dem 2017 gegründeten Verein Ansigna'Muse für die Tourismussaison geschehen, zu der auch Shows, Kunstausstellungen und Veranstaltungen zur Erkundung des Geländes hinzukommen werden. Eine Stromerzeugung ist mit Hilfe einer Turbine, die in einen bestehenden unterirdischen Kanal eingebaut werden soll ist ebenfalls geplant.
Weblinks
L'aqueduc d'Ansignan retenu pour l'édition 2023 du Loto du Patrimoine. Gut zweiminütiger Nachrichtenbeitrag anlässlich der Zusage von €300.000 für die Renovierung des Bauwerks. Auch ohne Französisch-Kenntnisse geben die Filmbilder einen guten Eindruck des Aquädukts. Website der Gemeinde Ansignan (französisch) Aquädukt von Ansignan – Fotos + Infos (englisch)
Einzelnachweise
Ansignan Kategorie:Römische Brücke in Frankreich Kategorie:Monument historique im Département Pyrénées-Orientales Kategorie:Brücke in Okzitanien Kategorie:Erbaut im 3. Jahrhundert Kategorie:Brücke in Europa Kategorie:Monument historique (Aquädukt) Kategorie:Monument historique (Brücke) Kategorie:Monument historique (Römisches Bauwerk) Kategorie:Ansignan Kategorie:Monument historique seit 1974