Jammu and Kashmir ( / ), deutsch früher auch Dschammu und Kaschmir, war ein indischer Bundesstaat und Teil der zwischen der Volksrepublik China, Indien und Pakistan umstrittenen Region Kaschmir. Der von Indien kontrollierte Teil nahm eine Fläche von 101.387 km² ein und hatte über 12,5 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011).

Die Landesregierung hatte ihren Sitz im Sommer in Srinagar und im Winter in Jammu.

Die indische Verfassung räumte Jammu und Kashmir unter den indischen Bundesstaaten eine Sonderstellung mit weitreichender innerer Autonomie ein. Am 5. August 2019 wurde dieser Passus aus der Verfassung gestrichen. Am 31. Oktober 2019 wurde der Bundesstaat aufgelöst und in die zwei Unionsterritorien Jammu und Kashmir einerseits und Ladakh andererseits aufgeteilt.

Geographie Jammu und Kashmir grenzte (im Uhrzeigersinn, beginnend im Süden) an die indischen Bundesstaaten Himachal Pradesh und den Punjab, die gleichnamige pakistanische Provinz Punjab, an das teilautonome pakistanische Asad Kaschmir, an das pakistanische Gilgit-Baltistan sowie an Tibet (u. a. an Aksai Chin). Der Bundesstaat bestand aus drei Regionen. Im westlichen Teil lag die Region Kashmir mit überwiegend muslimischer Bevölkerung und Srinagar als Zentrum. Den östlichen Teil bildete Ladakh, eine Region mit tibetisch-buddhistischer Kultur und dem Zentrum Leh. Die südliche Region war Jammu, die eine überwiegend hinduistische Bevölkerung hat.

Städte über 30.000 Einwohner (Stand: Zensus 2011)

StadtEinwohnerSrinagar1.180.570Jammu502.197Anantnag109.433Sopore61.098Baramulla58.053Kathua51.991Bandipore37.081Udhampur35.507Leh30.870

Bevölkerung

Demografie

mini|Mädchen in Kargil

Nach der indischen Volkszählung 2011 hatte der Bundesstaat Jammu und Kashmir 12.541.302 Einwohner. Damit gehörte er zu den mittelgroßen indischen Bundesstaaten. Gemessen an der Einwohnerzahl stand er an 19. Stelle unter den 29 Bundesstaaten Indiens. Die Bevölkerungsentwicklung war stark ansteigend: Zwischen 2001 und 2011 wuchs die Einwohnerzahl um 24 Prozent und somit deutlich schneller als im Landesmittel (18 Prozent). Wegen des gebirgigen Terrains ist Jammu und Kashmir relativ dünn besiedelt: Mit 124 Einwohnern pro Quadratkilometer beträgt die Bevölkerungsdichte weniger als ein Drittel des indischen Durchschnitts (382 Einwohner pro Quadratkilometer). Die Bevölkerung war dabei sehr ungleich verteilt: Ein Großteil der Einwohner lebte im Kaschmirtal und in der Region Jammu, während Ladakh äußerst dünn besiedelt ist. So kamen im Distrikt Ganderbal im Kaschmirtal 1.148 Einwohner auf einen Quadratkilometer, während es im Distrikt Leh in Ladakh nur drei waren. Der größte Teil der Bevölkerung Jammus und Kaschmirs lebte auf dem Land: Der Urbanisierungsgrad beträgt 27 Prozent und ist damit etwas niedriger als der Landesdurchschnitt von 31 Prozent. Das Geschlechterverhältnis war unausgeglichen: Auf 1000 Männer kommen nur 889 Frauen, während der entsprechende Wert für Gesamtindien 943 beträgt.Census of India 2011: Primary Census Data Highlights – India. Chapter 1 (Population, Size and Decadal Change) (PDF; 9,2 MB)

Nur 67 Prozent der Einwohner Jammu und Kashmirs können lesen und schreiben (Männer: 77 Prozent, Frauen: 56 Prozent). Die Alphabetisierungsrate liegt damit unter dem indischen Durchschnitt von 73 Prozent.Census of India 2011: Primary Census Data Highlights – India. Chapter 3 ( Literates and Literacy Rate) (PDF; 2,5 MB) Im Zeitraum von 2010 bis 2014 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 72,6 Jahre (der indische Durchschnitt betrug 67,9 Jahre) und gehörte zu den höchsten innerhalb Indiens. Die Fertilitätsrate betrug 1,97 Kinder pro Frau (Stand: 2016), während der indische Durchschnitt im selben Jahr bei 2,23 Kindern lag.

Mit einem Wert von 0,675 erreichte Jammu und Kashmir 2015 den 12. Platz unter den 29 Bundesstaaten Indiens im Index der menschlichen Entwicklung. Das Entwicklungsniveau liegt damit leicht über dem indischen Durchschnittswert von 0,624.

Bevölkerungsentwicklung Zensusbevölkerung von Jammu und Kashmir seit der ersten Volkszählung im Jahr 1951. ZensusjahrEinwohnerzahl19513.254.65019613.561.10019714.616.63219815.987.38919917.718.700200110.070.300201112.548.926

Sprachen

Jammu und Kashmir zeichnete sich durch eine recht große sprachliche Vielfalt aus. Die Hauptsprache des Kaschmirtals ist Kaschmiri, welches nach der Volkszählung 2001 auf den ganzen Bundesstaat gerechnet von 54 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird. Kashmiri gehört zur Gruppe der dardischen Sprachen. Die sprachwissenschaftliche Stellung der dardischen Sprachen ist nicht abschließend geklärt, heute werden sie aber meist als randständige Untergruppe der indoarischen Sprachen angesehen. Unter den dardischen Sprachen, die außer in Kashmir auch in der Hindukuschregion Pakistans und Afghanistans gesprochen werden, ist Kashmiri mit Abstand die größte und besitzt als einzige eine Literaturtradition. In der Gegend um Dras ist mit Shina noch eine zweite dardische Sprache verbreitet, deren Sprecherzahl mit 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung Jammu und Kashmirs aber weit niedriger ist.

In der Jammu-Region ist die indoarische Sprache Dogri vorherrschend (Sprecheranteil 22 Prozent). Dogri wurde lange als Dialekt des Panjabi angesehen, ist heute aber als eigenständige Sprache anerkannt. Der indische Zensus verzeichnet 19 Prozent der Einwohner Jammu und Kashmirs als Sprecher des Hindi. Tatsächlich handelt es sich hierbei um eine Gruppe von Dialekten, die unter dem Begriff Pahari zusammengefasst werden. Obwohl die Pahari-Sprachen eher dem Nepali nahestehen, werden sie in offiziellen Statistiken als Dialekte der Nationalsprache Hindi gezählt.

In Ladakh wird mehrheitlich das eng mit dem Tibetischen verwandte Ladakhisch gesprochen. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte Ladakhs fällt seine Sprecherzahl mit 1,0 Prozent der Gesamtbevölkerung des Bundesstaates kaum ins Gewicht. Im Distrikt Kargil ist ferner das ebenfalls mit dem Tibetischen verwandte Balti verbreitet. Seine Sprecher machen 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung Jammu und Kashmirs aus.

Als Amtssprache Jammu und Kashmirs diente Urdu. Diese Sprache hatte in dem Bundesstaat zwar praktisch keine muttersprachlichen Sprecher, war aber unter den südasiatischen Muslimen als Zweitsprache weit verbreitet. Englisch war wie in ganz Indien als Bildungs- und Verkehrssprache präsent.

Religionen

mini|links|In einer Moschee in Srinagar

Abgesehen vom Unionsterritorium Lakshadweep ist Jammu und Kashmir der einzige indische Bundesstaat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit. Nach der Volkszählung 2011 bekennen sich 68 Prozent der Einwohner zum Islam, 28 Prozent zum Hinduismus. Sikhs (zwei Prozent) und Buddhisten (ein Prozent) stellen kleinere Minderheiten.

In der Verteilung der Religionen spiegelt sich die Dreiteilung des Bundesstaates in die Regionen Jammu, Kashmir und Ladakh wider: Während Kashmir fast rein muslimisch ist, stellen in Jammu Hindus die Bevölkerungsmehrheit. Die Einwohner Ladakhs sind etwa zu gleichen Teilen lamaistische Buddhisten und Muslime.

Geschichte

Zur Geschichte des Fürstenstaates Kashmir und Jammu bis 1947 siehe Kaschmir.

Anschluss an Indien und eigene Verfassung mini|Karan Singh, 1952 bis 1965 Sadr-i-Riyasat des Bundesstaats Jammu und Kashmir (Foto von 2009) Großbritannien entließ 1947 Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit, wonach in Folge mehrere Millionen Menschen flüchteten oder zwischen den beiden Staaten umgesiedelt wurden. Dabei starben über eine Million Menschen bei Pogromen oder auf der Flucht. Die zahlreichen indischen Fürstenstaaten, die zuvor in einem persönlichen Treueverhältnis zur britischen Krone gestanden hatten, erhielten die Möglichkeit, sich entweder an Indien oder an Pakistan anzuschließen. Der hinduistische Maharadscha von Jammu und Kashmir, Hari Singh, zögerte zunächst mit einer Entscheidung. Pakistanische Freischärler sickerten daraufhin in Kashmir ein, um den Anschluss des mehrheitlich muslimischen Landes an Pakistan zu erzwingen. Der Maharadscha erklärte daraufhin am 26. Oktober 1947 den Anschluss seines Landes an Indien, der am Folgetag durch den Generalgouverneur von Indien Louis Mountbatten anerkannt wurde. Der Maharadscha rief indische Truppen zu Hilfe, worauf es zum Ersten Indisch-Pakistanischen Krieg kam. Bei den Verhandlungen um einen Waffenstillstand wurde 1949 eine Waffenstillstandslinie („Line of Control“) festgelegt und Kaschmir somit geteilt. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sprach sich in der UN-Resolution 47 vom 21. April 1948 für die Abhaltung eines Referendums über die Zugehörigkeit Jammu und Kashmirs aus.

Um die Integration Jammus und Kashmirs in die Indische Union zu erleichtern und deren Akzeptanz seitens der Kaschmiris zu erhöhen, wurde in die 1950 in Kraft getretene Verfassung Indiens ein Artikel aufgenommen, der Jammu und Kashmir eine Sonderstellung einräumte. Dieser Artikel 370 war ausdrücklich als „vorübergehende Regelung“ (temporary provision) und nicht für die Dauer gedacht. Er räumte Jammu und Kashmir erhebliche Sonderrechte ein. Die Unionsregierung reservierte sich alle Rechte auf den Gebieten der Verteidigungspolitik, der Außenpolitik und der Kommunikation. Für alle anderen Angelegenheiten sollte das gewählte Parlament Jammu und Kashmirs zuständig sein. Vom indischen Parlament beschlossene Gesetze, die nicht die drei genannten Felder betrafen, sollten nur Gültigkeit in Jammu und Kashmir haben, wenn das dortige Parlament diese explizit billigte. Dies beinhaltete unter anderem, dass indische Staatsbürger aus anderen Bundesstaaten in Jammu und Kashmir keinen Land- oder sonstigen Besitz erwerben durften. Die weitere Gültigkeit von Artikel 370 wurde in den folgenden Jahrzehnten wiederholt bestritten, und hindunationalistische Gruppierungen agitierten von Anbeginn an gegen den Artikel, da sie dadurch die Einheit Indiens gefährdet sahen. Am 11. Oktober 2015 urteilte der Jammu and Kashmir High Court, das oberste Gericht Jammu und Kashmirs, dass der Artikel 370 dauerhafter Bestandteil der indischen Verfassung sei.

Auf Druck Premierminister Jawaharlal Nehrus und dessen Innenminister Sardar Patels verzichtete Hari Singh 1949 zugunsten seines Sohnes Karan Singh auf die Ausübung der Regierungsgeschäfte. Im Jahr 1952 beschloss die ein Jahr zuvor gewählte verfassunggebende Versammlung von Jammu und Kashmir die Abschaffung der Monarchie und verabschiedete gleichzeitig eine eigene Verfassung für Jammu und Kashmir. Zum ersten Staatsoberhaupt wurde Karan Singh gewählt. Im Gegensatz zu allen anderen indischen Bundesstaaten besaß Jammu und Kashmir damit eine eigene Verfassung, eine eigene Flagge und eigenes gewähltes Staatsoberhaupt, den Sadr-i-Riyasat. Der Regierungschef Jammu und Kashmirs nannte sich auch nicht „Chief Minister“, wie in den anderen indischen Bundesstaaten, sondern „Premierminister“ (prime minister). Die Abgeordneten Jammu und Kashmirs für das indische Bundesparlament wurden nicht direkt gewählt, sondern durch den indischen Präsidenten auf Vorschlag des Parlaments des Bundesstaats ernannt. Dies waren alles Zugeständnisse Nehrus, der dadurch hoffte, die Kaschmiris besser in die Indische Union integrieren zu können.

Entwicklung bis zum Jahr 1965