mini|hochkant|Albert Richter (1932) mini|hochkant|Richter (r.) mit Lucien Michard beim Grand Prix de Paris 1932mini|hochkant|Porträt-Medaillon auf dem Grabstein zeigt Albert Richter im Weltmeistertrikot von 1932 mini|hochkant|Gedenktafel für Albert Richteran der Rheinlandhalle in Köln-EhrenfeldEntwurf: U. Schnackenberg mini|hochkant|Das Gefängnis von Lörrach, in dem Richter unter nie geklärten Umständen ums Leben kam (1995) mini|hochkant|Grabstein von Albert Richter nach der Restaurierung im Jahr 2025 Albert Richter (* 14. Oktober 1912 in Köln-Ehrenfeld; † 2. Januar 1940 in Lörrach) war ein deutscher Radrennfahrer, der 1932 Weltmeister im Sprint (Bahnradsport) bei den Amateuren wurde. Er wurde als Profi zwischen 1933 und 1939 siebenfacher Deutscher Meister und zweimal Vizeweltmeister.

Richter starb im Gefängnis in Lörrach, nachdem er am 31. Dezember 1939 an der Schweizer Grenze wegen Devisenschmuggels festgenommen worden war. Die zuletzt offiziell angegebene, jedoch wenig glaubhafte Todesursache war „Selbstmord durch Erhängen“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte ihn einen Er kann neben Werner Seelenbinder als einer von zwei deutschen Sportlern gelten, die in der NS-Zeit aus politischen Gründen getötet wurden.

Biografie Albert Richter wurde 1912 als Sohn von Johann Richter (1887–1977) und Friederike Marie „Frieda“ Richter geb. Dexheimer (1890–1974) in Köln geboren. Seine älteren Brüder Johann Josef Philipp (1907–1944) und Karl (1909–1944) fielen beide im Zweiten Weltkrieg.

Albert Richter wuchs in der Sömmeringstraße 72 im Kölner Stadtteil Ehrenfeld auf. Der Vater wollte dem Sohn einerseits eine handfeste Berufsausbildung zukommen lassen, ließ ihm andererseits aber Geigenunterricht erteilen, wie auch seine beiden Brüder früh ein Instrument spielen lernten. Albert lernte den Beruf seines Vaters, Gipsmodelleur, in der Kölner Kunstfiguren-Fabrik in Ehrenfeld, in der Kunstobjekte hergestellt wurden.Franz: Der vergessene Weltmeister: das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter. S. 45. Der Besitzer Max Löhnberg war Jude, und 1938 wurde das Unternehmen arisiert. Löhnberg konnte fliehen, sein Schicksal ist unbekannt.

Köln war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine der Hochburgen des deutschen Radsports. Vor allem der Bahnradsport war bei Sportlern und Publikum beliebt. Gegen den ausdrücklichen Willen seines Vaters trainierte Albert Richter heimlich und fuhr mit 16 Jahren seine ersten Rennen auf der Straße und der Bahn. Durch einen Schlüsselbeinbruch flog dies auf und hatte heftige Auseinandersetzungen mit dem Vater zur Folge. Der Sohn setzte sich durch und galt bereits mit 19 Jahren als der beste rheinische Amateur-Sprinter, sodass sich auch die Presse für ihn zu interessieren begann.

1932 gewann Richter den Klassiker Grand Prix de Paris bei den Amateuren; als Profi gelang ihm das später noch zweimal. Da der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) die Teilnahme an den Olympischen Spielen in den USA nicht finanzieren konnte, bereiteten sich die Fahrer auf die Weltmeisterschaften vor, die im September in Rom stattfanden. Da der mittlerweile arbeitslose Richter wegen der Rennen allzu oft unterwegs war, hätte er sein Stempelgeld beinahe nicht bekommen; die Teilnahme an einigen Rennen musste er deshalb ausschlagen.

Ein weiterer schwerer Sturz bei den Deutschen Meisterschaften im Juli verhinderte nicht die Sensation: Am 3. September 1932 wurde Richter in Rom Weltmeister der Amateure im Sprint, als zweiter Kölner nach Mathias Engel, der 1927 – allerdings vor heimischem Publikum – diesen Titel errungen hatte.

Im selben Jahr wurde Richter mit dem „Goldenen Band“ des „Verbandes der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg“ ausgezeichnet.

Wechsel vom Amateur zum Profi Von den Erfolgen ermutigt und um seine Familie unterstützen zu können, wechselte Richter zu den Profis. Weitere glänzende Siege bewogen seinen jüdischen Trainer und Manager Ernst Berliner, ihn nach Paris zu schicken, in das Zentrum des Bahnradsports, um gegen die Besten anzutreten. Der junge Mann hatte zwar anfangs Heimweh, hielt sich jedoch später gerne in dieser Metropole auf, nachdem er die französische Sprache gelernt hatte. In der dortigen Presse wurde Richter, der auch 1935 und 1938 das französische Sprint-Turnier Grand Prix de l’UVF gewann, der „Deutsche Achtzylinder“ genannt. Viele Male startete Richter im Vélodrome d’Hiver (dort wurden 1942 rund 13.000 Juden vor ihrem Transport in Konzentrationslager von den Deutschen unter unsäglichen Bedingungen interniert).Der Spiegel, 29. September 1997, S. 174. Den Grand Prix de la République gewann er 1934 und 1937, den Großen Preis von Berlin 1939.

Richter lebte aus mehreren Gründen überwiegend im Ausland: In Deutschland gab es für Flieger (damalige Bezeichnung für Sprinter) nur noch sehr wenige Veranstaltungen, da das Interesse des dortigen Publikums vor allem den Steher- und Sechstagerennen galt und selbst diese ab 1934 nicht mehr durchgeführt wurden. Auch fehlte es Richter an ebenbürtiger Konkurrenz. Er schloss sich einer internationalen „Sprinter-Wandertruppe“ an, in der viele Fahrer untereinander befreundet waren und oft ihre Freizeit gemeinsam verbrachten. Auf der Bahn zählte sportlicher Ehrgeiz, ansonsten aber galt die Truppe als „lustiger und leichtlebiger Haufen“.

Zusammen mit dem Belgier Jef Scherens und dem Franzosen Louis Gérardin, mit denen Richter eine enge Freundschaft verband, waren sie als die „drei Musketiere“ bekannt. Bei der Weltmeisterschaft 1934 in Leipzig holte sich Scherens vor Richter und Gérardin den Titel – eine schmerzhafte Niederlage für den Kölner. Augenzeugen berichten, dass Richter bei der Siegerehrung zur Deutschen Meisterschaft im gleichen Jahr in Hannover den „Deutschen Gruß“ unterließ.

Sein Schweizer Sprinterkollege Sepp Dinkelkamp schrieb nach dem Krieg den Eltern Richters: „Gerne bestätige ich Ihnen, dass Albert ein Antinazi war. Schon lange Zeit vor dem Kriege sah er das Treiben und die Machenschaften dieser Verbrecherbande, so nannte Albert die Nazis … Hätte er mit den Nazis mitgemacht, wäre es für ihn von großem Vorteil gewesen. Albert wählte den anderen Weg.“Franz: Der vergessene Weltmeister: das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter. S. 102.

Unter Beobachtung Obwohl Ernst Berliner in die Niederlande emigrieren musste, um den Nationalsozialisten zu entgehen, blieb er weiterhin Richters Manager, der zum Verdruss der politischen Führung auf internationalen Veranstaltungen im Trikot mit dem Reichsadler auf der Brust antrat statt mit dem Hakenkreuz. Mehrfache Versuche der Gestapo, Richter als Spitzel anzuwerben, blieben erfolglos. Der Sportler wurde aber auch wegen Gagenschmuggels beobachtet: Der Großteil damaliger Profigagen hätte, bis auf ein geringes Entgelt für den Eigenbedarf, abgegeben werden müssen.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ging Richter zwar nach Deutschland zurück, trug sich aber mit dem Gedanken auszuwandern: Auch die Schweiz wurde als neue Heimat in Erwägung gezogen. Am 9. Dezember 1939 gewann er sein letztes Rennen, den „Großen Preis von Berlin“.

Tod Am 31. Dezember 1939 verließ Richter seine Heimatstadt Köln mit dem Zug in Richtung Schweiz. Neben seinen Koffern hatte er sein Rad dabei, in dessen Reifen 12.700 Reichsmark versteckt waren, die dem im Ausland lebenden Kölner Juden Alfred Schweizer gehörten. Richter hatte ihm schon geraume Zeit zuvor versprochen, dieses Geld zu schmuggeln, obwohl sein Manager ihn davor gewarnt hatte.

In Weil am Rhein wurden die Reisenden kontrolliert. Zwei holländische Fahrerkollegen, Cor Wals und Kees Pellenaars, die zufällig Augenzeugen wurden, berichteten später, wie die Kontrolleure Richters Gepäck gezielt durchsuchten und schnell in Richters Reifen fündig wurden. Es wird vermutet, dass deutsche Kollegen wie Werner Miethe oder Peter Steffes dieses Versteck an die Gestapo verraten hatten. Noch am selben Abend wurde Richter in das Gerichtsgefängnis von Lörrach verbracht. Als sein Bruder ihn später dort besuchen wollte, lag Richters Leiche im Totenkeller des Krankenhauses, blutverschmiert und mit Löchern in der Kleidung.

In der ersten offiziellen Presseversion über Richters Tod war von einem Skiunfall die Rede, was im Ausland zunächst geglaubt und weiter verbreitet wurde. So berichtete etwa der Pester Lloyd am 6. Januar 1940: „Albert Richter, der mehrfache deutsche Amateur-Flyermeister im Radfahren, ist im 27. Lebensjahre bei einem Skilauf verunglückt und im Spital den Verletzungen erlegen.“ Nur einen Tag später meldeten die NSDAP-Zeitungen Volksstimme sowie Völkischer Beobachter mehrdeutig, dass Richter „plötzlich aus dem Leben geschieden“ sei.

Später berichteten die beiden holländischen Augenzeugen von Richters Verhaftung wegen Devisenschmuggels. Danach wurde „auf der Flucht erschossen“ als Todesursache angegeben. Anschließend erschien eine weitere Meldung in der Zeitung des Deutschen Radfahrer-Verbandes (DRV), in der von Selbstmord die Rede war. Sie schloss mit den Worten: „Sein Name ist für alle Zeiten in unseren Reihen gelöscht.“Der Deutsche Radfahrer, 10. Januar 1940. Der Radsportjournalist Fredy Budzinski berichtete nach 1945, dass er im Januar 1940 auf Befehl des Reichsradsportführers Viktor Brack diese ihm vorgegebene Pressemeldung über Richters Tod veröffentlichen musste.Franz: Der vergessene Weltmeister: das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter. S. 129.

Albert Richter wurde in Köln auf dem Alten Ehrenfelder Friedhof, der heute zum Melaten-Friedhof gehört, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Im Sommer 2025 wurden das Grab und die Grabsteine (auch die seiner Eltern) mit Hilfe von privaten Spenden instandgesetzt.

Größte Erfolge 1932: Sieger des „Grand Prix de Paris“, Flieger, Amateure 1932: Weltmeister als Amateur-Flieger (Sprinter) 1933–1939: Deutscher Meister der Flieger, Profis 1934 und 1935: Vizeweltmeister, insgesamt fünf Mal Dritter 1934: Grand Prix de l’UCI 1936: Sieger Großer Preis der Nationen 1934 und 1938: Sieger des „Grand Prix de Paris“, Flieger, Profis 9. Dezember 1939: „Großer Preis von Berlin“.

Anerkennung postum

mini|hochkant|Stolperstein für Albert Richter nahe seinem Wohnhaus in Köln. Entwurf: Gunter Demnigmini|hochkant|Albert-Richter-Straße in Lörrach mini|hochkant|Gedenkstein für Albert Richter in Schwalbach am Taunus (2021)

Ernst Berliner, der viele Verwandte in Konzentrationslagern verloren hatte, versuchte nach dem Krieg herauszufinden, was Anfang Januar 1940 geschehen war. Vor allem interessierte ihn, wie das Geld in den Reifen gefunden werden konnte und ob jemand Richter verraten habe. Berliners 1966 erstattete Strafanzeige wegen Mordverdachts hatte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Folge, die aber, trotz widersprüchlicher Aussagen und vieler Ungereimtheiten, bereits 1967 wieder eingestellt wurden.

Im Juli 1947 fand auf der Rennbahn in Köln-Riehl ein Rennen in Gedenken an Albert Richter statt. Danach hatte die Drohung des DRV, Richters Nennung nach dessen angeblichem Selbstmord für immer aus den eigenen Annalen gelöscht zu halten, lange Zeit Bestand. Richter wurde lange Zeit weder als NS-Opfer anerkannt noch in irgendeiner Form rehabilitiert.

In den 1950er Jahren besuchte Richters belgischer Konkurrent und Freund Jef Scherens Richters Eltern in Köln und ließ am Grabstein von Richter – wie in Belgien Brauch – ein Porträtmedaillon anbringen.Franz: Der vergessene Weltmeister: das rätselhafte Schicksal des Kölner Radrennfahrers Albert Richter. S. 171.