Die Reichsabtei Burtscheid (lat. Monasterium Purcetum; Patrozinium: St. Apollinaris, Nikolaus, Johannes Baptist und Salvator) war eine reichsunmittelbare Abtei und damit auch ein eigenständiges Territorium des Heiligen Römischen Reiches in Burtscheid (heute zu Aachen). Sie wurde im Jahr 997 als Benediktiner-Abtei gegründet; ab 1220 wurde sie von Zisterzienserinnen geführt. Im Jahr 1802 wurde sie im Zuge der Säkularisation aufgelöst.
Geschichte Gründung als Benediktinerkloster, Ausstattung und Entwicklung Die Abtei wurde nach 996 und vor 1000 (wohl im Jahr 997) auf Veranlassung von Kaiser Otto III. durch den Basilianer-Abt Gregor aus Cerchiara di Calabria als benediktinisches Reichskloster gegründet.Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Dritter Band: Nordrhein-Westfalen. 1970, S. 123 f. Darüber hinaus beschenkte Otto III. die Abtei am 6. Februar 1000 mit dem Königshof Cagenberg in Bad Camberg. Die Urkunde des Kaisers spricht von einem „Kloster der heiligen Märtyrer Apolinaris und Nikolaus sowie des Bekenners Gregor ...“Schenkungsurkunde 1000 Kaiser Heinrich II. übertrug 1018 in einer Urkunde der Abtei Novalland und einen Zehntbezirk, der genau den Grenzen der späteren Stadt Burtscheid entsprach. Der Kaiser stattete das Kloster also mit Aachener Reichsgut aus, womit die Entwicklung des Abteigebietes zum eigenen Reichsterritorium und zur Reichsabtei eingeleitet wurde. Diese Pergamenturkunde mit Monogramm und Siegel sowie lateinischem Text ist das älteste erhalten gebliebene Objekt im Stadtarchiv Aachen.Urkunde Heinrichs II., Archivalie des Monats Januar 2018 des Stadtarchivs Aachen Insgesamt erlangte Kloster Burtscheid durch die Förderung der Kaiser, besonders von Heinrich II., großen Besitz.
Die West- und Nordgrenze des neuen Zehntbezirks verlief entlang der äußeren Stadtmauer Aachens, die Ostgrenze entlang des Beverbachs angrenzend an das Amt Schönforst und die Südspitze stieß an das Herzogtum Limburg. Die „villa Porceto“ wurde damit aus dem Gebiet der früheren „villa Aquisgrana“, dem nachfolgenden karolingischen Pfalzbezirk ausgegliedert. Zugleich bestätigte Heinrich II. dem Abt Benedikt im Tausch gegen den Königshof Cagenberg den Erwerb der Pfarrgemeinde St. Martinus mit der Evermarus-Kapelle in Rutten bei Tongern, die zuvor der Abtei Seligenstadt unterstand, sowie Güter im benachbarten Lauw und Herstappe. Eine Urkunde Kaiser Heinrichs III. vom 6. Juni 1040 gliederte auch die „Königsleute“ aus dem Zehntbezirk der Pfalzkirche St. Maria, der Haupt- und Mutterkirche Aachens, aus und machte sie zu Klosterleuten, die nunmehr dem Kloster Burtscheid gegenüber abgabe- und dienstpflichtig wurden. Seit dem Jahr 1138 bis zur Auflösung durch die französische Herrschaft im Jahr 1802 war das Kloster – durch Konrad III. – als reichsunmittelbar verbrieft. Trotz der 1138 erlangten Reichsunmittelbarkeit befand sich die benediktinische Klostergemeinschaft zu jenem Zeitpunkt bereits im Niedergang.
Umwandlung zur Zisterzienserinnenabtei, Entwicklung zum adligen Stift, Gebietserwerb und Vogtei Im Jahr 1220 wurde daher die Benediktinerabtei aufgelöst und auf Veranlassung des Kölner Erzbischofs Engelbert I. von den Zisterzienserinnen, die zuvor im Salvatorkloster auf dem Salvatorberg in Aachen gelebt hatten, in ein von ihnen betriebenes Stift umgewandelt. Unter der Leitung der Zisterzienserinnen wandelte sich das Kloster mit der Zeit zum adligen Damenstift, in welchem in erster Linie die Töchter des rheinischen und limburgischen Adels untergebracht wurden. Zu diesem Zeitpunkt zählten Besitztümer in Aachen, Vijlen und Epen, beide bei Vaals, Rutten, Steinstraß, Schleiden bei Aldenhoven, Körrenzig, Aldenhoven, Sinzig und Boppard zum Bestand der Abtei, die teilweise auch durch familiäre Erbschaften aus den Familien der Äbtissinnen hinzugekommen waren. Darüber hinaus erfolgte im Jahr 1252 die Inkorporation der zwischen 1215 und 1230 erbauten Pfarrkirche St. Michael durch den Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden in die Abtei Burtscheid als Ausgleich für erlittene Kriegsschäden. Später erwarb die Abtei dann noch Ländereien und Gutshöfe unter anderem in Orsbach und Vetschau hinzu.
Die ordensinterne zisterziensische Klosteraufsicht oblag zunächst der Abtei Heisterbach, ab dem 14. Jahrhundert der Abtei Himmerod und ab dem 16. Jahrhundert den Äbten der Benediktinerabtei Clerf. In ihrem Auftrag wurden die Visitationen in Burtscheid von den Äbten aus dem nahen Kloster Val-Dieu (Gottestal/Belgien) durchgeführt.
Die der Reichsabtei Burtscheid vorstehenden Äbte und später die Äbtissinnen aus dem Zisterzienserorden waren Grundherren und Grundfrauen des Gebietes, dessen Grenzen im Wesentlichen bereits in der Urkunde Kaiser Heinrichs II. von 1018 beschrieben wurden, sowie der erworbenen bzw. übertragenen Pfarrgemeinden und Ländereien. Das Reichsstift war ein kaiserliches, freies, den Römischen Kaisern und dem Deutschen Reiche unmittelbar unterworfenes Stift, dessen jeweilige Äbtissin durch ihren Bevollmächtigten den Reichstagen beiwohnte. Klostervögte waren seit Anfang des 14. Jahrhunderts und beginnend mit Edmund von Frankenberg die Herren von Merode, genannt Merode zu Frankenberg und ab 1581 Merode-Houffalize, während die Rechte des Obervogts dem Herzog von Limburg und ab 1288 dem Herzog von Brabant oblagen. 1649 konnten die Vogteirechte durch die Abtei selbst erworben werden, nachdem der letzte Erbvogt Johann Dietrich 1645 verstorben und sein designierter Sohn Franz Ignaz noch nicht mündig war.Die Merode-Frankenberg in Burtscheid. In: Christian Quix: Die Frankenburg insgemein Frankenberg genannt und die Vogtei über Burtscheid. Aachen 1829. Daraufhin bezeichneten sich die Äbtissinnen fortan selbst als Erbvögte.Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der Deutschen Länder: die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2007, S. 108.
Zuvor wurde bereits 1351 durch die Äbtissin Mechtildis von Bongard ein Vertrag mit der Freien Reichsstadt Aachen unterschrieben, in dem diese die Gerichtsrechte über die Herrlichkeit Burtscheid erhielt und im Gegenzug zur Zusage der fortwährenden Aufrechterhaltung der abteilichen Freiheiten bereit war. Seitdem wird das Amt des Meiers von Aachen besetzt. Der Meier bildete zusammen mit dem Vogt, sieben Schöffen und dem Gerichtsschreiber, der zugleich auch ein Schöffe sein konnte, das Burtscheider Schöffengericht. Bei dieser Konstellation kam es immer wieder zu Reibereien zwischen der Abteileitung, den Vögten, dem Meier aus Aachen und dem Schöffengericht, wobei die Äbtissinnen meist nur mit Hilfe päpstlicher oder königlicher Atteste ihre traditionellen und verbrieften Rechte behaupten konnten. Wohlstand erlangte die Abtei im Spätmittelalter besonders durch Thermalbäder und Tuchmacherei.
Von der frühen Neuzeit bis zur Säkularisation Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde im Rahmen einer Visitation ein hoher Schuldenstand der Abtei beanstandet, der bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts durch eine rigide Sparpolitik wieder ausgeglichen werden konnte. Die 1598 und 1614 aus Aachen ausgewiesenen Protestanten fanden in jenen Jahren beim Kloster Burtscheid Duldung und Asyl. Nach Sanierung der Finanzen begann unter der Äbtissin Anna Raitz von Frentz eine rege Bautätigkeit, die zunächst den Wiederaufbau der Nikolauskapelle (1628) und den Neubau des Garten- und Weinhauses (1628) umfasste und dem unter ihren Nachfolgerinnen der Bau des Abteitores (1644), der Ausbau des Kreuzganges (1660) und des östlichen Flügels (1667) sowie schließlich der Neubau der Abteikirche (1636–1654) folgte.
Anfang des 18. Jahrhunderts wurde bei einer neuerlichen Visitation vermerkt, dass schwere Mängel festgestellt worden waren. So waren beispielsweise Zucht und Ordnung mangelhaft, Unbotmäßigkeiten an der Tagesordnung, der Zustand der Kirche verwahrlost, materielle Güter schlecht verwaltet, Verschwendung war an der Tagesordnung und der Zustand in den der Abtei unterstellten Bädern unwürdig. Trotz einer Reihe von Erlassen der Klosteraufsicht änderte sich in den nächsten Jahrzehnten nichts Gravierendes an diesem Zustand, denn bei einer erneuten Visitation im Jahr 1781 wurde vermerkt, dass die vor 1713 festgestellten Mängel sich in der Zwischenzeit nicht erledigt, sondern im Gegenteil manifestiert haben. Daraufhin kam es erstmals in der Geschichte der Abtei zur Absetzung einer Äbtissin. Wenige Jahre später drohte durch den Einmarsch der Franzosen Gefahr von außen und die Aberkennung der Abteirechte (1797). Das Zisterzienserinnenstift Burtscheid behauptete bis zum Ende des Alten Reiches seine Reichsstandschaft. Es lag im Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis, gehörte diesem aber formell nicht als Mitglied an.
Im Verlauf der Säkularisation wurde die Abtei im August 1802 aufgelöst und alle Abteigüter verstaatlicht. Die verbliebenen Stiftsdamen erhielten eine Rente und kehrten zum Teil zu ihren Familien zurück. Nur zwei der Stiftsdamen blieben in Burtscheid und wohnten bis zu ihrem Tod im Jahre 1829 bzw. 1830 im Abteitor. Sie stellten aus Pflanzen Salben für Verwundete und Kranke her und unterstützten die Armen Burtscheids.
Abteigebäude mini|Die Promenade in Burtscheid, Gouache von Johann Ferdinand Jansen, 1796 Nach der Gründung der Abtei im Jahr 997 baute Abt Gregor neben der Nikolaus-Kapelle an der Stelle des heutigen Pfarrhauses das erste Klostergebäude. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die alten Gebäude erneuert.
Zwischen den Jahren 1610 und 1620 wurden der südliche und der westliche und um das Jahr 1667 der östliche Flügel im Stil der Maas-Renaissance neugebaut. Im Kreuzgang nennt ein Keilstein über dem elterlichen Wappen der Äbtissin Henrika Raitz von Frentz das Baujahr 1654. Zur Linken der Klosterpforte lag unter einem abgewalmten Dach das weit vortretende Refektorium. Nach Süden schloss sich der im Jahr 1617 errichtete Westflügel an, das Quartier der Äbtissin. Im Winkel zum anstoßenden Südflügel führte eine rundbogige Pforte in das Sockelgeschoss des Westtraktes, in dem sich ein etwa 7,20 × 8 Meter großer Kellerraum befand, der um 1912 als Waschküche diente und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges als Behelfsschutzraum bei Luftangriffen hergerichtet wurde. Das Sockelgeschoss des Südflügels barg ferner die Klosterbackstube. Nach 1794 war in dem Abteigebäude für einige Zeit ein französisches Militärspital untergebracht.
Bei der Aufhebung der Abtei infolge der Säkularisation wurde das Abteigebäude verkauft. Die Räume wurden zunächst an eine große Zahl von Arbeiterfamilien vermietet. Der westliche und südliche Teil des Abteigebäudes wurde später von der Gemeinde Burtscheid angekauft und der östliche Teil von der katholischen Stiftung Marienhospital Aachen, einer Bürgerinitiative von Laien und Priestern, in deren Auftrag die Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus unter ihrer Leiterin Franziska Schervier ab 1853 die ambulante Armen- und Krankenpflege anlässlich der sich ausbreitenden Cholera-Epidemie in Burtscheid, im Volksmund auch Burtscheider Krankheit genannt, im neu eingerichteten Krankenhaus übernahmen. Schließlich erwarb die Pfarre St. Johann den nördlichen Teil des ehemaligen Abteitraktes mit der Taufkapelle und einer darüberliegenden Halle. Im Oktober 1860 wurde die Frontmauer des Refektoriums niedergelegt und durch eine 4 Meter zurückgenommene nüchtern gegliederte Backsteinwand ersetzt. Ab dem 1. April 1874 wurde der südliche Flügel von der Gemeinde als Schule umgebaut.